Gallery of Furniture von Chybik+Kristof: Die Neugier war riesengroß

27. Okt 2017, in Interviews

Ondřej Chybík (links) und Michal Krištof (rechts). Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers. Foto © Tomáš Škoda, Economia

 

Chybik+Kristof, das sind Ondřej Chybík und Michal Krištof, ein Tscheche und ein Slowake. Beide studierten Architektur in der tschechischen Stadt Brno und gewannen zusammen mehrere Studentenwettbewerbe, mit denen sie die Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Bereits 2010 machten sich die Studienfreunde in Brno selbstständig. Ihr Büro Chybik+Kristof Architects & Urban Designers hat mittlerweile zwei weitere Niederlassungen in Praha und Bratislava.

Zur ihren ersten Erfolgen gehörte u.a. der tschechische Pavillon in Mailand, der den Bronze Award in der Kategorie Architektur der Expo 2015 Milano erhielt. Seitdem wecken ihre Arbeiten auch internationales Interesse. Einen Beitrag der besonderen Art lieferte hierfür letztes Jahr Gallery of Furniture – eine Gebäudesanierung, mit der die jungen Architekten für eine tschechische Möbelfirma  beauftragt wurde. Gallery of Furniture ist ein Showroom, der auf jegliche hinweisende Schilder und Namenszüge und dergleichen verzichten kann. Denn die pfiffige Idee von Ondřej Chybík und Michal Krištof lag darin, eine Gebäudehülle aus Stühlen zu schaffen. Eine sprechende Fassade, die neugierig macht.

 

 

Es ist interessant, dass Sie beide während Ihres Studiums in Brno Studienfreunde waren und obwohl sie zu einer ganz jungen Generation gehörten, haben Sie bereits 2010 Ihr Büro gegründet und haben ca. 15 Mitarbeiter. Sie haben im Ausland Erfahrungen gesammelt, sowohl im Rahmen Ihrer Ausbildung als auch bei Ihren ersten Arbeitsstationen. Einer von Ihnen hat z.B. in Wien bei PPAG und der andere hat bei BIG in Kopenhagen begonnen. Bitte erzählen Sie uns mehr über Ihren Hintergrund, über Ihre rasante Selbstständigkeit – und wie Sie alle diese Erfahrungen von Zürich, Brüssel, Wien, Kopenhagen in Ihre Praxis integriert haben …

 

Ondřej Chybík: Ich darf mit Augenzwinkern anmerken: Unser Büro hat sogar schon über 40 Personen! Wie Sie bereits erwähnten, wir haben beide im Ausland studiert und dort ein Praktikum gemacht. Und wir glauben, dass diese kombinierte Erfahrung uns eindeutig zu einem internationalen Büro gemacht hat. Wir hatten schon immer eine Leidenschaft dafür, an Projekten in verschiedenen Teilen der Welt zu arbeiten, und genau das geschah während unseres Studiums. Während Michal (Michal Krištof, Büropartner; Anm. d. A.) zu seiner Zeit bei BIG an einer Reihe von weltweiten Projekten teilnahm, war ich ein Postgraduiertenstudent an der ETH in Zürich. Ich habe auch ein Semester in Mumbai verbracht und ein anderes in Parauapebas, eine brasilianische Bergbaustadt im Herzen des Amazonas-Dschungels. Die Kombination dieser beiden Arten von Erfahrungen war es, die zu unserer Leidenschaft geführt hat, unser Wissen in die Praxis umzusetzen.

 

Tschechischer Funktionalismus

 

Ihr Land ist berühmt für den tschechischen Funktionalismus. Könnten Sie uns ein bisschen mehr über seine Bedeutung erzählen – und fühlen Sie sich davon beeinflusst?

 

Ondřej Chybík: Der Funktionalismus wurde in den 1920er und 1930er Jahren zum tschechoslowakischen Nationalstil. Es wurde als ein Symbol des neu entstandenen souveränen Staates angesehen und diente in gewissem Maße als Manifest des Widerstands gegen die historisierende Architektur, die von vielen als ein Symbol der habsburgischen Macht betrachtet wurde. In Anbetracht dessen, wie fortgeschritten unser Land zu der Zeit war, wurden eine Reihe von Gebäuden für öffentliche Institutionen sowie ganze neue Städte errichtet. Darüber hinaus hielten viele Fabrikbesitzer ihre eigenen internationalen Architekturwettbewerbe. Das waren große Gelegenheiten für lokale Architekten, ihre Fähigkeiten mit Elite-Architekten aus dem Ausland zu messen. Und diese Rivalität hat die Qualität der damaligen Architektur positiv beeinflusst. Wenn Sie den Großteil Ihres Lebens an diesen unglaublichen Gebäuden entlangkommen, werden ihre eleganten Eigenschaften einen Einfluss auf Sie haben – ob Sie wollen oder nicht.

 

Globales Wissen und lokale Architektur

 

Wie würden Sie – mit all Ihrer internationalen Erfahrung – die Identität Ihrer eigenen Architektur beschreiben? Betrachten Sie sich als national verwurzelt oder losgelöst von nationalen Einflüssen?

 

Ondřej Chybík: Die Antwort dazu liegt eigentlich schon in dem, was ich vorhin gesagt habe. Wir sind eine ausgewogene Mischung aus Leidenschaft für globales Wissen und Respekt für die lokale Architektur. Wir glauben daran, dass es uns gelingen wird, diese zwei Aspekte unserer Arbeit weiter zu entwickeln, ohne eine von beiden zu ignorieren.

 

 

Aber beginnen wir mit Ihrem Furniture Showroom. Der Hintergrund dieses Projektes ist faszinierend. Soweit ich sehe waren Sie mit einem alten Gebäude konfrontiert, das früher als Auto-Showroom diente, das später wiederum als Showroom und Büro für ein Möbelunternehmen wiederverwendet wurde. Wie haben Sie und dieser Klient sich gefunden?

 

Ondřej Chybík: Wir wurden indirekt gefragt. Ein Freund von uns, der Architekturkritiker Adam Gebrian, der den Klienten kennt, hat uns zusammengeführt. Wir wurden als junges Architektur Studio mit Non-Standard Ansätzen empfohlen.

 

Gallery of Furniture: Sonnenschutz aus Stühlen

 

In dieser Fassade befinden sich ca. 900 Stühle, das Stück würde knapp drei Euro kosten. Soweit ich weiß sind das die Produkte Ihres Auftraggebers … was können Sie uns im Detail über dieses ungewöhnliche Material erzählen? Haben Sie diese Idee sofort gehabt oder gab es noch andere alternative Entwürfe?

 

Ondřej Chybík: Die Fassade ist nicht nur im ästhetischen Sinne und im Sinne des Sonnenschutzes funktional. Sie repräsentiert auch, was das Gebäude im Innern enthält. Und das ist ein Ausstellungsraum eines Möbelherstellers. Wichtig hierfür war der UV-Schutz. Als wir die Gebäudehülle aus Stühlen zum ersten Mal vorstellten, hatte der Klient Angst vor zusätzlichen Kosten. Aber im Vergleich zu klassischen Fassadensystemen war der Preis der Stuhlfassade viel geringer.

 

Unterschiedliche Optionen hervorbringen, das ist ein entscheidender Teil unserer Designprozesse. Wir hatten Dutzende von Möglichkeiten, manche von ihnen basierten auf verschiedenen Farben und andere spielten mit verschiedenen Räumen zwischen den Stühlen. Am Ende haben wir die einfachste Option ausgewählt.

 

Schwarzes Granulat gegen UV-Licht

 

Die Stühle an der Fassade sind also gedacht als UV-Schutz für die Stühle, die im Innenraum gezeigt werden. Und was ist mit dem UV-Schutz dieser schützenden Stuhloberfläche? Leidet die schwarze Farbe und das Material nicht unter der Sonne?

 

Ondřej Chybík: Ganz und gar nicht. Der UV-Schutz funktioniert sehr gut. Wir haben schwarzes Granulat für den Außenbereich, weil es gegen verschiedene Wetterbedingungen, insbesondere UV-Licht, resistent ist. Und im Falle einer mechanischen Beschädigung ist es möglich, jedes Stück auszuwechseln mit einem neuen Exemplar. Außerdem gibt es ja noch die Fassadenreinigung mit dem Hochdruckreiniger, die ein- oder zweimal jährlich erfolgt.

 

Zwischen Kunst und Architektur

 

Die Fassade sieht fast wie eine künstlerische Installation aus, mehr als ein funktionaler Teil eines Gebäudes. Ist es mehr Kunst als Architektur? Hatten Sie bei dieser ‚Installation‘ sogar einige Künstler im Sinn?

 

Ondřej Chybík: Wir glauben, dass die Grenze zwischen Kunst und Architektur sehr schmal ist. Allerdings sollte man beachten, dass in diesem konkreten Fall die Fassade eine zweifache Funktion hat. Und zwar dient sie nicht nur als eine visuell wirksame Haut sondern auch als Schattenspender in den Sommermonaten. Soweit es nur um diese Fassade geht, haben wir nicht mit irgendwelchen Künstlern zusammengearbeitet. Obwohl es stimmt, dass einige der Projekte, die wir derzeit bearbeiten, eine solche Zusammenarbeit mit Malern und Bildhauern erfordern.

 

Möchten Sie mehr darüber verraten? Wie arbeiten Sie mit diesen Künstlern zusammen?

 

Ondřej Chybík: Bei unserem aktuellen Projekt für das Sommerkulturfestival Meeting Brno arbeiten wir mit dem Bildhauer Pavel Karous zusammen, der die Installation “ Meeting point “ gemacht hat. Aber erwähnenswert zu diesem Thema ist vor allem unser Tschechische Pavillon auf der Expo in Mailand. Das Innere des Pavillons wurde in Zusammenarbeit mit führenden zeitgenössischen tschechischen Künstlern entworfen. Maxim Velčovský mit einer kinetischen Skulptur im zentralen Bereich der Treppe, Jakub Nepraš & Blanka Neprašová mit einer Skulptur auf dem Dach, Luke Rittstein und seine Skulptur im Pool und Federico Díaz steuerte ein Relief bei. Außerdem haben wir eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Maler Petr Dub, der unser minimalistisches Interieur mit seinen Bildern oder Skulpturen bereichert.

 

Architektur als Anstoß zum Dialog

 

Natürlich kann man sich vorstellen, dass ‚Gallery of Furniture‘ zu einer regionalen oder sogar landesweiten Anziehungskraft geworden ist – können Sie etwas über die Reaktionen der Besucher sagen, sind sie näher herangetreten, um die Fassade zu untersuchen?

 

Ondřej Chybík: Die Neugier der Anwohner in Vinohrady war riesengroß. Denn das Projekt steht im Kontrast zu seiner Umgebung. Dann fingen die Leute an, über das Gebäude zu sprechen. Wir lieben es, einen Dialog über Architektur zu eröffnen. Und dank dem ausdrucksvollen Design passiert das jetzt natürlich ganz von selbst. Und es wird populär – zum Beispiel wurden wir gebeten, eine öffentliche Tour im Showroom zu machen.

 

Stuhlfassade – Ein langer aufregender Prozess

 

Wenn wir genauer hinschauen, können wir sehen, dass Sie keine ganzen Stühle benutzen, sondern nur die Stuhlsitze, die wie Plastikschalen sind. Ich könnte mir vorstellen, dass man viele Experimente mit diesen Elementen machen musste – sei es, wie man sie an die Fassade fixiert, sei es in Kompositionen etc. Was können Sie uns über diese funktionalen und ästhetischen Überlegungen erzählen?

 

 

Ondřej Chybík: Es war tatsächlich ein ziemlich langer, aber aufregender Prozess von der ersten Skizze bis zur endgültigen Realisierung. Das vorläufige Design, das wir gemacht haben, wurde in 3D simuliert, aber kurz darauf sind wir auf die Baustelle gegangen und haben die Verkleidungsoptionen anhand von Modellen erforscht. Nur durch dieses Ausprobieren mit echten Sitzen konnten wir uns sicher sein, dass alle Details – vor allem Ecken, Kanten und Gesamtproportionen – richtig aussahen.

 

Dazu noch eine Frage: Warum haben Sie genau diesen Winkel benutzt, um die Stuhlsitze aufzuhängen?

 

Ondřej Chybík: Der ideale Winkel der Sitze war eines der wichtigen Dinge, die wir mit den echten Modellen auf der Baustelle erforscht haben. Denn diese Verkleidung sollte nicht nur eine Sonnenschutzfunktion bieten, sondern auch einen Regenschutz für die vorhandenen Wände. Der rechtwinklige Winkel lässt das Regenwasser von einem Sitz zum anderen fallen und schafft dabei gleichzeitig eine Struktur mit hoher visueller Qualität, die wir von Anfang an brauchten.

 

Gallery of Furniture. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers

 

Einfach Schwarz

 

Warum war Schwarz die richtige Entscheidung für Sie?

 

Ondřej Chybík: Es war einfach die einfachste Variante.

 

Aber führt die schwarze Farbe nicht dazu, dass sich das Plastikmaterial unter der Sonne erhitzt und verformt?

 

Ondřej Chybík: Daher haben wir eine spezielle Mischung für den externen Gebrauch verwendet, so dass jede Verformung vollständig ausgeschlossen ist. Und der UV-Schutz garantiert die Beständigkeit der Farbe.

 

Wahrscheinlich ist es sogar möglich, die Art der Stühle zu wechseln, damit das ganze Erscheinungsbild der Galerie geändert werden kann – irgendwann einmal vielleicht?

 

Ondřej Chybík: Vielen Dank für diesen interessanten und inspirierenden Kommentar! Ehrlich gesagt haben wir diese Option bisher nicht berücksichtigt. Es könnte aber in Zukunft tatsächlich relevant werden, wenn die Fassade renoviert werden muss.

 

Fotogen bei Schnee

 

Ein weiteres Thema bei ‚Gallery of Furniture‘ ist natürlich die Dreidimensionalität der Oberfläche. Was halten Sie von visuell-grafischen Effekten bei 3D-Fassaden? Und was die praktischen Aspekte betrifft: Was ist mit der Wartung und Reinigung, ist das nicht kompliziert?

 

 

Ondřej Chybík: Unsere 3D-Fassade hat schon alle vier Jahreszeiten erlebt. Und es ist interessant zu beobachten, wie sie sich aufgrund von Wetterbedingungen ändert, z.B. wenn sie von Schnee bedeckt wird. Wir geben zu, Schnee steht den schwarzen Stühlen gut. Allerdings muss die Fassade in den Sommermonaten mit einem WAP-Reiniger (Hochdruckmaschine, Anm. d. A.) gewaschen werden, was für eine Person einen halben Tag dauert. Die Reinigung muss nur viermal im Jahr durchgeführt werden. Außerdem ist es ein einstöckiges Gebäude, so dass die Wartung sehr einfach ist und vom Boden aus durchgeführt werden kann.

 

Wie wichtig sind Materialien für Sie? Wie gehen Sie mit Materialien um?

 

Ondřej Chybík: Materialien sind ein wesentlicher Teil unserer Architekturentwürfe. Bei diesem Projekt waren wir mutig genug, uns für eine nicht standardmäßige Lösung zu entscheiden. Denn man muss wissen, das ist nur eine vorübergehende Installation für 10 Jahre. Bei anderen Projekten, die Standard-Baustoffe verwenden, versuchen wir, innovative Lösungen anzubieten, die gleichzeitig auch haltbar sind.

 

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Özlem Özdemir

 

 

Zur Website von Chybik + Kristof Architects & Urban Designers

Credits , unless otherwise stated:
© Photos (article): Lukas Pelech (by courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers)

 

 

 

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