Preisgekrönte Wohnanlage in Innsbruck

3. Mrz 2017, in Energieeffizienz, Objektberichte, Sanierung

Das Team von U1architektur

Die Qualitätsgruppe Wärmedämmverbundsysteme in Österreich kürt jährlich im Rahmen des Ethouse Awards die besten Beispiele thermischer Sanierung. In drei Kategorien werden Planer, Bauherren und verarbeitende Betriebe ausgezeichnet, denen es gelingt, eine herausragende Sanierung mit einem Wärmedämmsystem (WDVS) umzusetzen. Eines dieser Projekte ist die Wohnanlage in der Amraserstrasse 118 in Innsbruck. Durch die Sanierung konnte die Energiekennzahl von 354 kWh/m2a auf 21 kWh/m2a gesenkt werden, das ist eine Verbesserung von 94 Prozent. Planer Norbert Buchauer, von U1architektur, gibt Auskunft, wie eine solche Reduktion möglich ist.

 

Die Wohnanlage liegt direkt an einer sehr stark befahrenen Hauptstraße durch Innsbruck. Die Bewohner der Wohnanlage sind einer starken Verkehrsbelastung ausgesetzt. Wie wurde dieser Umstand entschärft, um für die Bewohner ein angenehmes Wohnklima zu schaffen?

Buchauer: Da sich die stark befahrene Straße im Süden des Gebäudes befindet, auf der täglich bis zu 40.000 Kfz unterwegs sind, waren hier mehrere lärmschutztechnische Maßnahmen in enger Zusammenarbeit mit der Bauphysik notwendig. Das Konzept sieht u.a. nach Süden, zur Straße hin, große Lichtöffnungen vor. In jeder Wohneinheit sorgt eine dezentrale Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung für optimale Luftqualität, ohne dass die Fenster zur Straße geöffnet werden müssen. Auf Grund der bauphysikalischen Ausbildung der Öffnungen kann so Sonne und Tageslicht in die dahinterliegende Räume fallen, ohne dass Lärm und Luftbelastung der Straße die Wohnqualität mindern. Im Gegenzug entstand an der abgewandten Seite nach Norden, eine ruhige Laubengangzone mit Blick auf das Nordkettenpanorama.

Wohnanlage in der Amraserstrasse 

 

Bei dem Projekt aus den 1960er Jahren wurde das gesamte Gewerbe- und Geschäftsobjekt entkernt, um zwei Geschosse aufgestockt und neu organisiert. Das Gebäude wurde technischen und energetischen auf den neuesten Stand gebracht. Die Sanierung führte zu einer Energieersparnis von unglaublichen 94 Prozent. Welche Hindernisse gab es und welche Hauptsanierungsmaßnahmen wurden umgesetzt, um diesen Wert zu erreichen?

Buchauer: Durch die umfassende Sanierung mit Rückbau bis in den Rohbauzustand und neuer Konstruktion der Aufstockungen, konnten mögliche Hindernisse von vornherein umgangen werden. So wurde das energetische Konzept komplett neu gedacht ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Sämtliche Fenster und Türen wurden erneuert, das gesamte Objekt mit einem Vollwärmeschutz versehen und Decken zu Keller bzw. das Dach ausreichend gedämmt. Die Dachdeckung wurde in Form von Gründächern ausgeführt, sie sind dadurch Retentionsflächen geworden und leisten einen wertvollen Beitrag zur lokalen Klimaverbesserung. Die Fenster sind mit 3-Scheiben-Verglasungen ausgeführt und die Komfortlüftungen der Wohneinheiten bestehen aus hochwertigen Geräten mit hohem Wärmerückgewinnungsgrad. Das neue Gebäude hat also so gesehen nichts mehr mit dem Zustand von vorher gemeinsam.

Die auskragenden Fensterumrandungen dienen als Schallschutz

 

Auffällig bei der Fassadengestaltung sind die auskragenden Fensterumrandungen und die Metallkonstruktionen bei den Laubengängen. Welche architektonischen Überlegungen stecken dahinter?

Buchauer: Die Erker sind Teil der akustischen Überlegungen zur Verminderung der Lärmbelastung trotz sehr großer Öffnungen. Sie sind  als Fertigbetonteile wärmebrückenfrei in das WDVS integriert und mit schallabsorbierendem Material ausgekleidet. Fixe, schallreflektierende Glasbrüstungen ergänzen zusätzlich die Konstruktion und bieten so in Kombination mit Schallschutzfenstern optimalen Schutz in Bezug auf Wärme und Lärmbelastung. Gleichzeitig bilden sie ein starkes fassadengliederndes Element. Die Laubengänge sind – wie die gesamten Erschließungszonen – großzügig gehalten und bieten Aufenthaltsqualitäten. Durch die verbindenen Metallkonstruktionen, können diese Bereiche vertikal begrünt werden und erlauben so auf Wunsch noch mehr Intimität.

Die Metallkonstruktionen können begrünt werden und schaffen so einen zusätzlichen Sichtschutz

 

Der farblich akzentuierte Mitteltrakt beherbergt Lift und Stiegenhaus

 

Die Anlage wurde in erdigen, warmen Farbtönen gestaltet. Eingänge setzen Farbakzente. Auffällig ist auch die Mitteltracktüberdachung. Woher kam die Inspiration zu dieser Farbgebung?

Buchauer: Der Mitteltrakt beherbergt die komplett neue Vertikalerschließung mit Lift und Stiegenhaus. Dieser Bereich ist bewußt offen, gut einsehbar, hell und farbenfroh gehalten, um von vornherein Angsträume zu vermeiden. Die gemeinsame Erschließung und die Laubengänge bilden ein gemeinsames, alle Gebäudeteile verbindendes und einladendes Element. Zur Straße hin gibt es eine aus farbigen Gläsern bestehende Abschirmung mit Schutzdach in der obersten Etage, die nicht nur lärmmindernd ist, sondern auch Zugerscheinungen bei Wind unterbindet. Der warme, erdige Farbton der Fassade unterstreicht diese farbige Geste. Zusammengefasst versucht somit der Bau, dieser schwierigen Umgebung ein positives Element entgegen zu setzen und zur Identifikation der Bewohner beizutragen.

 

Mehr Infos über U1architektur: www.ueins.at

Fotos: Birgit Köll: www.birgitkoell.at

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