Hild und K – Ein “Mehr” für den Standort

17. Jun 2016, in Interviews

Hild und K (v.l. Dionys Ottl, Andreas Hild, Matthias Haber). Courtesy of Hild und K. Photo © Wilfried Dechau

Hild und K (v.l. Dionys Ottl, Andreas Hild, Matthias Haber). Courtesy of Hild und K. Photo © Wilfried Dechau

 

„Kleidungsstücke“ lautet das Zauberwort bei Hild und K, wenn es um die Inspirationsquellen ihrer Fassadengestaltungen geht. Spätestens seit ihrem kleinen Wohnhausprojekt „Aggstall“ sind ihre textilen Anleihen nicht zu übersehen, umso weniger bei der fast monumentalen Webstrukur, die sie gleich einer Maßanfertigung für das AGFA-Hochhaus entworfen haben. Naheliegend, dass sich bei dieser Vorliebe auch eine Neigung zum Muster wie von selbst ergibt. Die Fassade des gerade gebauten Büro-und Wohnhausprojekts S40 ist das neueste Beispiel dafür.

 

2012 erhielten Sie den Architekturpreis der Landeshauptstadt München. Die Jury hob die “sinnlichen Fassadengestaltungen” von Hild und K hervor. Was halten Sie von diesem Lob?

Andreas Hild: Mit Sinnlichkeit ist in diesem Zusammenhang vermutlich eine Funktion der Materialität gemeint, die uns tatsächlich besonders am Herzen liegt. Wir verformen das Material, um darin unsere Vorstellungen zu vergegenwärtigen. Wenn uns attestiert wird, dass das gut gelingt, nehmen wir das natürlich als Kompliment.

Matthias Haber: Ich denke Sinnlichkeit steht auch für Feinfühligkeit und sensibel auf jede individuelle Bauaufgabe einzugehen, ist sicherlich das Hauptziel unserer Architektur.

Sie bezeichnen Fassaden als “Kleidungsstücke”. Das erinnert an Karin Harathers Buch “Haus-Kleider. Zum Phänomen der Bekleidung in der Architektur”. Worin besteht Ihrer Meinung nach der Zusammenhang?

Matthias Haber: Ganz sicher geht es uns nicht darum, die ewige, und gerade wieder modische, Diskussion um die Bekleidungstheorie zu befeuern. Wir sind vielmehr daran interessiert, Strukturen und Gestaltungsformen von Textilien ins Gebaute zu übertragen, um gängige Elemente der Fassade neu zu interpretieren. Vorbilder finden wir dabei nicht in erster Linie im menschlichen Kleidungsstück, sondern in bereits realisierten textilen Architekturen.

Wie zum Beispiel?

Matthias Haber: Wir können da auf eine uralte Tradition zurückgreifen. Das mittelalterliche Samaniden-Mausoleum in Buchara etwa übersetzt das Gefüge eines Korbgeflechts in Mauerwerk, die islamische Architektur übernimmt mit dem Behang bzw. Vorhang textile Strukturen, ebenso die christliche Sakralbaukunst, beispielsweise in dem gebauten Altarbaldachin des Petersdoms. Innerhalb der jüngeren Baugeschichte wären die „Textile Block Houses“ von Frank Lloyd Wright zu erwähnen, die so genannt werden, weil die Oberflächenstruktur der Betonwände an Brokatstoff erinnern. Es gibt also einen reichen Schatz an Inspirationsquellen innerhalb der Architekturgeschichte.

Sie sind bekannt als “Münchner Architekten” – die Auszeichnung der Landeshaupstadt kam schließlich nicht von ungefähr. Ist das auch Ihr eigenes Selbstverständnis – empfinden Sie Ihre Architektur als bayerisch?

Matthias Haber: Wir haben unser „Stammhaus“ in München. Schon deswegen kann man uns natürlich als Münchner Architekten bezeichnen.  Allerdings sehen wir uns nicht ausschließlich einer Architektursprache verhaftet, die „münchnerisch“ oder „bayerisch“ wäre. Wir arbeiten immer sehr standortbezogen, greifen die Bedingungen und Gegebenheiten des Umfeldes auf und entwickeln für die jeweilige Situation ein individuelles Gebäude. Dadurch lassen wir uns immer wieder auf neue Aspekte und Stile ein. Projekte wie in Bremen, Hamburg, Mainz, Köln, in der Schweiz und Belgien und nicht zuletzt in Berlin, wo wir unser zweites Büro mit 14 Mitarbeitern haben, unterstreichen dies.

Dionys Ottl: Natürlich arbeiten wir gerne situationsgebunden, aber wir haben dabei auch mehr im Blick und das ist ein “Mehr” für den Standort. Das kommt sicherlich dadurch, dass wir sehr bewusst unsere Wurzeln – und damit sind auch die sozialen und familiären Wurzeln gemeint – mit an die Orte tragen, an denen wir arbeiten.

Zur Oberfläche Ihres oberbayerischen Projekts „Haus Aggstall“ sagen Sie: „Die Außenfassade ist eine Reflexion über die Unregelmäßigkeit und das Lichtspiel der traditionellen, verputzten Mauerwerksflächen.“ Wie ist hier der Bezug zum konkreten Standort?  

Andreas Hild: Bei diesem Projekt ging es darum, wie man den unregelmäßigen Verputz der alten Bauernhäuser verarbeiten kann, ohne pittoresk zu wirken. Wir verstehen das Ziegelmuster als eine geometrisierte  Unregelmäßigkeit. Das ist eine Frage, die uns oft beschäftigt: Wie kann man eine „gewordene“ Unregelmäßigkeit in einen regelmäßigen Bauprozess überführen.

 

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Haus Aggstall. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

 

Das Fassadenmotiv soll aber auch inspiriert gewesen sein von einem Häkelmuster. Das macht „Haus Aggstall“ zu einem fast humoristischen Beispiel für eine Fassade als Kleidungsstück. Wie kam es zu diesem Vorbild?

Dionys Ottl: Wir machen uns gerne Gedanken darüber wie man „gewordene“ Unregelmäßigkeiten von alten Bauwerken in eine geometrisierte Unregelmäßigkeit verwandeln kann … Bei „Haus Aggstall“ haben wir uns auf eine ganz traditionell-handwerkliche Technik des Mauerwerksbaus besonnen, um diese Übersetzung auszudrücken. Gleichzeitig haben wir uns an etwas orientiert, was ein besonderes Vorbild ist für Lesbarkeit, an einer Strickanleitung – einem Muster analog dem Vorbild „linke Masche“ – „rechte Masche“.

 

Haus Aggstall. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München (11)

Haus Aggstall. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

 

Mich persönlich erinnert diese Fassade an etwas ganz anderes, und zwar an die Casa del Metge, eines der vielen Ziegelbauwerke der modernistischen Industrieansiedlung Colonia Güell in Barcelona …

Andreas Hild: Wie Matthias vorhin schon sagte, unsere Referenzen sind keineswegs regional eingeschränkt. Ausschlaggebend ist allein die Leistungsfähigkeit einer Referenz für die jeweilige Problemlösung.

Dionys Ottl: Man könnte sogar sagen, dass es für unsere Architektur charakteristisch ist, für individuelle Assoziationen offen zu sein. Assoziationen lassen wir gerne zu … wir freuen uns daran, wenn wir sie wecken können.

Geometrische Muster wie bei „Haus Aggstall“ werden vor allem in einigen Fachkreisen schnell als Ornamente verurteilt. Bei der restlichen Bevölkerung stoßen aber gerade diese oftmals auf Sympathie.  Welche Gründe gibt es für diese total entgegengesetzten Reaktionen?

Matthias Haber: Ornamentfreiheit wird ja im Architekturdiskurs häufig mit der Moderne gleichgesetzt. Im Umkehrschluss versucht man Ornamente zu vermeiden, um modern zu sein. Oftmals entstehen dadurch zwar geometrisch wohl proportionierte Entwürfe, im Gebauten wirken die dann aber häufig so reduziert, dass sie mit den Wahrnehmungsgewohnheiten und den Wünschen der Bevölkerung nicht mehr zu verbinden sind. Die nämlich hat in Bezug auf Ornamente keinerlei Berührungsängste und reagiert rein emotional und subjektiv …

Dionys Ottl: Und es ist auch die Frage inwieweit nicht auch die so genannte Moderne ihre eigene Ornamentalität entwickelt hat. 

 

Fassade AGFA Hochhaus. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München (2)

Fassade AGFA Hochhaus. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München (8)

Fassade AGFA Hochhaus. Courtesy of Hild und K. Photo © Michael Heinrich, München

 

Auch die Gebäudehülle des Projekts AGFA-Hochhaus weckt textile Assoziationen. Zudem könnte man sie als eine bestellte Maßanfertigung bezeichnen – Sie bekamen den Auftrag über einen eingeladenen Wettbewerb zur Fassadengestaltung. Das Ergebnis ist eine Gewebestruktur aus Beton und Stahl. Was gab den Impuls zu diesem Flechtwerk?

Matthias Haber: Das AGFA Gebäude steht an der südlichen Münchner Stadteinfahrt, wo es vor allem aus den vorbeifahrenden Autos heraus wahrgenommen wird und die fahren an dieser Stelle sehr schnell. Ziel war es vor allem, eine Struktur zu erfinden, die eine differenzierte Wahrnehmung aus dieser Situation heraus ermöglicht. Deshalb war es uns wichtig, dass die Betonung nicht auf den Einzelelementen, wie Stützen, Brüstungen, Lisenen und Absturzsicherung, liegt, sondern dass alle Einzelelemente optisch in einer übergeordneten Struktur aufgehen.

 

Büro-und Wohnhaus S40. Courtesy of Hild und K. Photo ©Hild und K (1)

Büro-und Wohnhaus S40. Courtesy of Hild und K. Photo ©Hild und K

Büro-und Wohnhaus S40. Courtesy of Hild und K

Büro-und Wohnhaus S40. Courtesy of Hild und K

 

Im Bau befindet sich zurzeit S40, ein Büro-und Wohnhausprojekt, dessen Fassaden an die klinker- oder steinverkleidete Stadthäuser der Umgebung angelehnt und mit Stahlbetonelementen durchsetzt sind. Wenn man diese Fassade eines ornamentalen Delikts bezichtigen würde, was würden Sie erwidern?

Matthias Haber: Wartet erst mal ab, bis ihr das Ergebnis seht, das wird großartig … im Ernst: Die Fassade ist weder ornamental noch ein Delikt.

 

Website von Hild und K Architektur

 

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