Robert Konieczny – Eine etwas andere Art zu leben

17. Aug 2017, in Interviews

Autofamily House. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Juliusz Sokołowski

 

Robert Konieczny + KWK Promes kann auf eine international erfolgreiche Zeit zurückblicken. Das Centrum Dialogu Przełomy in Szczecin wurde zum ‚World Building of the Year 2016‘ ernannt. Das selbstentworfene Eigenheim des polnischen Architekten ‘Ark’ erhielt von Wallpaper Design Award 2017 die Auszeichnung Best Private House.

 

Was Robert Koniecznys Architektur neben dem markanten Umgang mit der Topographie auszeichnet ist seine Herangehensweise an die Fassaden. Materialien und Technik sind ihm wichtig. Aber auch das Arbeiten mit Konzepten, was er in einer geradezu evolutionären Art betreibt. Aber auch Radikalität gehört dazu. Wie Robert Konieczny sagt: „Neue Muster entstehen durch das Brechen von anderen Mustern.“

 

Alles muss logisch und erklärbar sein

 

Fassaden sind für Sie ein sehr wichtiges Werkzeug, um Ihre Gebäude ausdrucksvoller zu machen. Haben Sie eine besondere Haltung, wenn es um die Gestaltung der Fassaden geht, ihren Farben, geometrischen Kompositionen und Materialien etc.?

 

Robert Konieczny: Das ist eine interessante Frage. Ich muss erwähnen, ich bin Absolvent der Silesian University of Technology (in Gliwice, Anm. d. A.), wo modernistischen Ideen, Pragmatismus und Rationalität viel Aufmerksamkeit geschenkt wird.

 

Alles muss irgendwie logisch und erklärbar sein. Daher ist meiner Meinung nach das Ornament ohne irgendeine Funktion, also um seiner selbst willen, immer problematisch gewesen. Und das bezieht sich nicht nur auf die Fassaden, sondern auf jedes Designelement. Jeder Schritt muss logisch begründet sein. Jedes Element eines Gebäudes muss seinen Zweck haben, eine gewisse Logik. Wenn Sie sich unsere Gebäudeansichten ansehen – sie sind nie mehr als das, was sie sein sollten. Da gibt es keine Dekorationen oder unnötige Ornamente.

 

House with the Capsule. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes

 

House with the Capsule und das funktionelle Ornament

 

Nehmen wir das Projekt ‚House with the Capsule‘, das ich für meine Eltern entworfen habe. Dort habe ich eine Art von Netz für Holz eingesetzt, das von Gabionen inspiriert war. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, nur wegen dieser Inspiration Steine einzusetzen. So nahm ich statt der Steine Holz. Das Holz bildet eine Art von Trennung in Terrasse und Außenraum. Es verringert die Sonneneinwirkung und ermöglicht es den Bewohnern, die Außenwelt zu beobachten wie hinter Ästen und Zweigen. Was eine wirklich nette Atmosphäre schafft.

 

House with the Capsule. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes

 

Gleichzeitig ist es auch sehr praktisch. Denn wenn meine Eltern oder Oma den Kamin anzünden wollen, brauchen sie nur eine Tür zu öffnen und das gewünschte Holz aus dem Netz entnehmen. Das entfernte Holz führt dann dazu, dass die anderen Holzstücke nachrutschen, so dass sich ihr Muster ständig nach einem Zufallsprinzip verändert. Und wenn das Gitter leer ist, wird von oben Holz nachgefüllt und so wiederholt sich das Ganze wieder und wieder. So ändert sich dieses Ornament ständig. Es ist lebendig und vor allem sehr funktionell.

 

Fassaden und der Test der Zeit

 

Ich könnte mir nicht vorstellen, die Fassaden eines Gebäudes nur aus ästhetischen Gründen zu verzieren. Wenn es aber eine logische Idee gibt und jedes entworfene Element sich daraus ableitet, gibt es auch eine Chance, dass ihr Gebäude den Test der Zeit standhalten wird.

 

House with the Capsule. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes

 

Kommen wir wieder zu den Fassaden an sich und dem Test der Zeit, denen sie ausgesetzt sind. Es ist klar, dass Fassaden aus super haltbaren Materialien gemacht werden müssen, damit sie lange Jahre überleben. Die Wand ist wichtig und die Art wie sie altert. Je älter ich werde, desto mehr begreife ich das und deshalb messe ich nun den Fassadenmaterialien viel mehr Bedeutung bei. Damit das Gebäude eine richtige Patina erhält und auf eine gute Weise alt wird.

 

Schein und Wahrheit der Materialien

 

Wenn es um Architekturmaterialien geht, muss ich auch etwas sagen zum Thema über die sogenannte Authentizität. Wenn man historische Gebäude betrachtet, bei denen es noch keine technischen Anforderungen gab, kann man sehen, dass die Wände aus nur einem Baumaterial bestehen. Diese Art von Fassaden waren vom Material her authentisch. Heutzutage kann man eigentlich gar nicht einmal wissen, wie die Gebäudekonstruktion ist. Es scheint etwa, dass es sich um Ziegel handelt und in Wahrheit ist es aus einem völlig anderen Material gemacht. In gewisser Weise ist all das unehrlich und irreal. Aber auf der anderen Seite muss man natürlich eine gewisse Außenhülle haben, die den Bau erwärmt und schützt.

 

Sehnsucht nach Authentizität

 

Bei der Gestaltung der Arche habe ich zur materialen Authentizität in der Architektur zurückgefunden. Die Entscheidung für Beton rührte, unter anderem, von der Sehnsucht nach dieser Authentizität. Und ein Erfolg wurde es gerade deshalb, weil das Haus einem nichts vormacht. Beton ist ein absolut echtes, ehrliches Material, es ist keine Verkleidung. Ich nehme an, in Zukunft wird Architektur wieder zum homogenen Material zurückfinden, das alles in einem ist: Konstruktion, Isolierung und Fassade.

 

Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Jakub Certowicz

Konieczny’s Ark. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Robert Konieczny

 

Neulich hat mir einer meiner Kunden etwas über eine CNN Sendung erzählt. Es ging um Chemiker und Physiker, die an neuen Materialien arbeiten, und die einige Materialien erwähnten, die die Architektur revolutionieren könnten. In Zukunft würde man in der Lage sein, ein Material zu bestellen, mit bestimmten Parametern wie Tragfähigkeit oder Farbe. Materialien, die für ein bestimmtes Gebäude gemacht sind.

 

Statt über Fortschritt sprechen wir über Trends und Tendenzen

 

Das ist alles erstaunlich. Aber der einzige Unterschied zu natürlichen Materialien wäre, dass die Materialien fast perfekt sein würden. Dieser große technologische Durchbruch wird einen großen Fortschritt in der Architektur verursachen. Ich habe aber den Eindruck, dass wir heute mehr über Trends und Tendenzen sprechen anstatt über einen wirklichen Fortschritt, so wie es bei der Herstellung von Stahlbeton oder Stahl der Fall gewesen war.

 

Die Faszination des Untypischen

 

Ihre Art zu entwerfen hat viel damit zu tun, radikal-puristisch, aber auch experimentell-verspielt zu sein. Wie sehen Sie sich selbst? Worauf zielen Sie ab in Ihren Entwürfen?

 

Robert Konieczny: Ich werde versuchen, dies auf die kürzeste und einfachste Weise zu beantworten. Jedes Mal, wenn Sie ein Projekt machen, müssen Sie die Erwartungen des Kunden erfüllen, dem Kontext entsprechen, die Funktionen gut ausarbeiten, das Gebäude mit der Umgebung verbinden. Das ist schwierig, aber das sind die Grundlagen.

 

Autofamily House (Konzeptdarstellung). Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes

 

Aber am allermeisten bin ich fasziniert von solchen Projekten, wo ich während ich mit diesen grundlegenden Dingen zu tun habe, etwas erfrischend Neues und Untypisches machen kann. Etwas, das die Architektur beeinflusst und sie weiterentwickelt. Ich mag diese Art von Design.

 

Konzeptionalismus ist wie eine Berufswahl

 

Dieser Konzeptionalismus, den ich schon erwähnte, ist wie eine Berufswahl. Natürlich könnte ich auch ganz anders entwerfen, aber ich habe beschlossen, dass diese Richtung mir am nächsten ist. Denn das erlaubt mir, wenn es auch nicht immer einfach ist, von meinen formalen Gewohnheiten weg zu kommen. Wenn ich die Logik und die Ideen verfolge, die während des Entwerfens auftauchen, kann ich etwas ganz Neues machen. Das ist die kürzestmögliche Definition für mich, das ist was für mich in der Architektur am meisten zählt.

 

Ich verfolge gerne was neu ist

 

Natürlich interessiere ich mich dafür was so passiert in der Architektur. Als Laie fasziniert mich zum Beispiel der technologische Fortschritt. Ich verfolge gerne was neu ist und das hat einen großen Einfluss auf meine Architektur. Es gab ein Wettbewerbsprojekt für die Brücke in Verona. Das muss 1994 gewesen sein. Ich sah ein Fernsehprogramm über virtuelle Brillen, mit dem du dich in einer völlig anderen Realität bewegen kannst. Es war so faszinierend für mich, dass ich beschloss, die Idee für den Wettbewerbsentwurf, an dem wir gerade arbeiteten, darauf zu basieren. Beim Wettbewerb ging es um die Wiederbelebung der Etsch der nach der großen Flut im letzten Jahrhundert begradigt wurde (Etsch, Fluss in Verona; der Wettbewerbsbeitrag lautet ‚Virtual Future‘, Anm. d. A.). Ich dachte, ich würde dort keine Brücke machen, aber einen Platz, auf dem die Leute gehen können, wobei sie diese virtuelle Brille tragen und sich so in einen völlig anderen, historischen Moment dieses Ortes hineinbewegen können. Z. B. das römische Zeitalter oder das Mittelalter zu sehen und dann diese Welten mit der vorhandenen zu vergleichen.

 

Autofamily House. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © olo studio

Autofamily House. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Juliusz Sokołowski

 

Eine etwas andere Art zu leben

 

Das sind solche Beobachtungen der Technik, die einen Einfluss auf die Architektur haben. Damals war ich ein Student, und war überhaupt nicht erfahren, aber diese Dinge faszinierten mich bereits. So ähnlich war es, als ich älter wurde, wie im Falle des Autofamily House. Ich erkannte, dass ein typisches Vororthaus irgendwann keine separaten Eingänge für einen Fußgänger und ein Auto brauchen würde, da die jetzigen Autos durch absolut ökologische, elektrische, hybride Autos oder Wasserstofffahrzeuge ersetzt werden. Es ist jetzt zur Tatsache geworden, aber als wir dieses Projekt machten, waren solche Autos praktisch nicht auf dem Markt. Mittlerweile kann diese Art von Auto aber gekauft werden.  Was interessant ist an diesem Wohnausprojekt, du musst das Auto nicht mehr isolieren und in der Garage verstecken. Um die Funktionalität im Alltag zu verbessern, kann man es im Vorraum oder in der Eingangshalle parken. Sie legen es ab wie einen Schuh oder einen Regenschirm oder einen Mantel. Denn das Auto ist nur eine ‚atmosphärische‘ Verunreinigung. Als Objekt gesehen ist es sauber, es ist ein mobiles Gerät, das den Wohnraum nicht mehr verschmutzt. Die neue Art von Vororthaus erlaubt Ihnen in einer etwas anderen Art und Weise zu leben, meiner Meinung nach funktioneller.

 

Autofamily House. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © olo studio

Autofamily House. Courtesy of Robert Konieczny + KWK Promes. Foto © Juliusz Sokołowski

 

Das Brechen von Mustern

 

Jemand der mit Konzepten arbeitet, entwirft wohl oder übel innerhalb einer vorgegebenen Skala. Es wäre ein Traum, solche Dinge zu machen wie die von Le Corbusier. Dinge, die die Entwicklung der Architektur im Allgemeinen stark beeinflusst haben. Aber das waren keine individuellen Einzelhandlungen gewesen, es war eine neue Philosophie, eine neue Denkweise.

 

Und wie ich Ihnen anfangs schon erzählt habe, neue Muster entstehen durch das Brechen von anderen Mustern. Am faszinierendsten sind für mich Projekte, die irgendwie universell sein können, wie Living-Garden House oder das Autofamily House. Die Form spielt hier keine Rolle. Sie können ein Rezept oder eine universelle Art finden, den Raum zu gestalten, was auch von anderen Architekten genutzt werden kann. Das ist auch so ein Traum von mir, diese Projekte nicht nur Einzelpersonen oder einer kleinen Gruppe von Menschen zu widmen. Die Zeit wird es zeigen, ob diese Dinge funktionieren werden, oder ob sie nur ein Versuch bleiben, der sozusagen eines natürlichen Todes stirbt. Ich denke, es lohnt sich immer zu suchen. Das fördert die Ideen und das Nachdenken darüber. Wir empfinden eine große Befriedigung mit Projekten, die eine gute Resonanz erhalten. Aber wir sind auch sehr zufrieden mit solchen Projekten, die uns mit Freude in die Zukunft blicken lassen. Projekte, die neue Aktivitäten inspirieren, nicht nur bei uns, sondern vielleicht auch bei anderen.

 

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Özlem Özdemir

 

Zum 2.Teil des Interviews

Zum 3.Teil des Interviews

Zur Website von Robert Konieczny + KWK Promes

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2 Kommentare

  1. 13. Sep 2017, 11:21 am erstellt von Dachplatten

    Wow, diese Fotos sehen einfach wunderbar aus! Es ist wie ein Sprung in die Zukunft! Architektur ist sehr interessant – der Beweis kommt hier!

  2. 13. Sep 2017, 5:06 pm erstellt von benk

    Wahnsinns Haus!