„Architektur hat mit Psychologie zu tun“

10. Jul 2014, in Fassadendesign, Interviews, Oberflächen, Stein

Das sagt der Architekt Titus Bernhard über seine Profession. Warum er bei der Konzeption gerne mit alten Traditionen bricht, sich Inspiration von anderen Disziplinen holt und am liebsten vom Image des Luxus-Architekten weg möchte, erzählt er im zweiten Teil unseres Interviews.

 

2011 wurde das Haus 11×11 fertiggestellt. Das Prinzip der Homogenität, mit der Sie offensichtlich einen skulpturalen Charakter erzielen wollen, durchzieht ja eigentlich Ihr gesamtes Werk und erreicht vielleicht bei diesem Projekt mit seiner markanten Holzlamellenhülle einen vorläufigen Höhepunkt. Welche Kunstgriffe mussten hier zum Einsatz kommen, um diesen materiell einheitlichen Eindruck zu erwecken?

 

Titus Bernhard: Haus 11 x 11, wir bezeichnen es immer als legitimen Nachfolger von 9×9, hatte zum Ziel, die Innovation des Steinhauses 9×9 mit Holz zu variieren. Auch hier sind alle fünf Fassaden inklusive Dach in der gleichen Materialität ausgebildet. Die Besonderheit liegt darin, dass es für die Holzlamellen keine Unterkonstruktion in Form einer Konterlattung gibt. Die vertikalen Lamellen sind über extra gegossene, kleine (auf die OSB-Platte durch die Flüssigabdichtung hindurchgeschraubte) Alublöcke montiert. Somit können Wasser, Schnee, Eis und Laub ungehindert abfließen bzw. abfallen. Das ist in Kombination mit der dreilagigen Flüssigabdichtung definitiv neu. Ansonsten fällt die extrem präzise Ausmittlung und Passung der Lamellen, auch im Zusammenspiel mit den Fenstern und Fensterlaibungen und anderen Einbauteilen, auf. Das Haus wirkt modellhaft und sehr ikonografisch und wird damit dem Anspruch nach einem Werbeträger für den Beruf des Bauherrn, er ist Mitgesellschafter einer Branding-Agentur, entgegen.

Projektname: Haus 11x11 Ort: Oberbayern Jahr: 2011 credit: Jens Weber Fotograf

Projektname: Haus 11×11
Ort: Oberbayern
Jahr: 2011
credit: Jens Weber Fotograf

Projektname: Haus 11x11 Ort: Oberbayern Jahr: 2011 credit: Jens Weber Fotograf

Projektname: Haus 11×11
Ort: Oberbayern
Jahr: 2011
credit: Jens Weber Fotograf

 

 

 

Wenn man das Haus 11×11 das erste Mal sieht, möchte man gerne sagen “Ah, ein Holzhaus” – aber es ist  ”lediglich” die Fassade, die diesen ersten Eindruck vermittelt. Hat es Sie nie gereizt, einen wirklich reinen Holzbau, Steinbau, Betonbau zu realisieren? Oder gibt es dafür einfach keine Nachfrage?

 

Titus Bernhard: Man muß oft Kompromisse eingehen, um ein gewisses Ziel zu erreichen. Klar reizt ein reiner Holzbau, aber bei 11×11 ging es nicht darum.  Es ist insofern ein 50 Prozent Holzbau, als  die gesamte Dachkonstruktion wie auch die Verkleidung mit OSB-Platten ausgeführt ist. In ersten Überlegungen wollten wir eigentlich ein reines Blähbetonhaus bauen, also mit selbstdämmendem Beton, um uns das fürchterliche WDVS (Wärmedämm Verbundsystem) zu ersparen. Der Vorteil bei Blähbeton wäre gewesen, dass wir die gleiche Homogenität durch ein einziges Material erreicht hätten, so wie jetzt mit der Holzschalung, dabei aber gleichzeitig jegliche Freiheit gehabt hätten, zum Beispiel bei der Positionierung der Fenster, da diese dann nicht mehr exakt in der Dämmebene hätten liegen müssen. Der gesamte dicke monolithische Wandaufbau wäre “Dämmebene” gewesen. Auf diese Weise wäre eine große gestalterische Freiheit bezüglich der Laibungen zum Ausdruck gekommen, und zwar von ganz innen bis ganz außen. Gescheitert ist es an den Kosten pro Kubikmeter, da man Blähbeton als Transportbeton nur über eine gewisse Zeit und Strecke von A nach B bekommen kann. Das war in unserem Fall mit dem Standort am Wörthsee und mit der Distanz zum nächsten Betonwerk für selbstdämmenden Beton nicht gegeben. So entstand dann die Idee mit einer rein vertikalen Schalung aus Douglasielamellen in unterschiedlichen Abständen, die auch über das Dach bis an die Gratbalken reichen.

Projektname: Haus 11x11 Ort: Oberbayern Jahr: 2011 credit: Jens Weber Fotograf

Projektname: Haus 11×11
Ort: Oberbayern
Jahr: 2011
credit: Jens Weber Fotograf

Projektname: Haus 11x11 Ort: Oberbayern Jahr: 2011 credit: Jens Weber Fotograf

Projektname: Haus 11×11
Ort: Oberbayern
Jahr: 2011
credit: Jens Weber Fotograf

 

 

 

Wäre es für Sie denkbar, ein Haus zu entwickeln, das nach außen hin völlig unscheinbar wirkt und dafür die Materialien im Innern sprechen zu lassen, also da wo sie im haptischen und atmosphärischen Sinne umso sinnlicher zur Geltung kommen? Würde Sie das interessieren, statt der „Verkleidung“ sozusagen nur das „Innenfutter“ zu betonen?

 

Titus Bernhard: Das ist ein  absolut interessanter Ansatz, lassen Sie sich in den nächsten Jahren von uns überraschen!

 

 

Materialien und Wahrnehmung von Materialien spielen in Ihrer Architektur eine wichtige Rolle. Dann aber schwebt über allem auch noch der aus der Philosophie stammende Begriff der Phänomenologie: Man staunt sogar über Bezeichnungen wie phänomenologische Wohnhäuser. Ist für Sie Architektur bei allen ästhetisch-technischen Aspekten letzten Endes eine eher psychologische oder sogar philosophische Angelegenheit?

 

Titus Bernhard: Der Begriff „Phänomenologie“ beschäftigt sich mit Fragen der Wahrnehmung, ein „phänomenologisches Wohnhaus“ ist deshalb als Begriff irreführend, denn die Phänomenologie ist übergeordnet beziehungsweise auf alle möglichen Bauaufgaben anwendbar. Mir geht es darum, Wahrnehmungsmuster, die die meisten Menschen im Unterbewusstsein oder in ihrem Erfahrungsrepertoire abgespeichert haben, zu hinterfragen. Ein liegendes Fensterformat zum Beispiel, sehr tief angeordnet, erfordert, dass man sich auf den Boden legen muss, um herauszuschauen. Das kann für eine bestimmte Raumsituation spannend sein. Oder eine perspektivische Überhöhung: Die erhält man, indem man die Länge eines Flures, subjektiv wahrgenommen, vergrößert, indem man durch Schrägstellung der Wände gegeneinander die räumliche Wahrnehmung verzerrt, in die Länge streckt (wie in der Ankleide bei Haus M). Auch ein fehlender Dachüberstand und die Homogenität der gesamten Hüllfläche eines Hauses kann dazu gezählt werden, wie im Fall von Haus 9×9 oder 11×11. Diese Erscheinungen entsprechen nicht dem Gros der gebauten Häuser und regen somit an. Es hat also tatsächlich mit Psychologie zu tun, mit Philosophie weniger…

 

 

Was bedeutet Ihnen die Fassade im Allgemeinen? Und da man auch weiß wie wichtig Ihnen die Handhabung von Fensterflächen und Lichtführung ist: Wie gehen Sie im Entwurf an dieses Zusammenspiel von Baukörper und seine Öffnungen heran?

 

Titus Bernhard: Über die Fassade kann ich natürlich die Lichtführung regulieren: große Öffnungen, kleine Öffnungen, direktes licht, indirektes Licht, hartes Licht  beziehungsweise Schatten gegen diffuses Licht, zum Beispiel auf Nordseiten, um dort verschattungsfreie Arbeitsplätze anzuordnen. Shedhallen für die Produktion richten ihre Öffnungen immer nach Norden, um Aufheizung und Verschattung zu vermeiden. Oberlichter sind beispielweise wesentlicher Teil unserer Architekturen, da der Lichteinfall im Kontrast zum Seitenlicht intensiver ist und akzentuieren kann.

 

Zurzeit gibt es eine Wanderausstellung über Ihr Werk, die Ende letzten Jahres ihren Auftakt hatte in der Galerie AEDES in Berlin und in diesem Jahr noch weitergeführt wird . Ich glaube, dass Sie zu den Architekten gehören, die Ihre Ausstellungen durchaus strategisch angehen. Was erhoffen Sie sich diesmal von dieser Ausstellung? Was für eine Bedeutung hat ihr Titel “(un)gebaut ambivalent”?

 

Titus Bernhard: “(un)gebaut ambivalent” spiegelt eine ausgesprochen selbstkritische, anstrengende aber wichtige Phase wieder in meinem sich verändernden Selbstverständnis. Das klingt kompliziert, ist es teilweise auch … ich möchte es Ihnen erklären. Mein Büro hat den Stempel des “Luxusarchitekten” auf der Stirn, da die öffentliche Wahrnehmung insbesondere über die zahlreichen Villenprojekte der vergangenen Jahre definiert ist. Das wird meinem Anspruch und vor allem meinem Interesse an anderen Baufaufgaben nicht gerecht: Wir wollen und können ein weitaus größeres Spektrum abdecken. Große Einfamilienhäuser auf großen Grundstücken sorgen unter anderem für die Zersiedelung der Landschaft und sind alles andere als resourcenschonend. Sie bilden eigentlich einen Anachronismus zu den Themen unserer Zeit, sind aber immer noch das erstrebte Ziel der meisten Bürger. Die Ausstellungsreihe thematisiert den Findungsprozess, den Paradigmenwechsel und zeigt viele neue, großenteils nicht realisierte Projekte, die sich mit Strategien, Verantwortung für die Gesellschaft und neuen Entwurfsmethoden und ähnlichem befassen. Die Ambivalenz besteht unter anderem darin, dass wir weiterhin Villen bauen, um mit großer gestalterischer Vielfalt und mit auskömmlichen finanziellen Rahmenbedingungen neue Konzepte entwickeln können. Für Vernissagen oder für Gespräche im Rahmen von Ausstellungen lade ich gerne ganz bewusst Persönlichkeiten aus anderen Disziplinen ein, zum Beispiel Soziologen, um mich selber zu fordern und mich mit meinen Widersprüchen zu konfrontieren. Das ist ungewöhnlich und experimentell, vor allem viel unbequemer, als Vorträge zu halten, die man selber kontrollieren kann.

 

Gerade im Bereich der  Fassadenstudien gibt es auf Ihrer neuesten Ausstellung Interessantes zu entdecken: So etwa eine Studie für das Humboldt Forum. Wie ist der Stand dieser Konzepte, die ja auch zum Teil aus Wettbewerben hervorgehen und den Rahmen Ihrer Wohnhausarchitektur erweitern?

 

Titus Bernhard: Unseren Beitrag für das Humboldt Forum in Berlin, den Wiederaufbau des Schlosses, halte ich für eine wichtige Arbeit. Die Kritik an der stupiden Forderung nach Wiederherstellung des alten Stadtschlosses in Form einer Fake-Fassade bringen wir mit einer Art “gebauter Zeitreise” zum Ausdruck: Die Schlütersche Barockfassade und die Westfront wird durch einen komplexen Morph in eine ultramoderne Gussglasfassade überführt. Das ist ein didaktischer und vor allem sehr manieristischer Ansatz, jedoch  für jedermann begreifbar. Wir halten nicht viel von Retrofassaden, da sich heutzutage völlig andere Anforderungen an Klima, Bautechnik, Finanzierung und vor allem im Falle des Humboldt Forums an eine Nutzung als modernes Museum stellen. Die ganze Entwicklung der konzeptionellen Arbeit im Büro hat letztendlich mit einer Suche nach Authentizität, nach Findung der ureigenen Ausdrucksmittel und einer persönlichen Haltung zur Architektur zu tun. Dazu gehört die Überwindung von architektonischen Prägungen, genauso wie das spielerische Interesse an neuen Gestaltungsmitteln, zum Beispiel Farbe.

Humboldt Forum, Berlin,  Wettbewerb 2008 – 2010 credit: Titus Bernhard Architekten

Humboldt Forum, Berlin,
Wettbewerb 2008 – 2010
credit: Titus Bernhard Architekten

 

Humboldt Forum, Berlin,  Wettbewerb 2008 – 2010 credit: Titus Bernhard Architekten

Humboldt Forum, Berlin,
Wettbewerb 2008 – 2010
credit: Titus Bernhard Architekten

 

 

 

Ein etwas  heikles Thema in Ihrem Werk ist das Stadion in Augsburg. Trotzdem möchte ich gerne nach Ihrem Fassadenentwurf dafür fragen und was daraus in der Realisierung geworden ist.

 

Titus Bernhard: Gemeinsam mit meinem Partner Peter Kögl habe ich 2006 den Einladungswettbewerb für das neue FCA-Stadion in Augsburg (SGL Arena, Anm. d. A.) gewonnen. Um die Risiken bezüglich der Haftung bei so einem 60 Millionen Euro Großprojekt zu beschränken, haben wir eine eigene Stadionplanungsgesellschaft gegründet. Es handelt sich also um einen Neubau. Ein Kriterium für die Vergabe des 1. Preises im Wettbewerb an Bernhard & Kögl war eine serielle Glasfassade aus Profilit-Elementen, die man aus dem Industrie- und Gewerbebau kennt. Nach der Baubeauftragung wollte der Präsident des FCA, gleichzeitig Mäzen und Geschäftsführer der Arena Besitz- und Betriebs GmbH, diese aus Kostengründen nicht realisieren. Wir wurden zur Überarbeitung aufgefordert und haben eine sehr raffinierte, ausgesprochen kostengünstige Fassade aus 36 km Alurohren entwickelt, quasi ein Geflecht wie ein Kokon, verwoben mit hunderten LED-Lichtstäben. Diese attraktive und variabel bespielbare Hülle wird leider auch nicht gebaut. Es stellte sich heraus, dass der politische Wille zur Realisierung der aus unserer Sicht so notwendigen Stadionfassade nie bestand. Die Süddeutsche Zeitung schrieb seinerzeit “innen hui, außen pfui”, was das Dilemma ganz gut zum Ausdruck bringt, aber den Präsidenten wiederum sehr verärgert hat … Fußball ist Kommerz und leider nicht in erster Linie Kultur. Trotzdem haben wir ein tolles attraktives und hochfunktionales Fußballstadion geplant, das in der Szene viel Respekt genießt.

Projektname: FCA Stadion – heute SGL Arena, Peter Kögl / Bernhard & Kögl Planungsgesellschaft Ort: Augsburg Jahr: 2006 – 2009 Fassaden-Visualisierung: credit Bernhard & Kögl Planungsgesellschaft

Projektname: FCA Stadion – heute SGL Arena, Peter Kögl / Bernhard & Kögl Planungsgesellschaft
Ort: Augsburg
Jahr: 2006 – 2009
Fassaden-Visualisierung: credit Bernhard & Kögl Planungsgesellschaft

 

 

Zum Abschluss würde ich gerne nur noch Ihre aktuellen Projekte ansprechen. Sie nehmen ja nun auch verstärkt an Wettbewerben teil. Wird es also bald möglich sein, von Titus Bernhard Architekten gestaltete Fassaden im größeren Maßstab zu erleben?

 

Titus Bernhard: Wir hoffen sehr, dass die Wettbewerbstätigkeit Früchte trägt, erste Erfolge haben wir schon geerntet. So planen wir derzeit in Augsburg ein Schulungs- und Verwaltungsgebäude für eine Transfergesellschaft. Das ist der 1.Preis in einem geladenen Wettbewerb. Ein großer städtebaulicher Wettbewerb für über 300 Wohneinheiten in Regensburg, ebenfalls 1.Preis, wird nun mit uns auch hochbaulich umgesetzt. Natürlich werden wir hier wieder besondere Fassaden entwickeln, die den Bauwerken Identität geben und gestalterisch wertvoll sein werden.

 

Herr Bernhard, vielen Dank für dieses Interview! 

Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews mit Titus Bernhard.

Zur Homepage von Titus Bernhard Architekten

 

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