„Wir versuchen alles Subjektive von unserer Architektur fernzuhalten“

11. Nov 2013, in Interviews

Eine bewusste Provokation war der Entwurf von Kuehn Malvezzi zur Rekonstruktion des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum. Gerade deshalb sahen viele in ihm den einzigen diskussionswürdigen Beitrag in der Debatte um den Neubau des Berliner Stadtschlosses. Im Interview spricht Johannes Kuehn über  Museen als Diskursstandorte, die Herausforderungen einer Architektur, die nicht auf vordergründige Effekte abzielt und politisch streitbare Kunstsammlungen.

Johannes Kuehn

Johannes Kuehn von Kuehn Malvezzi (Foto © wilfried-dechau.de)

 

Wie hat sich die öffentliche Aufmerksamkeit für Ihre Arbeit seit dem viel diskutierten Sonderpreis für den von Ihnen eingereichten Entwurf des Humboldt-Forums verändert?

Johannes Kuehn: Es ist sicherlich richtig, dass uns der Sonderpreis Öffentlichkeit geschaffen hat und ich denke, dass uns gerade schwierige innerstädtische Aufgaben mit widersprüchlichen Anforderungen besonders liegen. Wir werden seither verstärkt zu Wettbewerben eingeladen, in denen es um Aufgaben in komplexen urbanen Kontexten geht, denn uns interessiert nicht nur das Gebäude, sondern vor allem dessen Beziehungen zum Umfeld, also das, was öffentlichen Raum ausmacht.

Projekt Humboldtforum Berlin © Kuehn Malvezzi

„Wir haben an dem Wettbewerb teilgenommen, um die Debatte zu bereichern.“ – Projekt Humboldtforum Berlin © Kuehn Malvezzi.

 

Es überwog in den Medien damals die Meinung, Sie hätten den einzig diskutablen und mutigen Entwurf für das Stadtschloss abgeliefert. Kann solch eine öffentliche Resonanz unter Umständen wichtiger sein als ein erster Preis?

Johannes Kuehn: Wir haben an dem Wettbewerb teilgenommen, um die Debatte zu bereichern. Die bewusste Verfehlung einer Auflage, das Weglassen der Kuppelrekonstruktion in unserem Entwurf, hat uns für einen regulären Preis disqualifiziert und wir haben dies in Kauf genommen. Gleichwohl waren wir der Auffassung, dass es bei einer ausreichend starken Anzahl eigenständiger Wettbewerbsbeiträge hoher architektonischer Qualität zu einer neuerlichen Debatte über den Umgang mit der Rekonstruktion gekommen wäre, was unser Ziel war.

 

Kritiker nennen Ihre Arbeit aber auch schon mal „rationalistische Architektur ohne expressive Wagnisse“. Trifft Sie ein solches Urteil?

Johannes Kuehn: Ganz im Gegenteil. Das Zitat stammt von Axel Simon, der hier ein Paradox beschreibt: wie kann man mit einer Architektur, die nicht auf vordergründige Effekte aus ist, in der heutigen schnelllebigen Zeit überhaupt Erfolg haben? Der Satz ist also eine Anerkennung und in diesem Sinne trifft er zu. Wenn wir auf „expressive Wagnisse“ verzichten, so machen wir es uns damit nicht leicht. Wir versuchen, alles Subjektive von unserer Architektur fern zu halten, ohne dass sie dadurch zum Schema wird und das bedeutet, dass wir uns ständig fragen: ist dieses oder jenes nötig, oder können wir es weglassen?

 

Einer Ihrer Grundsätze lautet: Architektur muss sich als Kontextkonstruktion begreifen. Inwieweit ist dieser Leitsatz auch außerhalb von Museumsentwürfen umsetzbar?

Johannes Kuehn: Die Suche nach dem Kontext beschäftigt uns bei allen Projekten, nicht nur im Kunstbereich. Es geht los beim Städtebau mit der Frage nach Kubatur, Materialität und Zugänglichkeit im direkten städtischen Umfeld. Das klingt naheliegend, aber sich wirklich darauf einzulassen kann auch durchaus gegen persönliche Vorlieben gehen. Als zweite Kontextebene kommt die Typologie ins Spiel. Damit rekurrieren wir ausgehend von der Nutzung des Gebäudes auf einen architekturgeschichtlichen Kontext, der räumlich wie zeitlich außerhalb des unmittelbaren Umfelds liegt. Diese zweite Ebene ist die eigentlich interessante, da sie den Entwurf in einen ideellen Zusammenhang einbettet. Die Hauptaufgabe liegt dann schließlich im Zusammenführen dieser beiden Ebenen in eine eigenen, spezifische Form.

Projekt Bet- und Lehrhaus in Berlin © Kuehn Malvezzi / Visualisierung: Davide Abbonacci

„Die Suche nach dem Kontext beschäftigt uns bei allen Projekten“ – Projekt Bet- und Lehrhaus in Berlin © Kuehn Malvezzi / Visualisierung: Davide Abbonacci

 

Bei der Konzeption von Ausstellungsräumen ist Ihnen die Rücksprache mit den jeweiligen Künstlern sehr wichtig. Wie oft haben solche Gespräche ihre ursprünglichen Planungen in eine neue Richtung gelenkt?

Johannes Kuehn: Künstler haben häufig eine genaue Vorstellung davon, wie sie Ihre Arbeit ausgestellt sehen möchten. Es interessiert sie jedoch meistens überhaupt nicht, dass andere Künstler mit einem ebensolchen Interesse in derselben Ausstellung auftreten. Während die Kuratoren auf der anderen Seite vor allem den inhaltlichen Zusammenhang der Arbeiten im Blick haben, fällt dem Architekten die Rolle zu, diese inhaltlichen Verbindungen räumlich sichtbar zu machen und dabei jedem Werk zu seinem Recht zu verhelfen. Eine enge Zusammenarbeit mit den Kuratoren und Künstlern hilft, sich nicht zu stark von eigenen vorgefassten Ideen leiten zu lassen und stattdessen das Projekt tatsächlich aus der Auseinandersetzung mit den künstlerischen Positionen zu entwickeln.

Kuehn Malvezzi Architekturbiennale Venedig 2012

Auseinandersetzung mit den künstlerischen Positionen: Beitrag Komuna Fundamento von Kuehn Malvezzi zur Architekturbiennale Venedig 2012
© Giovanna Silva

 

Früher waren Museen in erster Linie Orte der Glorifizierung und Geschichtsdeutung. Was muss ein Museum nach Ihrer Ansicht heute leisten?

Johannes Kuehn: Während Sammlungen immer durch ein starkes Sammlersubjekt entstehen und je pointierter desto besser sind, werden Museen geschaffen, um Öffentlichkeit herzustellen. Zwischen Sammlung und Sammlungsöffentlichkeit im Museum besteht daher immer auch ein Widerspruch, weshalb Museen meistens erst entstehen, wenn schon eine Sammlung vorhanden war. Häufig sammeln Museen daher auch weniger Einzelwerke als ganze Sammlungen. Ein Museum musste also immer schon etwas leisten, das über die Präsentation von Gegenständen hinaus geht: es muss früher wie heute ein Ort der Diskurse sein, die im Wechselspiel mit den Exponaten entstehen. Schlüssel für das Entstehen von Diskursen im Museum ist die Ausstellung, eine Entwicklung der frühen Moderne, in der der Zusammenhang zwischen den Exponaten in den Mittelpunkt rückt. Der temporäre Charakter des Ausstellens betont zugleich das singuläre Ereignis und dies ist, was Museen heute leisten müssen: Öffentlichkeit für diskursive Ereignisse schaffen. Konferenzen, Seminare und andere Formen der Wissensproduktion sind auch Teil eines so verstandenen Ausstellens. Eine große Aufgabe ist dabei, ein breites Publikum zu erreichen, ohne die Qualität und die direkte Konfrontation mit den Kunstwerken zu opfern.

 

Beim Erweiterungsbau Hamburger Bahnhof für die Sammlung Flick hatten Sie es mit einer politisch umstrittenen Kunstsammlung zu tun. Wie sind Sie damit umgegangen? Spielte das überhaupt eine Rolle?

Johannes Kuehn: Die Diskussion in der Öffentlichkeit war damals heftig und wurde auch bei uns im Büro geführt. Es ging dabei aber nicht um die Kunstwerke der Sammlung selbst, sondern um das Erbe, mit dem Friedrich Christian Flick einen Teil der Kunstwerke bezahlt hatte. Das resolute Loslassen des Sammlers, der das Ausstellen der Arbeiten vollkommen den Kuratoren der Neuen Nationalgalerie überlies, war die Voraussetzung dafür, dass die Präsentation in den Rieckhallen keine Flick-Show, sondern eine wesentliche Bereicherung für die Berliner Öffentlichkeit wurde. Unsere Architektur ist ein Beitrag dazu und wir sind überzeugt, dass es immer richtig ist, Kunst zu zeigen und nicht in Privatdepots zu verstecken, gerade wenn es sich um streitbare oder umstrittene Sammler handelt.

Flick Collection im Hamburger Bahnhof, Berlin © Ulrich Schwarz

Keine Flick-Show, sondern eine wesentliche Bereicherung für die Berliner Öffentlichkeit: Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof, Berlin © Ulrich Schwarz.

 

Sie nehmen an etwa 20 Wettbewerben pro Jahr teil und landen bei mindestens der Hälfte unter den Preisträgern. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Johannes Kuehn: Jede Auslobung beinhaltet Widersprüche und unausgesprochene Erwartungen. Es geht jeweils darum zu verstehen, worin diese liegen könnten, um für das Projekt einen Mehrwert zu schaffen. Je komplexer die Aufgabe, desto eher ist das der Fall. Unsere Architektur folgt keinem wiedererkennbaren Stil und ist formal aufgrund ihres Verzichts auf Extravaganzen für den flüchtigen Blick nicht eingängig. Das anzunehmen fordert von der Jury Kompetenz und intensive Auseinandersetzung. Daher freuen wir uns immer auf eine gute Konkurrenz, denn die macht zum einen den Anspruch der Jury deutlich und hebt zum anderen das Niveau der Jury-Diskussion.

 

Welches nicht unter Ihrer Teilhabe entstandene Museum zählt zu Ihren persönlichen Favoriten und warum?

Johannes Kuehn: Die Neue Nationalgalerie von Mies bleibt als architektonisches Manifest ein Referenzpunkt, denn es ist ein Ausstellungshaus, das in seinem Hauptraum ebenso generisch wie spezifisch ist und daher von jeder Ausstellung auch eine architektonische Haltung fordert. Künstler tun sich mit der Halle leichter als Kuratoren, denn Mies versteht bereits in den 1960er Jahren, dass die zeitgenössische Kunst verstärkt installativ und performativ arbeitet und er schafft dafür einen herausfordernden Raum.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

Am Mittwoch 13. November präsentiert Johannes Kuehn einige seiner Projekte bei der November Reihe in Stuttgart. Start ist um 19 Uhr im Tiefenhörsaal der Universität Stuttgart. Der Eintritt ist frei.

 

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