„Die Jugend muss überzeugt sein, die Welt verbessern zu können“

25. Jan 2013, in Interviews

Die französische Architektin Odile Decq gilt als eine Ausnahmeerscheinung. Und das nicht nur aufgrund ihres auffallenden Äußeren. Ihr Konzept für die Neugestaltung des Restaurants der L’Opéra Garnier in Paris erhielt international viel Beifall. Im Interview spricht Odile Decq über ihr populäres Projekt, die Farbe Schwarz und die Herausforderungen, denen sich die junge Generation von Architekten stellen muss.

 

Odile Decq

Zieht die Blicke auf sich: die französische Architektin Odile Decq.

 

Sie sind im vergangenen Herbst im Rahmen der November Conferences in Mailand zu Gast gewesen. Welche Erinnerungen haben Sie von dort mitgebracht?

Odile Decq: Ich hab von 1992 bis 2007 am École Spéciale d’Architecture unterrichtet und bin anschließend zur Direktorin der Schule ernannt worden. Im letzten Sommer habe dann jedoch die Arbeit dort aufgegeben und mich aus dem Universitätsleben zurückgezogen. Deshalb war es schön in Mailand mal wieder vor jungen Menschen zu stehen. Alles war sehr gut organisiert und es hat mich gefreut, dass so viele Leute meinen Vortrag hören wollten.

 

Was macht für Sie den Reiz am Unterrichten aus?

Odile Decq: Für mich ist es absolut wichtig mit jungen Menschen in Kontakt zu bleiben und sie gleichzeitig dazu auszubilden gute Architekten zu werden. In meinem Büro bin ich auch ständig von jungen Leuten umgeben. Dieser Austausch ist ganz entscheidend für mich und meine Arbeit.

 

Was ist die größte Herausforderung, die es für die junge Architekten-Generation zu meistern gilt?

Odile Decq: Die junge Generation glaubt nicht daran, dass sie die Zukunft bauen kann. Ihnen diesen Glauben zurückzugeben, ist meine wichtigste Aufgabe als Dozentin. Die jungen Architekturstudentinnen und Studenten wagen es nicht zu glauben, dass die Zukunft dank ihnen besser sein könnte. Sie wagen es nicht sich vorzustellen, dass die Zukunft besser als die Vergangenheit sein könnte. Sie denken die Zukunft wird schlechter als die Vergangenheit. Diese pessimistische Einstellung ist für mich als Dozentin wirklich ein Problem. Ich kämpfe täglich dagegen an. Als Dozent muss man ihnen die Überzeugung geben, dass sie die Welt besser machen können.

 

Worin sehen sie die Ursachen für diese Entwicklung? Liegt es an unserem konservativen Zeitgeist?

Odile Decq: Absolut. Wir können das schon seit Mitte der 90er Jahren beobachten, dass die jungen Menschen den Glauben an die Zukunft verlieren. Es wird immer schlimmer. Insbesondere in der Architektur, wo es darum geht, Räume für Menschen zu schaffen, das Zusammenleben in Städten zu organisieren, Kommunikation zu strukturieren und somit Kontakte zu ermöglichen, ist der Glaube daran die Welt verbessern zu können, ganz entscheidend.

 

Der Country-Sänger Johnny Cash hat ein Lied geschrieben, in dem er sagt, dass er wegen den vielen armen Menschen in der Welt schwarz trägt. Warum bevorzugen Sie schwarze Kleidung?

Odile Docq: Schwarz ist eine äußerst widersprüchliche Farbe. Ich trage seit Jahren schwarze Kleidung. Sie kann die verschiedensten Haltungen ausdrücken. Man kann schwarz aus ganz unterschiedlichen Gründen tragen: Wegen der Armut in der Welt wie Johnny Cash, aus Gründen der Eleganz wie bei Chanel, weil man sich der Rock’n’Roll- oder Punk-Bewegung zurechnet oder sogar weil man sich der priesterlichen Tradition verpflichtet fühlt. Schwarz hat ganz unterschiedliche Bedeutungen, deshalb ist es eine so interessante Farbe für mich. Weil schwarz eine so widersprüchliche Farbe, hat sie auch etwas Absolutes an sich. Wenn man sich einmal dafür entschieden hat schwarz zu tragen, hat dieser Schritt auch etwas Endgültiges. Danach kann man nicht mehr zurück.

 

Im Gegensatz zu Ihrer Kleidung arbeiten Sie bei Ihren Projekten sehr wohl mit sehr intensiven Farben. Ich denke hier insbesondere an Rot, das sich als ein immer wiederkehrendes Leitmotiv durch Ihre Arbeiten zieht.

Odile Decq: Licht und Farbe symbolisieren für mich das Leben, sie sind Ausdruck des Lebens. Energie, Leben, Freude, Genuss, Licht und Farbe – das alles gehört für mich zusammen und findet in meiner Architektur Ausdruck. Ich genieße das Leben, deshalb sind Farben für mich ganz wichtig in der Architektur.

 

Eines Ihrer aufsehenerregendsten Projekte der jüngeren Vergangenheit, das ebenfalls mit Farbkontrasten spielt, war die Umgestaltung des Restaurants der Opéra Garnier in Paris.

Odile Decq: Die Herausforderung des Projekts bestand darin, dass es im kompletten Innenraum, also an den Wänden und der Decke, keine Berührungspunkte geben sollte und man schon gar keine Verankerungen anbringen durfte. Wir hatten ganz strenge Vorgaben aus dem Ministerium, die unsere Arbeit und die Art und Weise, wie wir das Problem schließlich gelöst haben, maßgeblich beeinflusst haben. Die Idee mit den gebogenen Glasfassaden ist so entstanden. Wir konnten nicht einfach eine Glasfassade in den Bogen der Arkaden zur Abtrennung des Raums einziehen, sondern mussten unsere Fassade hinter die Säulen zurückziehen ohne sie zu berühren, weil auch die Fassade in ihrem historischen Bild voll und ganz erhalten bleiben sollte. Im Innenraum hatten wir dieselbe Problematik. Die Mezzanine Ebene umschließt die bestehenden Säulen zwar, berührt sie aber nicht und lässt den Blicken gleichzeitig genügend Raum, so dass die imposante Kuppel von allen Plätzen aus zu sehen ist.

 

Auffallend an der Mezzanine Ebene ist der sehr filigran verarbeitete Putz. Warum haben Sie sich für dieses Material entschieden?

Odile Decq: Was letzten Endes den Ausschlag für Putz als Material gegeben hat, ist seine besondere Haptik. Einerseits wollte ich eine ganz glatt polierte, farbige und ausdrucksstarke Oberfläche haben. Andererseits gefällt mir am Putz das haptische Erlebnis. Wenn man das Material berührt, kann man die Körnigkeit, seinen mineralischen Charakter, fühlen.

 

Vielen Dank für das Gespräch

 

L’Opéra Restaurant Paris: Zur Bildergalerie…

Odile Decq Benôit Cornette: Zur Homepage…

 

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