Architektur der Veränderung

17. Nov 2016, in Veranstaltung, Vortrag


Mit ihrem 25. Vortrag startet die Reihe „Novembertalks“ der Sto Stiftung in eine neue Dimension: Neben Positionen zeitgenössischer Architektur sollte es 2016 auch um die soziokulturellen und sozialpolitischen Implikationen des architektonischen Schaffens gehen. Den Auftakt machte am 14. November 2016 Luyanda Mpahlwa. Der Architekt aus Kapstadt zeigte eindrucksvoll, wie Architektur Lebenswelten verändern kann – und dabei nie auf die Menschen vergisst.

Ein unendliches Meer aus niedrigen Wellblechhütten, am Horizont die Silhouette einer modernen, pulsierenden Innenstadt. Das ist das Bild, das viele Megastädte der Welt heute präsentieren, ob Mumbai, Bogota oder Kairo. Oder das südafrikanische Kapstadt. „Slum upgrading“ nennt Luyanda Mpahlwa, geboren 1958 in Mthata, den Transformationsprozess, der das Leben der Menschen in diesen ständig wachsenden Peripherien verbessern soll. Ihnen einen mehrstöckigen Siedlungsblock Marke Europa hinzustellen, würde nichts bringen, meint er: „Die Menschen fühlen sich so nur entwurzelt. Informelle Siedlungen entstehen trotzdem, die Leute verwenden ihre eigenen Materialien, die Community ist stark.“ Um Slums „upzugraden“, weiß er, müssen die Menschen teilhaben an der Veränderung.

Luyanda Mpahlwa aus Südafrika eröffnete die diesjährigen November Talks an der TU Graz

Luyanda Mpahlwa aus Südafrika eröffnete die diesjährigen November Talks an der TU Graz

 

„Architektur muss sich neu definieren“
Eine der größten historischen Veränderung der Welt, das Ende der Apartheid, hat Luyanda Mpahlwa direkt miterlebt. Als die Studentenproteste auf ihrem Höhepunkt waren, machte er gerade seinen Collegeabschluss. 1981 landet er als Anti-Apartheid-Aktivist im Gefängnis, geht fünf Jahre später nach Deutschland ins Exil, wo er sein Architekturstudium in Berlin abschließt. 2000 geht er zurück nach Kapstadt, eröffnet ein Architekturbüro und arbeitet seitdem daran mit, Kapstadt und Südafrika zu verändern – nicht politisch, sondern architektonisch. Obwohl das, seiner Meinung nach, nicht wirklich zu trennen ist: „Wir haben es als Architekten nicht nur mit Gebäuden zu tun“, sagt er, „sondern mit Umgebungen und Situationen. Es geht längst nicht mehr nur darum, Formen zu schaffen. Die Rolle der Architektur definiert sich neu.“

1981 wurde Mpahlwa als Anti-Apartheid-Aktivist nach Robben Islang gebracht, wo zuvor auch schon Nelson Mandela inhaftiert wurde

1981 wurde Mpahlwa als Anti-Apartheid-Aktivist nach Robben Island gebracht, wo zuvor auch schon Nelson Mandela inhaftiert wurde

 

Das bedeutet, auch das Bauen radikal neu zu denken. Wenn Zement und Holz zu teuer sind, geht man eben andere Wege. Man füllt zum Beispiel Verstrebungselemente mit Sandsäcken und verputzt das Ganze. „10 x 10 Sandbag Housing“ nennt sich diese mehrfach preisgekrönte originelle Lowcost-Bauweise, die im Freedom Park Township eine ganze Siedlung aus zweistöckigen, bunten und verspielten Wohnhäusern entstehen ließ. Das Beste daran: Ein Sack wiegt nur sieben Kilogramm. Die gesamte Community arbeitet selbstverständlich mit am Bau ihrer Häuser – ganz so, wie sie es für eine Wellblechhütte auch getan hätten. Die neuen Häuser schaffen viel öffentlichen Raum, der nötig ist für ein Leben, das sich oft draußen abspielt – Handel, Kleingewerbe, soziales Leben. „Man muss die Menschen teilhaben lassen an der Veränderung“, betont Mpahlwa.

Der südafrikanische Architekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben der Menschen in den Slums mit seiner Architektur zu verbessern

Der südafrikanische Architekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben der Menschen in den Slums mit seiner Architektur zu verbessern

Architektur für Menschen in den Townships
Die Sandsack-Architektur kam auch im Philippi Township zum Einsatz. Eine Suppenküche für 200 Kinder hat man mit derselben Technik erbaut. Zweistöckig, bunt, einladend, kindgerecht. Dazu passend gestaltete Mpahlwa ein Zentrum für die Nachmittagsbetreuung. Trotz knappen Budgets entstand ein wahres Kinderparadies, das aussieht wie aus bunten Bausteinen errichtet. Elektrizität ist kostbar, daher hat Luyanda Mpahlwa das Gebäude mit Tageslicht fluten lassen. Die Zukunft der Kinder – und damit die Schulbildung – sind ohnehin der Dreh- und Angelpunkt für eine positive Veränderung in Südafrika.

Der Südafrikaner im anschließenden Diskussionsrunde mit Roger Riewe und Claudia Volberg

Der Südafrikaner im anschließenden Diskussionsrunde mit Roger Riewe und Claudia Volberg

 

„50 Schulen in 50 Wochen“ nennt sich ein mutiges Projekt, das den fensterlosen, trostlosen „Schlammschulen“ im östlichen Kapstadt den Kampf ansagt. In kürzester Zeit und mit wenig Geld schuf das Department of Basic Education 50 neue Schulgebäude im ländlichen Raum. Das Design lieferte Luyanda Mpahlwa. Schon die Logistik allein schien unüberwindbar: „Ohne Hubschrauber waren viele Orte unzugänglich.“ Durch geschickte Planung und Auswahl der Materialien und durch die perfekt organisierte Zusammenarbeit entstanden in kurzer Zeit Klassenzimmer, Bibliotheksräume, Labors und moderne Toilettenanlagen für Schülerinnen und Schüler, das Lehrpersonal und die Verwaltung – und das mal 50. Um einen hellen Hof herum gruppieren sich einstöckige Gebäude, wieder freundlich, hell, kindgerecht und einladend. „Architektur heute heißt, über die Relevanz unserer Arbeit nachzudenken und inklusive statt exklusive Lebensräume zu gestalten“, sagt Luyanda Mpahlwa. Mit anderen Worten: zu verändern.

 

Luyanda Mpahlwa, Architekt and Urban Designer in Kapstadt, studierte Architektur an Technischen Universtät Durban, bis er 1981 inhaftiert wurde. Er schloss sein Masterstudium nach seiner Entlassung an der Technischen Universität Berlin im Exil ab. 2000 ging er zurück nach Südafrika und gründete 2009 das Büro DesignSpaceAfrica. Er war maßgeblich am Bau der Botschaft Südafrikas in Berlin beteiligt. Sein Projekt „50 Schulen“ wurde bei der Biennale in Venedig 2016 ausgestellt. Er bekam das Ehrendoktorat der Walter Sisulu University für seine architektonischen Innovationen. Die Sandsackhäuser wurden 2008 mit den Curry Stone Design Prize in den USA ausgezeichnet.

Mehr Infos über DesignSpaceAfrica: www.designspaceafrica.com

Fotos und Video: Marius Sabo

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