Hightech-Holzhaus im Burgenland

11. Jun 2014, in Fassadendesign, Interviews, Objektberichte, VHF

Für ihr Erstlingswerk erhält die österreichische Architektin Judith Benzer 2012 den Holzbaupreis Burgenland und löst mit ihrem, auf einer klaren Formensprache begründeten, Projekt auch international ein positives Echo aus. Bei ihrem Siegerobjekt handelt es sich um ein Sommerhaus in Deutsch-Tschantschendorf, das Judith Benzer für Ihre Eltern entworfen hat.

Sommerhaus Südburgenland Terrasse – coypright Martin Weiß | www.pool2b.net

Inspiriert wurden Sie vom traditionellen und mit dem Weinbau zusammenhängenden “Kellerstöckl”-Typus, der im Burgenland in der heutigen Zeit gerne umgenutzt wird als Ferienwohnung oder Touristenappartement. Was ist eigentlich ein “Original- Kellerstöckl”und worin genau liegt Ihre moderne Interpretation?   Judith Benzer: Die Namensgebung des Kellerstöckls weist schon auf den Keller als wesentlichen Teil des Gebäudes hin. Dieser ragt oft sehr weit ins Erdreich, um das Klima für die Weinproduktion und Lagerung möglichst konstant zu halten. Der vordere Kellerteil wird als Arbeits- und Pressraum, der hintere Kellerteil als Gär- und Lagerkeller genutzt. Auf dem in Ziegel errichteten Keller wird meist ein einräumiges Stockwerk errichtet, auch früher schon in Holzbauweise, dieses dient als Aufenthalts- und Schlafraum für die Arbeiter und Erntehelfer. Eine Verbindung zwischen dem Keller und dem Aufenthalts- und Schlafraum gibt es nur über den Außenraum, um die Bereiche klimatisch zu trennen. Der Raum unter dem spitzgiebeligen Dach diente als Lager- und Trocknungsraum für Lebensmittel. Die Kubatur wird im Archtetyp Kellerstöckl bis unter das Dach genutzt.

Sommerhaus Südburgenland Kellereingang – coypright Martin Weiß | www.pool2b.net

In der Neuinterpretation und projektbezogen bedeutet das: Die Nutzung des Kellers im Sommerhaus war ebenfalls zentrales Entwurfsthema, da in erster Linie Platz für Weinproduktion und Weinlagerung geschaffen werden sollte. Der Keller wurde in Massivbauweise errichtet und dreiseitig mit Erdreich umschlossen um das Klima bestmöglich konstant zu halten. Der Kellerzugang ist, wie im Archetyp des Kellerstöckls üblich, in einer das Haus flankierenden Art und im Außenbereich geplant worden. Das oberirdische Volumen wurde als Holzbau errichtet und im Wesentlichen als Einraumhaus konzipiert.  Die Dachform des Satteldaches leitet sich ebenfalls von der ursprünglichen Formgebung des Kellerstöckls ab. Das Volumen wird bis unter den Giebel genutzt.     Der Ausdruck Ihres Sommerhauses lebt ja ganz und gar von seiner geradezu “zeichenhaften” Hauskontur und dieser extrem präzise ausgeführten Hülle aus Lärchenrost. Zunächst ganz allgemein: Welche Bedeutung hat für Sie Fassade innerhalb Ihrer Architekturauffassung?   Judith Benzer: Die Fassade ist in unserer Architekturauffassung ein sehr wesentliches Element, da sie unmittelbar zur Gestaltung unseres Lebensraumes beiträgt. Die Fassade wird vom Umfeld wahrgenommen und kommuniziert mit der Umgebung. Überall wo Ausblicke gewährt werden gibt es auch Einblicke. Über Öffnungen, durch die natürliches Licht in einen Raum eintritt, kann bei Dunkelheit das Gebäude durch Innenraumbeleuchtung nach außen kommunizieren. Über Vor- und Rücksprünge können Belichtung und Verschattung gesteuert werden. Alle diese Punkte müssen über die Fassade entwickelt werden.

Sommerhaus Südburgenland Außenansicht unbewohnt – coypright Martin Weiß | www.pool2b.net

 

Sommerhaus Südburgenland Außenansicht bewohnt – coypright Martin Weiß | www.pool2b.net

    Wie haben Sie es – speziell bei diesem Sommerhaus für Ihre Eltern – geschafft, diesen nahtlos wirkenden Hüllencharakter der Fassade bis ins Detail zu erzielen? Welche entwurflichen und konstruktiven Maßnahmen sind dafür erforderlich gewesen?   Judith Benzer: Die Fassade hat sich als logische Konsequenz auch aus der Nutzung heraus entwickelt. Das Sommerhaus ist nicht ganzjährig bewohnt und zieht sich damit ganz automatisch in den kalten Monaten in eine Art Winterschlaf zurück. Dieses Zurücknehmen wollten wir auch architektonisch ausdrücken. Eine Hülle, die sich öffnen und schließen lässt, war die Grundidee. Die Weiterentwicklung zur Umsetzung mit Klapp- und Faltläden hat sich aus der Vermeidung der sommerlichen Überhitzung abgeleitet. So dienen die Klappläden im Sommer als verschattende Vordächer. Mit großen Verglasungen wurde möglichst sparsam umgegangen. Ausblicke und Einblicke wurden nur ganz gezielt gesetzt. Umgeben von einem sehr großen Garten dient das Haus auch als Rückzugsort in den heißen Sommertagen.

Winterschlaf: 24gramm Architektur | Judith Benzer

Um das Sommerhaus in den unbewohnten Monaten in den besagten Winterschlaf versetzen zu können war eine einheitliche Hülle – im Sinne eines ganzheitlich geschlossenen Mantels – wichtig. Die Außenwände wurden mit einer hinterlüfteten Fassade aus Lärchenrost versehen. Den Lärchenrost dann auch bis über das Dach zu ziehen, war die uns am naheliegendste Konsequenz, um den Entwurfsgedanken dieses einheitlichen Mantels zu erzielen. Konstruktiv musste das Dach unter dem offenen Lärchenrost dicht sein, was mit einer Kautschukfolie auf einer hinterlüfteten Dachkonstruktion möglich war. Wichtig war es auch, dass die Befestigung der einzelnen Lärchenbretter diese dichte Dachhaut nicht durchdringt. Hier wurde eine vertikale Unterkonstruktion ausgeführt, die einzeln noch einmal mit einer Abdichtungslage versehen und mit der Dachhaut verklebt wurde. Die Entwässerung musste in der Dämmebene im Traufbereich Platz finden und über die Ecken der Außenwände in Regenfallrohren abgeleitet werden.       Eine weitere ganz besondere Eigenart bei diesem Sommerhaus, genauer gesagt dem oberen Wohnabschnitt, besteht darin, dass Sie diesen unbedingt mit Hilfe des Vorarlberger Holzbaus errichten wollten. Hierzu mussten vorgefertigte Holzelemente von einem Ende Österreichs ans andere, also von Vorarlberg bis nach Burgenland, über ca. 600 km transportiert werden. Für einen Bau, den man so schlicht und zurückhaltend entworfen hat, könnte man diese Umstände der Ausführung für fast etwas luxuriös halten. Was können Sie uns über diesen besonderen Bauprozess sagen und ist dieses Vorgehen eigentlich vereinbar mit umweltfreundlich und nachhaltig gedachter Architektur?   Judith Benzer: Da ich selbst aus Vorarlberg stamme, unser Architekturbüro aber inWien ist und das Bauvorhaben im Südburgenland ausgeführt werden sollte, war das Projekt von der ersten Idee an ein bundesländerübergreifendes Konstrukt.  Zwischen meinem Büro und dem Hauptwohnsitz meiner Eltern in Vorarlberg liegen circa 650 gefahrene Kilometer, womit eine umfassende Betreuung in der Planung sehr schwierig war. Mit Geiger+Walser Bauconsulting aus Liechtenstein sowie der ausführenden Zimmerei Berchtel aus Vorarlberg haben wir Partner gefunden, die die Bauherrenbetreuung und erforderlichen Besprechungstermine vor Ort durchführen konnten. Wir waren bei vielen Terminen über Telefon zugeschaltet. Die Entscheidung, das Bauvorhaben mit einem Vorarlberger Zimmereibetrieb auszuführen, war damit nicht nur aus Gründen des technischen Know-How´s, sondern auch durch das über eine sehr lange und intensive Planungszeit aufgebaute Vertrauen gefällt worden. Die Zimmerei hat bei diesem Projekt auch in der Detailentwicklung eine große Rolle gespielt. So waren unsere architektonischen Ansätze und Vorstellungen zur  Hülle und auch dazu, die Kubatur im Innenraum stützenfrei zu gestalten, oft im ersten Moment mit etwas Bauchweh verbunden. Gemeinsam wurde aber stets an einer Lösung gearbeitet, die dann auch umgesetzt werden konnte. Das Haus wurde elementweise in der Zimmerei vorgefertigt. So konnte eine rasche Bauzeit garantiert werden. Die Außenwände und das Dach wurden in seiner jetzigen Gestalt auf den bauseits errichteten Keller innerhalb von zehn Tagen aufgebaut.

Sommerhaus Südburgenland Küche – coypright Martin Weiß | www.pool2b.net

 

Sommerhaus Südburgenland Schlafzimmer – coypright Martin Weiß | www.pool2b.net

 

Sommerhaus Südburgenland Bad – coypright Martin Weiß | www.pool2b.net

 

Sommerhaus Südburgenland Treppe – coypright Martin Weiß | www.pool2b.net

Im zweiten Teil des Interviews erzählt Judith Benzer kommende Woche von der Gründung ihres eigenen Architekturbüros. Homepage von Judith Benzer

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