Ein Schmuckkästchen für Schwabing

15. Dez 2017, in Objektberichte

Umspannwerk Schwabing. Courtesy of Hild und K Architekten. Foto © Michael Heinrich Fotografie für Architekten

 

Auf die Frage, wie sie die Geste ihrer Fassaden beschreiben würden, stellt Matthias Haber von Hild und K Architekten fest: „Unsere Gebäude sind immer passend für den Anlass gekleidet.“ Wie wahr das ist, kann man erneut an ihrem neuesten Schwabinger Projekt erkennen. Denn seit letztem August besitzt die Arcisstraße ein kupferbesetztes Schmuckkästchen, ein Umspannwerk à la Hild und K.

 

Technikgebäude können und dürfen auch ein wenig Grazie haben. Das scheinen die ornamentbegeisterten Architekten aus München mit diesem Projekt sagen zu wollen. Besonders wenn es passt. Und hier passt es. Denn der Entwurfsansatz ist nun wirklich nicht weit hergeholt. Was ist schließlich logischer, als bei einer solchen Gebäudefunktion wie bei einem Umspannwerk ein stromleitendes Material und seine Ästhetik zur Geltung zu bringen?

 

Umspannwerk Schwabing. Courtesy of Hild und K Architekten. Foto © Michael Heinrich Fotografie für Architekten

 

Zierhafte Zinnen

Aber nicht nur der mutige und dekorative Einsatz von Kupfer ist der Rede wert. Es gibt noch anderes zu entdecken. Die zierhaften Zinnen zum Beispiel. Manch nachdenklicher Betrachter könnte sich bei diesem Anblick fragen, was nur die Architekten zu solchen Anklängen an eine Burg bewogen haben könnte. Die Gründe sind weder romantisch noch zeugen sie von Geschmacksverirrung. Vielmehr sind sie eine raffinierte Mischung aus Ironie und Pragmatismus. Die Geschichte dahinter: Ursprünglich war das Gebäude gar nicht in dieser Höhe geplant. Und als die Aufstockung für die eingeplanten Büroetagen aufgeschoben wurde hinterließen die Architekten eine Reihe von Zacken. Zur (vorerst) verewigten Erinnerung an ihren eigentlichen Entwurf.

 

Umspannwerk Schwabing – ursprünglicher Entwurf mit Büroetagen (Ansicht Westen). Courtesy of Hild und K Architekten

 

Akzente aus Kupfer

Die Fassadengestaltung zur Straßenseite ist aber nicht nur aufgrund dieser herausragenden Attika auffällig. Der plastische Ausdruck kommt vor allem zustande durch die reliefartige Formgebung in der Oberfläche.

 

Umspannwerk Schwabing. Courtesy of Hild und K Architekten. Foto © Michael Heinrich Fotografie für Architekten

 

Direkt unterhalb der zwölf Zinnen befinden sich neun Lüftungsöffnungen. Sie treten leicht aus der Gebäudeoberfläche hervor und sind mit großmaschigen Kupfer-Streckmetallgittern versehen. Fast erinnern sie an Maschrabiyya, Gitterelemente die man an Erkerfenstern von traditionellen Bauten in Ländern wie Ägypten oder Pakistan finden kann.

 

Transformatoren formen die Fassade

Auf der untersten Ebene schließlich befinden sich drei große eingelassene und mit glatten Kupferflächen überzogene Öffnungen. Hier hinter stehen die Transformatoren, die nach ihrer Einbringung eingemauert wurden. Der Grund: Transformatoren sollten zwar eigentlich im Idealfall über Jahrzehnte halten und können am selben Standort bleiben – da es aber nie eine völlige technische Garantie gibt, wurde dafür gesorgt, dass die an diesen Stellen eingesetzten massiven Kalksteinmauern wieder abgerissen werden können.

 

Umspannwerk Schwabing. Courtesy of Hild und K Architekten. Foto (oben und unten) © Hild und K Architekten

 

Die wieder abreißbaren Kalksteinwände ermöglichen es also, dass die Transformatoren bei Ausfall oder am Ende ihrer Lebenszeit ausgetauscht werden können. Diese Maßnahme ist günstiger als eine wartungsaufwändige Austausch-Toranlage. Denn die würde im besten Falle nur alle dreißig Jahre zum Einsatz kommen.

 

Umspannwerk Schwabing. Courtesy of Hild und K Architekten. Foto © Michael Heinrich Fotografie für Architekten

 

Die Gestaltung der unteren drei Öffnungen, die in ihren Dimensionen an Tore erinnern, sind funktional motiviert. Sie bilden den Schwerpunkt der Fassadenkomposition. Außerdem weist die Einteilung in drei Abschnitte auf die für die Transformatoren brandschutztechnisch bedingten Abstände (F90) hin.

 

Umspannwerk Schwabing. Courtesy of Hild und K Architekten. Foto (oben und unten) © Michael Heinrich Fotografie für Architekten

 

Funktionale Zwänge und ästhetische Abwechslung

Aber auch die Einbuchtungen sind keineswegs nur eine ästhetische Abwechslung, sondern haben einen Sinn. Für den Betrieb der wärmeentwickelnden Trafos war pro Trafokammer eine Luftansaugung vorgesehen. Diese Einrichtung wiederum durfte aber nicht im Bereich des öffentlichen Gehwegs liegen. Gleichzeitig musste sie vor den Einbringöffnungen platziert sein. Das Problem wurde im ersten Schritt gelöst, indem man die Tore vom Gehweg absetzte. Der zweite Schritt: Die Nischen dieser Trafokammertoren, die durch das Zurücksetzen in Richtung Gebäude entstanden, erhielten eine Ausstattung mit kupfernen Streckmetallgittern. Diese rahmen nun die Nischen der Tore rundherum ein und sorgen mit ihrer Durchlässigkeit für die geforderte Luftansaugung.

 

Umspannwerk Schwabing. Courtesy of Hild und K Architekten. Foto © Michael Heinrich Fotografie für Architekten

 

Markanter Kontrast: Stahlbeton

Bei all dem Glanz, den das Kupfermaterial (noch) hat darf man aber auch den Hintergrund nicht vergessen, der ihn erst zur Geltung bringt. Die Mauern des Umspannwerks sind in Halbfertigbauweise aus Stahlbeton hergestellt. Die Oberfläche des Sichtbetons wurde übrigens durch Stocken behandelt. Mit ihrem grauen Farbton bildet der Beton einen neutral-matten Ausgleich zum Kupfermaterial, das allerdings in einiger Zeit nicht mehr so strahlend im Mittelpunkt stehen dürfte. Denn mit Nachdunklungen dieses rötlichen Metalls, das man ferner auch bei den sonstigen Verkleidungen, Absturzsicherungen und Fallrohren vorfinden kann, ist naturgemäß zu rechnen. Bleiben wird der markante Kontrast.

 

Zur Website von Hild und K Architekten

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