Wenn Architektur zum Tragen kommt

28. Nov 2018, in Veranstaltung, Vortrag

Die „Brückenfunktion der Architektur“ – zwischen Natur, Umwelt, Mensch und gebautem Lebensraum – wird gerne zitiert. Mit dem Schweizer Jürg Conzett nehmen die November Talks 2018 dieses Konzept allerdings wörtlich. Die am 5. November 2018 in der Aula der TU Graz vorgestellten Projekte verschmelzen Tragwerksbau, Architektur und Ingenieurskunst zu Werken, die das Brückenhafte im Gebäude und das Gebäudehafte in der Brücke vor Augen führen.

Tragwerksplaner und Brückenbauer

Jürg Conzett ist ein Tragwerksplaner von großer Raffinesse, dessen ungewöhnliche Konstruktionen ungemein geistreich und gleichzeitig unverwechselbar sind.

Ein Element zieht sich konsequent durch den frischen Vortrag von Jürg Conzett aus Chur in der Schweiz: handschriftliche Aufzeichnungen. Und dabei ist man oft nicht sicher, was man da vor sich hat: Ist das eine architektonische Skizze? Oder eine zeichnerische Studie oder doch eine mathematische Beweisführung? Bei Conzett, gelernter Bauingenieur, geboren 1956 als Sohn eines Kartografen und Malers, ist es alles gleichzeitig. Seine Faszination galt schon immer dem Tragwerk. Ob ein klassisches Bankgebäude aus dem Jahr 1968 in New York oder das Amtsgebäude der Region Trentino-Südtirol in Trient mit seinen spektalulären Auskragungen, Conzett muss den Dingen auf den Grund gehen: „Mit detektivischer Akribie habe ich mir überlegt, wie diese Gebäude funktionieren.“ Spätestens an jenem Punkt seines Vortrags war klar, dass sich seine Arbeit interdisziplinär zwischen Architektur und Tragwerksplanung bewegen muss, und obwohl sogar die Webseite des Studios strikt zwischen Brücken- und Hochbau trennt, scheinen sich die beiden Formen in seinen Werken immer und wieder zu begegnen. „Ich möchte Disziplinen vereinen“, sagt Conzett. „Nicht nur ästhetisch. Ich möchte gemeinsam mit anderen an einer stimmigen Sache arbeiten.“

Brückenbauer aus Leidenschaft
Den Murauer Mursteg hat Jürg Conzett wohl nicht nur wegen des offensichtlichen Steiermarkbezugs als Beispiel gewählt. Die Brücke steht exemplarisch für seine Arbeit. Unter fünf Teilnehmern gewinnt sein Büro 1993 den Wettbewerb, zwei Jahre später verbindet der hölzerne Bau Bahnhof und Stadt. 47 Meter muss die Brücke überspannen, dazu kommt ein Höhenunterschied von 10 Metern, und sie muss Fußgänger- und Radverkehr Platz bieten. Anstatt die Brücke zu verkleiden, geht Conzett den umgekehrten Weg: Das Tragwerk bildet mittig das Rückgrat der Brücke, mit einem verborgenen Stahlkabel verspannt. Wie durch einen Tunnel bewegen sich die Menschen an der offenen Seite entlang. Seitlich angesetzte Schubscheiben, wie die Gurte verdübelt, sorgen für Dynamik – auch im statischen Sinn, was Conzett zunächst Kopfzerbrechen bereitete. „Wozu bin ich Ingenieur?“, fragte er sich und rechnete die Verspannungen und Verschiebungen durch. Die mathematischen Problemlösungen sieht man dem fertigen Bau nicht an. Sehr natürlich schmiegt sich Fichten- und Lärchenholz in die Landschaft ein. Die Treppen muten an wie der Balkon eines gemütlichen Einfamilienhauses, und in der Tat verweilen die Menschen gerne auf „ihrer“ Brücke und genießen den Blick auf die Stadt und das Schloss Murau. Stahl und Holz zu kombinieren ist eigentlich unüblich, meint Conzett. Aber: „Wenn eine Sache etwas leistet, kann man die verrücktesten Sachen kombinieren.“

Brückenbau

Bekanntheit erlangte Jürg Conzett mit seinen raffinierten Brücken, die sich harmonisch in Natur und Landschaft einfügen.

Tragwerk im Mittelpunkt des Raumes
Das Spiel zwischen dem Verborgenen und dem Sichtbaren kommt auch beim Bildungs- und Beratungszentrum in Thurgau, Schweiz, – sehr wörtlich – zum Tragen. Der 2014 fertiggestellte Bau beherbergt Ausbildungsräume für die Land- und Hauswirtschaft und stellt das Prinzip des verborgenen Tragwerks auf den Kopf. Mit rustikaler Dominanz stehen die tragenden Stützen mitten im Raum, gekrönt von einem Joch. Sie sind rechteckig, ganz in Eichenholz gehalten, dick, warm und sympathisch. „Wir dachten uns: Stellen wir den Leuten das Tragwerk doch mitten in den Korridor, aber gestalten wir es so, dass man es gern haben muss.“ Auch die Decken des viergeschoßigen Baus sind aus Massivholz. Die Wände bestehen aus einer gedämmten und beplankten Ständerkonstruktion. Armierte Betonplatten sorgen für die nötige Stabilität. So wird bei diesem Edelrohbau das Tragwerk zum Rahmen für den Raum – und der Raum zur Kulisse für das Tragwerk.

Bauingenieur

Der Schweizer ist für sein Lebenswerk mit dem Fritz-Leonhardt-Preis 2018 für herausragende Ingenieurbaukunst ausgezeichnet worden.

„Wenn das Tragwerk außen ist und man es sehen kann, ist das für mich etwas Schönes“, gibt Ingenieur Jürg Conzett zu. Bei einer Brücke ist es aber meistens so, dass sich das Interessante abseits der Augen der Benutzer abspielt – nämlich unter ihren Füßen. Kein Wunder also, dass der Brückenbauer aus Leidenschaft für das Besucherzentrum in der beeindruckenden Viamala-Schlucht vorschlug, gleich zwei Brücken zu bauen. Während man über die eine geht, darf die andere vor der Naturkulisse wirken. „Schließlich sollen die Leute mitbekommen, was da los ist“, meint Conzett und bezieht sich dabei – natürlich – auf das Tragwerk.

Jürg Conzett, geboren am 28. September 1956 in Aarau, Schweiz, studierte Bauingenieurwesen an der EPF Lausanne und der ETH Zürich. Danach arbeitete er bis 1987 im Architekturbüro Peter Zumthor. 1988 machte er sich als Bauingenieur in Haldenstein selbstständig und wurde 1992 Teilhaber im Ingenieurbüro Branger & Conzett (ab 1996 Branger Conzett und Partner AG). Zwischen 1987 und 2004 lehrte er Holzbau an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur, 2015 war er Gastdozent an der Graduate School of Design der Harvard University. 2018 erhielt er den Fritz-Leonhardt-Preis. Entwürfe von ihm wurden im Schweizer Pavillon auf der 12. Internationalen Architekturausstellung auf der Biennale in Venedig 2010 gezeigt.

 

Mehr Informationen: www.cbp.ch

Fotos: Marius Sabo

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