„In schlecht gestalteten Räumen leide ich“

16. Jan 2015, in Interviews

Gute Architekturfotografie leistet weit mehr, als das bloße Abbild eines Gebäudes festzuhalten. Einer, der sich bestens darauf versteht, Architektur fotografisch gekonnt in Szene zu setzen, ist der Berliner Ken Schluchtmann. In seinen Bildern umweht die Architekturobjekte stets eine ganz besondere Atmosphäre. Im Interview erzählt Ken Schluchtmann, warum eine gute Recherche im Vorfeld unerlässlich ist, wie man selbst einen unberechenbaren Faktor wie das Wetter für seine Fotografien nutzen kann und was eine wirklich gute Architekturfotografie ausmacht. 

 

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Ken Schluchtmann. Foto: Ken Schluchtmann. www.diephotodesigner.de

 

 

In den vergangenen beiden Jahren konnten Sie sich ja über die Auszeichnung „Best Architectural Photographer“ freuen. Was bedeutet Ihnen diese Ehrung?

Ken Schluchtmann: Zwei Jahre nacheinander von einer völlig unabhängigen Jury in dieser Weise honoriert zu werden, ist großartig. Gerade seit dem Gewinn des zweiten Preises registrieren uns weit mehr Architekten als vorher. Insgesamt denke ich, dass sich dieser relativ junge Award sicherlich weiter entwickeln wird. Er wurde nun zum dritten Mal verliehen, hat sich jedes Jahr gesteigert und wird immer mehr wahrgenommen.

 

Wie sind Sie zur Architekturfotografie gekommen?

Ken Schluchtmann: Ich bin mit einer Architektin verheiratet, war der Architektur aber schon lange vorher verhaftet. Ich habe zum ersten Mal mit 15 Jahren auf dem Bau gearbeitet, nach dem Abitur dann noch mal zwei Jahre in Vollzeit und lernte von 1998 bis 2001 am Lette-Verein. In den ersten vier Semestern muss man dort in allen Themenbereichen eine Aufgabe absolvieren. Da hat sich dann heraus kristallisiert, dass mir die Architektur am meisten liegt. Bei den Mitschülern waren die ‚Archis‘ damals als die Langweiler verschrien. Alle anderen wollten lieber mit Models arbeiten. Mich hat das nie sonderlich interessiert und mir fehlte auch die Geduld dazu. Außerdem bin ich doch sehr designaffin. Gutes Design fasziniert mich und ich halte mich gerne in gut gestalteten Räumen auf, die über die reine Behausung hinausgehen. Daraus ziehe ich eine gewisse Ruhe und Grundzufriedenheit. In schlecht gestalteten Räumen leide ich.

 

Was macht die Besonderheit der Disziplin Architekturfotografie aus? Wie gehen Sie an ein neues Projekt heran?

Ken Schluchtmann: Gerade gestern erhielt ich eine Anfrage für fünf Projekte aus Mexiko im Rahmen des Flughafenprojekts in Mexiko City, das Norman Foster gemeinsam mit Fernando Romero von FR-EE gewonnen hat. In der Regel gehe ich so vor, dass ich mir alles an Informationen zuschicken lasse, etwa Grundrisse, Renderings oder auch Handyfotos, um ein Gefühl für das Objekt zu bekommen. Architekten planen mitunter mehrere Monate oder gar Jahre an einem Objekt, während wir damit vergleichsweise kurz konfrontiert werden. Dennoch müssen wir begreifen, was der Architekt gemeint hat und die besten Perspektiven finden. Natürlich schaue ich mir das Objekt auch bei Google an und lasse den Architekten erzählen, was er sich gedacht hat. Das ist mir sehr wichtig. Daraus ergibt sich ein Vorabbild, das vor Ort mit der konkreten Situation abgeglichen wird: Wo sind die besten Perspektiven? Wo geht die Sonne auf? Wann fotografiert man von welcher Seite? Im Vorfeld ist also viel Recherche nötig, der Rest ist Erfahrung. Das letzte Quäntchen Ästhetik muss man dann mitbringen, glaube ich.

 

In ihrer Siegerfotografie am Trollstigen in Norwegen, spielt die Umgebung, in diesem Fall der Nebel, eine herausragende Rolle. Natur ist nicht immer planbar. Wie schaffen Sie es dennoch, sie in Ihre Bilder zu integrieren? Kommt Ihnen dabei manchmal der Zufall zu Hilfe?

Ken Schluchtmann: Ich bin der Meinung, dass man bei jedem Wetter gute Fotos machen kann. Ich distanziere mich zum Beispiel von der Postkartenfotografie, die sicher ihren Sinn hat, aber nicht für die seriöse Darstellung einer Architektur steht. Bei bedecktem Himmel sind die Kontraste nicht so hart und Farbnuancen kommen viel besser raus. Es ist ein Klischee, dass man bei Sonne fotografieren muss. Ich war 1996 das erste Mal in Norwegen, damals gab es noch kein Internet und was ich da zu Gesicht bekommen habe, hat mich umgehauen. Solche Farborgien hatte ich vorher noch nie gesehen. Im Falle des Trollstigen-Bildes war ich schon zwei Tage vorher vor Ort und es hat geregnet. Dort steht ja nicht nur diese Plattform, sondern auch das Visitor Centre mit dem Restaurant. Ich habe dann erst einmal das Restaurant von innen fotografiert und den Wetterbericht studiert. Über das Windsurfen und das Bergwandern habe ich auch eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Wetter. Als es aufgehört hat zu regnen, bin ich über Nacht geblieben, am Morgen wurde es leicht wärmer. Ich ahnte, dass sich das dichte Nebelfeld des Morgens eventuell lichtet. Eine gewisse Planbarkeit beim Wetter ist also schon dabei, vielleicht 80 Prozent. Doch vor allem braucht man viel Geduld.

 

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Trollstigen, Norwegen. Foto: Ken Schluchtmann. www.diephotodesigner.de

 

 

Foto: Ken Schluchtmann. www.diephotodesigner.de

Trollstigen, Norwegen. Foto: Ken Schluchtmann. www.diephotodesigner.de

 

Was muss ein Bild haben, damit Sie zufrieden sind?

Ken Schluchtmann: Bleiben wir doch einmal beim Trollstigen-Foto: Die Plattform wird von tausenden Touristen im Jahr angefahren, die alles fotografieren. Ein gutes Foto muss es schaffen, sich in der Qualität darüber hinweg zu setzen. Es muss ein gewisses Alleinstellungsmerkmal haben. Mein Bild war relativ schwer planbar. Es reicht nicht zu sagen: Ich fahre da jetzt hin, warte auf die Wolken und dann drücke ich ab. Normalerweise gehen die Leute nur auf die Plattform und fotografieren runter. Das habe ich auch gemacht. Aber gerade von solchen bekannten Orten suche ich bewusst spezielle Blickwinkel, die anders sind als die, die man überall antrifft. Und wenn alles passt, drückt man ab und weiß sofort, dieses Bild ist speziell. Die letzten fünf Prozent kann man kaum beschreiben. Man hat dann alles schon im Kopf. Ich weiß in diesem Moment, was ich hinterher alles retuschieren muss, all diese Details. Es gibt vielleicht eine kleine Handvoll Fotos von den tausenden, die wir machen, wo ich hinterher sage: Okay, das ist jetzt ein außergewöhnlicher Moment.

 

Zur Website von Ken Schluchtmann

Das neue Buch von Ken Schluchtmann: National Routes of Norway

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6 Kommentare

  1. 12. Feb 2015, 11:53 am erstellt von Vesely

    Ken Schluchtenmann macht atemberaubende Bilder und lässt die Baukörper und deren Architektur wahrhaftig sprechen.
    Ein ganz „Grosser“ der Szene aus meiner Sicht.

    Mit besten Grüssen vom Bodensee
    Vesely Fassadenagentur

  2. 2. Mrz 2015, 10:34 am erstellt von HWS

    Ein tolles Interview & hervorragende Fotos – vielen Dank!

    • 2. Mrz 2015, 10:37 am erstellt von Daniel Straub

      Vielen Dank für das positive Feedback.

  3. 15. Mrz 2015, 7:01 pm erstellt von Frank

    Und sitzt selbst in der Jury:

    http://www.arcaidawards.com/judges

    Oh man, was für eine Unabhängigkeit. Wie unehrlich doch mittlerweile alles ist.

    Für mich ist das HDR Müll. Überzogen vom Farb und Raum.

    Da bin ich froh um meinen einfachen Beruf.

    • 16. Mrz 2015, 8:45 am erstellt von Daniel Straub

      Herr Schluchtmann hat die Auszeichnung als bester Architekturfotograf 2012 und 2013 erhalten. Beim aktuellen Wettbewerb 2014 war er als Jurymitglied nicht teilnahmeberechtigt.

  4. 7. Aug 2016, 6:12 am erstellt von Kaylee

    The voice of raaytnoliti! Good to hear from you.