Bolle Tham und Martin Videgård – Architektur kann pragmatisch und fantastisch sein

28. Apr 2017, in Interviews

Bolle Tham (rechts) und Martin Videgård (links). Courtesy of Tham & Videgård Arkitekter. Foto © Jonas Lindström

Bolle Tham (rechts) und Martin Videgård (links). Courtesy of Tham & Videgård Arkitekter. Foto © Jonas Lindström

 

Bolle Tham und Martin Videgård fanden die schwedische Architektur der 90iger, in den Jahren als sie mit Ihrem Studium fertig wurden, langweilig. Ihr Karlsson Haus mit traditionell blutrotem Anstrich und doch zeitgenössischer Fassade setzte den Auftakt für mehrere Jahrzehnte von vielen Baufgaben, in denen Materialien und Fassadengestaltungen einen zentralen Raum einnehmen sollten. Ob Spiegel oder Ziegel, ob Stahlblech oder Holz. Ob Schwarz oder markante Farben. Die architektonischen Oberflächen von Bolle Tham und Martin Videgård scheinen in ihren Variationen endlos zu sein.  Tham & Videgård Arkitekter sind vertreten beim Chicago Architecture Biennial 2017. Ihr Werk wurde dieses Jahr veröffentlicht in der international renommierten Architekturpublikation El Croquis.

 

Skandinavische Bautraditionen neu interpretiert

2002 fing alles an mit dem Holzhaus „House Karlsson“ auf Tidö-Lindö. Was finden Sie heute noch besonders an diesem Projekt?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Das ist eines unserer ersten Projekte, an dem sich unser Interesse an der Bedeutung des vielschichtigen Kontexts vor Ort zeigt. Dazu gehören die kulturelle Geschichte, lokales Know-How und die vorhandenen Ressourcen und Bautraditionen, die den physisch gegebenen Kontext ergänzen.

 

Ein Ausgangspunkt waren die einfachen Konstruktionen der ländlichen Bauten und die Architektur der schwedischen Scheunen und Lagerhallen, von denen noch Spuren vom Haustyp von Tidö-Lindö zu sehen sind. Wir haben erkannt, dass die häufigste Art des Bauens in der Gegend eine Ausnahme geworden war. Ein interessantes Paradoxon, das wir in dem Konzept der Umwandlung der Scheunentypologie in ein Haus für zeitgenössisches Leben verwendet haben – auch aus Kosteneffizienzgründen.

 

 

Um das Gefühl von echtem Material und wirklicher Handwerkskunst zu verbessern wurde das prismatische Äußere wie mit einer überdimensionierten Holzplatte aus Kernholz verkleidet. Das Holz stammt von langsam gewachsenen Kiefern und wurde mit rotem Teer behandelt. Womit wir die jahrhundertealte skandinavische Technik der Holzdächer, vor allem die im Norden und auf der Insel Gotland in der Ostsee, neu interpretierten.

 

Eigenartig normal

 

Feste Brises-Soleils-Fensterläden ergänzen das abwechslungsreiche Innenlicht sowie das Muster von Schatten und Licht von außen. Alle Außenbeschläge und Details sind in der gleichen Farbe wie die Fassade gemalt.

 

Das Ergebnis ist ein Haus, das aus der Ferne zwar sehr „normal“ aussieht, aber sich auch unter den Vorstadtnachbarn als seltsam, als etwas eigen-artiges herausstellt. Von Nahem betrachtet, unterstützen die leicht überdimensionierten Abmessungen der gesägten Oberfläche der tiefroten Holzfassade den Eindruck einer soliden und von Hand gestalteter Architektur. Und das ist ein weiteres wichtiges Thema für uns: Wie man Architektur mit der feinen Detaillierung und materiellen Präsenz von Handwerk mit industrialisierten Baumethoden produzieren kann.

 

Das Erbe und seine Ideen

In welchem Maße fühlen Sie sich in Ihrer Architektur „national beeinflusst“? Wie benutzen Sie Materialien im Allgemeinen? In welcher Weise betrachten Sie sich als traditionell und in welchem Sinne als progressiv?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Bei unserem Interesse für Bautradition und die Geschichte eines Standortes geht es einerseits um Ideen. Ideen, die dieses Erbe darstellt und die wir verwenden können, um neue Architektur zu entwickeln, wenn wir sie richtig studieren und verstehen. Andererseits gibt es die Stile, die verschiedene Epochen dominierten. Was weniger interessant ist, da es dabei mehr um die Optik geht als um den Inhalt. Wir sehen Architektur nicht nur als etwas Zeitgenössisches, sondern als einen Teil einer fortgesetzten Geschichte, die in die Zukunft projiziert wird. Gebäude stehen für Hunderte von Jahren. Daher ist es sinnvoll, sie in ihre vielfältigen Kontexte, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, fest zu verankern und ihnen dadurch Form zu verleihen.

 

Architektur kann pragmatisch und fantastisch sein

 

Das Söderöra Sommerhaus (2005-2008), eines Ihrer vielen „Inselprojekte“, ist vorwiegend aus Holz gebaut und in schwarzes Teerpapier verpackt. Das Inselthema ließ Sie im Entwurf auch logistische Fragen berücksichtigen …

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Beim Söderöra-Haus waren diese pragmatischen Aspekte tatsächlich entscheidend: kostengünstige Materialien und Oberflächen, leichter Transport, minimale Zeit vor Ort. In all unseren Projekten suchen wir nach dieser einen Idee, die gleichzeitig viele Dinge löst. Dann führt diese Idee oder Konzeption oft zu einer direkten und klaren architektonischen Gestaltung.  Wenn es gelingt, kann Architektur pragmatisch und fantastisch sein.

 

 

Ein Gebäude und sein Platz in der Wirklichkeit

In Ihren Projekten legen Sie Wert auf eine klare Beziehung zum Kontext. Worum geht es, wenn ein Gebäude sich auf seinen Kontext bezieht?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Wir glauben, wenn man sich den Kontext eines Projekts – seiner physischen, kulturellen und ideologischen Umgebung – genau genug ansieht, dann lässt sich darin eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für neue Lösungen jedes architektonischen Programms finden. In der Tat ist es in erster Linie der Umgang mit dem Kontext, der bestimmt, ob ein architektonisches Projekt funktioniert – sowohl am Standort als auch in seiner eigenen Zeit. Daraus folgt, dass die Architektur eng mit ihren Kontexten verknüpft und fest darin verankert sein sollte, um ihren Platz in der Wirklichkeit zu verdienen.

 

Unsere Haltung besteht also darin, den Standort zu analysieren und ein funktionales Programm zu interpretieren. Dadurch entsteht eine Architektur, die sachkundig, vielfältig und mit ihrem spezifischen Ort in der Gesellschaft integriert ist. Sei es in der Wildnis oder in einer Stadt.

 

Schlüsselfertig und sinnlich

 

Bei einigen Ihrer Projekte musste das gesamte Baumaterial auf eine Insel geschickt werden. Archipel Haus, Stockholm (2003-2006), ist ein Beispiel hierfür. Trotz seiner klar definierten äußeren Form hat es in Wirklichkeit eine gestaffelte Glasfassade, die das Haus in verschiedene Abschnitte teilt. Zusammen mit seiner hölzernen Pergola oben und der Holzterrasse darunter ist diese Glasfassade eine sensible „Raumschicht“ im ganzen Projekt. Was können Sie uns über dieses Gebäude erzählen?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Unsere Idee für das Archipel-Haus war es, in der Tradition der schlüsselfertigen und funktionalen Strukturen zu bleiben, an Stelle dieser neueren modisch-schicken Villen, die sich an „Show-off-Standorten“ auf den Inseln abheben und sich der Umgebung aufdrängen.

 

Der Standort erinnerte uns an eine Zeit, in der diese weite Wasserlandschaft und ihre zahlreichen Zehntausende von Inseln das Heim- und Arbeitsumfeld der Landwirte und Fischer waren. Die Konstruktionen waren überall in Holz, ein Rohstoff aus der Region der kleinen bewaldeten Inseln. Holz ist ja ein leichtes Material und machte es den Leuten damals möglich, dass zwei Männer jedes Gebäudeteil von den Booten auf die Baustelle tragen konnten. Da die Häuser nur locker aufgelagert waren – auf das charakteristisch polierte Granitgestein und auf Sockeln von vor Ort gefundenen Steinen gestellt – konnten sie leicht demontiert und an einen anderen Ort verlegt werden. Was durchaus vorkam, wenn die Familie aufgrund von Änderungen der Fischerei und der landwirtschaftlichen Bedingungen weiterziehen musste. Das bedeutete aber auch, dass die Natur unberührt blieb, wenn die Häuser verschwanden.

 

 

 

Der archaische Charakter dieser volkstümlichen Konstruktionen waren nicht vorrangig von Formwillen geleitet, sondern richtete sich nach der maximalen Nutzung von knappen lokalen Ressourcen in der direktesten und effizientesten Weise. Dennoch repräsentieren diese einfachen architektonischen Räume eine Typologie, die voll von sinnlichen Qualitäten ist: die soliden Holzdetails, ein intimer Maßstab und gefiltertes Licht, was im scharfen Kontrast steht zum hellen Tageslicht und dem offen, oft rauen Wasser vor der Haustür.

 

Spiel von Schatten und Licht

 

Vielleicht war es beim Archipel-Haus, dass Sie die Farbe Schwarz zum ersten Mal benutzt haben. Aber gerade für ein Sommerhaus scheint das doch außergewöhnlich zu sein – wenn man von der Küste hinschaut, kann man dieses Haus wahrscheinlich kaum sehen, weil es fast verschwindet und unsichtbar wird in den dunklen Schatten der Pinien …

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Das stimmt, Schwarz wirkt wie eine krasse Wahl im Kontrast zur Natur. Aber in Wirklichkeit fügt sich diese Farbe in die Schatten des natürlichen Grüns ein. Was auch die grundlegende Beobachtung war, die wir später für das Kalmar Museum of Art benutzten. Ferner schafft die überlagerte Detaillierung dieser Fassaden auch einige zusätzliche Nuancen und Farben auf den schwarz gebeizten Platten, was an das Spiel von Schatten und Licht auf einer bewaldeten Insel oder einem Park erinnert.

 

 

Eine Holzfassade in kostengünstigem Schwarz

Kurz nachdem Sie mit diesem kleinen Wohnprojekt angefangen hatten, gewannen Sie 2004 den Wettbewerb für das Kalmar Museum, Ihr erstes wichtiges öffentliches Gebäude. Hier haben Sie die schuppenartigen schwarzen Sperrholzelemente des Archipelago House übernommen. Was können Sie uns über diese clevere Adaptation sagen? Und über diese Holzfassade, die selbst in Schweden für öffentliche Bauten ungewöhnlich ist?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Ja, es ist ziemlich ungewöhnlich für öffentliche Gebäude, aber wir mochten die Idee aus ein paar verschiedenen Gründen. Vor allem erlaubte diese Holzfassade dem soliden Museumswürfel, eine Beziehung herzustellen mit der sensiblen Umgebung des Stadtparks, einem fast heiligen Ort für die Bewohner von Kalmar. Wir dachten auch an den Aspekt der Instandhaltung, der im Falle einer Holzfassade eine aktive Beziehung zwischen dem Benutzer und dem Haus herstellt. Denn etwa alle zehn Jahre wird die Fassade mit einer schwarzen Holzbeize, einer transparenten Farbe, behandelt. Man kann es auch eine Wiedergeburt nennen, da die Fassade jedes Mal genau so neu aussieht wie am Anfang. Das ist so ein bisschen wie bei einem alten Schiff, das jedes Jahr lackiert wird, bevor es in See sticht. Und am Ende war es auch die kostengünstigste Lösung.

 

 

Neuer Knotenpunkt für Kalmar

Bei einer Zeitungsumfrage stellte sich Ihr Kalmar Museum als das hässlichste Gebäude der Stadt heraus. Doch der Museumsdirektor, der verständlicherweise sehr erschrocken darüber war, startete eine umgekehrte Umfrage, in der nach dem schönsten Gebäude der Stadt gesucht wurde. Und siehe da, gleich nach der Burg von Kalmar kam Ihr Museum. Wie wichtig kann eine Fassade sein, um ein Gebäude populär zu machen?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Die Entstehung eines öffentlichen Gebäudes wirkt nicht nur auf das unmittelbare Stadtbild, sondern dient als Signal und stellt eine Beziehung zur Stadt als Ganzes her. Und in der Tat könnte man sagen, dass es die Identität einer Stadt und damit ihrer Bewohner verändern kann. Dies ist eines der Gründe dafür, warum Veränderungen im städtischen Gefüge oder neue wichtige Bauprojekte so oft zu Sorgen und heftigen Reaktionen führen, sogar noch vor der Fertigstellung. Aber in Kalmar wurde das Museum nach seiner Fertigstellung sehr gut aufgenommen. Vielleicht auch beeinflusst von den Auszeichnungen, die das Gebäude erhielt, verlagerte sich die öffentliche Resonanz auf Lob und Neugier.

 

Eine weitere wichtige Lehre war es für uns, dass ein neues Kunstmuseum als öffentliches und kulturelles Gebäude eine seltene Gelegenheit darstellt, einen neuen Knotenpunkt innerhalb einer Stadt zu schaffen, die die städtische Balance verändert und die umliegende Nachbarschaft weiterentwickelt.

 

Architektonisches Kamikaze: KTH Architecture School

 

Letztes Jahr wurde Ihre neue School of Architecture (2007-2014) ernannt zum „Stockholms Building of the Year“. Bevor ich zur charakteristischen Cortenstahl-Fassade dieses Gebäudes komme, möchte ich daran erinnern, dass Sie ja beide Absolventen dieser Schule sind. Wie war es für Sie, als ehemalige Studenten, ihren früheren „Erziehungsort“ neu zu entwerfen?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Es versteht sich von selbst, dass es eine große Ehre ist, eine neue Architekturschule zu entwerfen. Gleichzeitig ist es eine Art Kamikaze-Herausforderung, da kein Gebäudetyp oder -programm intensiver geprüft wird als ein Gebäude für Studenten, Lehrer und Architekturforscher.

 

 

Ein Teil unseres Designs greift sicherlich auf unsere eigene Erfahrung aus dem vorherigen Schulgebäude zurück. Zum Beispiel der sehr direkte Ausdruck der Struktur und die Exposition der manchmal groben Materialien und Oberflächen, Beton, Holz, Stahl und Glas. Wir glauben, dass es wichtig ist, dass eine Architekturschule sowohl als maßstäbliche Referenz für räumliche Qualitäten und Atmosphären verwendet werden kann, und dass es auch als Werkstatt fungiert. Daher auch die robuste Materialauswahl, wo die Studierenden das Gebäude sehr direkt nutzen können, indem sie z.B. ihre Präsentationen auf die hölzernen Innenwände nageln können etc.

 

Gleich einem Ziegelverband

Von der KTH-Architekturschule gibt es ein Rendering, wo man ein viel dichteres „Fenstergitter“ sehen kann als in der endgültigen Version. Hier erinnert das engere Muster besonders deutlich an aufeinandergelegte Ziegelsteine. Was man auch als eine Art abstrakte Interpretation des typischen Musters der Ziegelfassaden in der Umgebung sehen kann. Wie kam es zu diesen Formen in der Fassade?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Nachdem wir den Wettbewerb gewonnen hatten setzten wir unsere Entwurfsstudien auf vielen Ebenen fort. Ein Beispiel ist die Beziehung zwischen den Innenräumen und dem umliegenden Hof, der ein wichtiges Merkmal des Gebäudes ist. Hier haben wir festgestellt, dass wir die Fassade mit der Verwendung von großen gekrümmten Fenstern noch weiter öffnen könnten. Der umfangreiche Gebrauch von Glas ist, auch noch bei Einhaltung des hohen Energieeffizienz-Standards, dank der kompakten Abmessungen möglich. Von Bedeutung ist hierbei der fast kreisförmige Plan und das gute Verhältnis zwischen Bodenfläche und Fassadenfläche.

 

Robuste Materialien

 

Soweit ich weiß ist die Tragstruktur des KTH-Gebäudes aus Beton gefertigt – während die Fassadenverkleidung aus diesem vorgenannten Cortenstahl besteht. Außerdem ist das Innenmaterial hauptsächlich aus Holz. Was können Sie uns über diesen Materialmix sagen?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Sowohl die Tragstruktur als auch die Auswahl der Materialausführungen sind robuste Materialien, die einem intensiven Gebrauch und einer gleichmäßigen Alterung standhalten. Cortenstahl färbt bis zu zwei Jahre ab. Das musste bei der Montage und Anpassung der Fassade mit den umliegenden Materialien berücksichtigt werden. In diesem Fall war es sozusagen vor-gerostet noch bevor es auf die Baustelle kam. Auch um den Naturstein, der um das Gebäude gelegt ist, soweit es geht zu schonen.

 

 

Gekrümmte Glasflächen mit integrierten Fenstern

Fast alle Glasscheiben von KTH sind gekrümmt. Es scheint mir, dass es nicht möglich ist, die Fenster zu öffnen …

 

Bolle Tham und Martin Videgård: In den gebogenen Glasscheiben sind in der Tat öffenbare Fenster integriert. Für das Innenklima war das technisch nicht notwendig. Aber es gab eine spezifische Anfrage von der Architekturschule. Außerdem ist es eine schöne Eigenschaft für jedes Gebäude, damit man das Gefühl der frischen Luft hat und den Klang der Stadt draußen mitbekommen kann.

 

Markant und mit visueller Tiefe

 

Farbe ist ein offensichtliches Thema bei Moderna Museet in Malmö (2009) mit seiner markanten rot-orangen Fassade. Seine Farbe ist ein Hinweis auf die Industriearchitektur des ehemaligen Elektrizitätswerks (ab 1900) an diesem Ort und zugleich auf die umgebenden Backsteingebäude. Warum haben Sie die perforierte Blechelemente als kontinuierliche Oberfläche benutzt? Und was ist eigentlich mit der Instandhaltung dieser Fassade?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Ja, von außen gesehen markiert diese Erweiterung die Entstehung eines neuen Museums. Und die perforierte orangefarbene Fassade verbindet sich mit der bestehenden Ziegelarchitektur und führt ein zeitgenössisches Element in die Nachbarschaft ein. Die perforierte Oberfläche verleiht der Fassade eine visuelle Tiefe und wird durch die dynamische Schattenmuster, die sie erzeugt, belebt.

 

 

In Bezug auf seinen Kontext spielt die neue Ergänzung mit der Maßstäblichkeit. Aus der Ferne ist es nur im Vergleich zu den angrenzenden Häusern verständlich. Nur in unmittelbarer Nähe kann das Gebäude und seine Einzelheiten direkt „gelesen“ werden.

 

 

Was die Wartung der Fassade anbelangt, sie ist nicht anspruchsvoller als eine Standardfassade. In der Tat, so wie das Tageslicht durch die Perforationen gefiltert wird, sieht die Verglasung länger sauber aus, da das kontrastierende Schatten- und Lichtspiel den visuellen Eindruck dominiert.

 

Wir müssen uns der Natur ganz nähern

 

Das Baum Hotel in Harads ist eine 4mx4mx4m große Hütte, aufgehängt irgendwo in den Wäldern von Nordschweden (2008-2010). Es ist Teil eines Ensembles, das von verschiedenen Architekten für „Tree Hotel“ entworfen wurde. Ihr Beitrag hat den Namen The Mirrorcube. Die Fassade besteht hier aus fast purem spiegelähnlichem Glas. Wozu dieser Effekt?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Beim Mirrorcube ging es uns um die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Sein Charakter, sowohl getarnt kontextuell und abstrakt abweichend, ist inspiriert von einer Beobachtung, wie wir uns der Natur als einem verlockenden, aber auch anspruchsvollen „Etwas“ nähern. Und wir glauben, dass wir uns der Natur wirklich ganz nähern müssen, auch wenn es paradox ist, diese Suche nach einem originellen und authentischen Erlebnis mit High-Tech-Materialien und fortschrittlichen Geräten zu kombinieren. Unser Vorschlag besteht darin, das gesamte Volumen mit hochreflektierendem Glas zu verkleiden, so dass die Außenseite die Umgebung und den Himmel reflektiert. Was entsteht ist ein versteckter, getarnter Platz unter den Baumkronen.

 

High-Tech von lokalen Handwerkern

 

Das Baumhotel-Projekt hat eine ganz ungewöhnliche Konstruktion. Sie besteht aus einem Aluminiumrahmen und das Glas wird durch Leim befestigt – es gibt keine Schrauben oder andere störende Elemente in dieser glatten Oberfläche. Wie kam diese Leimlösung zustande?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Die Lösung mit Leim, oder Hochleistungsband, wurde während unseres Designprozesses entwickelt, bei dem wir gemeinsam mit dem Glashersteller und den Bauingenieuren verschiedene Optionen erforscht hatten. Wie bei jedem Projekt gibt es eine Designidee, die sowohl konzeptionelle, technische als auch praktische Fragen einbezieht. Und all das versuchen wir mit der Verwendung von dem, was in der Bauindustrie verfügbar ist, zu realisieren. Oft mit Schwerpunkt auf Ressourcen und Know-How der direkten Umgebung. In diesem Fall wurde der ganze Mirrorcube tatsächlich von lokalen Handwerkern gebaut. Und das obwohl es sich hier eher um High-Tech als um traditionellen Holzbau handelt.

 

 

Form allein ist kein Ausgangspunkt

Ihre Konzepte sind immer überdeutlich erkennbar. In Kalmar ist es eine Black Box aus Holz, in Malmö eine rot-orange Box aus Stahl und in Harads haben wir eine Spiegelbox aus Glas. Was macht dieses „Box Thema“ so ansprechend für Sie?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Wie Sie wissen, gibt es in unserer Arbeit mehrere verschiedene Typologie-Stränge. Denn die Frage der Form allein ist niemals der Ausgangspunkt für ein Projekt. Im Gegenteil, wir glauben, dass es wichtig ist, dass jedes architektonische Projekt genau auf seine spezifische Situation reagiert, und zwar in seinen vielfältigen Kontexten. Allerdings ist es auch wichtig, dass es eine klare und effiziente Logik gibt, wie ein Gebäude gebaut wird, um die verfügbaren Ressourcen so gut wie möglich zu nutzen.

 

Neue Ergebnisse durch unterschiedliche Bedingungen

Nachdem Sie beim Baumhotel Glas ausprobiert hatten, entschieden Sie sich beim nächsten Projekt in Uppsala wieder für dieses Material. Und zwar beim Åhléns-Gebäude, einem Kaufhaus mit Geschäften und Büros. Seine doppelschichte Fassade scheint eine Weiterentwicklung der Hülle vom Museum in Malmö zu sein. Übrigens gibt es viele Quer-Verbindungen zwischen Ihren Projekten. Ein anderes und nicht sofort offensichtliches Beispiel dafür wäre die Verwendung des „Gitter-und-Kurven-Themas“ beim knallgelben Tellus Kindergarten und Västra Kajen Wohnprojekt. Was denken Sie über dieses Phänomen?

 

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Es ist wahrscheinlich ein logisches Ergebnis unserer Arbeit mit verschiedenen Bauprogrammen und Typologien. Manchmal sind aber die Verbindungen vielleicht weniger offensichtlich, da sich die Entwürfe auf unterschiedliche Bedingungen stützen und somit neue Ergebnisse liefern. Zum Beispiel funktioniert die Verwendung von Reflexion und Transparenz im Mirrorcube und im Åhléns-Departement in Uppsala auf verschiedenen Ebenen. Die eine wirkt als Tarnung und die andere verstärkt den offenen Charakter einer ansonsten geschlossenen Gebäudetypologie.

 

Eine organische Schale aus Glas und Edelstahl

 

Und, ist nun das Åhléns Gebäude, von der Fassade her gesehen, eine Weiterentwicklung des Moderna Museet Malmö?

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Es gibt einige Verbindungen zum Museum in Malmö. Aber beim Åhléns Gebäude war die größte Herausforderung, wie man den Bauvorschriften folgt. Und das hat ein etwas unregelmäßiges Volumen erzeugt. Als Reaktion darauf verbindet der organische Plan das Gebäude in einer einzigen unverwechselbaren und kohärenten Schale.

 

 

Die Fassade hat gewölbte Konturen und führt das Auge um die Ecken und schafft somit eine räumliche Kontinuität von einer Seite des Gebäudes bis zur nächsten. Das Glas und das perforierte Edelstahl variieren in Reflexion und Transparenz, so dass das Gebäude in seinem Aussehen veränderlich erscheint, während man sich um ihn herumbewegt.

 

 

Die Fassadenpaneele sind aus besonders reinem Glas mit geringem Eisengehalt. Und kombiniert wurde es mit einer Außenhaut aus reflektierendem poliertem Edelstahl. Diese Schicht aus Stahl ist perforiert, um direktes Sonnenlicht zu filtern. Eine Lösung, die zu einem allmählichen Übergang zwischen transparenten und verspiegelten Teilen führt. Auf diese Weise trägt die Fassade auch zur hohen Energieeffizienz des Gebäudes bei.

 

 

Ein verschachteltes Haus

Zum Abschluss, und um nochmals die Vielfalt in Ihrer Verwendung von Materialien zu zeigen, möchte ich „Creek House“ erwähnen. Wie kam es hier zu Ziegeln? Und ganz besonders würde mich interessieren wie der graue Mörtel zwischen den Ziegelsteinen benutzt wurde. Er sieht fast so aus wie eine rauchige Schicht, die über die gesamte Oberfläche verschmiert wurde …

 

Bolle Tham und Martin Videgård: Die Verwendung von Backstein ist von der lokalen Bautradition inspiriert. Hier gibt es zahlreiche Beispiele für verschiedene Mauerwerk-Techniken mit Stein, Mörtel und Ziegelsteinen.

 

Dies wurde auch von Architekten erforscht. Der berühmteste unter ihnen war vielleicht Sigurd Lewerentz. Er hatte mit verschiedenen Arten von Ziegelsteinen in Kombination mit der Breite der Fugen und Art des Mörtels experimentiert. Die Verwendung von Mörtel, der zum Teil die Oberfläche der Steine ​​bedeckt, hat uns dabei geholfen, den handwerklichen Eindruck zu erreichen, den wir gesucht haben. Das Ganze verleiht der Fassade eine fast textile Qualität. Übrigens handelt es sich hier um ein Mauerwerk mit einer Isolierung die integriert ist zwischen den inneren und äußeren Schichten der Wand.

 

Wie eine verborgene Welt

 

Dieses Ferienhaus wurde über ein Stockwerk geplant, wobei es sorgfältig an die natürlichen Eigenschaften des Geländes angepasst wurde. Jeder Funktion wurde eine separate Raumeinheit zugeordnet, wodurch das Programm anhand der Schachteln mit verschiedenen Skalen und Höhen lesbar gemacht wird. Das Ganze ist ein organisches Ensemble.

 

 

Das Gebäude besteht aus einer Reihe von massiven, lose angeordneten Volumen aus tiefroten handgefertigten Ziegeln. Diese Blöcke aus Ziegeln sind miteinander verbunden, um sowohl innere als auch äußere Räume und räumliche Verbindungen zu schaffen. Und das verleiht dem Grundstück – trotz seiner begrenzten Größe – eine Fülle an verschiedenen kleinen Orten. Infolgedessen kann dieser Komplex von Räumen allein von einem einzigen Punkt aus nicht überblickt werden und so erscheint er größer als er in Wirklichkeit ist. Wie eine verborgene Welt …

 

Zur Website von Tham & Videgård Arkitekter

Credits:

All images by courtesy of Tham & Videgård Arkitekter. © Photos: Åke E:son Lindman. © Portrait: Jonas Lindström

 

 

 

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