Manuelle Gautrand: Eine Europäische Architektin

2. Mrz 2018, in Interviews

Cartoucherie Housing Block – Wohnblock mit 170 Wohnungen / Toulouse (Frankreich) 2012-2016. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

 

Die Fassade à la Gautrand – das ist die Erfindung einer ganz spezifischen Hülle für jedes einzelne Projekt. Manuelle Gautrand liebt es fröhlich, wie etwa bei Ihrem Entwurf für das Wohnprojekt Zac de la Cartoucherie. Ein fröhliches Augenzwinkern nennt sie dessen Fassade mit den mintfarbigen und kreisrunden Fensterelementen. Sie steht aber nicht nur für verspielte Details. Auch ausdrucksstarke und gleichzeitig innovative Baukonzepte gehören zu Manuelle Gautrands Markenzeichen. So auch bei Edison Lite in Paris, einem ökosystemaren Wohnprojekt, mit dem sie an dem Wettbewerb Reinvent Paris teilgenommen hatte und der heute realisiert wird.

 

 

Ein Projekt aus zwei Hüllen

Energieeffizienz ist in Ihrem vielseitigen Repertoire wichtig. So z.B. bei der Mehrzweckhalle FORUM in Saint-Louis (2010-2015). Die Gebäudehaut ist zweischichtig. Wobei die äußere Schicht aus einem kupferartigen metallischen Material ist. Zuallererst, woraus bestehen diese energieeinsparenden Schichten? Und, was ist mit der scheinbar nutzlosen Leere dazwischen, die manchmal sichtbar ist und manchmal nicht?

Manuelle Gautrand: Das Projekt besteht in der Tat aus zwei Hüllen mit komplementären Funktionen. Erstens einer baulichen Struktur, ähnlich einer Hülle, die thermische und akustische Isolierungen garantiert. Und zweitens einer Hülle, die wir eher als Haut bezeichnen würden. Letztere besteht aus großen relativ monotonen Streckmetallplatten, die auf sehr einfachen Stahlrahmen montiert sind.

Culture Facilities – „Le FORUM“: Kultur-, Sport- und Gemeindezentrum / Saint-Louis (Frankreich) 2010-2015. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Fotos © Guillaume Guérin

 

Unser Wunsch war es, ein einheitliches Projekt zu schaffen, das sowohl auf einer Vielzahl von zusammenhängenden Volumina als auch auf einem einheitlichen  Design basiert. So werden alle Verkleidungen (Fassaden und Dächer) mit dem gleichen Oberflächenmaterial behandelt. Einem Streckmetall (©Métal Déployé), das auf großen Rahmen montiert ist. Es hat eine sehr spezielle Farbe, die von natürlichem Kupfer inspiriert ist. Diese besondere Farbe stammt aus dem Kontext. D.h. den großen orangefarbenen, ineinander greifenden Ziegeldächern mit Ziegelschornsteinen, die an die industrielle Vergangenheit des Geländes erinnern.

Culture Facilities – „Le FORUM“: Kultur-, Sport- und Gemeindezentrum / Saint-Louis (Frankreich) 2010-2015. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

 

Raffinesse des Materials

Wir haben einen besonderen Lack verwendet, den wir mit Akzo Nobel entworfen und getestet haben (ein weltweit operierendes Großunternehmen mit Schwerpunkten in Farbenherstellung und Spezialchemie, Anm. d. A.). Es handelt sich um einen transluzenten Lack, der die Sicht auf die im Hintergrund liegenden glänzenden Aluminiumpaneele aus Streckmetall nicht behindert. Dieser Lack weist zusätzliche Pigmente auf, die Kupferpulver enthalten. Das Ganze erforderte mehrere Prototypen und war definitiv eine große Herausforderung. Das Ergebnis ist eine glitzernde Umhüllung. Sie variiert je nach Lichteinfall und wechselt von einer fast weißen Farbe zu einer fast orangefarbenen, leuchtenden Tönung. Oder auch zu einer Palette von Rosa, Lachs und Hellorange. Und das Streckmetall ist perforiert genug, um diese Vielfalt an Wahrnehmungen zu verstärken. Das gibt einem das Gefühl einer starken Opakheit oder Transparenz, je nach Blickwinkel. Diese Raffinesse des Materials und seine großflächige Umsetzung machen das Gebäude zu einem bemerkenswerten Wahrzeichen der Stadt.

Culture Facilities – „Le FORUM“: Kultur-, Sport- und Gemeindezentrum / Saint-Louis (Frankreich) 2010-2015. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Guillaume Guérin

 

Energieeffizienz durch großzügigen Luftraum

Außerdem haben wir durch die Gestaltung der beiden Hüllen, die ich bereits erwähnt habe, einen großzügigen Luftraum zwischen den Metallpaneelen und dem Kern- und Schalenvolumen geschaffen. Dieser Luftraum löst zwei technische Aspekte der Energieeffizienz. Erstens, verdeckt er die zahlreichen großformatigen technischen Einrichtungen, die auf den Dächern installiert bzw. verteilt wurden. Zweitens schafft er im Sommer eine Art Wärmeschutz, indem er alle Dachoberflächen in eine relativ schützende Dunkelheit taucht. Während er gleichzeitig eine Art natürliche Belüftung bietet, die durch die Streckmetall-Lochungen verstärkt wird. All dies ermöglicht es schließlich, den Einsatz von Klimaanlagen zu minimieren.

 

 

Kulturbau mit den Eigenschaften eines Niedrigenergiehauses

Wie Sie bereits sagten, hat die umfassende Gesamtenergieeffizienz des Gebäudes die gesamte Konzeption und Gestaltung bestimmt. Das Hauptziel war es, das BBC-Label (Bâtiment Basse Consommation / deutsch: Niedrigenergiehaus, Anm. d. A.) zu erreichen. Das ist ein regulatorischer Verbrauch, der um die Hälfte niedriger ist als der Referenzverbrauch. Was selten ist für eine kulturelle Einrichtung mit energieintensiven Veranstaltungen.

Die starke Außendämmung und die geringe Glasflächenzahl erlauben es zudem, den Energieverlust zu begrenzen. Das Gebäude verfügt außerdem über eine zweiflutige Lüftung und drei Luft-Luft-Wärmepumpen. Die neue Luftaufbereitung der anderen Räume erfolgt mit RLT-Anlagen (Raumlufttechnischen Anlagen) im Teilrecyclingverfahren.

Culture Facilities – „Le FORUM“: Kultur-, Sport- und Gemeindezentrum / Saint-Louis (Frankreich) 2010-2015. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture

 

Wie ein Puzzle

Um 5713,0 qm bewältigen zu können, haben Sie sich entschieden, verschiedene Gebäude zu einer homogenen Einheit zu verbinden. Und das mit einer ca. 10.000 qm großen, metallisch transluzenten Metallschale. Nirgendwo sonst in Ihrem Werk haben Sie ein traditionelles Dach verwendet. Aber hier finden wir eine ganze Landschaft von Satteldächern, die von der Architektur der Umgebung inspiriert ist. Wie war es, die ‚richtige‘ Komposition zu finden? Oder, wie Sie es nennen, das richtige ‚Puzzle‘?

Manuelle Gautrand: Die Stadt wollte ein Projekt, das verschiedene sich ergänzende Programme mit einer großen Flexibilität der Räume kombiniert. Jedes Programm hatte unterschiedliche Einschränkungen in Bezug auf Größe und Höhe. So entstanden innerhalb des Gebäudes mehrere Unterräume. Da sind der Festsaal im Norden, der Große Multifunktionssaal im Süden, die öffentlichen Eingangshallen im Westen, die Eingangshalle für Schüler im Osten und die Lagerräume im Nordosten.

Culture Facilities – „Le FORUM“: Kultur-, Sport- und Gemeindezentrum / Saint-Louis (Frankreich) 2010-2015. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Guillaume Guérin

 

Flexibilität war bei diesem Projekt also ein grundlegendes Thema. D.h. die Hauptaufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass diese Räume die Möglichkeit haben, miteinander zu kommunizieren. Je nach dem was gerade anliegt. Und das Hauptproblem war auch, mit dem gleichen Material all die verschiedenen und manchmal sehr kontrastierenden Raumvolumen zu vereinheitlichen. Wie ein Puzzle gestaltet, fügt sich jeder Raum in die Kontinuität des nächsten ein. Und das ermöglicht eine fließende Zirkulation und einen schnellen Fluss zwischen den Funktionen. So werden auch keine Korridore oder Galerien benötigt.

 

 

Skulptur dank äußerer Zwänge

Zwischen 2009 und 2016  entstand in Paris Residence Hipark Hotel, dessen verjüngte Form durch den anspruchsvollen Standort bestimmt wird. Dieser ist umgeben von Backsteinbauten und einer Ringstraße. Und diese Périphérique hat, genau an einer der Grundstücksgrenzen,  ihre akustischen Wänden. Und nicht zuletzt gibt es ein direkt angrenzendes Studentenwohnheim, das 2013 fertig wurde. Recht verwirrende Bedingungen also für ein Projekt mit viel Druck von allen Seiten. Wie erinnern Sie sich an diese 7 Jahre?

Manuelle Gautrand: In der Tat, bei diesem Projekt wurde die Form buchstäblich skulpturiert durch die ganzen räumlichen und technischen Einschränkungen. Die Bedingungen waren verwirrend. Aber genau das war auch die große Herausforderung.

Das Gelände ist sehr schmal. Auf seiner Südseite ist es von Moussafir Architects Studentenwohnheim wie eingequetscht. Und im Osten ist es geschmälert durch die  Zugangsanforderungen für die Aufrechterhaltung der Schallschutzwand. So musste das Gebäude innerhalb dieser Zwänge genügend Platz für sich selbst finden, um die erforderliche Anzahl an Zimmern für dieses Apartmenthotel zur Verfügung zu stellen.

Residence Hotel Hipark – Hotel Residence Hipark Paris La Villette – 125 Zimmer / Paris (Frankreich) 2009-2016. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

 

Mit Leichtigkeit und Geschmeidigkeit

Im Endeffekt ist die Masse des Gebäudes stromlinienförmig und kompakt. Die Konturen des Volumens ergeben sich aus dem Wunsch, die Anzahl der Hotelzimmer zu maximieren und somit das Maximum aus dem Gelände herauszuholen. Der Baukörper erweckt den Eindruck, als würde er nur versuchen in Balance zu bleiben, mit den vielen Zwängen zu jonglieren (ohne überhaupt von ihnen beeinflusst zu werden). Stattdessen geht er dem Ganzen aus dem Weg. Und zwar mit einer Strategie der abwechselnden Einrückungen und Auskragungen, die mit Leichtigkeit und Geschmeidigkeit durchgeführt werden.

Die Fassaden sind teils senkrecht, teils schräg nach unten, teils nach oben gerichtet. Und sie bestehen aus großen Flächen, die durch mehrere Längsfalten voneinander getrennt sind. Keiner der Abwärts- oder Aufwärtsbewegungen ist hier nur ‚zum Vergnügen‘. Sondern jede dieser Fassadenflächen ist strikt abgeleitet aus präzisen technischen Zwängen oder Standortbeschränkungen.

Residence Hotel Hipark – Hotel Residence Hipark Paris La Villette – 125 Zimmer / Paris (Frankreich) 2009-2016. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Fotos © Luc Boegly

 

Fassadeninspiration: Himmel und Vegetation

Warum und wie haben Sie dieses horizontale Streifenkonzept entwickelt? Warum genau dieses Farbdesign? Haben Sie mit verschiedenen Farben und Mustern experimentiert? Sollte dieser Grün-Weiß-Wechsel einen fließenden Übergang in die weiße Fassade des Studentenwohnheims zu schaffen? Und schließlich, aus welchem Material und welcher Konstruktion besteht diese Fassadenverkleidung eigentlich?

Manuelle Gautrand: In dieser eklektischen Umgebung, die stark von der Périphérique geprägt ist, wollten wir Fassaden gestalten, die farbenfroh und fröhlich sind. Mit einer Palette von natürlichen Tönen, die hauptsächlich von Himmel und Vegetation inspiriert sind. Wir wollten das Gebäude nicht zu blass machen. Denn man muss die unvermeidliche Patina bedenken, die sich mit der Nähe zur Périphérique und ihrer Verschmutzung ansammeln wird. Satte und gelegentlich dunklere Farben machen den Schmutz weniger auffällig. Sie verleihen dem Projekt Lebendigkeit und eine leicht glänzende und fröhliche Farbgebung.

Residence Hotel Hipark – Hotel Residence Hipark Paris La Villette – 125 Zimmer / Paris (Frankreich) 2009-2016. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

 

Dunkle Farbtöne gegen Schmutzeffekte

Die Farbtöne spielen sich von unten nach oben ab. Je höher man kommt, desto heller werden sie. Der untere Bereich, mit seinen ziemlich dunklen Grüntönen, bildet eine Basis. Diese dunkleren Töne reduzieren die spürbaren Schmutzeffekte und sorgen für ein sauberes, glänzendes und beständiges Aussehen. Außerdem setzen die Grüntöne die große Baumreihe gegenüber der Westfassade des Projekts fort. Weiter oben, mischt sich eine Abfolge von hellerem Blau, wie etwa Himmelblau, mit verschiedenen Grüntönen. Und dann das Weiß, das direkt von der Fassade des Studentenwohnheims übernommen wurde, um die beiden Projekte zu harmonisieren.

Residence Hotel Hipark – Hotel Residence Hipark Paris La Villette – 125 Zimmer / Paris (Frankreich) 2009-2016. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

 

Kinetisches Streifenkonzept

Die Farben sind in lange Streifen zerlegt, was dem Gesamtvolumen etwas Kinetisches verleiht. Sie fangen die Bewegung der Autos ein und vermitteln einen Eindruck von Geschwindigkeit. Hergestellt sind sie aus pulverbeschichteten Metallplatten. Lange, verglaste Öffnungen schleichen sich gleichsam unregelmäßig zwischen die farbigen Linien und verleihen den Schlafzimmern Ausblicke auf unterschiedlichen Höhen.

Cartoucherie Housing Block – Wohnblock mit 170 Wohnungen / Toulouse (Frankreich) 2012-2016. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

 

Augenzwinkernde Fassaden

Ihr Fokus scheint auf Kulturbauten zu liegen. Wohnbauprojekte haben Sie aber auch im Repertoire. Z.B. Zac de la Cartoucherie in Toulouse das mit Bullaugen versehen ist. Warum diese runden Fenster? Und woraus bestehen diese mintgefärbten, beweglich wirkenden Elemente?

Manuelle Gautrand: Die Fassaden der Cartoucherie-Wohneinheiten bestehen aus metallischen Verkleidungen in heller Farbe. Sie erinnern an ein fröhliches Augenzwinkern.

Cartoucherie Housing Block – Wohnblock mit 170 Wohnungen / Toulouse (Frankreich) 2012-2016. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

 

Spielerischer Umgang mit Licht

Tatsächlich gibt es im gesamten Projekt zwei Arten von Fassaden. Und das sind zum einen die Tagesfassaden für die Räume, die wir tagsüber nutzen, und zum anderen die Nachtfassaden, die den Schlaf- und Ruhezonen entsprechen. Die letzteren haben diese runden Fenster mit pfefferminzfarbenen Elementen. Vor allem weil sie als nächtliche Fassaden weniger verglast sind als die anderen. Unser Ziel war es, runde, punktuelle Fenster zu schaffen, die durch halbmondförmige Läden geschützt sind. So dass die Bewohner mit dem Licht spielerisch umgehen können. Sie können immer noch die weite Aussicht auf den umliegenden Park genießen, aber sie behalten eine gewisse Intimität.

 

Pop-up-Fenster

Die Fensterläden sind außen weiß und verschmelzen mit der gesamten Fassade. Innen sind sie Mint. Was eine sehr ruhige, aber dennoch dynamische Farbe ist, die auch an die Vegetation der Umgebung erinnert. Sie sind kleine „Pop-ups“, die das Ganze beleben und modellieren, mit der Sonne spielen und sich nach den Wünschen der Bewohner bewegen lassen.

 

 

Edison Lite – ein Gebäude neu denken

Wieder etwas Neues gibt es bei Edison Lite in Paris mit der Terrassenfassade, die auch als Garten fungieren soll …

Manuelle Gautrand: Dieses ganze Wohnprojekt war tatsächlich eine einzige Herausforderung … Edison Lite war einer der Gewinner des Wettbewerbs Reinvent Paris, bei dem innovative Projekte gesucht wurden. Die Architektur ist ausdrucksstark und hat innovative Baukonzepte, unter anderem eine Struktur aus Beton-Stahl-Holz. Das Untergeschoss hat eine Betonkonstruktion, die Wohnungen eine Holzkonstruktion und die Dachterrasse eine Stahlkonstruktion.

Edison Lite – Wohnhausprojekt / Paris (Frankreich) 2015-2019. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture

 

Erwärmung durch Vegetation

Die Innovation liegt darin, dass die Materialien absichtlich von außen wie von innen sichtbar sind. Außerdem folgt ihre Anordnung dem einfachen Prinzip, das richtige Material am richtigen Ort zu haben, um den Gebrauch zu minimieren. Die Inspiration kam dabei von der Natur selbst. Mehr als nur ein Gartenkonzept, hat uns dieser Ansatz dazu gebracht, unser Gebäude anders zu denken. Und zwar ist der Boden mineralisch, das aufsteigende Gebäude und die Wohnungen sind bepflanzt, und die obere Zone liegt im Freien. Hier bestehen die Dachterrassen aus einer Stahlkonstruktion und werden zum Gartenbau genutzt.

Das Projekt wird durch eine dichte Vegetation erwärmt. Jede Wohnung hat ihre eigenen Blumenkästen und vertikale Seile tragen Kletterpflanzen. Es wurde alles getan, um mit Hilfe dieser natürlichen Filter eine gemütliche und pflanzliche Atmosphäre zu schaffen und eine gewisse Intimität zu gewährleisten. Diese Vegetationsschichten ragen bis zur Dachterrasse empor. Dort gibt es einen großen Gemüsegarten mit Tischen und Sitzgelegenheiten für die Bewohner.

Edison Lite – Wohnhausprojekt / Paris (Frankreich) 2015-2019. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture

 

Mitwirkung der Bewohner

Innovativ ist auch das partizipative Gebäudekonzept. D.h. es wurde gemeinsam mit den zukünftigen Bewohnern konzipiert und umfasst verschiedene Gemeinschaftsräume, darunter den Dachgarten. Die Dachterrasse ist also gedacht als ein Ort, an dem man sich austauschen, Leute treffen, gemeinsam gärtnern kann usw. Er ist Ausdruck für eine menschlichere Auffassung von Wohnprojekten.

 

 

Fassade à la Gautrand

Lassen Sie uns zum Abschluss des Interviews noch einmal auf meine Einleitung zurückkommen – wie würden Sie die typische „Fassade à la Gautrand“ beschreiben? Und wie sollte Ihrer Meinung nach eine gute Fassadengestaltung aussehen – was ist ihr Potenzial?

Manuelle Gautrand: Es ist schwierig, jedes Mal eine ganz neue Haltung gegenüber dem jeweiligen Projekt einzunehmen. Aber ich würde sagen, dass ich versuche, für jedes Projekt eine ganz spezifische Hülle zu erfinden, die sowohl die Funktionalitäten des Innenraums hervorhebt als auch den Kontext rund um den Standort des Projekts verbessert.

Galerie Lafayette – Neugestaltung der Fassaden des Einkaufszentrums Galeries Lafayette in Metz / Metz (Frankreich) 2010-2014. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Vincent Fillon

 

Eine Fassade muss ausdrucksstark und anziehend sein

Die Fassade ist wie ein Filter zwischen Stadt und Programm. Und dieser Filter ist grundlegend für die Wahrnehmung, die die Nutzer von außen und von innen haben werden. Es ist sozusagen der erste materielle Moment, die jeder auf den ersten Blick wahrnehmen wird. Also muss sie ausdrucksstark und anziehend sein. Und manchmal muss sie ein unvergessliches Signal in der Stadt schaffen, indem sie zum Beispiel etwas über die öffentlichen bzw. kulturellen Einrichtungen aussagt.

Ich bin übrigens auch zutiefst interessiert an natürlichem Licht. Und deshalb studieren wir immer genau, wie dieses kostbare natürliche Licht in das Projekt hinein gelangen kann. Auf feine oder großzügige Weise, neutral oder farbig, hell oder weich. Das natürliche Licht formt und modelliert einen Raum buchstäblich. Es ist ein entscheidender Punkt, der eine spezielle Atmosphäre ergibt.

 

 

Manuelle Gautrand – Eine europäische Architektin

Der European Prize for Architecture 2017 ging an Sie. Was ist für Sie das Besondere an dieser Auszeichnung?

Manuelle Gautrand: Ich habe mich sehr über diesen Preis gefreut. Vor allem, weil ich mich nicht dafür beworben hatte und weil es sich um einen rein europäischen Preis handelt.

Ich habe eine glühende Leidenschaft für mein Land Europa und betrachte mich selbst mehr als europäische Architektin denn als französische. Auch wenn es mir eine Ehre ist, das erste französische Büro zu sein, das sie erhalten hat!

 

 

Verzauberung von Architektur und Stadt

Außerdem wird der European Prize for Architecture an Architekten verliehen, die sich verpflichtet haben, die Prinzipien des europäischen Humanismus und der Architekturkunst weiterzuentwickeln. Ich habe mich seit Beginn meiner Karriere darum bemüht, ein solches Engagement zum Ausdruck zu bringen und zu betonen. Ich versuche, meine – oder besser gesagt unsere – europäischen Wurzeln zu nutzen, um die Architektur und unsere Städte erneut zu verzaubern.

Dieser Preis ist also eine große Ehre und ein noch größerer Grund, die europäische Architektur zum Glänzen zu bringen.

 

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Özlem Özdemir

Zum 1. Teil des Interviews

 

Zur Website von Manuelle Gautrand Architecture

 

 

 

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1 Kommentar

  1. 23. Apr 2018, 1:17 pm erstellt von Vanessa von Sukhi

    Soviele schöne Designs! Der Preis ist wirklich mehr als verdient – Glückwunsch!