Manuelle Gautrand: Auf unerwartete Weise

16. Feb 2018, in Interviews

Manuelle Gautrand. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Joëlle Dollé

 

Jedes Mal bin ich gespannt, ein neues Universum zu entdecken und zu analysieren.“ Das sagt Manuelle Gautrand, die im September 2017 den European Prize for Architecture  erhielt. Damit wurde eine der führenden europäischen Architektinnen ausgezeichnet. Ihr Werk zelebriert Mut und Nicht-Konformität und das in einer Welt, die zwischen extremer Modernität und reaktionärer Rückkehr zur Vergangenheit zerrissen ist – so der Verleiher. Auch die Fassaden zelebriert Manuelle Gautrand. Ob Farben oder Materialien, ob Ausdruck oder energetische Fragen, ob Licht oder Nachhaltigkeit. In den Fassaden ihrer Gebäude kommen viele Themen zusammen, die Manuelle Gautrand immer wieder behandelt. Immer wieder aufs Neue und „auf unerwartete Weise“.

 

 

 

Von Rot über Braun bis Violett

Beginnen wir mit einem Ihrer ersten Projekte, The Palace Theatre 1 (1994-1999), einem Kino aus den 30igern. Bereits hier sind Sie sich der Möglichkeiten bewusst, die ein Gebäude für seinen Ausdruck hat, indem es seine Fassade mit Bedacht nutzt …

Manuelle Gautrand: Die Stadt Bethune in Frankreich (nahe der Grenze zu Belgien, Anm. d. A.) war zu dieser Zeit ein von der Krise geprägtes Gebiet mit einem starken industriellen Erbe. Es gab den politischen Willen, die Kultur zu einer Priorität für ihre Einwohner zu machen …

Le Palace Theater Bethune 1 / Bethune (Frankreich) 1994-1999 – Le Palace Theater Bethune 2 / Bethune (Frankreich) 2010-2014. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

 

The Palace Theatre 1  ist ein Theater, das stark mit seiner Umgebung und dem Kontext verbunden ist. Es erinnert an die Farben der Gegend und an die traditionellen Motive, die wir in Theatern fanden. Es war auch ein Projekt mit begrenzten Kosten, mit dem wir uns befassen mussten. Trotzdem konzipierten wir eine großartige und schöne Architektur.

So versuchten wir erst gar nicht, das bedeutende Volumen des Gebäudes zu verbergen, sondern diese Form erst recht zur Geltung zu bringen und durch Abrunden und purpurfarbenes Lackieren zu verbessern.

Le Palace Theater Bethune 1 – Nationales Schauspielhaus von Nord-Pas-de-Calais / Bethune (Frankreich) 1994-1999. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

 

Diese warme Farbe hat mehrere Referenzen. U.a. ist sie ein Hinweis auf die Ziegelsteine der nördlichen Region und deren farbigen Fassaden, die von Rot über Braun bis Violett reichen.

 

 

Integrative Fassadenkonzepte

Beim Palace Theatre 2 konnten Sie dann dieses Fassadenkonzept erweitern. Was war an der markanten schwarzen Oberfläche wichtig? Und was können Sie uns mehr über diese dunkel gefärbte Umhüllung mit seinem Rautenmuster erzählen? Das Ganze sieht ja fast wie eine Plastikschale aus …

Manuelle Gautrand: In der Tat war das Palace Theatre 2 eine großartige Gelegenheit, nach Bethune zurückzukehren und an dem bestehenden Gebäude weiter zu arbeiten. Die Konzeption der Fassaden musste den gut sichtbaren Teil des ursprünglichen Projekts integrieren, dieses große abgerundete Volumen mit den glatten Ecken, vollständig in Lila lackiert. Und es war nicht so einfach, diese Gegenüberstellung mit einem neuen Stil … Schließlich wählten wir Schwarz, mit der  wir diese Erweiterung überzogen haben: eine tiefe und kräftige Farbe.

Le Palace Theater Bethune 1 / Bethune (Frankreich) 1994-1999 – Le Palace Theater Bethune 2 / Bethune (Frankreich) 2010-2014. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

Le Palace Theater Bethune 2 – Erweiterungsumbau des Nationalen Schauspieltheaters „Le Palace“ / Bethune (Frankreich) 2010-2014. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Luc Boegly

 

Das Schwarz des Pierre Soulages

Um einen weiche Übergang zum ursprünglichen Volumen zu schaffen, wird dieses Schwarz in einer Art von Metallplatten verwirklicht, die große Rhomben aufweisen. Diese Rhomben erinnern an diejenigen von der lila abgerundeten Form. Die Wellen der schwarzen Paneele, teils matt und teils glänzend, nehmen das Licht unterschiedlich auf. Abhängig von ihrem Glanz und ihrer Ausrichtung zum Licht. Außerdem gibt es eine leichte Inspiration aus dem Werk des Künstlers Pierre Soulages. In seinem Werk entdeckte ich, dass die schwarze Farbe vielseitig und subtil sein kann. Und zwar verleiht sie den Oberflächen eine Menge von Reflexen und Lichtern. Und am Ende entsteht ein ganz wunderbares Material.

 

 

Ich wollte es vermeiden, Citroën an die Fassade schreiben zu müssen

Ihr internationaler Durchbruch kam mit dem Citroën Paris Showroom (2002-2007). Zwei Themen kehren wieder, die schon beim Palace Theater da waren. So etwa das Rautenmuster (hier hervorgegangen aus dem Emblem), das in eine 3D-Struktur umgewandelt wurde. Wie würden Sie die evolutionäre Verbindung dieser beiden Projekte beschreiben?

Manuelle Gautrand: Die Gemeinsamkeit beider Projekte liegt, trotz ihrer unterschiedlichen Kontexte und Raumprogramme, in meinem Architekturansatz. Für dieses Projekt bezog ich meine Inspirationen völlig aus dem Universum von Citroën und seiner 100-jährigen Geschichte.

Citroen Showroom – C42: Citroen Flaggschiff Showroom, Avenue des Champs-Elysees / Paris (Frankreich) 2002-2007. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Christophe Valtin

Citroen Showroom – C42: Citroen Flaggschiff Showroom, Avenue des Champs-Elysees / Paris (Frankreich) 2002-2007. Fassaden-Schema. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture

 

Das Rautenmuster ist mit dem doppelten Chevron verbunden, dem historischen Emblem. Ich wollte es vermeiden, Citroën an die Fassade schreiben zu müssen. Deshalb wollte ich eine kompletten Umhüllung erfinden, der die Marke ganz und gar ausdrückt.

Und das gilt bei mir für jedes Projekt. Jedes Mal bin ich gespannt, ein neues Universum zu entdecken und zu analysieren. Es kann ein kulturelles Universum sein (wie für die Marke Citroën). Es kann auch ein geografisches sein, ein Land, ein besonderer Ort.  Jeder Kontext und jedes Programm hilft mir, eine neue Strategie zu formulieren, die stark an ein spezifisches Projekt angepasst ist.

 

 

Sehr speziell – Glasfassade mit Chevrons

Und was hat C42 zu Ihrem Fassadenrepertoire beigetragen?

Manuelle Gautrand: Es ist in der Tat eine sehr spezielle Fassade. Auf Straßenniveau ist die Glasfassade minimalistisch und zeigt eine gewisse Strenge mit ihrer Flachheit und der Verwendung von großen Rechtecken. Aber die Einführung des Chevrons signalisiert den Beginn eines viel originelleren Designs, mit Rautenformen und Dreiecken, die wie gesagt, die Chevrons der historischen Marke ausdrücken.

Citroen Showroom – C42: Citroen Flaggschiff Showroom, Avenue des Champs-Elysees / Paris (Frankreich) 2002-2007. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Philippe Ruault

 

Je höher man am Gebäude hochschaut, desto dreidimensionaler wird es, mit all den Prismen, die dem Design neue Tiefen verleihen. Schließlich ist der obere Teil wie eine große Glasskulptur, die in ihrer Komplexität an Origami erinnert. Der Chevron bleibt präsent und dennoch diskret. Er ist weniger definiert, bleibt eher angedeutet in der Gesamtform, fast unterschwellig sogar.

Citroen Showroom – C42: Citroen Flaggschiff Showroom, Avenue des Champs-Elysees / Paris (Frankreich) 2002-2007. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Philippe Ruault

 

Rot mit originellem Filter

Auch die Farbe ist wichtig. Bei den Glasscheiben haben wir ursprünglich daran gedacht, Rot zu verwenden. Also die Signaturfarbe der Marke. Aber dann fanden wir, dass es von außen zu leuchtend sein würde. Es gab einige Bedenken, dass das Gebäude nicht mit seinen Nachbarn auf den Champs Elysées harmonieren würde. Deshalb haben wir einen Filter geschaffen, der auf den ersten Blick das Rot von außen maskiert. Dieser originelle Filter minimiert auch die Wärme der durchgehenden Sonne. Und er schafft für die Besucher eine durchscheinende perlweiße Atmosphäre.

Auch die Nachhaltigkeit ist uns ein großes Anliegen. Wir versuchen für jedes Projekt eine sehr nachhaltige Außenhaut zu schaffen. So sollte sie klimaempfindlich sein, zur Energieeinsparung beitragen und außerdem für eine weitere wichtige Qualität sorgen und zwar für natürliches Licht im Gebäude.

Citroen Showroom – C42: Citroen Flaggschiff Showroom, Avenue des Champs-Elysees / Paris (Frankreich) 2002-2007. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Philippe Ruault

 

Ein Gebäude – eine Marke

Zehn Jahre sind vergangen seit der Fertigstellung von C42. Was ist die Hauptlektion dieses Projekts und seiner Fassade für Sie?

Manuelle Gautrand: Einer der Hauptpunkte dieses Projekts war, dass die Architektur eine Marke ausdrücken musste, einen Automobilgeist, der in Citroën völlig einzigartig ist. „Wie kann man mit Architektur Citroën ausdrücken?“. So lautete die Frage, und ich denke, dass der Ausdruck einer Marke (oder eines Programms oder einer bestimmten Kultur) für Architekten zu einem aktuellen Thema geworden ist. Ich denke, dass Architektur ungemein dazu beitragen kann, eine Marke zu erklären und zu betonen. Es war eine spannende Frage, weil es notwendig war, die Geschichte dieser Marke und ihren einzigartigen Charakter zu studieren.

Modern Art Museum – Umstrukturierung und Erweiterung des Lille Museum of Modern, Contemporary and Outsider Art in Villeneuve-d’Ascq (LaM) / Lille (Frankreich) 2003-2010. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Max Lerouge

 

Wir entschieden uns für den Kontakt

Beim Modern Art Museum in Lille (2003-2010) greifen Sie dieses „Hüllen-Thema“ vom Citroën Paris Showroom (2002-2007)  wieder auf. Denn Ihre Museumserweiterung ‚umhüllt‘ ein bestehendes Museum von Roland Simounet. Im Gegensatz zu seinem Gebäude, das ein strenges rechtwinkliges Gitter aufweist, besteht Ihre flüssig-organische Fortführung aus fingerartigen Strängen. Sie sagen, Sie hätten versucht, Ihren Entwurf von Simounets Architektur abzuleiten. Sie nennen es ‚to learn to understand‘ . Was ist damit gemeint? Und was hat es mit dieser ungewöhnlichen Geste dieser Museumserweiterung auf sich?

Manuelle Gautrand: Das Projekt zielt darauf ab, das Museum als eine kontinuierlich fließende Einheit aufzubauen. Und zwar indem neue Galerien hinzugefügt werden, die einer Sammlung von Art-Brut-Werken gewidmet sind.

Trotz des Denkmalschutzstatus von Simounets Bau entschieden wir uns sofort für den Kontakt. D.h. die Erweiterung ‚umarmt‘ die bestehenden Gebäude. Und sie tut das in einer Bewegung, die unterstützend wirkt. Ich habe mich in der Tat an der Architektur von Roland Simounet orientiert, um zu ‚lernen, etwas zu verstehen‘. In diesem Fall, um ein Projekt zu entwickeln, das keine Distanzierung und Gleichgültigkeit gegenüber dem bestehenden Gebäude zeigt.

Modern Art Museum – Umstrukturierung und Erweiterung des Lille Museum of Modern, Contemporary and Outsider Art in Villeneuve-d’Ascq (LaM) / Lille (Frankreich) 2003-2010. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture

 

Organisch und in allmählicher Bewegung

Die Erweiterung erstreckt sich also in einem Fächer aus langen, flüssigen und organischen Volumen um die bestehende Anordnung. Diese Art brut Galerien (Outsider Art) pflegen eine starke Verbindung mit der umgebenden Landschaft. Diese Falten in den Galerien machen die Räume weniger starr und organischer, so dass die Besucher die Kunstwerke entdecken können, in einer (wie ich es nenne) ‚allmählichen Bewegung‘.

Modern Art Museum – Umstrukturierung und Erweiterung des Lille Museum of Modern, Contemporary and Outsider Art in Villeneuve-d’Ascq (LaM) / Lille (Frankreich) 2003-2010. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Carole Renard

Modern Art Museum – Umstrukturierung und Erweiterung des Lille Museum of Modern, Contemporary and Outsider Art in Villeneuve-d’Ascq (LaM) / Lille (Frankreich) 2003-2010. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Max Lerouge

 

Eine leichte Farbtönung, die je nach Lichtintensität variiert

Ein weiterer Aspekt war, Kunstwerke zu schützen, die oft fragil sind und die gedämpftes Licht erfordern. So ist die Architektur teilweise introvertiert. Aber am Ende der Galerien öffnet sich jeweils eine große ‚Bucht‘. Sie geben einen herrlichen Blick frei auf den umliegenden Park des Museums.

Die Gebäudehülle aus glattem unbehandeltem Beton ist nüchtern. Nur die sogenannten Buchten sind mit durchbrochenen Blenden versehen, die vor zu viel Tageslicht schützen sollen (was an Simounets Arrangements erinnert). Die Betonoberfläche hat eine leichte Farbtönung, die je nach Lichtintensität variiert. Alles in diesem Projekt spiegelt die Architektur von Simounet wider, erinnert an sie und greift sie auf, während sie gleichzeitig die technischen und kontextuellen Anforderungen des Programms erfüllt.

Cité des Affaires – Bürogebäude / Saint-Étienne (Frankreich) 2005-2011. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Vincent Fillon

 

Geschäftszentrum Cité des Affaires – ein gelbgraues Architektursignal

2011 stellten Sie das Projekt Cité des Affaires fertig, wo es wieder eine auffällige Auseinandersetzung mit dem Fassadendesign gibt. Warum haben Sie sich entschieden, zwei verschiedene Fassaden innerhalb eines Gebäudes zu entwickeln? Und, war Gelb einfach ein erfrischender Kontrast zu Grau?

Manuelle Gautrand: Zuallererst ist der Kontext wichtig. Der Standort ist in der Tat ein wichtiger Verbindungspunkt zwischen dem Zentrum von Saint-Etienne und dem neuen Viertel Chateaucreux. Das Projekt Cité des Affaires hatte zum Ziel, einen Hauptzugang zu schaffen. Es musste ein starkes städtisches und gemeinschaftliches Architektursignal sein.

Cité des Affaires – Bürogebäude / Saint-Étienne (Frankreich) 2005-2011. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Vincent Fillon

 

Die Idee war, ein lang gebautes „Kontinuum“ zu entwickeln, eine lineare Konstruktion, die sich aufrichtet und entfaltet, und dabei geräumige Plätze eröffnet, um mit den angrenzenden Straßen zu interagieren. Damit tauchen auf einmal große Auskragungen auf, die den umliegenden Zufahrtswegen dienen und Fußgängerrouten miteinander verbinden.

Cité des Affaires / Saint-Étienne (Frankreich) 2005-2011. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Simon Logeais

 

Prächtig erhellende Farben

Unser Wunsch nach einem in sich kontinuierlichen Baukörper führte zur Idee, ein lesbares und einheitliches städtisches Wahrzeichen zu schaffen. In der Tat bestand das Prinzip darin, sich eine Reihe von ‚kommunizierenden Teilen‘ vorzustellen … So ist das Projekt wie ein großes gefaltetes Volumen, das sich auf dem Grundstück erhebt. Es hat drei identische Außenflächen aus silbriger Haut, transparenten Schuppen – den Grautönen, die Sie erwähnt haben – und einer anderen Unterseite, sozusagen ein hellgelber ‚Hals‘, strahlend und undurchsichtig. Es ist ein Projekt, bei dem es wirklich darum geht Gelb und Grau, Silber und Gold, zusammenzubringen.

Cité des Affaires / Saint-Étienne (Frankreich) 2005-2011. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Philippe Ruault

 

Diese doppelte Behandlung von Fassaden war hauptsächlich auf eine einfache Logik zurückzuführen, die darauf abzielt, ein klares Falten-Konzept auszudrücken. Die gelbe Unterseite ist entweder eine schwebende Überdachung oder eine vertikale inwendige Wand, die mit ihrer leuchtenden Präsenz die Bewegungen des Fußgängers begleitet. Diese Nähe von so viel prächtigem Gelb erhellt die Bürgersteige und verglaste Flächen, es überflutet alles wie Sonnenlicht …

Cité des Affaires – Bürogebäude / Saint-Étienne (Frankreich) 2005-2011. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Vincent Fillon

 

Wie ein enger Hof fröhlich wird

Verbunden mit dem natürlichen Licht gab es noch ein anderes sehr wichtiges Ziel. Der Hof wirkte eng und wir wollten, dass er extrem hell und fröhlich wird, dass er buchstäblich strahlt und zu einem warmen und hellen Ort wird. Die gelbe Fläche ist gleichsam ein sonniges Herz, das in all seinen drei Dimensionen strahlt und lauter Reflexe auf den verglasten Gebäudehüllen erzeugt. So entsteht der Effekt eines bunten Kaleidoskops, das etwas Schattiges in eine sonnige Atmosphäre taucht.

Galeries Lafayette – Neugestaltung der Fassaden des Einkaufszentrums Galeries Lafayette in Metz / Metz (Frankreich) 2010-2014. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Vincent Fillon

Origami Building – Barclays Hauptgebäude, Avenue de Friedland in Paris 8 / Paris (Frankreich) 2007-2012. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Vincent Fillon

 

Origami-Fassade für natürliches Licht

Mit Origami Building in Paris (2007-2012) haben Sie einen anderen Aspekt Ihrer C42-Fassade wiederbelebt: das Falten einer Oberfläche. Seitdem tritt dieses Faltthema regelmäßig auf, z.B. auch bei Ihrem Lafayette Projekt in Metz. Bei C42 vollzieht sich die Bewegung zwischen oben und unten (die Fassade bewegt sich wie eine Kaskade). Und bei Origami ähnelt die Fassade eher einem perforierten Schirm, der von links nach rechts verläuft. Wie kam es zur Origami-Idee, warum dieser Marmor-Look?

Manuelle Gautrand: Das Origami-Gebäude, mit dem wir 2012 fertig wurden, ist ein Bürogebäude an der Avenue Friedland. Es steht in unmittelbarer Nähe des Arc de Triomphe und der Champs Elysées, einem sehr luxuriösen Pariser Viertel. Die ungewöhnliche Lage des Grundstücks brachte uns dazu, ein Projekt zu entwerfen, das den Ausblick nutzt und die Architektur in natürliches Licht eintaucht.

Origami Building – Barclays Hauptgebäude, Avenue de Friedland in Paris 8 / Paris (Frankreich) 2007-2012. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Vincent Fillon

 

Eine zweite Haut wie aus Marmor

Die Hauptfassade besteht größtenteils aus Glas, teilweise mit einer zweiten Haut in Marmoroptik, und zwar aus Siebdruck-Marmor-Muster. Die Paneele bestehen aus einer doppelten Glasschicht mit einem ‚Marmorfilm‘. Sie sind in der Mitte gefaltet und heben durch ihre Symmetrie das Design der Marmoradern hervor. Zusammengebaut bilden sie ein Muster wie aus aufgeschlagenen Büchern. Diese zweite Haut ist durchscheinend und wirkt wie eine Fensterbrüstung. Damit sorgt sie sowohl für Privatsphäre als auch für gefiltertes Tageslicht, was eine weiche Innenatmosphäre schafft. Der so entstandene Effekt ist der eines gewaltigen Origamis und der Blick auf diesen zart gefalteten Marmor kann sowohl von außen als auch von innen genossen werden.

Origami Building – Barclays Hauptgebäude, Avenue de Friedland in Paris 8 / Paris (Frankreich) 2007-2012. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture. Foto © Vincent Fillon

Origami Building – Barclays Hauptgebäude, Avenue de Friedland in Paris 8 (Modellstudie) / Paris (Frankreich) 2007-2012. Courtesy of Manuelle Gautrand Architecture

 

Auf unerwartete Weise

Die Marmorfalten ergeben eine Schwingung entlang der 30 Meter langen Front. An beiden Enden, in Kontinuität mit den benachbarten Fassaden, wird das Origami ruhiger und flacher. Aber im Mittelteil bildet es ein filigranes Flachrelief. Dieses Flachrelief ist ein deutlicher Hinweis auf die stark verzierten Gebäude aus dem Haussmann-Stil der Allee. Mit unseren Falten wollten wir – in zeitgemäßer Form – diese Ornamente und Flachreliefs spielerisch neu interpretieren. Die Verwendung von Glas mit bedrucktem Marmor war ein weiterer Hinweis auf die Steinfassaden der Allee. Um den Kontext zu wahren wollten die Denkmalbehörden, dass wir in unserem Projekt Stein verwenden. Und die Idee, ihn zu verwenden, aber auf unerwartete Weise, und zwar mit einem wunderschön bedruckten Stein, wurde schließlich akzeptiert.

 

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Özlem Özdemir

Zum 2. Teil des Interviews

 

Zur Website von Manuelle Gautrand Architecture

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1 Kommentar

  1. 16. Mrz 2018, 11:55 am erstellt von Vanessa von Sukhi

    Ich liebe Glassfassaden, bunte Farben und extravagante Formen! Alle diese Gebäude sind unglaublich schön anzusehen!