Gefältelte Fassade für neue Musikuni

3. Dez 2015, in Interviews, Objektberichte, VHF

Das Architektenteam: Dietmar Moser, Matthias und Susanne Seyfert

Das Architektenteam: Dietmar Moser, Matthias und Susanne Seyfert

Es ist ein beeindruckender Bau: Wie filigranes Krepp-Papier umfließt die gefältelte, weiße Fassade die Anton Bruckner Privatuniversität in Linz. Der Entwurf für die neue Heimat angehender Künstler stammt vom Linzer Architekturbüro 1 ZT GmbH, das 2008 den EU-weit ausgeschriebenen Architektenwettbewerb für sich entscheiden konnte. Wir sprachen mit Architektin Susanne Seyfert über die Idee, die hinter dem außergewöhnlichen Entwurf steckt.

Die Bruckneruni liegt auf einer Anhöhe und thront erhaben über der Stadt. Welche Idee steckt hinter der städteplanerischen Eingliederung des Baukörpers in die Umgebung?

Seyfert: Unser Ziel war ein Gebäude, dem man seine musische Nutzung ansieht, das aber auch perfekt in die Umgebung passt. Der geschwungene, organisch geformte Baukörper liegt wie eine Skulptur oder ein Klangkörper im Park. Er legt sich in die Kurve der Hagenstraße und öffnet sich zum schönen alten Baumbestand. Wir wollten die Besonderheit des Bauplatzes – die herrliche Natur – auch für die Studenten nutzbar machen. Daher neigt sich das Gebäude zur Straße und schützt die Zugänge. Zum Park lehnt es sich zurück und lässt Licht ein. Es gibt auch eine Freilufttreppe, die für Außenkonzerte genutzt werden kann. Um dem Baukörper Größe zu nehmen, wird er von 365 Stück hellen Lamellen umspielt, die das Gebäude mit dem umliegenden Baumbestand verschmelzen lassen.

Die Bruckner Uni wurde auf den ehemaligen Hagengründen am Fuße des Pöstlingbergs errichtet

Die Bruckner Uni wurde auf den ehemaligen Hagengründen am Fuße des Pöstlingbergs errichtet

 

Auch im Gebäude selbst ist die Besonderheit des Bauplatzes spürbar – das bewegte Innere gibt immer wieder den herrlichen Ausblick auf Stadt, Natur und Pöstlingberg frei. Es herrschen schwungvolle, lichtdurchflutete und fließende Raumfolgen mit vielfältigen Blickbeziehungen vor. Dadurch wirkt der Baukörper selbst wie ein Klangkörper, ein „Resonanzraum“, der anregt und inspiriert.

 

Diese Lamellenfassade ist die augenscheinlichste Besonderheit des Gebäudes. Welche Überlegungen stecken hinter dieser Fassadenform und wie wurden ihre Entwürfe umgesetzt?

Seyfert: Das Lamellenkleid der Außenfassade war schon ein wichtiger Faktor im Wettbewerb. Diese Lamellen dienen nicht nur der Beschattung, sondern verleihen dem Gebäude Leichtigkeit und eine besondere, musische Note. Sie sind den Saiten eines Musikinstruments nachempfunden und umhüllen den Baukörper wie ein zarter Vorhang. Dadurch scheint dieser scheinbar mit der Landschaft und dem umliegenden Baumbestand zu verschmelzen. Zusätzlich dienen die Lamellen der Beschattung und der Lichtlenkung. Sie fangen seitliche, direkte Sonneneinstrahlung auch in den Wintermonaten ein und lenken das Licht weit in das Gebäudeinnere, was ganzjährig eine angenehme, diffus helle Lichtsituation in den Räumen sicherstellt.

Die Besonderheit des Baus ist die weiße Lamellen-Fassade

Die Besonderheit des Baus ist die weiße Lamellen-Fassade

 

Was allerdings auf dem Papier so leicht und unbeschwert aussieht, war eine Herausforderung bei der Umsetzung. Die runden Ecken und die schrägen Flächen wurden mit einem vorgehängten hinterlüfteten System realisiert. Die Fassade wurde nach Fertigstellung des Rohbaus aus vorfabrizierten Holzsandwichelementen mit teilweise schon eingebauten Fenstern und fertigen Oberflächen vorgehängt. Die Konsolen für die Lamellen waren am Holzbau bereits eingebaut, so konnten die Lamellen in nur wenigen Wochen montiert werden. Zusätzliche optische Tiefe bekommt die Fassadenoberfläche durch die Besenstrichtechnik, mit der die Verarbeiter den Putz aufgetragen haben. Je nach Lichteinfall entstehen so neue, fein grafisch anmutende Strukturen.

Unter den Lamellen verbirgt sich ein Putz in Besenzugstruktur

Unter den Lamellen verbirgt sich ein Putz in Besenzugstruktur

 

Welchen Stellenwert und welchen Bezug hat die monochrome, dezente Farbgebung zu diesem futuristischem Bau?

Von Anfang an sahen wir das Gebäude in das helle Lamellenkleid gehüllt. Der dahinterliegende, eine Nuance dunklere Putz in vertikaler Besenstrich-Optik unterstreicht dies noch zusätzlich. Die Fenster erscheinen hinter diesem „Kleid“ wie verschleiert. Gerade die helle, dezente Farbgebung stärkt unserer Meinung nach die ausdrucksstarken Formen des Baukörpers und verleiht dem Gebäude Leichtigkeit und Anmut.

 

Eine Besonderheit des Gebäudes ist die Übertragung des vermeintlichen Schattenwurfes des Lichteinfalles auf die Innenwände bei den Stiegenhäusern. Was steckt dahinter?

In den öffentlichen Bereichen des Foyers wird das Gebäude an den Wänden von den Künstlern Iris Andraschek und Hubert Lobnig bespielt. Im Rahmen von „Kunst am Bau“ haben wir uns in der Jury für dieses Projekt entschieden, weil es mit einer großen Sensibilität und Eleganz unsere Foyerbereiche bereichert. Ganz subtil sind die Wände in unterschiedlichen matt und glänzenden Weiss-Tönen von Hand bemalt. Die aufgemalten Baustelleneindrücke und scheinbaren Schattenwürfe verleihen dem Raum Tiefe und Lebendigkeit.

Im Inneren verleihen Baustelleneindrücke und scheinbare Schattenwürfe den Wänden Tiefe und Lebendigkeit

Im Inneren verleihen Baustelleneindrücke und scheinbare Schattenwürfe den Wänden Tiefe und Lebendigkeit

Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr Infos über das Architekturbüro 1: architekturbuero1.com

Fotos: Christian Schellander, Matthias Seyfert, Reinhard Winkler

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