„Vorbehalte lassen sich durch gute Beispiele auflösen“

30. Jul 2014, in Energieeffizienz, Interviews

Lange galt der Baustoff Holz als altertümlich und ungeeignet für moderne, architektonische Projekte. Einer der sich nie um derlei Moden gekümmert hat, ist der Vorarlberger Architekt Helmut Dietrich. Für ihn passen der traditionsreiche Baustoff Holz, nachhaltige, energetische Konzepte, eine dezidiert soziale Komponente sowie zeitgenössische architektonische Antworten auf Problemstellungen bei Form und Konstruktion zusammen. Andere haben dafür das Label Neue Vorarlberger Bauschule gefunden. Im zweiten Teil des Interviews erklärt Helmut Dietrich wie Holz auch den Weg in die Städte finden könnte und wie sich Vorurteile gegenüber dem Jahrtausende alten Baustoff abbauen lassen.

 

Die Marktchancen für den Holzbau sind heute besser denn je. Hochschulen bieten Studiengänge wie „Holzingenieurwesen“ an, sie selbst sind Leiter des interdisziplinären Studiengangs „Überholz“ in Linz. Sehen Sie in dieser Entwicklung Belege dafür, dass Holz der Baustoff der Zukunft ist?

Helmut Dietrich: Ich denke, dass Holz ein ganz wichtiger Baustoff der Zukunft sein wird. Auf dem Ausbildungssektor läuft schon viel, aber es muss weiterhin einiges getan werden. Gerade die Tragwerksplaner bilden manchmal den Engpass in der Verwendung von Holz, weil es einfach wenige gibt, die sich mit dem Baustoff sehr gut auskennen oder Freude daran haben, dieses Wissen zu erwerben. Beton und Stahl steht bei vielen Arbeiten im Vordergrund. Aber auch Architekten entwickeln zuweilen Berührungsängste, weil bekannt ist, dass Holzbau detailintensiver ist und mehr Knowhow benötigt als andere Techniken. Diese Angst ist zum Teil auch berechtigt. Man muss gut ausgebildet sein, um einen funktionierenden Holzbau planen zu können. Die heutigen Ausbildungschancen im Ingenieurstudium, dem Architekturstudium oder in postgradualen Bereichen wie „Überholz“ stoßen auf großes Interesse und werden die Chancen des Holzbaus über die Jahre vergrößern.

 

Die Erweiterung am Campus Kuchl wurde im September 2009 als erster Hochschulbau in Österreich in Passivhausbauweise als moderner Holzbau fertiggestellt. Bild: Dietrich | Untertrifaller Architekten

Die Erweiterung am Campus Kuchl wurde im September 2009 als erster Hochschulbau in Österreich in Passivhausbauweise als moderner Holzbau fertiggestellt. Bild: Dietrich | Untertrifaller Architekten

 

Lässt sich der Baustoff auch in den Trend der wachsenden globalen Verstädterung eingliedern?

Helmut Dietrich: Bis zu einem gewissen Grad schon. Ich denke, dass sich in den Städten, wo Holzbau viele Jahre lang kein Thema war, nun die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Holz auch dort seine Qualitäten hat. Bei Aufstockungen und Dachbodennutzungen geht es darum, leichte Konstruktionen auf ein bestehendes Gebäude zu bringen. Auch bei städtischen Gebäuden hat Holz den großen Vorteil, dass der Bau sehr schnell mit möglichst geringer Belastung der Umgebung verbunden realisiert werden kann, weil einfach viel vorgefertigt wird und die Schmutz- und Lärmbelastungen vor Ort sehr gering sind. Hier eröffnen sich dem Holzbau auch außerhalb des ländlichen Kontextes Chancen.

 

Die tragende Holzkonstruktion ist mit geöltem Birkensperrholz verkleidet, nichttragende Zwischenwände sind in Gipskarton-Ständerbauweise ausgeführt. Bild: Dietrich | Untertrifaller Architekten

Die tragende Holzkonstruktion ist mit geöltem Birkensperrholz verkleidet, nichttragende Zwischenwände sind in Gipskarton-Ständerbauweise ausgeführt. Bild: Dietrich | Untertrifaller Architekten

 

Das Architektenbarometer, eine internationale Untersuchung unter europäischen Architekten, veröffentlichte gerade das Ergebnis, dass Holz in der Frage der Nachhaltigkeit vordere Plätze belegt. In Frankreich und den Niederlanden wurden allerdings viele Stimmen laut, die Holz als das am wenigsten nachhaltige Material bezeichnen. Können Sie sich solch eine divergierende Position erklären?

Helmut Dietrich: Nicht wirklich. Wenn man darüber nachdenkt, wie Holz wächst, wie es produziert wird und welche kurzen Wege es im Normalfall bis zum Einsatzort hat, ist diese Einschätzung schwer nachzuvollziehen. Es gibt auch genügend Untersuchungen zum Thema, welchen Effekt Holz auf unsere Umwelt hat, dass es CO2 bindet usw. Ich denke daher, dass diese Position aus Unwissenheit oder Abneigung gegenüber dem Baustoff resultiert. Logisch und nachvollziehbar ist sie meiner Ansicht nach nicht.

 

Um den Energiebedarf für die Kühlung im Sommer zu reduzieren, erhält das Gebäude südseitig eine fixe Beschattung. Sie verhindert im Sommer die direkte Sonneneinstrahlung. Durch die effiziente Nutzung von Tageslicht im ganzen Gebäude wird die Beleuchtungsqualität gesteigert und gleichzeitig der Energieverbrauch für Beleuchtung um bis zu 70 Prozent reduziert.

Um den Energiebedarf für die Kühlung im Sommer zu reduzieren, erhält das Gebäude südseitig eine fixe Beschattung. Sie verhindert im Sommer die direkte Sonneneinstrahlung. Durch die effiziente Nutzung von Tageslicht im ganzen Gebäude wird die Beleuchtungsqualität gesteigert und gleichzeitig der Energieverbrauch für Beleuchtung um bis zu 70 Prozent reduziert. Bild: Dietrich | Untertrifaller Architekten

 

Im Interview mit dem Ö1 Kulturjournal haben Sie vor kurzem unterschiedliche Länderbestimmungen und öffentlich kursierende Vorbehalte als Gründe genannt, die den Holzbau daran hindern, seine vollen Möglichkeiten auszuschöpfen. Wie sähe Ihrer Meinung nach eine Lösung aus?

Helmut Dietrich: Vorbehalte lassen sich am besten durch gute Beispiele auflösen. Auf theoretischer Ebene ist es immer schwer, jemanden zu überzeugen. Wir müssen zeigen, dass Holzbau funktioniert und dass er nicht gefährlicher ist als andere Techniken, dass er im Brandfall sogar Vorteile gegenüber anderen Materialien hat. Ich denke, an solchen handfesten Argumenten arbeiten derzeit eine Menge Architekten und Ingenieure, um dem Holzbau die ihm zustehende Referenz zu eröffnen und den Eindruck zu widerlegen, er sei nur für untergeordnete Bauten ein tauglicher Baustoff. Dafür braucht man ein gewisses Verständnis, für die Stärken, aber auch für die Fehleranfälligkeit des Baustoffs. Was dem Holzbau wie jeder anderen Technik schadet, sind unsinnige Beispiele, die Schäden produzieren oder sich auf Dauer nicht bewähren.

 

Homepage von Dietrich Untertrifaller Architekten

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1 Kommentar

  1. 1. Feb 2019, 4:54 pm erstellt von Lisa Weber

    Werde das mal bei Google checken