The Farm of 38° 30°- Eine rundum exotische Fabrik

7. Apr 2017, in Objektberichte

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects. Alp Eren-Altkat Architectural Photography

 

The Farm of 38° 30°. Ein geheimnisvoller Name für so etwas Prosaisches wie eine Fabrik für Milchprodukte. Gebaut wurde sie im letzten Jahr von Slash Architects gemeinsam mit Arkizon Architects.  Und schon bald folgten die ersten Auszeichnungen. In diesem Jahr bekamen die Architekten den deutschen iF Design Award und gelangten mit einer Special Mention in die Liste der Finalisten für Architizer A+ Awards 2017.

 

Eine Fabrik und seine Geschichte

Man befindet sich in Tazlar, einem türkischen Dorf in der Nähe von Afyon. Das kleine ellipsenförmige Gebäude, das von manch einem mit einem Ufo verglichen wird, ist wie ein solches inmitten der Landschaft gelandet. Und zwar genau auf dem Breitengrad Nr. 38° 30°. Soweit zur Namenswahl. Bleibt die Frage: Warum? Woher stammt die Idee, ausgerechnet an diesem verlassenen Standort eine Stätte für Milchprodukte zu errichten? Dahinter steckt eine kleine Geschichte.

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects. Foto © Alp Eren-Altkat Architectural Photography

 

Für diese ungewöhnliche Lage entschied sich Ahmet Kocabıyık, weil sein Vater in diesem Dorf geboren und aufgewachsen war. Und sein Vater war kein geringerer als der Gründer der Borusan Holding. Borusan ist einer der größten türkischen Konzerne. Nebenher ist er aber landesweit auch bekannt für sein Engagement für Bildung, Kunst und Kultur. Die neueste Idee war es, in der unmittelbaren väterlichen Heimat, ein Open-Air-Kunstmuseum zu errichten. Anvisiert ist es für 2020. The Farm of 38° 30° bildet den kulinarischen Auftakt. Ein architektonischer Ort, der Landschaft, Kunst und Gaumenlust miteinander verbinden soll. Letztere wird bereits unterstützt vom nebenan liegenden Hof. Genauer gesagt von den Simental Kühen aus Österreich und sogar Büffeln aus Italien. Denn Mozarella und Burrata und andere beliebte italienische Käsesorten, darum dreht es sich hier. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Geometrie und Funktion

Das Auffälligste an diesem einstöckigen Bauwerk mit Räumen für Käseproduktion und Showroom ist zweifelsohne seine runde Form. Die Architekten waren mutig. Sie haben ihr mit dieser geometrischen Form einen Hauch von Monumentalität verliehen. Unangebracht, möchte man meinen, bei so etwas Profanem wie Milchprodukte.

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects

 

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects. Alp Eren-Altkat Architectural Photography
 
Dennoch, gelobt wird ihre Effizienz. Zum einen ist die linear-kreisförmige Anordnung der Räume von Vorteil für die funktionalen Prozesse, die bei der Käseproduktion anfallen. Und zum anderen bietet sie ganz nebenbei einen ästhetischen Genuss, wenn man im geborgenen grünen Innenhof bei Cocktails oder ähnlichem bei der Herstellung zuschauen kann.

 

Zwei Gesichter

Und hier beginnt die Bedeutung der zwei Gesichter der Milchfabrik. Von außen ist die Fassade rustikal-verschlossen. Von innen filigran-transparent. Für Auflockerung des Baukörpers und Differenzierung in privat und öffentlich sorgen Elemente aus Cortenstahl. Aber auch schlichte geschosshohe Fensterschlitze auf der konvexen Seite schaffen hier und da kleine Einblicke in die Produktion und Ausblicke in die weite Landschaft.

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects. Alp Eren-Altkat Architectural Photography

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects. Alp Eren-Altkat Architectural Photography

 

Wie macht man eine „Frontfassade“ bei einer derartig zellartig abgekapselten Form? Ganz einfach. Man schneidet einen Teil des Kringels passend zurecht, so dass eine einladende Geste entsteht. Der grüne Innenhof öffnet sich und eine der Schnittflächen verwandelt sich in den Eingang, hinter dessen Glastür sich der Besucherraum verbirgt.

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects. Alp Eren-Altkat Architectural Photography

 

Und obenauf ein Dach aus Sichtbeton, das genau den Linien des Grundrisses folgt. Abends kommt es zur besonderen Geltung, wenn sie in ihrem Rand beleuchtet wird und sich vom restlichen Baukörper abhebt. Im Sockelbereich wiederholt sich dieser Saum aus Licht.

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects. Alp Eren-Altkat Architectural Photography

 

Andesit und Cortenstahl

Laut Slash Architects wurde bei der Fassade Wert gelegt auf Natürlichkeit und Einfachheit in den Materialien. Die raue Ausstrahlung des Projekts basiert auf dem verwendeten Andesit aus Afyon, dessen Oberfläche gesprengt ist.

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects. Foto © Alp Eren-Altkat Architectural Photography

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects. Foto © Alp Eren-Altkat Architectural Photography

 

Die Übergänge zwischen den Steinelementen und dem Gebäude haben die Architekten gelöst, indem sie Cortenstahl eingesetzt haben. Und nicht zuletzt sind es die Türen, Platten und Pfosten aus diesem rostig wirkenden Material, die der ansonsten steinbetonten Natürlichkeit des Gebäudes einen Hauch von Modernität verleihen. Außerdem verweisen diese Fassadenelemente auf den Industriecharakter des Baukörpers.

The Farm of 38° 30°. Courtesy of Slash Architects. Foto © Alp Eren-Altkat Architectural Photography

 

Und genau daran muss man sich bei diesem Anblick wahrlich immer wieder erinnern. Der wie aus dem Nichts in einer verlassenen Landschaft gestrandete Baukörper ist eine Fabrik. Eine kleine Fabrik für Milchprodukte, die etwas stolz und pathetisch daherkommt, wenn sie bereits in den Dämmerstunden zu leuchten beginnt. Und das alles für unglaubliche fünf italienische Käsesorten in der Nähe des türkischen Afyon … rundum exotisch.

 

Zur Website von Slash Architects und Arkizon Architects

Credits:
© Photos (article): Alp Eren-Altkat Architectural Photography (by courtesy of Slash Architects) / © Drawing (article): Slash Architects (by courtesy of Slash Architects)

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