Winy Maas von MVRDV – Wenn man nicht am Normalen klammert

26. Aug 2016, in Fassadendesign, Interviews

Courtesy of MVRDV. Foto © Christiaan Krouwels

Winy Maas. Courtesy of MVRDV. Foto © Christiaan Krouwels

 

Der niederländische Architekt Winy Maas von MVRDV im Interview. Er spricht über Neugier und starres Denken. Über die Schönheit eines Paradoxons und den Radikalen Pragmatismus, über Träume von neuen Materialien und die Bedeutung von kulturellen Einflüssen. Über Erweiterung der Grenzen und darüber wie man immer nach den nächstmöglichen Schritten in der Architektur Ausschau halten kann. Winy Maas forscht mit seiner ‚Why Factory‘ an der TU Delft über urbane Fragen der Zukunft. Aber sein Büro in Rotterdam kann, neben internationalen Großprojekten, auch im Kleinen zaubern. Das jüngst eröffnete Crystal Houses in Amsterdam mit seiner poetisch anmutenden Fassade aus neu entwickelten Glasziegeln zeugt davon.

 

Wir fragen ‚warum‘?

Herr Maas, neben Ihrer Büroarbeit sind Sie tätig an der Architekturfakultät der TU Delft. Dort sind Sie Leiter von The Why Factory, einem sog. Think-Tank. Offensichtlich lieben Sie Fragen und die Neugier an sich …

 

Winy Maas: Natürlich! Für mich ist Neugier der Anfang aller guten Ideen. Neugier ist das was uns antreibt, etwas zu tun, oder nicht? Sie bringt uns dazu, Fragen zu stellen, Themen nachzugehen und zu erforschen und genau darum geht es bei The Why Factory. Ich versuche, die Studierende dazu zu bringen, richtig zu erforschen wie wir heutzutage leben, wie wir das möglicherweise in Zukunft tun werden, wie das Leben in hypothetischen Szenarien denkbar wäre … es geht einfach darum zu fragen ‚warum?‘.

 

Architektur ist mehr als Ästhetik

Und warum genau ist es für Sie wichtig, nach diesem ‚warum‘ zu fragen, wenn es um Architektur geht? Ist ästhetische Sensibilität nicht genug, um gute Qualität zu erzeugen?

Winy Maas: Bei Architektur geht es um mehr als, wie Sie sagen, ‚ästethische Sensibilität‘. Es geht um Menschen, die Gebäude nutzen und darum wie sie sie nutzen. Es geht darum, wofür das Gebäude stehen will, was es versucht zu erreichen. Die gute Qualität eines Gebäudes entsteht durch die Arbeit eines Architekten, der versucht, die Menschen, die Umgebung und die Nutzung zu verstehen … alles zu wissen wäre schön, aber wir können uns dem nur nähern, indem wir fragen ‚warum?‘ und dann alle Antworten, die dabei herauskommen, erforschen.

 

Innovative Wege

Mit der Wohnanlage WoZoCo wurde das Büro MVRDV vor fast 20 Jahren bekannt. Besonders markant sind ihre akrobatischen Auskragungen. Die Idee entstand aus einer halb scherzhaft gemeinten Lösung während einer der ersten Besprechungen – Wohneinheiten, die auf dem Grundstück keinen Platz mehr hatten, sollten ‚evakuiert‘ werden. Am Ende wurde die Gebäudehülle zu diesem Ort der ‚Evakuierung‘. War das der Beginn Ihrer Faszination für Fassaden?

MVRDV, WoZoCo, Wohnanlage, Amsterdam-Osdorp (Holland). Courtesy of MVRDV. Foto © Rob 't Hart

WoZoCo, Wohnanlage, Amsterdam-Osdorp (Holland). Courtesy of MVRDV. Foto © Rob ‚t Hart

 

Winy Maas: Ich denke nicht. Für mich kündigt es etwas anderes an. Was den Leuten an diesem Gebäude als erstes auffällt, sind diese auskragenden Massen, die sich der Schwerkraft zu widersetzen scheinen … dabei war dieses Projekt das Ergebnis unserer langen Studien über ‚Dichte‘. Alles drehte sich darum, einen innovativen Weg zu finden, um mehr Raum aus einer begrenzten Grundfläche herauszuholen. Gleichzeitig haben wir uns wirklich auf den Komfort für die Nutzer konzentriert und nicht bloß darauf, Leute hineinzustopfen. In diesem Fall lag die Innovation darin, Lebensraum aus dem Gebäude auskragen zu lassen. Diese Idee, neue Arten zu finden für eine verstärkte Dichte, taucht in unseren Projekten immer wieder auf und jedes Mal versuchen wir andere Möglichkeiten dafür zu finden. Ich schätze, für uns ist WoZoCo heute eine Inspiration und eine Ermahnung, sich auf die wichtigen Aspekte zu konzentrieren.

 

Was wäre wenn …

Apropos scherzhafte Lösung, und das ist jetzt ernsthaft gemeint, was denken Sie über Witz und Humor in der Architektur und im Entwurfsprozess?

 

Winy Maas: Beim Entwerfen sorgen wir dafür, im Kopf so unvoreingenommen wie möglich zu bleiben. Out-of-the-box-Ideen und Lösungen entstehen dann, wenn man in den Gesprächen über Entwürfe den Humor bewahrt. Das heißt nicht unbedingt, dass die Architektur selbst witzig oder lustig werden muss. Aber wie viele großartige Ideen haben doch ursprünglich angefangen mit der scherzhaften Frage  ‚Was aber wäre wenn wir dieses oder jenes tun würden?‘ Wenn man im Denken zu starr und streng ist, schränkt das die Möglichkeiten eines Projekts ein.

 

Markthal Rotterm. Courtesy of MVRDV. Foto © Daria Scagliola/Stijn Brakkee

Markthal Rotterm. Courtesy of MVRDV. Foto © Daria Scagliola/Stijn Brakkee

 

Markthal Rotterdam – ein schönes Paradox

Wie man diese Starrheit im Denken überwinden kann zeigt sich an ‚Markthal Rotterdam‘: Ein riesiger aufgeblasener Bogen, in ihm Wohnungen und unter ihm ein öffentlicher Raum. Ich habe mich gefragt, ob dieses Gebäude überhaupt eine Fassade hat und ob ein Bogen eigentlich eine Vorder- und Rückseite hat, ob wir mit ihrer bunten Innenseite den extremen Fall einer ‚inneren Fassade‘ haben, und ob das Wort ‚Fassade‘ nicht nur ein äußeres Gesicht, sondern auch ein inneres Gesicht bedeuten kann. Ist Ihnen mit diesem Projekt ein architektonisches Paradox gelungen?

 

Winy Maas: Allerdings ist es ein schönes Paradox, oder? Wenn nicht sogar ein eigenartiges? Normalerweise schauen ja Menschen aus Fenstern, um zu sehen was draußen los ist, sie schauen nicht nach innen. Aber hier haben wir die Sache umgedreht.  Was man traditionell das Äußere eines Gebäudes nennen würde wird hier zu einer Erweiterung des Platzes. An der Fassade wurde der gleiche Stein benutzt wie bei der Pflasterung und so wirkt es, als wenn  dieses Material vom Boden am Gebäude aufsteigt und über ihn hinweggeht. Auf diese Weise wird das Innere zur eigentlichen Fassade, gerade bei einem solchen Gebäude, das nach allen Seiten offen ist und nicht einmal eine Front hat. Aber vielleicht liegt der Erfolg von ‚Markthal Rotterdam‘ genau darin, dass man nicht so klammert an dem, was man als normal betrachten würde.

Markthal Rotterm. Courtesy of MVRDV. Foto © Daria Scagliola/Stijn Brakkee

Markthal Rotterm. Courtesy of MVRDV. Foto © Daria Scagliola/Stijn Brakkee

Markthal Rotterm. Courtesy of MVRDV. Foto © Ossip van Duivenbode

Markthal Rotterm. Courtesy of MVRDV. Foto © Ossip van Duivenbode

 

Radikaler Pragmatismus

MVRDV ist bekannt für die ‘Erfindung’ von Formen. Oft gehen Ihre Formen in etwas anderes über, Grenzen verwischen usw. Ein Bogen wird zu einem Gebäude, das Gebäude wird zu einem  Marktplatz – ein anderes Beispiel für dieses Phänomen wäre Ihr Projekt The Couch, das man auch eine ‚informelle Tribüne‘ nennen könnte …

MVRDV, The Couch, Amsterdam. Courtesy of MVRDV. Foto © Daria Scagliola & Stijn Brakkee

MVRDV, The Couch, Amsterdam. Courtesy of MVRDV. Foto © Daria Scagliola & Stijn Brakkee

 

Winy Maas: Die Formen kommen eigentlich aus einer sehr praktischen Architekturhaltung. Tatsächlich sprechen wir hierbei vom ‚Radikalen Pragmatismus‘. Programm und Nutzung geben die Gebäudeform vor, die wir brauchen und dann reizen wir diese Idee so weit es geht aus, um das meiste aus ihr herauszuholen. Es ist auf keinen Fall so, dass wir uns eine Form aussuchen und dann eine Nutzung dafür finden, ganz im Gegenteil. Diese einfachen Formen kommen aus einem extrem soliden und klaren Konzept und genau durch diese Klarheit des Konzepts werden sie so erfolgreich.

 

Eine Fassade und ihre Assoziationen

Ihr Entwurf für Lyon Part-Dieu Shopping Center geht aus einem gewonnenen Wettbewerb von 2013 hervor. ‚Part-Dieu‘ stammt aus den 70iger Jahren, Ihre Pläne für die Sanierung wurden im Februar veröffentlicht. Mich persönlich erinnert die neue Fassade mit weißem Muster an Spitzen, die sich an einigen Stellen auflösen oder sogar an zerissene Nylonstrümpfe. Man hat das Gefühl, als wollte man die Oberfläche dieses riesigen Baukomplexes entmaterialisieren. Was steckt hinter diesem Fassadendesign?

 

Winy Maas: Die neue Fassade selbst soll aus wiedergenutzten Teilen des bestehenden Shopping Centers gemacht werden. Das alte Gebäude ist bekannt für sein unverkennbares, fast ikonisches Muster. Aber so wie es im Moment ist, schottet es sich ab von der Öffentlichkeit, es ist überhaupt nicht einladend. Das haben wir bedacht, als wir uns zum Ziel setzten, es mehr zu öffnen. Unser Entwurf wirkt filigran, das ist wichtig, damit ein starker Kontrast entsteht zu dem was jetzt dort existiert, eine schwere unfreundliche Masse. Das Schöne an der neuen Fassade ist, dass sie die Leute an so viele verschiedene Dinge erinnert. Aber das Gefühl, das sie weckt, ist immer dasselbe. Wenn es Spitzenware ist, an die man denkt, dann sind vielleicht die Ränder verbrannt, bei der Assoziation Zucker könnte man sich vorstellen, dass er sich auflöst und Schneeflocken würden verdampfen …

MVRDV, Lyon Part-Dieu, Einkaufszentrum, Lyon. Courtesy of MVRDV. Bild © L'Autre Image

MVRDV, Lyon Part-Dieu, Einkaufszentrum, Lyon. Courtesy of MVRDV. Bild © L’Autre Image

 

MVRDV, Lyon Part-Dieu, Einkaufszentrum (vorheriger Zustand), Lyon. Courtesy of MVRDV

Lyon Part-Dieu, Einkaufszentrum (Bestand), Lyon. Courtesy of MVRDV

 

Recycling von Oberflächenstrukturen

Wie soll dieser Eindruck der Auflösung oder Verdampfung realisiert werden?

Winy Maas: Wir nehmen die alten Paneele der ursprünglichen Fassade und setzen diese wieder ein, aber – und nur so funktioniert es – gleichzeitig erweitern wir das Ganze mit einer Reihe von neuen Paneelen. Diese neuen Teile haben unterschiedliche Durchlässigkeiten und das letzte und am meisten geöffnete einer solchen Reihe ist aus Glas.

Ornamentale Oberflächenstruktur Lyon Part-Dieu, Einkaufszentrum (gegebener Zustand), Lyon. Courtesy of MVRDV

Ornamentale Oberflächenstruktur Lyon Part-Dieu, Einkaufszentrum (Bestand), Lyon. Courtesy of MVRDV

 

MVRDV, Neue Oebrflächenstruktur Lyon Part-Dieu, Einkaufszentrum, Lyon. Courtesy of MVRDV. Bild © MVRDV

MVRDV, Neue Oberflächenstruktur Lyon Part-Dieu, Einkaufszentrum, Lyon. Courtesy of MVRDV. Bild © MVRDV

 

Kacheln für die Innenstadt von Peking

Eine weitere interessante Fassade Ihres Büros kann man sehen an Ihrem Entwurf für ein Shopping Center in Peking: Chongwenmen M-Cube. Auffällig ist ihr Perlmutt-Effekt. Ich war überrascht zu lesen, dass jedes einzelne Teil handglasiert ist. Was können Sie uns sagen zu diesem speziellen Material?

MVRDV, Chongwenmen M-Cube, Einkaufszentrum, Peking. Courtesy of MVRDV

MVRDV, Chongwenmen M-Cube, Einkaufszentrum, Peking. Courtesy of MVRDV

 

Winy Maas: Diese Idee mit den Kacheln kam ehrlich gesagt als Reaktion auf das Bedürfnis nach einer individuelleren und interessanteren Architektur für die Innenstadt von Peking. Gleichzeitig aber musste man sich an strikte Bauordnungen halten. Wir brauchten demnach etwas was schön war und dabei, sagen wir mal, nicht verrückt – so war wenigstens die Forderung. Wir brauchten also ein Material mit zwei Eigenschaften und wir haben uns umgeschaut nach Beispielen, die in sich verschiedene Charaktereigenschaften bergen. Das schönste Material, auf das wir stießen, waren diese glasierten Kacheln. Jede einzelne ist gebrannt und handglasiert, was sie alle unterschiedlich glänzen lässt. Dadurch sieht das Gebäude, je nachdem wo man steht, anders aus. Mal fügt es sich harmonisch ein, mal hebt es sich ab.

 

DNB Bank in Oslo ist urnorwegisch

Die Architektur von MVRDV  ist konzeptbetont  und scheinbar unabhängig von kulturellen Einflüssen. Aber wenn man sich die Fassade von Chongwenmen M-Cube anschaut, spürt man schon eine gewisse kulturelle Referenz. Dieses perlmuttartige und schimmernde Material erinnert an chinesische Lackkunst und natürlich sind Perlmutteinlagen ein wichtiger Teil der Ostasiatischen Kunst …

MVRDV, Chongwenmen M-Cube, Einkaufszentrum, Peking. Courtesy of MVRDV

MVRDV, Chongwenmen M-Cube, Einkaufszentrum, Peking. Courtesy of MVRDV

 

MVRDV, DNB Bank, Oslo. Courtesy of MVRDV. Foto © Jiri Havran

MVRDV, DNB Bank, Oslo. Courtesy of MVRDV. Foto © Jiri Havran

 

Winy Maas: Es ist nicht so, dass unsere Arbeit unabhängig wäre von kulturellen Einflüssen, vielmehr versuchen wir sie tiefergehend einfließen zu lassen, tiefer als durch rein visuelle Bezüge. Manchmal nicken wir sozusagen zu der Kultur einer Region, wie  etwa bei unserem Projekt Glass Farm, das einen überdimensionierten holländischen Bauernhof repräsentiert. Während wir mit Markthal ein recht markantes Gebäude gemacht haben für Rotterdam, einer Arbeiter- und Hafenstadt. Natürlich haben wir noch unser Projekt Cultural Cluster in Zaanstad. Das ist ein Gebäude, das nicht nur in sich selbst die lokale Kultur zelebriert, sondern auch die lokale Volksbauweise nimmt und sie in einen Entwurf umkehrt. Aber da gibt es auch Projekte wie für den Hauptstandort der DNB Bank in Oslo – ein Gebäude, das durch die Art der Anordnung der Arbeitsplätze und überhaupt der gesamten Raumorganisation die demokratische und das nicht-hierarchische Wesen der norwegischen Gesellschaft widerspiegelt. Dieses Gebäude hat es übrigens geschafft, in den Nordischen Pavillon der diesjährigen Architektur Biennale in Venedig zu schaffen, weil es so urnorwegisch ist.

 

MVRDV, 133 Wai Yip Street, Hong Kong. Courtesy of MVRDV. Foto © Ossip van Duivenbode

MVRDV, 133 Wai Yip Street, Hong Kong. Courtesy of MVRDV. Foto © Ossip van Duivenbode

 

Kultur und Kontext

Was denken Sie über kulturelle Bezüge in der globalisierten Welt, vor allem in Ihrer eigenen Arbeit?

Winy Maas: In unserer Arbeit benutzen wir durchaus kulturelle Einflüsse. Nicht unbedingt direkt in unseren Entwürfen aber als eine Art Vorgabe, wie der Entwurf sein sollte. Nehmen wir zum Beispiel unser neulich eröffnetes Bürogebäude in Hong Kong (das Umbauprojekt 133-Wai-Yip-Street, Anm. d. Autorin). Dort haben wir den bestehenden großen Baukörper mit den traditionell kleinen Räumen genommen und versucht, uns so weit wie möglich von diesem Typ zu entfernen. Das haben wir getan, indem wir einen holländischen Einfluss reingebracht haben und zwar durch eine totale Büro–Durchlässigkeit. Es ist wirklich so, in allen Aspekten der Architektur, wo immer es auch sein mag:  Es ist wichtig, die kulturellen Referenzen zu berücksichtigen, weil sie immer deine Arbeit prägen werden, ob nun positiv oder negativ. Neben den kulturellen Einflüssen gibt es aber auch noch den ganz konkreten Kontext und unsere Gebäude sind oftmals in höchstem Maße kontextbezogen.

MVRDV, 133 Wai Yip Street, Büroumbau, Hong Kong. Courtesy of MVRDV. Foto © Ossip van Duivenbode

MVRDV, 133 Wai Yip Street, Büroumbau, Hong Kong. Courtesy of MVRDV. Foto © Ossip van Duivenbode

 

Wir teilen unsere Entdeckungen mit anderen

Ohne Theorie und Forschung scheint für Sie Praxis unvorstellbar zu sein. Schriftliche Reflexionen sind ein wichtiger Bestandteil Ihrer Arbeit. Zumindest gibt es eine lange Liste von publizierten Büchern. Was bedeutet Ihnen diese parallele Arbeit? 

 

Winy Maas: Das stimmt, Publikationen nutzen wir wirklich gerne, um Möglichkeiten und konkrete Auswirkungen unserer Architektur zu erforschen. In den Bücherreihen von The Why Factory untersuchen wir manchmal schon im Vorfeld Typologien oder Gestaltungsideen, um sie dann in die Konzepte für unsere Projekte einzuführen. Und in den MVRDV Büchern wiederum, wie z.B. in unserer Monographie ‚MVRDV Buildings‘, schauen wir, wie es den Menschen am Ende in unseren Gebäuden ergeht. Das ist entscheidend für uns. Wir gestalten nicht nur und gehen dann einfach, nein, gerade die Langzeiteffekte unserer Arbeit sind es, die uns besonders interessieren, weil uns das natürlich erlaubt zu lernen von diesen Dingen, die wir tun und dann können wir sie in Zukunft auch verbessern. Daneben haben wir Bücher wie ‚KM3‘, ‚FARMAX‘ und ‚Agendas on Urbanism‘, in denen wir den theoretischen Aspekten unserer Arbeit nachgehen. Über diese Dinge zu schreiben hilft uns, unsere Ideen zu verfestigen. Aber es ist auch Teil unserer Verpflichtung, die wir fühlen, denn wir wollen dabei helfen, das Gebiet der Architektur voranzubringen und das tun wir, indem wir unsere Entdeckungen mit anderen teilen.

 

Die vielseitigen Rollen der Fassade

Kommen wir zu Ihrer allgemeinen Haltung gegenüber Fassaden – was bedeuten diese für Sie in Bezug auf das Gesamtgebäude und gleichzeitig auf ihre urbane Wirkung? Und hat das eigentlich auch einen Platz in Ihren theoretischen Schriften?

 

Winy Maas: Das Schöne an Gebäudehüllen ist ihre scheinbar endlose Reihe von Nutzungen und Aufgaben innerhalb des Entwurfs. Bei unseren Gebäuden haben wir sie für praktisch alles verwendet – von der Entwicklung neuer Nutzungsformen bis hin zu Ikonen in der Stadtlandschaft. Nehmen wir als erstes Lyon Part-Dieu, das Shopping Center, worüber wir vorhin gesprochen haben … was wir dort im Moment haben ist ein Gebäude, das sich von der Öffentlichkeit abkapselt. Es ist eingepackt in eine undurchlässige Schicht, es ist riesig, unmenschlich und total unnahbar. Dadurch dass wir die neue Hülle an bestimmten Stellen öffnen, ändern wir den Fluss der Fußgänger im und um das Gebäude. Der gesamte urbane Kontext verschiebt seinen Fokus zum Eingang, der nun groß und einladend ist.

MVRDV, Crystal Houses, Fassade eines Flagshipstores, Amsterdam. Courtesy of MVRDV. Foto © Daria Scagliola & Stijn Brakkee

MVRDV, Crystal Houses, Fassade eines Flagshipstores, Amsterdam. Courtesy of MVRDV. Foto © Daria Scagliola & Stijn Brakkee

 

Eine Hülle aus Glasziegeln

Oder nehmen wir unser neulich eröffnetes Projekt Crystal Houses, eine Luxusboutique in Amsterdam, wo die Hülle aus Glasziegeln gemacht ist. Die Fassade gleicht hier aus zwischen Zweckmäßigkeit, architektonischer Vision und Bauvorschriften. Sie verleiht dem Laden so viel Transparenz wie möglich und gleichzeitig stellt sie den urbanen Charakter wieder her, indem sie das Ziegelmuster des ursprünglichen Gebäudes nachahmt.

MVRDV, Crystal Houses, Fassade eines Flagshipstores (Arbeit mit Glasziegeln), Amsterdam. Courtesy of MVRDV. Foto © MVRDV

MVRDV, Crystal Houses, Fassade eines Flagshipstores (Arbeit mit Glasziegeln), Amsterdam. Courtesy of MVRDV. Foto © MVRDV

 

Bisher haben diese Dinge noch keinen Eingang gefunden in unsere theoretischen Schriften. Aber bei der Menge an Projekten, die wir in der letzten Zeit fertiggestellt haben und im Bau sind und die sich alle auf das Thema Gebäudehülle konzentrieren, könnte sich das tatsächlich ändern. Es wäre jedenfalls ein neuer und ein guter Schritt für uns!

 

Der Traum vom neuen Material

‘Barba, Life in a Fully Adoptable Environment’ – so heißt ein Buch von The Why Factory vom letzten Jahr. Es geht darin um Nanotechnologie und Architektur. ‘Barba’ ist eine Anspielung auf die Zeichenfiguren Barbapapas und steht damit für den Traum von verformbaren Oberflächen und Räumen. Um eine Ihrer selbstgestellten Fragen zu zitieren: „Ist das Ende von Ziegel und Mörtel absehbar?“

 

Winy Maas: ‚Barba’ ist der Traum von einem neuen Material. Einem Material, das programmierfähig ist, so dass es jede erdenkliche Form annehmen kann und alles mögliche schafft, wie etwa Wasser, Energie und Hitze zu verteilen. Es wäre das Ende der Architektur, wenigstens der Architektur so wie wir sie kennen und andererseits auch nicht, denn dieses Material könnte so gesehen wirklich jede Form annehmen und wenn man wollte, dass es aussieht wie eine Blockhütte, warum nicht? Ziegel und Mörtel haben zwar vorerst ihren Platz in der Architektur und sie sind auch wunderschön. Aber selbst bei diesen Materialien erweitern wir die Grenzen. Bei ‚Crystal Houses‘ haben wir zusammen mit Experten aus ganz Europa Glasziegel entwickelt, die in vielerlei Hinsicht stabiler sind als ihre traditionellen Gegenstücke. So halten wir eben immer Ausschau nach dem nächsten Schritt.

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Özlem Özdemir

Zur Website von MVRDV

 

 

 

 

 

 

 

Schreiben Sie einen Kommentar

*Pflichtfeld