Mit Zurückhaltung und Effekt: MAAT – Kunsthalle in Lissabon

7. Jul 2017, in Objektberichte

 

MAAT, die neue Kunsthalle des Museum of Art, Architecture and Technology von AL_A, liegt am Ufer des Tejo in Belém, Lissabon. Diskret, aber spannend, wie eine un-ikonische Ikone liegt sie da. Ein geducktes Gebäude, das eigentlich keine Architektur sein will, sondern eher ein Teil der Landschaft. Oder etwas ähnlich Organisches. Etwa eine sich kräuselnde Welle oder ein entlanggleitender Rochen oder eine sich vorsichtig hebende Muschelschale oder ein Augenlid. Was auch immer die Phantasie begehrt.

 

Kunsthalle MAAT, ein neuer Ort

Drei Dinge waren Amanda Levete und ihrem 2009 in London gegründeten Büro AL_A wichtig bei ihrem Projekt MAAT, das eigentlich vielmehr eine Kunsthalle als Museum ist. Ihr ging es um die Schaffung eines neuen Ortes, aber auch um Innovation und Handwerk. Letztere hat, laut einiger Stimmen aus britischen Fachkreisen, in der Ausführung ein wenig gelitten. Grund dafür war die Lisbon Architecture Triennale, zu deren Eröffnung das Museum fertig sein sollte und daher das Tempo der Bauarbeiten angezogen wurde. Aber Tatsache ist, MAAT ist das erste fulminante Kulturprojekt der RIBA Sterling-Preisträgerin und (unschwer an ihrem schlitzartigen Museumsentwurf zu erkennen) Verehrerin von Lucio Fontana. Genauer gesagt ist es das erste Eigene seit ihrer Trennung von ihrem ehemaligen Partner Jan Kaplický (gest. 2009) und dem gemeinsamen Büro Future Systems. Überwältigende 80.000 Besucher waren an dem Eröffnungstag im Oktober 2016 gekommen, um das ungewöhnliche Bauwerk sowohl ober- als auch unterirdisch zu erkunden.

Kunsthalle MAAT in Lissabon Courtesy of AL_A. Foto (Ausschnitt). © EDP Foundation

 

Begehbare Dachlandschaft

Die Idee hinter dem skulpturalen Museumsprojekt mit seiner begehbaren Dachlandschaft und dem entsprechenden Ausblick war keine geringere, als Lissabon mit seinem Ufer zu verbinden. MAAT soll das ab sofort gelingen. Selbst hinweg über Hindernisse wie Eisenbahnstrecken und mehrspurige Straßen, sozusagen der unansehnliche Hinterhof des Gebäudes, zieht es neugierige und pilgerfreudige Städter an. Die Belohnung ist eine urbane Attraktion, die sich auf der Südseite ganz und gar dem Wasser widmet.

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of EDP Foundation. Foto © Fernando Guerra

 

Eine noch nie dagewesene Perspektive

Der panoramische Blick geht aber natürlich über den Tejo hinaus. “Wir haben einen neuen öffentlichen Außenraum geschaffen, wo Sie dem Fluss Ihren Rücken kehren können und auf die historische Stadt blicken“, sagt Levete. „Es ist eine Perspektive, die die Menschen von Lissabon zuvor nicht hatten.“

Und nicht zu vergessen, das neue MAAT-Gebäude steht direkt neben dem denkmalgeschützten thermodynamischen Kraftwerk Central Tejo, das seit 1990 als Elektrizitätsmuseum genutzt wird und heute einen Teil des Museum of Art, Architecture and Technology darstellt. Die Energias de Portugal (EDP), seit März 2016 in chinesischen Händen, und ihre Stiftung hat sich dieses Areals schon seit Jahren angenommen. Denn trotz seiner wunderbaren Lage am Fluss Tejo, galt diese urbane Zone als abgeschnitten von der Stadt und schwer zugänglich.  

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Bild (Ausschnitt) © AL_A

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Foto © Francisco Nogueira

 

Revitalisierung des Flussufers

Die Vision eines zusätzlichen Museumsgebäudes sollte eine stadtweite Initiative in Gang setzen, mit dem Ziel das Flussufer zu regenerieren. Amanda Levetes Beitrag für ihren Kunden Fundação EDP ist ein Entwurf, der den Bewohnern mit seinen nur 12,40 m hohen sanft gewölbten Rücken einen urbanen Platz anbietet. Dieser ist samt seinen Stufen gen Fluss abgedeckt mit Moleanos Kalkstein und lädt zum Verweilen und Bewundern ein. Eine zusätzliche Belebungsmaßnahme stellt eine weich geschwungene Fußgängerbrücke dar, die von der Stadt über die Eisenbahnlinie und Straßen hinweg direkt zum – genauer gesagt auf – das Museum führt. Die Fertigstellung der 60 m langen Brücke ist geplant für den Sommer 2017.

 

Ein ‚kontra-intuitiver‘ Zugang

Der Außenraum der MAAT ist ihr überwältigender Schwerpunkt. Umso schlichter wirkt auf so manch einen der Innenraum. In Hinblick auf die Eingangssituation gesteht die Architektin ferner ein, dass es sich bei diesem Bautyp zunächst ‚kontra-intuitiv‘ anfühlt, nach unten gelenkt zu werden. Der Grund dafür war aber der Versuch, das Gebäude im Verhältnis zum nebenanliegenden Kraftwerk so tief wie möglich zu gestalten. Was das markante Oval der zentralen Ausstellungsfläche betrifft verweist die Architektin auf die seismische Zone, in der sich das Gebäude befindet. Gefordert war daher eine starke Konstruktion und die Form der Ellipse würde eine in sich starke Struktur bieten.

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon – Oval Gallery mit erster Ausstellung von Dominique Gonzalez-Foerster, Pynchon Park, 2016. Courtesy of AL_A. Foto © Hufton + Crow

 

Interdisziplinär und fließend

Die erste Installation, die im 1200 m2 großen ‚Oval Gallery‘ der MAAT präsentiert wurde, stammte von der französischen Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster. So wie ihr Beitrag sehr ortsspezifisch angelegt war, wird auch jede zukünftige Ausstellung einen Ortsbezug haben und bis zu einem gewissen Grad auf die Architektur eingehen. MAAT ist ein Museum ohne eine Sammlung. Vielmehr geht es in diesem Museum um die Zusammenwirkung von Kunst, Architektur und Technologie und um den Versuch, einen Diskurs über die Verbindungen zu ermöglichen und die Unterschiede zwischen den drei Disziplinen herauszustellen.

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Foto © Hufton + Crow

 

Und auch aus diesem Grund wurde versucht, die Räume ineinander fließen zu lassen, so dass der öffentliche Raum zum Galerie-Raum wird und jeder Raum in den anderen gleitet.

 

Das Kontra der Amanda Levete

So sanft und unscheinbar die Geste von MAAT insgesamt erscheinen mag, so gewagt ist sie im Rahmen der vorherrschenden Architekturauffassung von Portugal. Vor allem die „Porto School“, angeführt von Namen wie Álvaro Siza und Eduardo Souto de Moura, ist bekannt für ihren Bezug zum lokalen Kontext. Ihre Kernbegriffe sind etwa „Neo-Realismus“ und „Kritischer Realismus“. Amanda Levetes geschwungener und assoziationsreicher Entwurf an dem vorgegebenen Uferstreifen und in unmittelbarer Nachbarschaft zu den alten denkmalgeschützten Backsteingebäuden springt im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe.

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Foto (Ausschnitt) © Piet Niemann

 

„Der Kontext“, erklärt aber die Architektin gegenüber der ‚Público‘, „ist manchmal ein Kontrapunkt. Es geht nicht darum, zu imitieren, sondern anders zu sein.“

 

Das Licht von Lissabon

Eine Museumsfassade der etwas anderen Art ist der Architektin allemal gelungen. Sie schwärmt von der Stadt Lissabon und ihrem schönen Licht. Und beim Anblick des Gebäudes und seiner genaueren Untersuchung beginnt man zu verstehen, dass es vielleicht sogar am meisten das Licht ist, dem sie mit ihrem Museum und seiner maßgeschneiderten Kachel-Fassade ein besonderes Kompliment machen wollte.

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Foto © Hufton + Crow

 

‚Anders‘ – das ist auch das magische Prinzip, wenn es um die Spezialeffekte der Fassade geht und diese sind, wie sich noch zeigen sollte, nicht nur optischer Art.

 

Zusammenarbeit mit Ceràmica Cumella

Die Gebäudehülle besteht aus vielen Tausenden von maßgeschneiderten keramischen Fliesen. Um präzise zu sein 14,751 Stück. AL_ A war bemüht, geeignete Firmen in Portugal zu finden. Aber gesucht wurde nicht nur nach jemand, der Fliesen herstellt. Sondern gebraucht wurde eine Firma, die diese Fliesen auch reparieren kann und vor allem die Verantwortung für deren Anbringung übernehmen würde. Die Entscheidung fiel am Ende zugunsten einer ausländischen Firma. Ceràmica Cumella, ein alteingesessener Traditionsbetrieb in der 3. Generation aus der Provinz Barcelona, ist bekannt für ihre Restaurierungsarbeiten an Gaudís Gebäuden. Sie schien prädestiniert zu sein für die herausfordernde Fassade von MAAT. Schließlich hatte diese Familie noch direkt mit dem katalanischen Architekten gearbeitet.

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Foto (Ausschnitt) © Hufton + Crow

 

Vier Jahre Forschung für das Fassadenmaterial

Die Fliesen erforderten eine lange Zeit des Entwerfens, aber auch des Forschens. Das Fixieren der Fliesen erfolgte nach einer mechanischen Methode. Wichtig war auch die Wahl der Tonsorte. Mit Blick auf die rauen Wetterbedingungen in Lissabon musste diese genauestens studiert werden, genauso die erforderliche Ofentemperatur. AL_A und Cumella arbeiteten fast vier Jahre an dem Fassadenmaterial.  

 

Keramik statt Kupfer

Um die Materialwahl für die MAAT-Fassade zu verstehen, muss aber weiter zurückgeschaut werden. Der offizielle Auftrag für Amanda Levetes Büro kam im Jahr 2011 zustande. Interessanterweise zeigte der erste Entwurf ein Gebäude mit Kupferbeschichtung. In einem portugiesischen Interview  erinnert sich die Architektin, dass dieser Entwurf zwar schön und golden aussah, aber je öfter sie den Ort besuchte, desto übertriebener kam er ihr vor. Etwas Neutrales, so etwa wie das Wasser, das verschiedene Lichter einfängt, schien geeigneter zu sein.

 

Und es sollte über ein Jahr dauern, bis sie den Vorstandsvorsitzenden ihres Klienten EDP, António Mexia, davon überzeugen konnte, dass etwas mehr Zurückhaltung besser wäre. Und schließlich konnte Keramik für eine Stadt wie Lissabon, deren Architekturfassaden berühmt sind für ihre Fliesenkunst, nur eine Empfehlung sein.

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Foto © Hufton + Crow

 

Komplex und mit schillerndem Charakter

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Qualität der Glasur und die Form der Fliesen. Ilmenit (Titaneisen) heißt der Stoff, mit dem die Wirkung des Lichts auf den Kacheln erhöht wurde. Bei den maßgeschneiderten Fliesen wurde darauf geachtet, dass sie sehr sanft um die Gebäudeecken gehen und in einigen Teilen des Gebäudes auch voneinander versetzt verlegt werden können. Somit eröffnet sich die Möglichkeit, die Oberfläche flexibel und variabel von ganz flach zu einer leicht dreidimensionalen Ausformung übergehen zu lassen. Und all das macht das komplexe Erscheinungsbild der Gebäudeoberfläche aus. Je nach der Tageszeit hat MAAT ein vollkommen anderes Aussehen (oben im Morgengrauen, unten in der Dämmerung).

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Foto (oben und unten) © Hufton + Crow

 

Für mehr Pracht und Tiefe: Craquelé

Jede Fliese wurde von Hand hergestellt und das Team von AL_A verbrachte eine lange Zeit mit Ceràmica Cumella, um die verschiedenen Arten von Glasuren zu untersuchen. Es ging dabei darum, dem spektakulären Licht des Standorts gerecht zu werden. Ergebnis dieser Bemühungen war am Ende eine Craquelé-Glasur. In ihrem Vortrag an der Politecnico Milano (Januar 2017) sagt Amanda Levete darüber: „Wir wollten, dass die Fliesen und die Gebäudehaut die wechselnden Lichtverhältnisse betonen und deshalb haben wir dieses Funkeln in die Fliesen eingebracht. Und tatsächlich gibt es Zeiten, zu denen sie silbrig aussehen und mal wirken sie schwarz und mal golden.“ Die Architektin weist darauf hin, dass diese spezielle Glasur, besonders wenn man näher herantritt, der Gebäudeoberfläche mehr Pracht und Tiefe verleiht. Ferner erwähnt sie auch die Referenz zur alten chinesischen Craquelé-Glasur.


Dass Amanda Levete ihren Klienten von der vormaligen Materialvorstellung Kupfer abbringen und von dem relativ bescheidenen Material Keramik überzeugen konnte, hing aber auch mit einem aktuellen Anlass zusammen. Denn in demselben Jahr, als AL_A mit dem Projekt MAAT beauftragt wurde, gewann das Büro den Wettbewerb für die Erweiterung des Londoner Victoria & Albert Museum, das in diesem Jahr eröffnet wird. Amanda Levete sagte Público hierzu: „Es ist wahr, als wir den Wettbewerb für das V & A (2011) gewonnen hatten waren wir von Keramik besessen. Die V & A hat eine der größten Keramik-Sammlungen der Welt mit einer erstaunlich kenntnisreichen Chefkuratorin der Sammlung. Und es war durch diese Besessenheit, als wir merkten wie wir uns mit Kupfer getäuscht hatten, so dass wir zu Keramik wechselten. Beide Projekte (MAAT und V & A, Anm. d. A.) verliefen mehr oder weniger parallel …“

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Bild (Ausschnitt) © AL_A

 

Dreamteam: Licht, Wasser und Gebäude

Im Gegensatz zum ganz und gar städtischen V & A, dreht sich bei MAAT alles um Licht und Wasser. „Das Wasser ist so wichtig für das Projekt, dass der Entwurf es buchstäblich reflektiert“, sagt Amanda Levete. Wenn das Sonnenlicht auf das Wasser trifft, wird es reflektiert und prallt auf die Unterseite der Auskragung des Gebäudes auf und gelangt über diesen Umweg in den unterirdischen Ausstellungsraum, der entsprechend mit Dachfenstern ausgestattet ist. Die markante Auskragung des Gebäudes gibt es somit aus zwei Gründen. Zum einen schafft sie einen höchst willkommenen Schattenbereich entlang des Flusses und zum anderen sorgt sie zeitweise für eine indirekte Belichtung des Museums.  Außerdem lässt sich zu ganz bestimmten Tageszeiten und zu bestimmten Zeiten des Jahres das Muster der reflektierenden Wasseroberfläche auf dem Boden des Innenraums beobachten. 

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Bild © AL_A

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Foto © Francisco Nogueira

 

Ausklang mit klingender Fassade

Unterhalb ihrer Auskragung hat die MAAT aber noch einen weiteren Spezialeffekt. Wenn man draußen auf der obersten Stufe neben dem Oberlicht steht, kann man laut AL_A’s Website über sich die Echos der brechenden Wellen hören. Oder man kann der Fassade Musik entlocken …

 

Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of EDP Foundation

 

 

 

 

Kopfgrafik: Kunsthalle MAAT in Lissabon. Courtesy of AL_A. Foto © Hufton + Crow

Zur Website von AL_A

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