„Es ist nicht verwerflich ein Gefängnis zu bauen“ – Julian Weyer, C.F. Møller Architects

3. Sep 2015, in Fassadendesign, Interviews

Spektakuläre, öffentliche Bauten garantieren ein Höchstmaß an medialer Aufmerksamkeit. Dass hochklassige Architektur auch abseits des Scheinwerferlichts seine Berechtigung hat, zeigen die zahlreichen Industriebauten, die in den Büros von C.F. Møller entstehen. Selbst auf den ersten Blick kontroverse Aufträge, wie der Neubau eines staatlichen Gefängnisses, gehören bei dem traditionsreichen, dänischen Architekturbüro zum Aufgabengebiet der Designer. Mehr im folgenden Interview mit Julian Weyer, Partner bei C.F. Møller Architects.

 

CFM_Julian Weyer_MEW

 

Was ich jetzt auf Ihrer Homepage noch ganz interessant fand, sind die vielen Projekte im Bereich der Industriearchitektur. Das ist ungewöhnlich, weil man heutzutage Design und Industrie eigentlich gar nicht mehr so stark zusammenbringt, wie man das vielleicht noch vor 100 Jahren getan hat.

Julian Weyer: Das interessiert mich auch sehr. Auch in der Industriearchitektur haben wir teilweise mit Holz gearbeitet, wie beispielsweise beim Logistikzentrum für Bestseller in Dänemark, einem 50 000-Quadratmeter-Logistikbau, der mit Holz verkleidet ist. Das Thema Industriearchitektur interessiert mich, weil wir versuchen, hier Infrastruktur, Landschaft und Architektur völlig in einem zu denken und zu erschaffen. Dazu arbeiten wir fachübergreifend. Wir haben also eigene Landschaftsarchitekten und arbeiten voll integriert. Normalerweise wird bei technischer Infrastruktur oft einfach nur kaschiert. Es wird ein Ingenieurbau errichtet und dann wird drum herum gepflanzt, ganz grob gesagt. Unsere Idee ist, das anders zu machen und Infrastrukturgebäude so zu schaffen, dass sie auch tatsächlich sichtbar sein können.

 

Skive CHP station C.F. Møller, Photo: Ole Hein Petersen

Skive CHP station C.F. Møller, Photo: Ole Hein Petersen

 

Bei öffentlichen Gebäuden kann jeder das Publikum für Ihre Designs sein. Industriegebäude sind ja in der Regel nicht öffentlich zugänglich. Wer ist dann Ihr Publikum?

Julian Weyer: Sie haben Recht. Im Prinzip sind das typischerweise relativ wenig Arbeitsplätze und viele Quadratmeter Maschinen. Aber die Leute, die dort arbeiten, sind ein wichtiges Publikum. An sie denken wir beim Design sehr stark. Was aber auch sehr oft vorkommt, ist, dass beispielsweise ein Logistikzentrum irgendwo an einer Infrastrukturtrasse liegt, wo täglich 100.000 Autos vorbeifahren. Uns ist es dann wichtig, wie so ein Gebäude in der Landschaft aussieht.

 

 

Ist dieser Fokus auf Industriearchitektur in gewisser Weise auch ein Alleinstellungsmerkmal von Ihnen oder ein besonderer Kompetenzbereich von C.F. Møller?

Julian Weyer: Das könnte man sagen. Wir haben das immer schon getan. Uns gibt es ja schon seit 90 Jahren und zu unserer Geschichte gehört auch der Industriebau. Für uns ist es völlig natürlich, dass das mit dazugehört, weil wir keine Trennungen machen. Es ist gebaut und im öffentlichen Raum, dann ist es für uns also auch Architektur beziehungsweise Landschaftsarchitektur oder beides. Nicht nur die Prestigeobjekte sind interessant und wichtig, sondern einfach alles, was im öffentlichen Raum sichtbar ist. Aber es mag vielleicht schon ein bisschen ein Alleinstellungsmerkmal sein, wenn man es so mit anderen Büros vergleicht.

 

Compressor station Egtved C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

Compressor station Egtved C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

 

Und von der Arbeitsweise für Sie als Architekt macht das jetzt keinen Unterschied, ob Sie ein privates Wohnhaus oder irgendeinen Industriebau planen?

Julian Weyer: Ehrlich gesagt nein. Das ist tatsächlich kein Unterschied. Wir arbeiten genau in derselben Art, mit denselben Grundsätzen und denselben Prinzipien, denselben Methoden.

 

 

Ein weiteres, ganz ungewöhnliches Projekt, das ich auch noch auf Ihrer Webseite entdeckt habe, war das New Danish State Prison. Da habe ich jetzt natürlich nochmals einige Fragen dazu. Jetzt baut man ja nicht jeden Tag ein neues Gefängnis.

Julian Weyer: Hier in Dänemark so alle 20 Jahre mal ungefähr.

 

 

Wie geht man mit so einem Projekt um? Warum haben Sie sich überhaupt entschieden, an diesem Wettbewerb teilzunehmen?

Julian Weyer: Wir haben ziemlich viele Reaktionen bekommen, nachdem wir dieses Projekt das erste Mal publiziert haben. Interessanterweise kamen auch viele davon aus den USA, wo der Architektenverband protestierte und sagte, man dürfe an so etwas nicht teilnehmen, das sei unethisch. Das zeigt, wie weit wir da in unseren Grundsätzen auseinander stehen. Denn wir nehmen ja daran teil, weil es unethisch wäre, es nicht zu tun. Das ist unsere Sicht. Aber nicht unsere Sicht als Büro, sondern ich glaube, das ist die gesellschaftliche Sichtweise hier in Dänemark. In den USA ist es ein Problem, dass dort eine Gefängnisindustrie entstanden ist, bei der es hauptsächlich ums Geld geht.

Im dänischen Rechtssystem – übrigens nicht anders als im deutschen – ist es ja nicht so, dass die Räumlichkeiten irgendwie mit zur Strafe gehören. Die Strafe ist der Freiheitsentzug. Und wenn man sich anschaut, wie das in Dänemark praktiziert wird, dann ist es in ganz seltenen Fällen eine Strafe von mehr als zehn Jahren. Und das heißt, ob man will oder nicht: Das große Thema ist nicht, was während dieser Verwahrungszeit geschieht, sondern was geschieht hinterher. Das bestimmt die eigentlichen Kosten für die Gesellschaft, wenn man das so rechnen möchte. Und es bestimmt auch die ethische Qualität der Strafe. Es dreht sich also wirklich darum, wie kommt man wieder heraus. Deshalb ist es so, dass man sich in Dänemark ganz konsequent damit beschäftigt, wie kann der Bau selbst, die Räumlichkeiten, die Umgebung, einen positiven Beitrag zur Resozialisierung leisten. Wenn man das nicht tun würde, würde man einen Fehler machen. Sich damit zu beschäftigen, macht genauso viel Sinn, wie sich bei einem Krankenhausbau intensiv damit zu befassen, wie die Umgebung auf die Patienten einwirkt. Und deshalb ist es auch absolut nicht verwerflich, einen Wettbewerb auszuschreiben, und es ist auch nicht verwerflich ihn zu gewinnen und das Gefängnis zu bauen. Anders sehen wir das nicht.

 

 

Und wie konkret funktioniert das dann jetzt bei diesem Gefängnis? Was unterscheidet Ihren Entwurf von einem herkömmlichen Gefängnis?

Julian Weyer: Das Interessante bei dem Gefängnisbau ist, dass es im Gegensatz zum Krankenhausbau sehr wenige Vorbilder und Beispiele gibt, an die man sich anlehnen kann. Das heißt, man muss sein Konzept anders entwickeln. Es gibt zwischen den beiden auch Ähnlichkeiten, zum Beispiel das Thema Tageslicht und Aussicht in grüne Umgebung. Was im Krankenhausbau absolut zur Genesung beiträgt, hilft auch im Gefängnis, Aggressionen zu dämpfen. Das macht in beiden Fällen gleich viel Sinn. Aber es gibt natürlich andere Dinge, die kann man nicht so direkt übertragen kann. Es gibt generell wenige Beispiele, wenig Forschung, an die man sich anlehnen kann.

Wir haben das Konzept auf zwei Ebenen entwickelt. Rehabilitierung muss schon am ersten Tag beginnen. Das Masterplan-Designkonzept arbeitet damit, den Eindruck des Gefangenseins zu reduzieren. Das heißt ganz simpel, der Abstand zur Mauer ist erhöht, es gibt mehr grüne Umgebung, man schaut also nicht auf die Betonmauer, sondern man hat den Blick in die Landschaft. Man kann zum Teil auch über die Mauer hinwegschauen, sieht, dass die Welt draußen noch existiert. Das gehört auch dazu. Und gleichzeitig entsteht so mehr Freiraum, der es ergmöglicht, eine kleine Landwirtschaft, Gärten und so etwas anzulegen. Das hat mit der Beschäftigung zu tun, was tut man mit dieser Zeit im Gefängnis.

 

New, closed state prison in Falster C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

New, closed state prison in Falster C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

New, closed state prison in Falster C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

New, closed state prison in Falster C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

 

Die Gefangenen sollen also aktiv am Leben teilhaben, ihren eigenen Lebensraum zum Teil auch selbst gestalten, statt lediglich passiv ihre Zeit abzusitzen?

Julian Weyer: Genau das ist die Idee. Und das Zweite ist: Das Gefängnis ist organisiert wie ein Dorf und auch ganz konkret inspiriert von den Dörfern der Umgebung, südlich von Kopenhagen auf der Insel Falster. Dort sind viele Dörfer seit den Bodenreformen sternförmig arrangiert. Und dieser ganze Bau, das ganze Layout des Gefängnisses, ist davon inspiriert. Es gibt ein kleines Dorfzentrum und viele separate Gebäude, nicht ein großer Bau. Das heißt, man bewegt sich zwischen den Gebäuden und man hat so etwas wie einen öffentlichen Raum, wenn man es so nennen kann. Oder wenigstens einen Raum, der so funktioniert wie der öffentliche Raum. Die Navigation in solchen Umgebungen gehört auch mit zur Rehabilitierung, zur Resozialisierung.

 

 

Die Kompetenz für komplexere soziale Interaktionen bleibt erhalten?

Julian Weyer: Genau das meine ich. Und dasselbe gilt dann im ganz nahen Bereich sozusagen für die einzelnen Abschnitte. Es hat natürlich auch viel mit Sicherheit zu tun, wie einzelne Abschnitte gemanagt, untereinander aufgeteilt und getrennt werden können. Das gehört zu einem modernen Gefängnis dazu. Aber es muss auch relativ unaufdringlich sein. Wie gesagt, die Technik ist nicht unbedingt das, was man sehen muss. Aber es ist eben im ganz kleinen Bereich so, dass die einzelnen Abschnitte eigentlich als Wohneinheiten funktionieren, ein bisschen WG-artig. Die Bewohner haben gemeinschaftliche Küchen und machen auch ihr Essen selber. Das ist absolut nicht, wie man es in amerikanischen Filmen sieht. Im Gegenteil, die kleinen Zellenabschnitte kaufen selber ein, machen selbst Essen in Gemeinschaftsabschnitten in der Küche. Es ist also eher mit einem Studentenwohnheim vergleichbar als mit einem amerikanischen Gefängnis. Und eben auch das gehört dazu. Da sind schon viele Prinzipien drin, die eben anders gedacht sind. Und deshalb macht es ja auch für uns absolut Sinn, sich damit zu befassen. Es wäre völlig verkehrt, wenn keine Architekten mit dabei wären. Wiederkehrende Kriminalität ist viel teurer als ein einzelner, durchdachter Bau.

 

 

Wenn Sie in die Zukunft blicken, welche wichtige Entwicklungen sehen Sie in den kommenden Jahren?

Julian Weyer: Bestimmt viele, in unterschiedlichen Richtungen. Derzeit arbeiten wir an mehreren großen Forschungsbauten, was ein sehr wesentliches Thema ist für uns. Beim Wohnungsbau dominieren immer noch viel Neubauten, aber es kommen auch immer mehr Nachrüstungen von bestehenden großen Wohnsiedlungen der 60er-, 70er-Jahre. Dabei muss nach ganz neuen Prinzipien gearbeitet werden. Es geht um eine Art soziales Masterplanning als Voraussetzung für eine eigentliche Architektur. Wie muss man die Infrastruktur ändern, die Zusammensetzung der Bewohner, die Attraktivität der einzelnen Wohntypen und so weiter, um die dort oftmals herrschende Monotonie zu durchbrechen. Oftmals macht man nur eine Fassadenrenovierung. Aber es reicht nicht, nur die Fassaden zu dämmen. Es braucht schon eine Strategie dafür, wie man die Stadtteile neu beleben will.

 

 

Da spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass wir immer älter werden oder der demografische Wandel natürlich, und dass die Alten viel länger aktiv sind und intensiv teilhaben wollen am Leben.

Julian Weyer: Ja, das einerseits, und idealerweise auch so lange wie möglich oder eigentlich immer zu Hause wohnen bleiben möchten. Es gibt Umfragen in Deutschland zum Thema „Wie möchte man am liebsten im Alter wohnen?“ Die erste Antwort ist „in der eigenen Wohnung“. Das sind ungefähr 90 Prozent. Die nächste Antwort wäre dann eventuell in einer WG oder so etwas, das teilen sich dann die restlichen vier, fünf Prozent, und dann geht es abwärts mit Altenheim und eigene Familie und so etwas. Diese Tendenz ist ganz deutlich. So lange wie überhaupt nur möglich möchte man einfach zu Hause bleiben. Und das heißt eben auch bei solchen Nachrüstungen, Umbauten, Revitalisierung und so etwas, das ist immer ein ganz großes Thema, das auch so zu gestalten, dass es dann als lebenslängliche Wohnung nutzbar bleibt.

 

Das klingt spannend! Vielen Dank  für das Interview.

Den ersten Teil des Interviews lesen.

 

Die komplette Bildergalerie anschauen:

 

Zur Website von C.F. Møller

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