Mit Chiffon und Schutzweste: Das Europa-Gebäude in Brüssel

24. Mrz 2017, in Interviews

Europa-Gebäude in Brüssel. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Quentin Olbrechts

 

Brüsseler Spitzen, Gläserne Amphore, Space-Egg, Vase oder Laterne. Erst seit ein paar Monaten ist das neueste Regierungsgebäude mit der vielschichtigen Fassade von Philippe Samyn and Partners fertiggestellt und schon schlägt das metapherverliebte Architektenherz. Vielleicht steckt aber auch viel mehr hinter diesem Phänomen von Koseworten und Spitznamen. Vielleicht sogar eine Sehnsucht nach einer Architekturikone, die für Europa steht. Oder, vielleicht ist es nur ein Versuch, dem allzu komplexen Entwurf zumindest verbal etwas eindeutig Prägnantes zu verleihen. Fest steht, das Gebäude, um das es geht, heißt schlicht und einfach: EUROPA.

 

Europa-Gebäude als Antwort auf EU-Erweiterung

Seit Anfang 2017 ist das Europa-Gebäude der Sitz des europäischen Rates und des Rates der Europäischen Union. Der Bau inmitten des Europaviertels von Brüssel wurde bereits 2004 von den europäischen Staats- und Regierungschefs beschlossen. D.h. in dem Jahr, in dem die Europäische Union eine Erweiterung um zehn neue Mitgliedstaaten erfuhr und das Justus-Lipsius-Gebäude zu klein wurde für den EU-Rat. Außerdem sollten in Zukunft alle europäischen Gipfeltagungen in Brüssel und nicht mehr in den Mitgliedstaaten stattfinden. Zeit also für eine zusätzliche Unterkunft. Und entstehen sollte sie gleich neben dem ehemaligen Sitz. Noch im selben Jahr wurde ein europaweiter Wettbewerb ausgeschrieben. Sieger waren Philippe Samyn and Partners (Belgien) zusammen mit Studio Valle Progettazioni (Italien) und Buro Happold (UK).

Europa-Gebäude in Brüssel. Abschnitt Résidence Palace mit Art Déco-Fassade. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Marie-Françoise Plissart

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geschichtsträchtiger Standort

Vom belgischen Staat als Standort vorgesehen war der sogenannte “Residenzpalast”. Der 20iger Jahre Bau war auf Initiative des Finanziers Lucien Kasin entstanden und vom Schweizer Architekten Michel Polak entworfen. Das Art-Déco-Gebäude war ein prestigeträchtiges Wohnhaus für die damalige privilegierte Gesellschaftsschicht. Anhaltender Erfolg und ein erfreuliches Schicksal sollte ihm aber nicht beschieden sein. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude von der deutschen Besatzung zu ihrem Hauptquartier gemacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es in Büros für mehrere belgische Regierungsstellen umgewandelt. Kurzum, die Architektur des Résidence Palace hat so manche Wandlung durchgemacht. Bis heute geblieben sind seine Originalfassade, die Eingänge und der zentrale Korridor im Erdgeschoss. Seit 2004 stehen sie unter Denkmalschutz.

Europa-Gebäude in Brüssel. Abschnitt Résidence Palace mit Art Déco-Interieur. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Marie-Françoise Plissart

Europa-Gebäude in Brüssel. Atrium. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © European Union

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Glasatrium und Laterne: Ein nocturnales Ereignis

Und der leitende Architekt Philippe Samyn hat aus diesem belgischen Kulturerbe Résidence Palace wahrlich etwas gemacht. Der realisierte Entwurf erhält den historischen Teil des sog. traditionellen Blocks A des Palasts und baut daran an. Das ursprünglich L-förmige Gebäude wurde durch zwei neue doppelschichtige Glasfassaden zu einem Würfel vervollständigt. Mitten in diesem Glasatrium steht ein etwa 40m hoher vasenförmiger Körper. Die bauchige Skulptur birgt in sich die unterschiedlich großen, elliptischen Etagen. Raumabschließende Schicht ist auch hier eine Hülle aus Glas bestehend aus semitransparenten Elementen mit weißem Streifenmuster. Von außen besonders gut erkennbar ist diese organische Form, wenn drinnen die 374 LED-Leuchten angemacht werden und sie hervortreten lässt wie eine brennende Laterne.

Europa-Gebäude in Brüssel. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Marie-Françoise Plissart

Europa-Gebäude in Brüssel. Atrium. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Thierry Henrard

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

10000 Lichter

Der Großteil des Lichts stammt jedoch nicht von der Laterne selbst. Vielmehr wird es darauf projiziert von 10000 LEDs, die auf der Innenseite der Fassade angebracht sind. Hier kommt auch das weiße Siebdruck-Muster der Laterne zum Tragen – es hat die Aufgabe die Lichtreflektion zu erhöhen. Das Brennen der Laterne ist aber natürlich nicht ein Ereignis, das man jederzeit erleben kann. Sie brennt nur ein paar Stunden am Abend und im Winter auch in den Morgenstunden. Die genaue Beleuchtungszeit hängt ab von der Zeit des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs. Berücksichtigt wird auch die Stärke des Außenlichts.

Europa-Gebäude in Brüssel. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Zeichnung © Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers, LEAD and DESIGN PARTNER. With Studio Valle Progettazioni architects, Buro Happold Limited engineers.

Europa-Gebäude in Brüssel. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Marie-Françoise Plissart

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Entwurfsfaktor Eisenbahn

Philippe Samyn über die Funktion dieses Herzstücks: „Die Laternenform war aus zwei Gründen notwendig: Erstens hatten die Räume, die auf den verschiedenen Ebenen untergebracht werden sollten, zunehmende und dann abnehmende Proportionen. Zweitens kann die schmale Basis der Laterne auch dadurch erklärt werden, dass es aufgrund des nahe gelegenen Schuman Eisenbahntunnels nicht möglich war, strukturelle Unterstützung über die gesamte Baustelle einzubringen.“

 

Volles Programm

So komplex das Erscheinungsbild, so simpel die Verteilung des Raumprogramms. Vielleicht muss das aber auch so sein. Bei einem Pensum von 6000 Sitzungen im Jahr, d.h. mindestens 15 Sitzungen pro Tag. Der alte und der neue Anteil des Europa-Gebäudes erfahren durch den Entwurf eine klare Funktionszuordnung: Im historischen Teil des Résidence Palace befinden sich die Büros der Delegationen der Mitgliedstaaten und das Büro des Präsidenten des Europäischen Rates. Die neue kurvige Konstruktion beherbergt die Konferenzräume und einen Pressesaal. Demnach müsste es hier bei der besagten Sitzungsfrequenz zugehen wie in einem Bienenstock. (Womit dem assoziationsgeplagten Entwurf eine weitere Assoziation angehängt wäre.)

Im Einzelnen heißt das für das Raumprogramm: 3 Konferenzsäle mit jeweils mindestens 32 Dolmetscherkabinen, 10 weitere Sitzungssäle, zusätzliche Presseeinrichtungen, rund 250 Büroräume, einschließlich der Büroräume für den Präsidenten des Europäischen Rates. Außerdem wird auch der ehemalige Sitz, das Justus-Lipsius-Gebäude, weiterhin genutzt. Zu ihm gibt es immer noch eine Nabelschnur in Form von zwei Stegen.

Europa-Gebäude in Brüssel. Schnitt. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Zeichnung © Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers, LEAD and DESIGN PARTNER. With Studio Valle Progettazioni architects, Buro Happold Limited engineers

Europa-Gebäude in Brüssel. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Farben © Georges MEURANT. Foto © Quentin Olbrechts

 

Treffpunkt Fassade

Über den historischen Hintergrund des Projekts sagt Philippe Samyn: „Das Europa-Gebäude ist eine Mischung aus Moderne und historischem Erbe. Die Notwendigkeit, einen Teil des Residenzpalastes zu bewahren, wiederherzustellen und zu integrieren, war eine Herausforderung, aber auch eine wunderbare Gelegenheit. Die Geschichte dieses Gebäudes ermöglicht es uns, in gewissem Maße zurückzukehren zur Geschichte Europas.“

Europa-Gebäude in Brüssel. Integration der Art Déco-Fassade des Résidence Palace. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Quentin Olbrechts

 

Zwischen Verwertung und Verzauberung

Und es ist insbesondere der Fassadenentwurf, die an die facettenreiche Geschichte Europas erinnert. Aber nach Samyn tut sie noch mehr: „Die äußere Gebäudehülle besteht aus alten Eichenfenstern, die aus Abbruchgebieten aus ganz Europa zurückgewonnen wurden. Diese authentischen alten Fensterrahmen wurden geschliffen, gereinigt, restauriert, lackiert und in große Edelstahlrahmen gelegt, um diese Fassade zu schaffen. Das war ein Weg, um das Recycling von Materialien zu fördern, gleichzeitig war es aber auch eine Hommage an Europas Handwerk und kulturelle Vielfalt.“

Europa-Gebäude in Brüssel. Fassaden-Ausschnitt. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Quentin Olbrechts

Europa-Gebäude in Brüssel. Alte Holzrahmen aus der EU. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Thierry Henrard
 

Symbolisch vereint

„In Vielfalt geeint“. Dieses Motto drängt sich beim Anblick der Fenstercollage geradezu auf. Komponiert wurde sie aus 3750 Holzrahmen der EU. Zum Teil sind sie um die 250 Jahre alt. Sie stammen von abgerissenen Gebäuden oder von solchen, bei denen sie wegen energetisch bedingten Sanierungen demontiert werden mussten. In ihrem neuen Standort miteinander verschmolzen gehen sie wie nebenbei einen Dialog ein mit den „Nachbarn“. Den dreiteiligen französischen Fenstern der eingebundenen Art-Déco-Fassade des ehemaligen „Palasts“.

Europa-Gebäude in Brüssel. Tragstruktur aus Stahl mit äußerer Fenstercollage. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Thierry Henrard

Europa-Gebäude in Brüssel. Tragstruktur aus Stahl mit äußerer Fenstercollage und innenliegenden Dreifach-Verbundsicherheitsgläsern. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © Thierry Henrard

 

Chiffon und Schutzweste

Die anspielungsreiche Sekundärfassade ist jedoch nur die äußerste Hülle des Atriums. Sie dient als erster thermisch-akustischer Schutz und vor allem als Verzierung. Der Trick dabei: Sie ist Teil einer freistehenden Doppelfassade. Nur mit ihrer Hilfe konnte, unabhängig von jeglichen EU-Richtlinien, Einfachverglasung eingesetzt werden. Befestigt ist diese erste Schicht an einer Tragstruktur aus Stahl. An diese montiert ist weiterhin, in 2,70m Abstand die eigentliche Primärfassade.

Und hier befindet sich quasi die Schutzweste von „Europa“. D.h. eine Schicht aus schusssicheren Dreifach-Verbundsicherheitsgläsern. Allein so war es möglich, einer großen Glasfassade mit Hilfe von Holz eine gewisse Wärme zu verleihen. Und nur so konnte die Ausstrahlung von Leichtigkeit und Zartheit funktionieren und der Eindruck eines duftigen Überkleids oder Chiffons entstehen.

 

Neues Ambiente für 6000 Sitzungen im Jahr

Auch im Innenraum war man um Ausstrahlung bemüht. Das kaleidoskopartig bunte Farbkonzept stammt von Georges Meurant. Philippe Samyn zog ihn heran, um eine einladende und entspannte Atmosphäre zu kreieren. Meurants Entwürfe umfassen u.a. Decken, Aufzüge und Teppiche.

Mein eigentliches Anliegen ist Raum und Spannung, sagt der belgische Maler. Meurants Bilder basieren vorrangig auf farbigen Quadraten, die den Formen und Strukturen entgegenwirken sollen. Besonders begeistert ist der Künstler von seinem polychromen Beitrag für den VIP Fahrstuhl. Ein Ort, wo man sich ganz dem dynamischen Farbrausch hingeben kann.

Europa-Gebäude in Brüssel. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © European Union

Europa-Gebäude in Brüssel. Fahrstühle. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Farben © Georges MEURANT. Foto © Quentin Olbrechts

 

Musterhafte Nachhaltigkeit

So wie bei der poetischen Recyclingfassade wurde die Idee der Nachhaltigkeit auch an anderen Stellen des Projekts weiterverfolgt. „Europa“ glänzt mit modernen Systemen zur Regelung des Lichts, der Raumfeuchte und der Temperatur. Stolz verweist es auf „grüne“ Elemente wie ein Photovoltaik-Dach. Sogar an die Sanitäranlagen wurde gedacht. Sie werden versorgt durch ein System zur Sammlung des Regenwassers.

Europa-Gebäude in Brüssel. Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Foto © European Union (Ausschnitt)

 

Herz von Europa

Mit dem Europa-Gebäude ist bis ins Detail ein ambitioniertes Stück Architektur entstanden. Fast fällt es schwer sich zu entscheiden, von welcher Teil-Idee man am meisten beeindruckt sein soll. Und am Ende ist es noch offen, ob das Gebäude mit seiner filigranen Fassade stark genug sein wird, um Identität zu stiften für die Idee eines geeinten Europas. Nicht zuletzt bleibt auch die heikle Frage, wie metaphorisch man es (miss)verstehen kann, wenn es ausgerechnet (nur) eine Fassade ist, die die europäische Gemeinschaft widerspiegelt. Wenn man aber Philippe Samyn fragt, was sich dahinter verbirgt, ist es nichts Geringeres als das Herz von Europa. In seiner Skizze pocht es sogar …

Europa-Gebäude in Brüssel. Skizze (Ausschnitt). Courtesy of Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers. Skizze © Philippe Samyn

 
 

Zur Website von SAMYN and PARTNERS

Für alle Abbildungen liegt das Projekt Copyright bei: Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers, LEAD and DESIGN PARTNER. Mit Studio Valle Progettazioni architects, Buro Happold Limited engineers.

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