Würdiger Ort des Abschiednehmens

28. Jul 2016, in Objektberichte

Der holzverkleidete Turm birgt die vertikale Erschließung und verbindet die Eingangsebene mit Parkplatz und Straßenniveau

Der holzverkleidete Turm birgt die vertikale Erschließung und verbindet die Eingangsebene mit Parkplatz und Straßenniveau

Mit dem Velatorio de Jove errichteten die Architekten Alfredo Estebanez Garcia und Eduardo Garcia Diaz im spanischen Gijón einen reduzierten, aber würdigen Ort des Abschiednehmens.  Die Leichenhalle steht ganz im Zeichen der Tradition der häuslichen Totenwache. Sie ist ein Angebot für die Lebenden ohne Zeremonie oder festen Ritus von den Verstorbenen Abschied nehmen zu können. Die Umsetzung dieser speziellen Anforderungen an das Bauwerk ist unter architektonischen Gesichtspunkten besonders interessant gelöst.

Wer den langen Weg bevorzugt, benutzt die Rampe auf der Rückseite des Gebäudes und erreicht so den Eingangsbereich.

Wer den langen Weg bevorzugt, benutzt die Rampe auf der Rückseite des Gebäudes und erreicht so den Eingangsbereich

 

Die klassische Totenwache gibt es in Europa kaum noch, und im Trauerhaus für ein oder zwei Tage aufgebarte Verstorbene kennen wir vorzugsweise von historischen Gemälden oder aus Filmen. Da wird Abschied genommen – offiziös, privat, intim, allein, zu zweit, in kleinen Gruppen. Das Velatorio de Jove in der Küstenstadt Gijon in Asturien steht voll und ganz in der Tradition der Totenwache. Bei dieser Bauaufgabe ging es für die Planer darum, ein Raumprogramm umzusetzen, das in seiner hellen offenen Grundhaltung alle individuellen Ausprägungen von Trauer und Abschiednehmen unterstützt.

Im rechten Abschnitt des 70 Meter langen Riegels befindet sich die Gastronomie.

Im rechten Abschnitt des 70 Meter langen Riegels befindet sich die Gastronomie

 

Funktionelles Bauwerk des Abschiednehmens
Der in einen Südhang gegrabene und insgesamt fast 80 Meter lange Gebäuderiegel stellt sich von der Straße als eingeschossiges Gebäude dar. Oberhalb eines vier Meter hohen Geländesprungs öffnet es sich mit großzügigen Verglasungen zum Hafen hin. Kein religiöses Symbol gibt die Funktion der Anlage zu erkennen. Lediglich das unscheinbare Schild des Bestattungsunternehmens neben der Pkw-Zufahrt zum hinteren und höher gelegenen Teil des Grundstücks mit den Parkplatzen gibt einen Hinweis darauf. Von dort oben, vielleicht zehn Meter über Straßenniveau, zeigt sich das Gebäude vor allem als Dachlandschaft. Der Besucher erreicht das Eingangsniveau auf der Rückseite über einen markanten turmartigen Kubus mit Lift und Treppe. Hinter dem Eingang passiert er in einem weiten Foyer linkerhand zunächst einen Counter. Unvermittelt findet er sich dann in einer sich zu beiden Seiten hin erstreckenden Halle von beeindruckender Länge.

Weit und offen, klar und lichtdurchflutet präsentiert sich dem Besucher das Foyer mit einer freien Sicht bis zum Hafen.

Weit und offen, klar und lichtdurchflutet präsentiert sich dem Besucher das Foyer mit einer freien Sicht bis zum Hafen

 

Die gesamte Südfassade der sich in zwei Funktionsbereiche gliedernden Halle öffnet sich großzügig zur Aussicht über das Hafenareal. Links befindet sich eine Gastronomiezone. Rechts beginnt eine etwa 50 Meter messende Flucht, die im Wesentlichen von den Unterzügen des Pultdachs sowie von fünf in regelmäßigen Abständen angeordneten Polstergruppen gegliedert wird. Jede Polstergruppe markiert den Zugang zu einer kleinen, intimen Raumfolge mit introvertiertem Atrium, einem Garderoben- und WC-Bereich sowie zwei Räumen mit Polstersitzen für die Hinterbliebenen und der Sargkammer.

Östliche Seitenansicht mit der Gastronomie- und Bürozone links, dem Erschließungsturm und dem öffentlichen Parkplatz rechts.

Östliche Seitenansicht mit der Gastronomie- und Bürozone links, dem Erschließungsturm und dem öffentlichen Parkplatz rechts

 

Ein oder zwei Tage wird ein Leichnam hier aufgebahrt. Die eigentliche Bestattung findet danach auf einem Friedhof statt. Den Architekten ist es gelungen, den öffentlichen Bereichen neben einer ruhigen Würde sowohl angenehme Weitläufigkeit als auch angemessene Intimität zu verleihen. Große und kleinere Räume ziehen ihre Qualität aus schnörkelfreier Klarheit und Ruhe, aus perfekter Bauausführung und dem Kontrast von hellen und dunklen Flächen.

Der Blick vom Ende des Foyers nach rechts in die lange Halle mit ihren Zugängen zu den einzelnen Aufbahrungszonen.

Der Blick vom Ende des Foyers nach rechts in die lange Halle mit ihren Zugängen zu den einzelnen Aufbahrungszonen

 

Die Tageslichtführung ist spannend und setzt wirksame Akzente, nutzt Oberlicht, Innenhöfe und Verschattung. Das Kunstlichtkonzept unterstützt sowohl im Inneren als auch im Außenbereich die Zonierung, Gliederung und Hervorhebung verschiedener Bereiche. Bis zu fünf Verstorbene können gleichzeitig besucht werden. Trauernde finden sich in diesem großzügigen Interieur daher nicht zwangsläufig allein. Und nur wer es möchte oder aushält, betritt den „engeren Kreis“ und kann sich auch dort noch entscheiden, einen Blick auf den geöffneten Sarg zu werfen oder nicht. Die Totenwache ist schließlich keine Frage der Konfession, und so ist dieses Gebäude in allem ein Angebot für die Lebenden zu Ehren der Verstorbenen.

Mehr Infos über AE Arquitecto: www.aearquitectos.net

 

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1 Kommentar

  1. 7. Okt 2016, 11:58 pm erstellt von Francisco Puente

    En Querétaro hay obras semejantes realizadas por Grupo Puente