„Haus 9×9 war sehr experimentell“

3. Jul 2014, in Fassadendesign, Interviews, Oberflächen

Das sagt Titus Bernhard über jenes Gebäude, das seine Architektur international bekannt gemacht hat. Bis heute stellen die steingefüllten Gabbione an der Wohnhausfassade ein Vorbild für experimentelle und gleichzeitig zweckmäßige Architektur dar. Im Interview erzählt er, wie es zu seinem ersten großen Projekt kam und welche architektonischen Einflüsse ihn geprägt haben. 

 

Herr Bernhard, noch vor Ihrem Diplom an der TU Braunschweig haben Sie 1987-88 bei Richard Meier & Partners gearbeitet,  Vorlesungen bei Kenneth Frampton, Raimund Abraham, Riccardo Scofidio, Peter Eisenman und John Hejduk besucht und die Meisterklasse von Giorgio Grassi am Politecnico di Milano absolviert. Inwieweit haben diese Persönlichkeiten ganz konkret Ihre Arbeitsweise bereichert?

 

Titus Bernhard: Für jeden angehenden Architekten sind die Hochschulen und erste Erfahrungen in guten Büros prägend. Ich halte es für legitim und sogar notwendig, dass sich junge Architekten mit Vorbildern auseinandersetzen, um konzeptionelle Ansätze, Haltungen und auch die handwerklichen Dinge zu lernen und zu begreifen.

In meinem Fall waren Richard Meier und Giorgio Grassi prägend. Richard Meier als Meister der Neomoderne im Umgang mit Licht und Raum und den „essentials“ der Tektonik, wie er sich auszudrücken pflegte. Giorgio Grassi als Neorationalist, der seine Studenten und Mitarbeiter intensiv mit Fragen nach der Typologie und des geschichtlichen Kontexts konfrontierte, war sozusagen eine Grundlehre für mich, die mir bis heute als Ausgangspunkt wichtig erscheint, um darauf aufbauend später zu eigenen Aussageformen zu kommen. Nehmen wir zum Beispiel die „casa cortile“, das „Haus um einen Hof“ in den südlichen Ländern: außen sparsame Fensteröffnungen, um Sonne und Hitze möglichst fernzuhalten, nach innen zum Hof hingegen die Laubengänge, mit größeren Öffnungen, meist verschattet, dabei kommunikativ und nachbarschaftlich. Sie kennen sicher die zum öffentlichen Raum hin strengen Stadthäuser in Italien und innen spannen die Wäscheleinen kreuz und quer und überall stehen Terrakotten mit Pflanzen…Für meine persönliche Herangehensweise heißt das nur, schon in der Ausbildung ein gewisses Bewusstsein dafür entwickelt zu haben, dass zum Beispiel das Klima südlich der Alpen anders ist  als nördlich, dass man  Entwurfsentscheidungen nicht willkürlich trifft, sondern wissend um die kulturellen Zusammenhänge und das Klima etc….

 

 

2011 hatte Ihr Haus M im Rahmen des Deutschen Naturstein-Preises eine lobende Erwähnung erhalten. Darin ist die Rede von einer vorgehängten hinterlüfteten Fassade .  In einem Interview wiederum erläutern Sie zu diesem Haus, es hätte eine selbsttragende Natursteinfassade. Handelt es sich beim Haus M nun um eine Vorhangfassade oder nicht oder ist sie eine Art von Kompromiss?  Was ist Ihre Haltung ganz konkret zu dieser Fassade und was halten Sie ganz allgemein von den Diskussionen um materialgerechte Fassaden?

 

Titus Bernhard: Haus M ist mit Valmalenco, auch Sarizzo Dorato genannt, einem schweren Granitgestein aus Norditalien verkleidet, der recht hohe Quarzanteile enthält. Er wurde in freien Längen (von 60 Zentimeter bis 120 Zentimeter) und in  verschiedenen Höhen (60-150 Millimeter) auf Pressfuge mit bruchrauher Oberfläche schichtweise aufgebaut und über Anker an der Betonunterkonstruktion gegen Kippen gesichert. Die unteren Steinreihen lagern auf Konsolen. Die Fassade ist somit selbsttragend und wenn Sie so wollen ein Kompromiss aus einem dem Naturstein materialgerechtem „Tragen und Lasten“  und einer vorgehängten Fassade. Die Fassade wirkt somit tatsächlich schwer und vermittelt den Eindruck von Solidität und Kraft. Mein Team und ich fanden das adäquat für ein solch großes Haus und der Stein entsprach auch den Vorstellungen des Auftraggebers. Allgemein diskutieren wir von Aufgabe zu Aufgabe neu über Materialgerechtigkeit. Wir sind da nicht dogmatisch, aber uns stets über das Material an sich und dessen Eigenschaften bewusst.  Wenn wir uns über Materialgerechtigkeit hinwegsetzen, dann meist aus wirtschaftlichen oder anderen rationalen Gründen. Würde man Haus M komplett massiv aus Valmalenco bauen, hätten wir wärmetechnisch und in Bezug auf die Kosten erhebliche Probleme. Wir halten aber auch nicht so viel von vorgehängten Natursteinfassaden aus zum Beispiel drei bis vier Zentimeter dünnen Steinplatten mit offener Fuge. Das wirkt bestenfalls dekorativ, aber nicht natürlich und materialgerecht.

 

Projektname: Haus M, Ort: Grünwald, Jahr: 2008 copyright: Jens Weber & Orla Conolly

Projektname: Haus M, Ort: Grünwald, Jahr: 2008 copyright: Jens Weber & Orla Conolly

 

Projektname: Haus M, Ort: Grünwald, Jahr: 2008 copyright: Jens Weber & Orla Conolly

Projektname: Haus M, Ort: Grünwald, Jahr: 2008 copyright: Jens Weber & Orla Conolly

 

 

Beim Haus Rustico Gargagno, das letztes Jahr fertiggestellt wurde, hat man den Eindruck, dass Wandaufbau und Fassade viel natürlicher zusammenkommen: Was ist hier anders im Vergleich zu Haus M?

 

Titus Bernhard: Das Rustico in Gargnano ist letztendlich der Wiederaufbau eines alten „Stadels“, wie man bei uns sagen würde.  Es liegt hoch oben über dem Gardasee an einem Steilhang im Außenbereich, mit grandiosem Blick über den Lago, dort, wo eigentlich kein Baurecht existiert. Nur auf dem alten Fußabdruck des historischen zerfallenen Rustico konnte der Wiederaufbau, allerdings mit zeitgemäßer Bautechnik, realisiert werden. Um den klimatechnischen Anforderungen gerecht zu werden und gleichzeitig das traditionelle Fugenbild mit  innen- und außenseitiger Steinoberfläche zu erzeugen, haben wir zweischalig gebaut. Letztendlich wurde aber auch hier eine Grundkonstruktion gewählt, die „modern“ ist: Die eigentliche Tragkonstruktion ist ein Stahlbau, der die Auflagen an den Erdbebenschutz erfüllt, aber komplett unsichtbar verkleidet ist.

 

 

Vom Aussehen her ähnlich rustikal ist ja auch Ihr recht bekanntes Haus 9×9, bei dem steingefüllte Gabbione in der Wohnhausfassade bis hin zum Dach angewendet wurden. Ich kann mir vorstellen, dass man recht experimentell vorgegangen ist, um diesen neuartigen Wandaufbau zu erforschen und zu entwickeln.

 

Titus Bernhard: Haus 9×9, mittlerweile fast 12 Jahre alt, war tatsächlich sehr experimentell. Wir hatten vorher fast ausschließlich weiß verputzte Häuser im Geiste der Klassischen Moderne gebaut. Hier aber entstand nun eine Bruchsteinfassade, die auch über die “fünfte Fassade”, das Dach, gelegt wurde. Intention war die Schaffung eines homogenen, archaischen Erscheinungsbildes mit einem durchgehenden Material  für alle Flächen. Und das inmitten eines mittelmäßigen baulichen Umfeldes am Stadtrand von Augsburg. Die Bauweise bzw. Anwendung in Form einer vorgehängten Gabbionenfassade war tatsächlich neu in dieser Form und wäre nicht bezahlbar gewesen, hätte nicht die Firma Rothfuß die Metallkörbe (Gabbionen) mehr oder weniger zum Selbstkostenpreis mit uns entwickelt und wären diese Körbe nicht von den Mitarbeitern des Bauherrn und meines Büros mühselig im heißen Sommer 2003  händisch befüllt worden. Dieser Steinpanzer aus 365 Körben, symbolisch einer für jeden Tag im Jahr, wiegt 28 Tonnen und bietet somit genügend Speichermasse, um das Haus auch nach heutigem Standard als Niedrigenergiehaus zu klassifizieren. Der gesamte Entstehungsprozess war identitätsstiftend für alle Beteiligten,  das  Haus wurde tatsächlich berühmt.  Es wurde  in über 60 Ländern in mehreren hundert Artikeln der Fachpresse, in Tageszeitungen und Wirtschaftsmagazinen publiziert. Die Gebäudehülle funktioniert ansonsten wie ein Regenschirm: Die wasserabführende Schicht befindet sich unter den Gabbionen, die an Edelstahlschienen befestigt sind. Es gibt keine Regenrinnen, Fallrohre etc… das Wasser fließt allseitig über eine Schwarzabdichtung ab, oberhalb der Fenster in schrägen, verdeckten Rinnen. Mit Haus 9×9 begann die Erfolgsgeschichte des Büro Bernhard: Es kamen alsbald zahlreiche neue interessante Aufträge von anspruchsvollen und mutigen Bauherren.

Projektname: Haus 9x9, Ort: Augsburg, Jahr: 2003. Copyright: Christian Richters

Projektname: Haus 9×9, Ort: Augsburg, Jahr: 2003. Copyright: Christian Richters

Projektname: Haus 9x9, Ort: Augsburg, Jahr: 2003. Copyright: Christian Richters

Projektname: Haus 9×9, Ort: Augsburg, Jahr: 2003. Copyright: Christian Richters

Projektname: Haus 9x9, Ort: Augsburg, Jahr: 2003. Copyright: Christian Richters

Projektname: Haus 9×9, Ort: Augsburg, Jahr: 2003. Copyright: Christian Richters

 

Haus 9x9 Materialmatrix, copyright Titus Bernhard Architekten

Haus 9×9 Materialmatrix, copyright Titus Bernhard Architekten

 

Glauben Sie manchmal, dass die Zusammenarbeit von Baufirmen mit Architekten  auch schon in der Produktentwicklung, beispielsweise für innovative Fassadensysteme und Weiterentwicklungen im Sinne von materialgerechten Fassaden, noch enger sein müsste? 

 

Titus Bernhard: Sicher,  das geschieht auch: Die Topbüros entwickeln insbesondere bei großen Bauvorhaben mit den Ingenieuren von Fassadenfirmen neue Systeme, die dann oft später in Serie gehen. Bekannt wurde so in den 80er Jahren zum Beispiel die Hongkong & Shanghai Bank von Norman Foster. Es stellt sich dabei  immer die Frage nach der Größe und Angemessenheit der jeweiligen Bauaufgabe, ob man etwas gemeinsam entwickeln kann.  Haus 9×9 ist eigentlich viel zu klein, nicht beliebig wiederholbar und somit für eine wirtschaftlich ertragreiche Zusammenarbeit aus Sicht der Baufirmen eher untypisch. Grundsätzlich halte ich sehr viel von einer engen und wertschätzenden Zusammenarbeit zwischen Architekten und ausführenden Firmen. Hier genauere Vorschläge aufzuzeigen, würde den Rahmen eines Interviews sprengen.

 

Im zweiten Teil des Interviews spricht Titus Bernhard über Haptik und Ästhetik von Materialien sowie seine aktuellen Ausstellungen.

 

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews mit Titus Bernhard.

 

Zur Homepage von Titus Bernhard Architekten

Schreiben Sie einen Kommentar

*Pflichtfeld