Robert Konieczny – Schweben für die Sicherheit

1. Sep 2017, in Interviews

Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © olo studio

 

 

Beim WAF 2016 in Berlin bekam Robert Konieczny für sein unterirdisches Dialogue Center Przełomy (Durchbruch) für das Nationalmuseum in Szczecin die Auszeichnung ‚World Building of the Year 2016‘. Beim selben Architektur Festival hatte er auch sein eigenes Wohnhaus ‚Ark‘ eingereicht. Dieses Projekt wurde nun in diesem Jahr von Wallpapers Design Awards 2017 zum Best New Private House ernannt. Ein abgetauchtes Museum und ein abgehobenes Domizil, das sind nur zwei Beispiele aus dem konzeptorientierten Repertoire von Robert Konieczny + KWK Promes.

 

Die Arche – Wohnhaustradition auf moderne Weise

 

Die Wandöffnungen à la Konieczny gehen bis ins Extrem, wie wir auch wieder beim Projekt „Ark“ sehen können, das vom Wallpapers Design Awards 2017 zum “Best New Private House” ernannt wurde. Da es sich bei „Ark“ um Ihre eigenes Haus handelt: Wie würden Sie das Wohnerlebnis beschreiben an diesem abgeschiedenen Ort in den Bergen? Es wirkt ja wie hineingeworfen in die Natur, aber andererseits hebt es sich davon ab, im wahrsten Sinne des Wortes. Und nicht zuletzt interessiert mich natürlich die Fassade, die zu zwei extremen Verhaltensweisen fähig ist: Sie kann sich auf der einen Seite völlig verschließen und ist auf der anderen völlig offen …

 

Robert Konieczny: Jetzt werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die Sie vielleicht etwas überraschen wird. Wir kauften ein Grundstück, weil wir von der malerischen Aussicht fasziniert waren. Dann fing ich an, ein Projekt für mich zu entwerfen. Es dauerte ziemlich lange – fast 2 Jahre. Eigentlich wollte ich dieses Konzept realisieren, das mir schon seit vielen Jahren durch den Kopf ging. Ein zeitgenössisches polnisches Haus mit einem großen mützenartigen Dach und verglastem Erdgeschoss. Ich wollte ein Projekt, das zeigt, wie es möglich ist, sich auf unsere Tradition zu beziehen und auf moderne Weise zu bauen.

 

Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © olo studio

 

Standort mit Erdrutschgefahr

 

Als das Projekt fertig war und alles bereit für den Bau, kam es in Polen zu Erdrutschen. Ein Phänomen, das bisher einfach nicht beachtet worden war. Ganze Städte rutschten ab, Häuser brachen zusammen, Dörfer hörten auf zu existieren.

 

Ich bekam Angst und rief einen Bauunternehmer an, um zu fragen, was ich jetzt tun kann. Er sagte, wenn die Gleitschicht etwa sieben oder acht Meter unterirdisch liegt, dann kann man nichts tun. In dem Fall ist beim Erdrutsch alles vorbei. Und trotzdem, fragte ich ihn, gibt es nicht doch etwas, was ich tun kann und die Antwort war, dass ich nicht zu sehr in den Baugrund eindringen sollte. Aber was meinte er mit ‚nicht in den Baugrund eindringen‘? Mein Projekt hatte eine riesige Gründung und schnitt 22m lang quer in den Hügel!

 

Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © olo studio

 

Damit das Bauteam nicht davonrennt

 

Und doch, trotz des ganzen Drucks – sowohl vom Bauunternehmen als auch von meiner Familie – dachte ich, dass es funktionieren würde. Aber am zweiten Tag, als ein Bagger sich mit dem Graben abmühte merkte ich, der Berg ist stärker als ich. Der Bagger Fahrer hörte auf und sagte: ‘Ich werde das Loch nicht so schnell ausgraben.’ Ich antwortete, er sollte damit warten, damit ich meine Familie fragen konnte und ich würde mich am Montag wieder bei ihm melden.

 

Ich sagte meiner Frau: Schau, was würdest du sagen, wenn wir das Projekt ein wenig veränderten. Sie fragte, was genau ‚ein wenig‘ bedeuten würde. Ich antwortete, eigentlich bedeutet es ‘alles’. Sie erinnerte mich daran, dass ich bereits seit 2 Jahren an diesem Projekt arbeitete und fragte, wie lange ich brauchen würde, um es zu ändern. Und da sagte ich aus Angst vor ihrer Reaktion: Drei Tage, damit das Bauteam nicht davonrennt.

 

Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © olo studio

 

Schweben für die Sicherheit

 

Sobald wir zu Hause waren, begann ich nachzudenken. Ich musste von vorne anfangen und ich suchte in meiner Erinnerung nach dem Grund, warum ich eigentlich das Grundstück gekauft hatte. Klar, vor allem wegen der wunderbaren Aussicht und das Haus sollte nur ein Rahmen dafür sein. Mittlerweile wollte ich nun das Haus auch etwas billiger machen, weil es unnötig wuchs (es hatte ursprünglich nicht weniger als drei Etagen). Ich entschied, dass es am besten wäre, es einstöckig zu machen und zwar mit dem gleichen Ausblick aus allen Räumen.

 


Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Jakub Certowicz

 

Apropos Ihre Frage wegen der Abgeschiedenheit: Meine Frau hat nie ein einstöckiges Haus inmitten des Nirgendwo gewollt, sie hätte sich einfach unsicher gefühlt. So kam ich auf die Idee, das Erdgeschoss leicht zu drehen, so dass es den Hang nur mit einer Ecke berührt. Der Eingang lag nun dort, wo der Baukörper den Boden berührt und die Schlafzimmer befanden sich dort wo er hoch über dem Boden schwebt. Ich beschloss, das Haus auf drei Wandelementen so zu lagern, dass das Wasser – falls es dazu kommen sollte – unterhalb des Gebäudes hindurchfließen konnte. Dadurch sollte die Symbiose mit der Natur verstärkt und Erdrutsche verhindert werden.

 

Die Idee vom umgekehrten Dach

 

So ist es wie eine Brücke, die weder die Oberfläche noch das Grundwasser blockiert. Der nächste Schritt war ein Satteldach, aber ohne Traufe, da das ganze Gebäude  eine riesige Traufe ist. Der fallende Schnee versperrt ja keine großen Fenster und Türen, er fällt direkt auf den Boden. Wir sind hier schließlich in den Bergen, der gesunde Menschenverstand und natürlich auch der Raumentwicklungsplan zieht das Satteldach vor.

 

Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes (Bildausschnitt)

 

Und da waren ja noch die drei parallelen dreiecksförmigen Wandelelemente, die ausgesteift werden mussten. Die hatten nur einen sensiblen Berührungspunkt mit dem Boden und lagen weit auseinander (die drei dreieckigen Parallelwände lagern mit ihren ‚Spitzen‘ auf, Anm. d. A.). Und ich dachte, was ist das Äquivalent einer solchen Form? Natürlich, eine Dachform. So entstand die Idee, quasi das Dach auf den Kopf zu stellen (dieses ‚verkehrte Dach‘ wird als Lagerraum genutzt; Anm. d. A.). Wegen des verdrehten Daches, das die Konstruktion optimieren sollte, kam mir schon am dritten Tag der Gedanke, dass das Projekt einem Lastkahn ähnelt, eigentlich sogar einer Arche. Daher der Name des Projekts, obwohl er jetzt so offensichtlich erscheint.

 

Damals während des Designprozesses war es für meine Frau nicht genug, den Baukörper vom Hügel nur wegzudrehen. Deshalb entwarf ich die verschiebbare Wand, die gleichzeitig als Fensterladen fungiert. So dass man das Haus auf der südlichen Seite während der heißesten Tage schließen kann und dennoch einen schönen Blick hat über die Berge. Der letzte Punkt, dem ich so lange wie es ging auswich, war es, einen einleuchtenden Eingang zu entwerfen.

 

Kinderleichte Bedienung statt Antriebstechnik

 

Obwohl das Haus den Boden mit nur einer Ecke berührt, gibt es an diesem Ende trotzdem einen Höhenunterschied zur Erde von etwa einem Meter. Ich habe mich lange Zeit gefragt, wie man hier einen funktionierenden Eingang entwerfen kann und das einzige, was mir in den Sinn kam, war eine Zugbrücke, die sowohl Fensterladen als auch Eingangsplatz sein konnte. Das einzige, wovor ich Angst hatte, war die Sache mit der Technologie. Denn wir sind hier in den Bergen, das Klima ist hart, und die Technik muss zuverlässig sein. Das ist der Grund, weshalb ich keine Antriebstechnik benutzt habe. Weil dieses Wandelement wirklich leicht gleitet, schließe ich es manuell. Das funktioniert fehlerfrei und ist kinderleicht.

 

Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © olo studio

 

Natürlich mag ich diese besondere Reinheit des Hauses, wenn es ganz geschlossen ist und von der Seite des Eingangs aus gesehen wie ein Felsblock wirkt. Auch architektonisch gesehen ist es eine schöne Lösung, denn die ganze Nordwand ist offen, da es keinen Sinn macht, sie zu schließen: Das Haus hängt ja hoch über dem Hügel, so dass die Wand weit oben liegt – und das bedeutet Sicherheit. Das Haus öffnet sich der schönen Aussicht und wegen der nördlichen Richtung wird es nicht überhitzt. Das ist die Geschichte über die Entstehung der Arche.

 

Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © olo studio

 

Architektur und Immaterialität

 

Die Arche zeigt fast Ihr gesamtes architektonisches Vokabular: Topographie, überhängende oder schwebende Volumen und eine Fassade, die die Fähigkeit hat, sich zu verschließen. Neu ist hier wohl, dass das Material und seine Oberfläche, die das Gebäude so aussehen lässt, als wäre es aus reinem Beton. Auch die Schiebeelemente der Fassade und das Giebeldach sind daraus gemacht. Wenigstens sieht es so aus … Was können Sie uns über Ihre Materialauswahl erzählen und wie haben Sie es geschafft, dem Gebäude diesen einheitlichen Eindruck zu verleihen?

 

Robert Konieczny: Nun, ich bin froh, dass Sie sagen ‚fast gesamtes‘. Denn was das architektonische Vokabular betrifft gibt es beim Wohnhaus Ark etwas woran es mangelt und das ist eine gewisse Immaterialität, die jede Architektur vervollständigt. Ein Beispiel hierfür sind unsere Wettbewerbsprojekte. Zum Beispiel in New York auf der Insel Des Gouverneurs, wo künstlicher Nebel die gesamte Insel bedeckt und zu einem Bildschirm wird für schnell bewegte Laserstrahlen, ähnlich wie bei Jean Michel Jarre (International Competition of USA Institute for Governors Island in New York-Ill Award, Anm. d. A.). Etwas Ähnliches wurde ein paar Jahre später von Diller Scofidio + Renfro gemacht (Blur Building, Exposition Pavilion: Swiss EXPO, Yverdon-Les-Bains 2002 von Diller Scofidio + Renfro, damals Diller Scofidio; Anm. d. A.). Aber meiner Meinung nach war es nicht so sinnvoll wie bei unserem Projekt.

 

Fryderyk Chopin Institute (Warschau). Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes

 

Ein anderes Wettbewerbsprojekt war ein Gebäude, das Fryderyk Chopin gewidmet ist, einem hervorragenden polnischen Komponisten. Chopins ganzes Leben war durchdrungen von der Sehnsucht nach seinem Land, weil Polen damals sozusagen in Gefangenschaft war und er selbst im Exil lebte. Sehnsucht nach dieser polnischen Landschaft, zu polnischen Weiden, ist das Thema der Gebäudestruktur geworden. Dann entstand die Idee eines Gebäudes mit Fassadenelementen, die es erlauben, sich vor der Welt zu verschließen und auf atmosphärische Bedingungen zu reagieren. Sie verhalten sich ein bisschen wie Blätter an einem Baum. Bei normalem Wetter ist dieses Gebäude wie jedes andere Gebäude – statisch. Aber sobald sich das Wetter verschlechtert, wenn der Wind weht, die Emotionen anwachsen, dann regt sich auch das Gebäude. Es fängt an, sich wie ein Baum zu verhalten.

 

Warum ist das so? – Gebäude, die Interesse wecken

 

Darüber hinaus … wenn sie sich bewegen enthüllen diese hellen Fassadenlamellen die dunklen Glasscheiben dahinter. Und so entsteht abwechselnd immerzu die Bewegung zwischen weiß – schwarz, schwarz – weiß, weiß-schwarz usw. Das erinnert dann an die Bewegung von Klaviertasten. Vielleicht versteht das unter hundert Menschen nur einer, vielleicht auch niemand, aber sicherlich würde dieses Gebäude Interesse wecken und einen fragen lassen, warum ist das so.

 

Mit diesen Beispielen wollte ich Ihnen die immateriellen Aspekte unserer Projekte erklären. Ich hoffe, dass wir eines Tages ein solches Gebäude realisieren können. Oder vielleicht haben wir das auch bereits getan mit unserer Arche, bei dem das Wasser, das darunter abfließen kann, dem Ganzen etwas Immaterielles verleiht.

 

Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes

 

Bauarbeit nach Konzeptzeichnungen

 

Zurück zum Thema Material: Es ist so merkwürdig, die Arche ist aus richtigem Beton gebaut, aber in einer nicht üblichen Weise. Dieses Projekt entstand unter extremen Bedingungen. Die Bauarbeiten begannen wenige Tage nach den Konzeptzeichnungen. Also musste das Projekt dem Bauprozess geradezu hinterherjagen. Gleichzeitig beschloss ich, eine recht experimentelle Technik auszuprobieren. Seit langem schon hatte ich die Idee, von einem Bau mit fertigen Fassaden. So dass man keine dritte Fassadenschicht benötigt, es gibt nur die Konstruktion, die zugleich das Finishing ist. Und die Isolierung erfolgt von innen. Das Haus sollte mit aufgesprühter geschlossenzelliger Schaumstruktur isoliert werden. Nach den Berechnungen zu urteilen gab es keine Probleme mit dem Taupunkt. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich das nicht in Frage gestellt hätte. Ich war schon ein wenig besorgt. Denn die Theorie ist eine Sache, eine ganz andere Sache ist aber die Praxis.

 

Ich wollte, dass dieses Haus homogen wird

 

So kam ich auf die Idee, diese Fassade zu belüften. Ich beschloss, die Isolierung von der Wand abzurücken, indem ich sie auf Polystyrol-Blöcke legte. Das erlaubt eine freie Luftbewegung zwischen der Isolierung und der Wand. Natürlich ist der ganze Beton perforiert, damit er atmen kann. Die Löcher sind mit feinem Gitter abgeschlossen, so dass keine Insekten hineinkommen. Ich habe aufgebogene Rohre verwendet, damit das Wasser nicht in diesen Raum fließt. Es ergab sich also eine recht interessante Technik, die wir in unseren weiteren Projekten weiter entwickeln werden.

 

Was ich vor allem wollte war, dass dieses Haus homogen wird. Deswegen erhalten zusätzliche Elemente wie gleitende Fensterläden ihre Farbe vom Beton, obwohl sie aus gebeiztem Stahl hergestellt sind. Ich wollte sozusagen nicht ablenken. Das gilt auch für das Dach, wo wir aus den gleichen Gründen eine graue TPO-Membran eingesetzt haben, weil das der Farbe dieses rohen, echten Betons entspricht.

 

Beton – ein zeitgenössisches Steinmaterial

 

Interessanterweise handelt es sich beim verwendeten Beton um Gussbeton von einem lokalen Hersteller. Deshalb ist er an dieser Stelle auch so authentisch, denn in Brenna sind alle Brücken, Barrierenwände etc. aus Beton gefertigt. Außerdem ist er in gewisser Weise auch ein lokales zeitgenössisches Steinmaterial. Dass die Wahl auf dieses Material fiel, war Zufall. Ich wollte hochwertigen Beton verwenden, der aus dem Flachland geliefert werden sollte. Aber als die Vertreter dieser Firma kamen und den Hang sahen, wo sich das Grundstück befand, gaben sie auf. Dann sah ich aber den Betonmischer, der von den Einheimischen betrieben wurde, wie er auf diesem steilen Hang fuhr, um die Fundamente zu gießen. In dem Moment beschloss ich, dass ich das ganze Haus aus diesem Material bauen würde.

 

Autofamily House. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Juliusz Sokołowski

 

Das Spiel mit der Topographie

 

Ihre Wohngebäude haben meistens eine skulpturale Beziehung zur Topographie – wahrscheinlich eines der wichtigsten Themen Ihrer Arbeit. „Living-Garden House“, „OUTrial House“, „Autofamily House“ und „Broken House“ sind nur einige Beispiele dafür. Topographie wird zu einer Rampe, Treppe oder einem Dach geformt. Beim „Living-Garden House“ nehmen Sie die Natur und imitieren sie im Innenraum mit Hilfe von Gras im Erdgeschoss. Es gibt fast kein gewöhnliches Wohnprojekt in Ihrer Arbeit und wenn es eins gibt, dann erhält es einen ironischen Namen wie „Standard House“, obwohl es natürlich überhaupt nicht Standard ist … Warum ist die Topographie oder der Boden, auf dem Ihre Gebäude stehen, so wichtig für Sie?

 

Robert Konieczny: Ich denke, ich muss gestehen, dass die Topographie mir sehr lieb ist. Ich war schon immer fasziniert von einer Architektur, die im Raum verschwimmt, bei der es schwer ist, ihren Anfang und ihr Ende zu definieren. Das könnte ein wenig widersprüchlich wirken bei jemanden, der vorgibt, mit Konzepten zu arbeiten, der versucht, jedes Thema neu zu beginnen. Aber auf der anderen Seite muss ich zugeben, bei unseren Projekten kann man leicht auf den Gedanken kommen, dass das Spiel mit der Topographie ziemlich präsent ist.

 

Habe ich irgendeine Art von Topographie-Design? Ich mag es einfach und es ist schwer, von dieser Vorliebe für die Topographie abzulassen. Denn es ist wichtig, auf den Kontext und die bestehende Situation oder andere Aspekte zu reagieren, die es wert sind, berücksichtig zu werden. Manchmal, wenn ich in Vorlesungen über die Hintergründe der Projekte erzähle, zeige ich sie gern aus evolutionärer Sicht. Wenn ich über ein bestimmtes Projekt spreche, stelle ich auch vorherige Projekte vor. Ohne diese anderen Lösungen wären Projekte wie das Dialogzentrum Przełomy (und viele andere Entwürfe) nicht in einer bestimmten Form entstanden. Das sanfte Auftauchen dieses Platzes z.B. wäre ohne das vorherige Autofamily House nicht möglich gewesen.

 

Living-Garden House in Katowice. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Jakub Certowicz

 

Grenzen verschwimmen und verschwinden im Raum

 

Eng verbunden mit diesem Thema der Topographie ist die Art, wie Sie überhängende Bauvolumen verwenden. Zum Beispiel liegt bei „Living-Garden House“ quasi ein Baukörper auf einem anderen. Und um die Auskragung wie ein schwebendes Objekt zu sehen, legen Sie einfach eine Spiegelwand darunter. Woher kommt diese Faszination für Auskragungen? Was können Sie uns über dieses typische Element Ihrer Architektur erzählen?

 

Living-Garden House in Katowice. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Jakub Certowicz

 

Robert Konieczny: Wenn Ihnen das aufgefallen ist, dann ist das anscheinend ein charakteristisches Merkmal, zumindest bei einigen Projekten. In unserer ersten Version von Living-Garden House (in Katowice 2010-2013; Living Garden House in Izbica entstand 2012-2014, Anm. d. A.) sollte das Wohnzimmer Teil des Gartens sein und ein Schlafzimmerbereich sollte darüber so liegen, dass er eine Überdachung für den ‚Living-Garden‘ bildet.

 

Living-Garden House in Katowice. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Jakub Certowicz

 

So verschwindet die Grenze zwischen Innen- und Außenbereich auf ganz natürliche Weise, auch weil es im Erdgeschoss keine Wandkonstruktion gibt, außer das Glas, das sich ja visuell zurückhält. Und in Katowice gehen wir noch einen Schritt weiter, indem wir die Natur in Form von echtem Gras hereinlassen.

 

Living-Garden House in Katowice. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Jakub Certowicz

 

Jedes Auskragen ist ein bisschen wie eine Eroberung von Raum – aber eben nicht ganz. Zu einem gewissen Grad sind dann die Grenzen zwischen Architektur und seinem Äußeren nicht mehr so präzise, nicht so stark. Das gleiche Prinzip gibt es auch in den topographischen Projekten, obwohl es sich dort in einer anderen Weise zeigt – die Grenzen verschwimmen, verschwinden im Raum und das weckt irgendwie mein Interesse und fasziniert mich.

 

 

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Özlem Özdemir

 

Zum 1. Teil des Interviews

Zum 3. Teil des Interviews

Zur Website von Robert Konieczny + KWK Promes

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