„Umweltbewusstsein doch untergeordnet“

9. Jul 2015, in Energieeffizienz, WDVS

Klimaschutz und Wohnkomfort durch energetische Sanierung 9. Jul 2015, Martina Magnet in Energieeffizienz, WDVS Der Energieverbrauch von älteren Gebäuden ist meistens beträchtlich höher als der von Neubauten. Schlechte Isolierung verursacht einen zusätzlichen Bedarf an Heizwärme, der häufig auch noch auf ineffiziente Weise gedeckt wird. Das Resultat sind hohe Betriebskosten und enorme Energieverschwendung. Eva Bauer vom Österreichischen Verband gemeinnütziger Bauvereinigung

Eva Bauer vom Österreichischen Verband gemeinnütziger Bauvereinigung

Der Energieverbrauch von älteren Gebäuden ist meist höher als der von Neubauten. Schlechte Isolierung verursacht einen zusätzlichen Bedarf an Heizwärme, der meist auf noch auf ineffiziente Weise gedeckt wird. Das Resultat sind hohe Betriebskosten und enorme Energieverschwendung.

Eva Bauer, Leiterin des Wohnwirtschaftlichen Referates beim Österreichischer Verband gemeinnütziger Bauvereinigung, spricht über Sanierungssituation und -maßnahmen in Österreich, die unterschiedlichen Förderungsgrundlagen und ob der Klimaschutzgedanke bei der Sanierung bei Herrn und Frau Österreicher überhaupt einen Stellenwert hat.

 

Für die Erreichung unserer Klimaziele ist die energetische Sanierung im Wohnbau ein wichtiger Baustein. Welche anderen Faktoren außer Wärmedämmung, Fenstertausch und modernere Heiz- und Lüftungssysteme sind für die Energie- und Umweltpolitik noch relevant?

Bauer: Wenn man sich entsprechende Daten ansieht, kann man feststellen, dass 97 Prozent der Streuung beim Heizenergieverbrauch durch die Gebäudeform bzw. Wohnfläche erklärt werden können. Auch der spezifische – pro Quadratmeter Nutzfläche errechnete – Heizenergieverbrauch hängt von der Gebäudeform ab: Eigenheime  haben aufgrund ihrer Bauweise selbst bei gleicher Dämmqualität wie ein Mehrgeschoßgebäude einen höheren Heizwärmebedarf, dazu kommt die größere Wohnungsfläche.

Etwas weniger als 50 Prozent aller österreichischen Haushalte leben in Eigenheimen; diese sind mit durchschnittlich rund 120 Quadratmetern deutlich größer als  Wohnungen mit rund 71 Quadratmetern und stellen daher etwa 60 Prozent der Wohnungsgesamtfläche und verzeichnen – nach meiner Berechnung – etwa 70 Prozent des Heizenergieverbrauchs.  Im Neubau sind diese Relationen noch deutlicher ausgeprägt, weil im Eigenheimbereich die Wohnflächen ständig zunehmen, im Geschoßwohnbau aber stagnieren. Wohnungsbezogene Energiepolitik muss daher in die gesamte Wohnungspolitik integriert werden. Sanierungsmaßnahmen und erhöhte Anforderungen im Neubau werden konterkariert durch den immer noch hohen Anteil an Einfamilienhäusern.

Wohnanlage in der Dollhopfgasse in Villach

Wohnanlage in der Dollhopfgasse in Villach

 

Wie werden Sanierungen von Wohnbauten von den Mietern selbst angenommen? Gibt es hier ein Bewusstsein für Umweltschutz und Co²-Einsparungen?

Bauer: Die Behaglichkeit wird durchaus wahrgenommen, ebenso wie aber auch höhere Raumtemperaturen im Sommer. Teilweise stellen sich auch „Reboundeffekte“
ein: Die bessere Wärmedämmung wird nicht zur Gänze genutzt, sondern man nützt diese zur Erhöhung des Komforts, also Erreichung höherer Raumtemperaturen, womit ein Teil der erzielbaren Effekte verloren geht. Dabei ist das Umweltbewusstsein offenbar doch untergeordnet.

Sanierte Wohnanlage in Klagenfurt

Sanierte Wohnanlage in Klagenfurt

 

Dem Wohnbau und der Wohnbauförderung kommt auf unterschiedlichen regionalen Ebenen unterschiedliche Bedeutung zu. Wie verteilt sich die Sanierungsrate in den Bundesländern? Wer ist Spitzenreiter und wo gibt es noch Aufholbedarf?

Bauer: Über die Sanierungsraten existieren leider keine exakten Daten. Abgesehen davon: In den Bundesländern sind die Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich, vor allem Abhängigkeit von der Struktur des Wohnungsbestandes (Verteilung Eigenheime – Geschoßbauten). Je höher der Eigenheimanteil, desto höher der Energieverbrauch – und desto höher theoretisch das Erfordernis zum Sanieren. Dieser Schluss ist aber vorschnell, denn: durch ein entsprechendes  Angebot im Geschoß-Neubau kann  ebenfalls ein Beitrag zur Reduktion des Energieverbrauchs erfolgen. Das zeigt sich etwa in den „Eigenheim-Bundesländern“ Burgenland und Niederösterreich, wo der – auf den durchschnittlichen Haushalt bezogene – Energieverbrauch zwar entsprechend hoch ist, durch ein erhöhtes Angebot an Neubau-Geschoßwohnungen, das von jungen Personen und Haushalten gerne angenommen wird, im Verlauf der etwa 10 letzten Jahre aber am stärksten im Bundesländervergleich reduziert werden konnte.

Wärmedämmung spart Energiekosten ein

Wärmedämmung spart Energiekosten ein

 

Ist die Sanierungsrate im Wohnbau weiterhin im Steigen oder kam es bedingt durch die Wirtschaftslage zu einer Stagnation oder gar einem Rückgang?

Bauer: Auch zu den Sanierungsraten gibt es keine exakten Daten, diese lassen sich nur modellmäßig abschätzen. Das Niveau an thermischen Sanierungsmaßnahmen dürfte derzeit – nach einem Anstieg in den letzten Jahren – in der Größenordnung von ca. 80.000 – 90.000 betroffenen Wohnungen pro Jahr liegen. Weitere Erhöhung ist keine zu erwarten, der geförderte Bereich ist eher rückläufig. Das ist aber auch darauf zurückzuführen, dass im Geschoßwohnbau Nachholeffekte weitgehend abgeschlossen sind und das Sanierungsgeschehen auf „Normalniveau“ verläuft. Starke Sanierungsaktivitäten sind derzeit im gründerzeitlichen Altbau gegeben; diese sind aber nicht primär thermischer Natur. Aufgrund der hohen Wohnungsnachfrage im städtischen Bereich werden Gebäude aufgestockt und modernisiert; Fassadensanierungen werden dabei nur zum Teil durchgeführt, kompensieren aber bis zu einem gewissen Grad die klassische geförderte Sanierung von Nachkriegsbauten.

Vielen Dank für Ihr Interview.

Mehr Infos über den Österreichischen Verband Gemeinnütziger Bauvereinigungen: www.gbv.at

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