„Der Ausblick ist gigantisch“

17. Okt 2013, in Fassadendesign, Interviews

Das ist die Antwort von Jürgen Mayer H. auf die Frage nach seiner Vision als Architekt. Schön zu sehen, dass jemand, der bereits zahlreiche architektonische Visionen Realität werden ließ, noch Träume hat.  Im Mittelpunkt des Interviews mit dem Berliner Architekten und Künstler stehen seine aufsehenerregenden Projekte der vergangenen zehn Jahre: Die Holzkonstruktion Metropol Parasol in der spanischen Stadt Sevilla, die futuristisch anmutende Villa Dupli Casa in der Nähe von Marbach und das, eine traditionelle Formensprache aufgreifende, Gerichtsgebäude im belgischen Hasselt.

Portrait_JMAYERH® Paul Green, Jürgen Mayer H.

Architekt und Künstler Jürgen Mayer H. (Portrait_JMAYERH® Paul Green)

 

Herr Mayer H., Sie sind vor allem für Ihre organische Formensprache bekannt. Auch die Fassadenstruktur des im vorigen Monat neu eröffneten Gerichtshofes direkt am Bahnhof Hasselt, Belgien trägt diese für Sie typische Handschrift. Das Bauwerk gleicht einem abstrakten Baum und erinnert an mehreren Stellen an das Stadtwappen, in dem eine Haselnuss auftaucht. Was war das Besondere an diesem Projekt?

Jürgen Mayer H.: Der gebaute Entwurf des Gerichtsgebäudes in Hasselt basiert auf einem städtischen Masterplan von West 8. Hier waren zwei große Baukörper als Schwerpunkte des neuen, ehemaligen Bahnhofquartiers geplant. In Zusammenarbeit mit Lens°Ass und A2O haben wir hier einen einzigartigen Neubau realisiert. In unserem Entwurf haben wir uns dabei am Stadtwappen Hasselts orientiert. Es fließen aber auch Gedanken anderer Projekte unseres Büros mit ein. Das Besondere hier war die Nutzung als Gerichtsgebäude und die Mischung unterschiedlicher Funktionen und Sicherheitsstufen innerhalb des Gebäudes. So gibt es auch neben den Gerichtssälen frei zugängliche Bereiche, wie eine Studentische Bibliothek. Alles dies musste schlüssig und gut funktionierend abgestimmt werden.

 

Wie gehen Sie im Allgemeinen an Ihre Entwürfe heran?

Jürgen Mayer H.: Bei jedem Projekt schauen wir parallel auf verschiedene Parameter. Wir suchen nach speziellen Qualitäten des Grundstücks und untersuchen die Möglichkeiten, die im Raumprogramm stecken. Schaut man zum Beispiel auf die Typologie Bürobau, der ja sehr schnell auf unterschiedliche Entwicklungen bei der Raumorganisation reagieren muss, so gibt es einen interessanten Konflikt zwischen extremer Flexibilität und einem starken Charakter des Gebäudes, der Identität schafft. Bei dieser Bauaufgabe, die meist anonym und rationalisiert realisiert wird, ist es meiner Meinung nach besonders wichtig, eine eigenständige Atmosphäre zu schaffen, die wiederum auf die Qualität der Arbeitsräume ausstrahlt. Sie soll ein angenehmes, anregendes Umfeld schafft, denn schliesslich verbringen wir hier die meiste Zeit unseres Tages.

 

Bei einigen Ihrer Wohnbauprojekte, wie OLS House und Dupli Casa, ist es auffällig, wie die weiße Gebäudehülle fast fließend in einen umlaufenden, ebenfalls weißen Saum ausläuft. Auf diese Weise wirken die Häuser wie aus einem Guss, wie eine Art von Plastik, die quasi in ein Erdloch eingestülpt wird. Welche konstruktiven Maßnahmen waren erforderlich, um Fassade und Grundfläche derartig elegant miteinander verschmelzen zu lassen?

Jürgen Mayer H.: Bei der Dupli Casa besteht die Außenhaut aus einem freihand in Form geschliffenen Porenbeton. Hierauf wurde ein spezielles Putzsystem aufgebracht, das an allen horizontalen Flächen mit einer Polyurethanbeschichtung überzogen wurde. So konnten wir auf Übergänge zu Blechen komplett verzichten. Wenn die Außenhaut gedanklich in den Bodenbelag übergeht, haben wir wieder das Material gewechselt und hier eine weiße Tartanbeschichtung ausgewählt. So scheint das Gebäude ohne Fugen in die Landschaft überzugehen. Diese ununterbrochene Haut des Hauses war bei dieser Skulpturalität besonders wichtig. Ähnlich auch bei dem OLS House.

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Fließende Übergänge kennzeichnen die Villa Dupli Casa. (JMAYERH_DupliCasa@ David Franck_www.davidfranck.de)

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Das Gebäude scheint ohne Fugen direkt in die Landschaft überzugehen. (JMAYERH_DupliCasa@ David Franck_www.davidfranck.de)

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Das Projekt Dupli Casa nimmt den Grundriss der auf dem Grundstück bestehenden Villa auf, verdoppelt und dreht ihn. (Dupli Casa_dupligram®J. MAYER H.)

 

Ihre Hauptmaterialien sind Beton und Glas. Eine Ausnahme war Ihr bisher wohl größtes Projekt, das 2011 in Sevilla realisiert wurde: Metropol Parasol, eine riesige morphologische Landschaft aus Holz mitten in der Altstadt. Haben Sie seitdem Lust bekommen auch mehr mit Holz zu experimentieren?

Jürgen Mayer H.: Das Projekt Metropol Parasol ist überwiegend eine Holzkonstruktion. Sie ist 150 Meter lang, 70 Meter breit und 28 Meter hoch. Wenn Sie also ganz oben stehen, dann sehen Sie die ganze Stadt. Der Ausblick ist gigantisch. Wir haben sehr lang und sehr viel mit unterschiedlichen Experten bezüglich Statik, Baukosten, Nachhaltigkeit, Langlebigkeit diskutiert. Es hat sich herausgestellt, dass die in vielerlei Hinsicht beste Variante eben die Holzkonstruktion ist. Kompliziert ist sie dennoch. Aus Witterungsgründen und zur statischen Aussteifung haben wir die Konstruktion mit einer Polyurethan-Haut überzogen. Wir haben hierfür das Material Holz in seinen heutigen Möglichkeiten voll ausgenutzt. Natürlich macht dies Hoffnung auf weitere ähnlich außergewöhnliche Konstruktionen in der Zukunft.

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Von oben bietet sich ein unvergleichlicher Blick auf die Altstadt von Sevilla. (Metropol Parasol® Nikkol_Roth_for_Holcim)

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Das schattenspendende Metropol Parasol belebt den Platz. (Metropol Parasol® Nikkol_Roth_for_Holcim)

 

Metropol Parasol ist ja zu einer regelrechten Ikone geworden…

Jürgen Mayer H.: Die Stadt Sevilla wollte zur Zeit des Wettbewerbs den urbanen Raum des 21. Jahrhunderts überdenken – das war ja schon eine großartige Voraussetzung. Sevilla wünschte sich einen Hybrid aus Hauptplatz, archäologischer Stätte, Marktplatz, Café und wollte dieses Gebilde gleichzeitig zum neuen Wahrzeichen der Stadt erklären. Natürlich will Sevilla mit dem Metropol Parasol ein Zeichen setzen und in direkte Konkurrenz mit anderen Städten treten. Die Erwartung, die an dieses Projekt gestellt wurde, war ein Image zu produzieren, mit dem sich die Stadt ins 21. Jahrhundert katapultieren kann. Offensichtlich hat unser Vorschlag Neugier geweckt und war stark genug, um die vielen Erwartungshaltungen der Stadtverwaltung zu erfüllen. Das Wichtigste aber ist: Wenn man in Sevilla einen öffentlichen Raum beleben will, dann braucht es Schatten. Und deshalb haben wir den Platz mit dieser netzartigen Geometrie überdeckt. Seitdem das Projekt fertig gestellt ist, ist der Ort ein neuer wichtiger Treff- und Veranstaltungsort für die Bürger der Stadt und auch die Touristen geworden.

 

Gibt es eigentlich noch eine ganz persönliche Vision, die Sie gerne anhand von Architekturfassaden verwirklichen würden – sobald sie die passenden mutigen Bauherrn, Technologiefirmen und Sponsoren fänden?

Jürgen Mayer H.: Mich interessiert es, ein völlig neuartiges Hochhaus zu bauen. Die unterschiedlichen Maßstäbe zu thematisieren, reizt mich sehr. Gerade in einem Hochhaus hat man mit allen erdenklichen Größen und Maßstäben zu tun. Dies wirkt sich auch ganz anders auf die Fassade aus. Die weite Beziehung zur Skyline und Landschaft oben und der direkte Kontext mit der Nachbarschaft am Boden. Aber vielleicht noch viel wichtiger ist, dass wir weiterhin so aufgeschlossene Bauherren finden wie bisher, die wie wir Architektur als Abenteuer verstehen.

 

Herr Mayer H., ich danke Ihnen sehr für dieses Interview.

 

Zur Webseite des Architekturbüros J. Mayer H.

Zur Webseite des Fotografen David Franck

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