Hild und K – Immer passend für den Anlass

21. Jul 2016, in Interviews

Wohnen und Arbeiten im Tucherpark. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

Wohnen und Arbeiten im Tucherpark. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

 

Ob neuinterpretiert, saniert oder aufgewertet, das Repertoire von Hild und K reicht vom Schlachthof bis zum Schloss. Auch eine Scheu vor Ornamenten oder WDVS kennt das preisgekrönte Architekturbüro nicht. München ist ihre Zentrale, aber neben dem zweiten Bürostandort Berlin schauen sie auch beim Entwerfen ihrer Gebäude gerne über regionale Grenzen hinaus. Bei ihrem neuesten Projekt Am Tucherpark ließen sie sich von florentinischen Inkrustationen inspirieren und erheben die Dachuntersicht zur sechsten Fassade.

 

Bekannt ist das Büro Hild und K für seine Sanierungsprojekte. Das Repertoire reicht dabei vom Schlachthof bis zum Schloss. Was interessiert Sie so sehr am Thema Fassadenerneuerung?

Andreas Hild: Bei Umbauprojekten gibt es neben Architekten und Bauherrn immer noch einen weiteren Player, nämlich den Bestand. Gerade deshalb kann man in den allermeisten Fällen im Umbau Dinge machen, die im Neubau nie möglich gewesen wären. Unsere Arbeit versucht, die entsprechenden Spielräume zu finden und auszuloten. Wir erleben Bauen im Bestand als eine Erweiterung unserer entwerferischen Möglichkeiten.

Matthias Haber: Was für mich die Faszination an Fassadenerneuerungen ausmacht … der Umgang mit dem Bestand, mit den architektonischen Bedingungen und mit deren Weiterentwicklung, außerdem das Herausarbeiten der Bestandsqualitäten und die Anpassungen an die Anforderungen der Gegenwart.

 

Fassadensanierung Belzigerstrasse. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

Fassadensanierung Belzigerstrasse. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

 

Revitaliserung Bikini Berlin. Courtesy of Hild und K. Photo © Franz Brück

Revitaliserung Bikini Berlin. Courtesy of Hild und K. Photo © Franz Brück

 

15 Jahre nach der Sanierung der Gründerzeitfassade in der „Belziger Strasse“ – dort hatten Sie mittels gescannter Originalzeichnungen den ehemaligen Fassadenentwurf auf den Baukörper sozusagen per Schablonenputz „eingeprägt“ – stellen Sie mit der Revitalisierung des 50iger Jahre Bauensembles “Bikini” Ihre zweite Arbeit in Berlin fertig. Was bedeuten Ihnen diese beiden Berlin-Projekte?

Andreas Hild: An sich ist jedes Projekt eine Bereicherung, zumindest im Hinblick auf die dadurch gewonnene Erfahrung. Die „Belziger Strasse“ als kleine Sanierung und „Bikini Berlin“ als komplexes Großprojekt sind kaum vergleichbar. Und bereits das ist von Bedeutung … Uns ist es wichtig zu zeigen, dass wir beide Maßstäbe – auch fern unseres Heimatstandorts – beherrschen.

 

Wohnen und Arbeiten im Tucherpark. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

Wohnen und Arbeiten im Tucherpark. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

 

Beim Neubau-Projekt “Tucherpark” fallen die langen, kaskadenartig abgestuften Balkone des Wohntrakts auf – besonders raffiniert sind die reliefartigen Unterseiten der Balkonbänder, die quasi das Motiv der Abstufung konsequent weiterführen. Wie ist die Idee zu dieser Fassadengestaltung entstanden? Haben wir hier schon fast den Fall einer sechsten Fassade?

Matthias Haber: Das Gebäude befindet sich in einem geschützten Ensemble, städtebaulich geplant von Sep Ruf. Das vorherrschende Gestaltungsprinzip der Fassaden seiner dortigen Bauten ist die horizontale Verblendung der Deckenebenen und die dazwischenliegende vertikale Ausfachung. Diese Grundidee haben wir übernommen. Das vertikale Prinzip bilden die raumhohen Fensterelemente im Wechsel mit den natursteinbelegten Wänden. In Anlehnung an Inkrustationsfassaden wie z.B. in Florenz haben wir für die Verkleidung zwei kontrastierende Materialien, Travertin und Muschelkalk, flächenbündig verwendet. Damit jeder Anklang an das Tragende vermieden bleibt, wurden die Formate hochkant verlegt.  Auf den Deckenebenen gliedern umlaufende Fertigteile die Gebäude in horizontale Schichten. Aus der Tiefe der umlaufenden Terrassen des Wohngebäudes folgt eine konstruktiv notwendige Stärke. Um den Fertigteilen die Massivität zu nehmen, haben wir sie profiliert ausgebildet. Insofern trifft die Beobachtung der sechsten Fassade meiner Meinung nach sehr gut zu.

Andreas Hild: Tatsächlich ist die Dachuntersicht oder auch die Balkonuntersicht ein vernachlässigtes Thema. Vielleicht muss man nicht gleich von einer sechsten Fassade sprechen. Trotzdem: An verborgenen Stellen wie diesen lassen sich mit geringem Mehraufwand neue Qualitäten und Assoziationen generieren.

 

Wohnhaus Reichenbachstrasse-Neue Rückfassade. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

Wohnhaus Reichenbachstrasse-Neue Rückfassade. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

 

Überhaupt scheinen Sie auch gerne mit den Ausdrucksmöglichkeiten von Balkonen zu experimentieren – mal sind sie streng-uniformistisch wie bei der “Wohnbebauung Helsinkistrasse”, mal frei-verspielt wie beim “Wohnhaus Reichenbachstrasse” …

Dionys Ottl: Auch hier wiederholt sich unsere Maxime: Wir versuchen auf die spezifische Aufgabe und die örtlichen Bindungen zu reagieren und entwickeln unsere Architektur aus dem Dialog mit dem Auftraggeber heraus. Das ist auch Grundlage der Entscheidung über das Element „Balkon“. Im Fall des „Wohnhaus Reichenbachstrasse“ gingen Bindungen durch Abstandsflächenregelungen in die Entwurfsfindung ein …

 

Hotel Bayerstrasse. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

Hotel Bayerstrasse. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

 

Beim “Hotel Bayerstrasse” wurde aus Gesimse ein ganzes Fassadenraster kreiert und beim Projekt “Container Fürstenfeldbruck” bauen Sie eine subtile Referenz an barocke Fensterfaschen ein, indem Sie die Holzlamellen rahmenhaft um die Fenster verdichten. Es ist offensichtlich, dass Sie alte Architekturelemente verwerten …

Matthias Haber: Diese Idee ist ja nicht neu. Architektur entsteht nun einmal aus vergangenen Architekturen. Schon Aldo Rossi hat dies auf den Punkt gebracht.

Andreas Hild: Tatsächlich verstehen wir Architektur als eine Art Sprache und sind immer wieder daran interessiert, was uns die „alten“ Worte zu sagen haben…

Dionys Ottl: Es geht also eigentlich gar nicht um „Verwertung“, sondern um „Reflexion“. Mit Hilfe der Historie reflektieren wir darüber, auf welche Gegebenheit mit welchen Mitteln zu reagieren ist.

 

Bauzentrum Riem. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

Bauzentrum Riem. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

 

Dass die Arbeit von Hild und K nicht mit Schlag- bzw. Reizwörtern wie “Ornamente“ oder “Neuinterpretationen des Alten” einzuengen ist, zeigen Projekte wie etwa “Bauzentrum Riem” und “Forschungsinstitut B.F.T.S”. Inwieweit sind Sie hier anders als bei Ihren restlichen Projekten und inwieweit bleiben Sie auch hier Ihrer Linie treu?

Matthias Haber: Unser grundsätzlicher situativer Ansatz ist auch bei diesen Projekten der gleiche – allerdings haben hier andere Parameter zu anderen Ergebnissen geführt. Beim „Bauzentrum Riem“ beispielsweise waren der Bauherr und die ausführende Firma identisch. Das eröffnete die Möglichkeit, mit dem „hauseigenen“ Betonwerk mehr zu entwickeln als es sonst üblich ist.

 

Forschungsinstitut B.F.T.S. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

Forschungsinstitut B.F.T.S. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

 

Dionys Ottl: Und beim Forschungsinstitut BFTS waren es die erheblich begrenzten Mittel aus einem Förderprogramm, mit denen insbesondere umfangreiche haustechnische Anlagen zu finanzieren waren. Aus Kostengründen kam dann für die Wärmedämmung eigentlich nur noch ein WDVS in Frage. Wir haben die Fragen von Materialität und Hülle, die dieses Dämmsystem aufwirft, im Rahmen des Farbauftrags zum Thema gemacht: Wie ein dünnes Trikot legt sich eine Lasur über die Fassade. Ein Eindruck, der durch die textile Anmutung – die durchscheinenden, einander kreuzenden Farbschichten erinnern ja an ein Tartan-Muster –  noch verstärkt wird. Wieder orientiert sich die architektonische Lösung an den spezifischen Gegebenheiten des Projekts. Linientreue auf ganzer Front also.

Sie behaupten, dass WDVS die am meisten verwendete Dämm- und Oberflächentechnik weltweit ist und dass es gerade ihre Oberfläche ist, über die am wenigsten geredet wird. Was würden Sie sich bei Fachdiskussionen oder Forschungen rund um dieses Thema mehr wünschen?

Andreas Hild: Mehr Ehrlichkeit. Denn fast alle Architekten verwenden WDVS. Nur reden tut kaum einer darüber…

 Karin Harather spricht in ihrem Buch “Haus-Kleider” von der “Praxis des Verhüllens” und “Praxis des Entblößens”. Wie würden Sie die Geste Ihrer Fassaden zusammenfassen?

Matthias Haber: Unsere Gebäude sind immer passend für den Anlass gekleidet!

 

Zum ersten Teil des Interviews mit Hild und K

Website von Hild und K Architektur

 

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2 Kommentare

  1. 11. Aug 2016, 3:48 pm erstellt von Oleg

    Einfach schön!

  2. 4. Apr 2018, 12:21 pm erstellt von Oliver Felinger

    Der Tucherpark ist in der Tat sehr gelungen – und das nicht nur wegen der herausragenden Lage im Englischen Garten. Der gewählte Naturstein verleiht dem ansonsten eher schlichten Objekt einen sehr hochwertigen Charakter!
    Beste Grüße
    Oliver