Osterwold°Schmidt: Architekturpreis für Fahrrad-Parkhaus

20. Jan 2017, in Interviews, Sonstige

 Osterwold°Schmidt

Es passiert sicher nicht oft, dass man für ein Fahrrad-Parkhaus den Best Architects Award erhält, dem Weimarer Architektenbüro Osterwold°Schmidt ist dieser Coup gelungen. Wir sprachen mit Antje Osterwold und Matthias Schmidt über die Konzeption des Projekts und ungeahnte Reaktionen hinsichtlich der Kostenfrage.

 

Der Best Architects Award gilt als wichtiges Ereignis und positioniert die Ausgezeichneten an die Spitze der internationalen Architekturszene. Waren Sie überrascht?

Schmidt: Ja, das war schon eine gute Konkurrenz. Der Preis ist jetzt einige Jahre alt und mittlerweile nicht mehr ausschließlich auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Mittlerweile sind auch Länder wie Spanien und Frankreich dabei, so dass es natürlich schön ist, mit so einer speziellen Bauaufgabe vorne zu landen. Für den Vorgängerbau auf der anderen Bahnhofseite sind wir vor drei Jahren mit dem internationalen Architizer Award ausgezeichnet worden, was uns auch sehr gefreut hat. Dort waren wir in der Kategorie Transport nominiert und standen in Konkurrenz zu Parkhäusern.

 

Hat dieser neue Preis eine besondere Bedeutung für Sie?

Osterwold: Vom Büro her sehen wir das eher uneitel. Für uns ist wichtig, dass die Mühen, die solch kleinere Bauvorhaben machen, in irgendeiner Form auch ihre Würdigung erfahren, da dies auch für den Bauherrn wichtig ist. Er verteilt den Auftrag und will etwas realisieren. Es ist also weniger eine persönliche Auszeichnung.

Radhaus Erfurt, Fotograf: Michael Miltzow, Weimar

Radhaus Erfurt, Fotograf  Michael Miltzow, Weimar

 

Gab es Schwierigkeiten, die mit diesem Projekt verbunden waren?

Osterwold: Oh ja. Unser Ansatz war zunächst relativ einfach: Wir erörterten, wo das zweite Fahrradparkhaus nördlich des Bahnhofs positioniert werden kann. Eigentlich stand hierfür eine Wallanlage, also ein Grünzug, zur Verfügung. Aber warum sollten wir dieses schöne Grün zerstören, wenn es eine Restfläche gibt, die mit einer Rampe, einem Fußweg und einer Treppe schon erschlossen ist? Es war daher naheliegend, es darauf zu setzen, auch weil es die kürzere Distanz zum Bahnhof hat. Doch es handelt sich um eine schräge Fläche mit Masten, großen Leuchten und Abspannungen für die Straßenbahn, so dass es bautechnisch schon ein paar Hürden zu nehmen gab.

Schmidt: Und es ist tatsächlich auch ein Politikum. Man würde ja denken, wenn die Stadt als Bauherr den Bürgern die Möglichkeit einräumt, kostenlos überdachte Fahrradplätze zu nutzen, dass dieser Plan dann auf allseitige Zustimmung stößt. Dem ist aber nicht so. Die Fraktion der Fahrradfahrer begrüßt dies zwar, fordert aber eher noch mehr. Die andere Seite wiederum lamentiert über die Verschwendung von Steuergeldern. Wenn also die Kommune im Sinne eines fortschrittlichen Mobilitätskonzepts etwas mehr Komfort schaffen will, ist man im Stadtrat durchaus geteilter Meinung. Denn sicherlich kostet so ein Vorhaben mehr, als wenn man irgendwo irgendwie einen Fahrradständer aufstellt.

Fahrrad Parkhaus, Erfurt Fotograf: Steffen Michael Groß, Weimar

Fotograf: Steffen Michael Groß, Weimar

 

Sie haben schon angedeutet, dass das Fahrradparkhaus an einem weithin unterschätzten Flächenpotential für funktionale Bedürfnisse realisiert wurde. War es letztlich auch eine kostengünstigere Alternative als am ursprünglich vorgesehenen Ort?

Schmidt: Das ist schwer zu vergleichen. Schaut man nur auf den Erschließungsaufwand, haben wir an unserer Fläche sicher etwas gespart, dafür war der Aufwand im Tiefbau höher. Ich denke, der entscheidende Punkt ist die Entfernung zum Bahnhof. Wenn Reisende oder Pendler einen Zug erreichen müssen, wollen sie ihr Fahrrad bis zur allerletzten Möglichkeit benutzen, abstellen und zum Zug gehen. Diesen Punkt haben wir gefunden, denn von dort geht man über die Brücke direkt ins Bahnhofsgebäude. Technisch gesehen war das sicher etwas aufwändiger, weil man in verschiedenen Höhen arbeiten musste. Letztlich ist aus dieser Situation heraus aber entstanden, dass wir dieses spezielle Gebäude mit den unterschiedlichen Neigungen entworfen haben. Neben den überdachten Plätzen existiert noch ein zentraler dreieckiger Raum, der momentan zwar auch für Fahrräder genutzt werden kann. In Zukunft sollen hier aber Ladestationen für E-Bikes angeboten werden. Das ist dann wirklich zukunftsfähig, zumal ja der Absatz dieser Räder stetig steigt.

Osterwold: Wir waren einfach überzeugt, dass das Haus an dieser Stelle das funktional erfolgreichere Modell ist. 

 

Im Jahr 2009 konzipierten Sie bereits das südlich des Bahnhofs gelegene Fahrradparkhaus, allerdings dominierte hier kein Stahlbau, sondern eine lichtdurchlässige Fassade aus speziellen Polykarbonatplatten. Worin lag die äußerliche Abgrenzung vom damaligen Projekt begründet?

Schmidt: Die Zeichenhaftigkeit auf der eigentlichen Bahnhofseite war damals ein wichtiges Thema. Zu dem Zeitpunkt, als wir das erste Radhaus geplant haben, war es scheinbar dringend notwendig, darauf aufmerksam zu machen, dass es so etwas überhaupt gibt. Es musste also eine Fassade sein, die nicht nur das Gebäude schützt, sondern gleichzeitig Träger der Information ist. Daher wählten wir transluzentes Material, Polykarbonat, das abends leuchtet, um das Radhaus klar erkennbar zu machen. Die Ausgangssituation beim zweiten Radhaus auf der Nordseite war etwas anders, da das Thema nun bekannt war. Außerdem musste es robuster sein. So kamen wir auf das vergleichsweise günstige Material Streckmetall. Es handelt sich ja um drei Gebäudeseiten, die von Passanten direkt flankiert werden.

Osterwold: Aufgrund der Perforierung leuchtet es nachts ebenfalls, was gleichzeitig eine Schutzfunktion der benachbarten Wege gewährleistet. So entstehen keine Angsträume wie bei einer Verdeckung des Gebäudes.

Gefahrenabwehrzentrum Erfurt, Fotograf: Steffen Michael Groß, Weimar

Gefahrenabwehrzentrum Erfurt, Fotograf: Steffen Michael Groß, Weimar

 

Auch an anderen Stellen der Stadt Erfurt haben Sie schon ihre Handschrift hinterlassen, etwa beim Gefahrenabwehrzentrum, das sie in eine imposante, dunkle Klinkerfassade kleideten. Wie wichtig ist Ihnen die Verwurzelung in ihrer Heimat?

Osterwold: Weimar oder Mittelthüringen ist unsere Wahlheimat. Von Verwurzelung würde ich jedoch nicht sprechen. Denn egal wo wir arbeiten, versuchen wir mit jedem Gebäude auf den Ort und die Umgebung zu reagieren. Es macht uns natürlich Freude, beispielsweise in Erfurt vielfach mit sehr unterschiedlichen Bautypologien, etwa auch Wohnungsbau, zu arbeiten. Etwas weiter entfernt haben wir in Hamburg einen Masterplan für eine Krankenhausanlage erstellt.

Schmidt: Da ging es um eine alte, noch vollständig erhaltene Krankenhaus-Pavillonanlage, die zu einem modernen Wohnquartier umgebaut werden sollte. Vor ein paar Jahren ist es fertig geworden, 450 Wohnungen sind nun von unterschiedlichen Kollegen auf Basis dieses Masterplans entstanden. Das war auch ein sehr schönes Thema.

 

„Gute Architektur hat nichts mit Budget und Mode zu tun“, heißt es auf Ihrer Homepage. Was wollen Sie mit ihrer Architektur ausdrücken?

Osterwold: Wenn wir uns einem Projekt nähern, versuchen wir, genau auf die Aufgabe zu hören und gleichzeitig auch Wünsche des jeweiligen Bauherrn mit aufzunehmen. Der Ort steht dabei immer im Mittelpunkt. Es stimmt uns eher bedenklich, wenn jemand mit zu konfektionierten, zu festgelegten Vorstellungen ankommt.

Schmidt: Es ist eigentlich wie bei einem Wettbewerb: Man versucht auch die Fragen zu beantworten, die nie gestellt worden sind, um neue Wege zu beschreiten und in Art, Auswahl und Kombination auf neue Typologien zu kommen.

Osterwold: Wir suchen nach einer Lösung, die eine möglichst langfristige Gültigkeit aufweist. Dafür forschen wir in der Vergangenheit und versuchen dann in die Zukunft zu schauen, um eine Synthese für die Lösung herauszufiltern, die entstehen soll.

Fahrradparkhaus Erfurt, Fotograf: Michael Miltzow, Weimar

Fotograf: Michael Miltzow, Weimar

 

Website Osterwold+Schmidt-Architekten

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