raumPROBE: Herren über 40.000 Muster

20. Mrz 2014, in Glas, Interviews, Oberflächen, Putz, Stein

Sie sind Herren über knapp 40.000 Muster: Joachim Stumpp und Hannes Bäuerle, Gründer und Geschäftsführer der raumPROBE in Stuttgart. Im Interview erzählt Joachim Stumpp, warum Muster für Architekten so wichtig sind, was es in der raumPROBE zu entdecken gibt und welche Chancen die neuen Medien bei der Materialrecherche bieten.

 

Joachim Stumpp leitet zusammen mit Hannes Bäuerle die raumPROBE, eine 40.000 Muster umfassende Materialausstellung für Architekten und Planer. Foto raumPROBE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist die raumPROBE und warum ist sie für Architekten interessant?

Joachim Stumpp: Es waren ganz viele Gründe, die dafür gesprochen haben, eine Dienstleistung für Architekten anzubieten, um die Materialrecherche zu vereinfachen. Meine Erfahrung aus verschiedenen Architekturbüros, in denen ich gearbeitet habe, war: Die Materialordner sind nie aktuell und es sind meistens auch keine echten Muster drin, sondern oftmals nur Papierunterlagen. Die konkrete Idee entstand beim Rennradfahren, einer gemeinsamen Leidenschaft mit Hannes Bäuerle, dem zweiten Gründer. Man unterhält sich bei einer Sonntagsausfahrt und spricht darüber, dass man mal wieder Material gesucht, aber eben nicht gefunden hat. Das war dann der Auslöser für uns.

 

Gibt es in Architekturbüros keine Materialbibliothek, auf die man bei der Recherche zurückgreifen kann?

Joachim Stumpp: In großen Büros gibt es durchaus Mitarbeiter, die kümmern sich ausschließlich um das Materialarchiv. In den meisten kleinen Büros ist es so, dass das ein Mitarbeiter macht, der hat aber nebenbei trotzdem noch seine eigenen Projekte. Da hat das Materialarchiv nie höchste Priorität. Und wenn man sich die Vielzahl der Hersteller vor Augen führt, mit denen es Architekten bei ihrer Arbeit zu tun haben und sich zusätzlich die Menge der Unterlagen vorstellt, die allein ein Hersteller pro Jahr veröffentlicht, dann kann man sich leicht vorstellen, dass es kaum möglich ist, ein Materialarchiv aktuell zu halten. Selbst wenn sich ein Mitarbeiter Vollzeit darum kümmert.

 

Können Online-Medien hier vielleicht für einen Paradigmenwechsel sorgen?

Joachim Stumpp: Dank ihnen können sich Architekten heute einfacher und schneller informieren, das stimmt. In unserer Online-Datenbank beispielsweise kann man Schlagworte eingeben, Freitext suchen, nach bestimmten Rubriken filtern und hat dann Unternehmen, die die gesuchten Produkte anbieten. Der nächste Schritt wird aber immer sein, ein Echtmaterial in die Hand zu bekommen. Über unser Datenblatt können die Muster direkt beim Unternehmen angefordert werden. Das hat zwei Vorteile: Zum einen ist dann der Kontakt zwischen Architekt und Unternehmen hergestellt, zum anderen hat der Architekt auf schnelle, ganz einfache Art und Weise Muster angefordert und muss sie sich nicht auf einzelnen Hersteller-Homepages zusammensuchen.

 

Das ist wie in der Mode, wo es pro Jahr zwei Kollektionen und ein Standardsortiment gibt.

Joachim Stumpp: Genau. Das Standardsortiment läuft dauerhaft durch. Bei einem Schichtstoffhersteller von Möbeloberflächen beispielsweise sind die Standard-Unifarben immer gleich. Und dann gibt es Spezialdekore, die sind eher trendorientiert. Jetzt war gerade so eine Zeit, in der Eiche ein Massentrend erfahren hat. Das heißt, nicht nur Schichtstoffhersteller haben die Eiche mit ins Programm aufgenommen, andere Hölzer dafür aber raus. Hier besteht dann die Gefahr, dass der Architekt seinen Kunden Muster aus dem eigenen Archiv präsentiert, die es gar nicht mehr gibt. Die Aktualität der Muster war für uns einer der wichtigsten Gründe, die Raumprobe zu gründen.

 

In welchem Stadium der Planung kommen beim Architekten die Materialien ins Spiel?

Joachim Stumpp: Wie der Architekt vorgeht, ist ganz unterschiedlich. Es kann sein, dass er erst plant und dann schaut, welche Materialien zur Planung passen würden. Manchmal kommt man aber auch über‘s Material auf einen Entwurf. Da ergeben sich über die Eigenschaften des Materials neue Ideen. Wenn das Material beispielsweise transluzente Eigenschaften hat und ich einem Innenraum dadurch einen ganz anderen Eindruck verschaffe, kann sich das letztendlich auf die Architektur auswirken.

 

Erfolgt der Zugang zum Material eher über die Eigenschaften oder steht die Optik im Vordergrund? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Joachim Stumpp: Die visuelle Komponente ist das, was beim Architekten in erster Linie entscheidend ist. Trotzdem muss das Material die passenden Eigenschaften haben. Es wäre der falsche Materialeinsatz, wenn die Funktion nicht erfüllt ist. Rein über die Funktion an ein Material ranzugehen, kann zwar funktionieren. Aber im Endeffekt ist der Königsweg, wenn beides funktioniert und beides passt.

 

Schneller Überblick: Hier am Beispiel einer Furnierpräsentation in der Ausstellung. Foto raumPROBE

 

 

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Joachim Stumpp: Unsere Aufgabe sehen wir darin, im Sinne unserer Planer, eine gewisse Vorauswahl zu treffen. Das ist nicht einfach, weil die Couleur der Planer so unterschiedlich ist. Wir orientieren uns bei der Auswahl zum einen an Trends, zum anderen kennen wir unsere Planer und ihre Anforderungen. Außerdem versuchen wir die Vielfalt und die unterschiedlichen Eigenschaften, die es auf dem Markt gibt, abzubilden. Bei einem Tapetenhersteller suche ich dann eben nicht nach möglichst vielen unterschiedlichen Dekoren, sondern wähle die Besonderheiten je Kategorie: zum Beispiel eine Vinyltapete, eine Textiltapete, eine beflockte Tapete, eine Individualdrucktapete,…So zeige ich einen attraktiven Ausschnitt aus der Vielfalt. Diese kann der Architekt als Grundlage für eine weitere Recherche bei den Unternehmen nehmen. Das ist unser Ziel: Den Architekten dann auf die Homepage der Unternehmen weiterzuleiten.

 

Die Raumprobe, ganz egal ob online oder real, bietet Architekten und Planern also Appetithäppchen für ihre Arbeit?

Joachim Stumpp: Was man nicht unterschätzen darf, ist die Inspiration. Ein Architekt, der in der Datenbank surft oder durch die Ausstellung geht, hat vielleicht bestimmte Dinge im Kopf. Und dann stößt er plötzlich auf Materialien, von denen er vielleicht noch gar nichts wusste oder an die er bislang gar nicht gedacht hat. Wir haben 3.500 Materialtafeln in der Raumprobe. Hinter jeder Tafel liegt eine Kollektion. Wenn man die Tafeln mit im Schnitt zehn Mustern multipliziert, haben wir 30 – 40.000 Muster allein auf unseren 600 Quadratmetern Fläche. Das ist ein enormes Potenzial, um sich inspirieren zu lassen.

 

Die Materialwelt der raumPROBE dient Architekten und Planern nicht nur als visuelle Inspirationsquelle. Mindestens genauso wichtig ist bei der Materialrecherche die haptische Erfahrung. Foto raumPROBE

 

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews was die derzeit spannendsten Materialentwicklungen sind und mit welchen Material-Trends in Zukunft zu rechnen ist

Die 2005 in Stuttgart gegründete raumPROBE bietet Architekten und Planer eine umfassende Sammlung von Materialmustern. In der Ausstellung kann man die Muster live erfahren. Darüber hinaus bietet eine online Datenbank die Möglichkeit ortsunabhängig zu recherchieren.

 

Zur raumPROBE Homepage

 

In der kommenden Woche lesen Sie hier auf dem Fassaden-Blog den zweiten Teil des Interviews mit Joachim Stumpp.

 

Fotos: raumPROBE

 

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