„Ich benutze Farben, um Räume zu bilden“

23. Jul 2015, in Farbe, Fassadendesign

Die Architektin Emmanuelle Moureaux fällt mit ihren Arbeiten auf. Zum einen hat sich die Französin Japan als das Land ausgesucht, in dem sie sich beruflich am liebsten verwirklichen möchte. Zum anderen dominieren intensive Farbtöne ihre Arbeiten und sind längst zum Erkennungszeichen geworden.

 

Emmanuelle Moureaux, Farben sind Ihr Markenzeichen. Aber in Ihrem Fall muss man fragen, was kam zuerst, die Faszination für Farben oder die für Japan?

Emmanuelle Moureaux: Ich entdeckte Japan durch Bücher. Während meines Architekturstudiums in Frankreich habe ich viele japanische Romane gelesen. Beeindruckt von dieser Kultur, beschloss ich mehr zu lernen über ihre Städte, allen voran Tokyo. Bei meinem Architekturdiplom wählte ich als Forschungsthema „Das multifunktionale Gebäude in Tokyo“. Bei der Gelegenheit besuchte ich 1995 diese Stadt. Damals blieb ich nur eine Woche, aber diese Reise war ein Wendepunkt für mich. Als ich aus dem Zug ausstieg, war ich sofort überwältigt von all den farbigen Aushängeschildern, bunten Automaten… Die Stadtlandschaft von Tokyo schien nur so überflutet zu sein von Schichten voller Farbe. Für meine Augen, die sozusagen in einer Stadt aus Stein erzogen wurden, kam mir das so wunderschön wie ein Gemälde vor. Der Anblick war für mich ein emotionaler Moment, es war als würde ich zum ersten Mal Farben erblicken. Es waren kaum zwei Stunden vorbei und ich entschied, in Tokyo zu bleiben. Zwei Monate nach meiner Zulassung als Architektin in Frankreich zog ich 1996 nach Tokyo.

 

100 Colors / Shinjuku Mitsui Building. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners

100 Colors / Shinjuku Mitsui Building. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners

100 Colors / Shinjuku Mitsui Building. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners

100 Colors / Shinjuku Mitsui Building. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners

100 Colors / Shinjuku Central Park. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners

100 Colors / Shinjuku Central Park. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners

 

Und 2003 haben Sie dort Ihr eigenes Büro eröffnet. Was passierte in der Zwischenzeit?

Emmanuelle Moureaux: In den ersten Jahren bin ich einfach nur jeden Tag durch Tokyo gelaufen, um auf meine Weise die Stadt und die japanische Kultur zu entdecken. Und ich habe die japanische Sprache gelernt. Wie gesagt, irgendwann musste ich schließlich auch die Zulassungsprüfung für Architekten machen. So erhielt ich die „1st class licence“…(Für die 1st class architect licence ist das Bauministerium / Ministry of Construction, für die 2st class licence die Präfekturregierung / prefectural governor zuständig; Anm. D. A.)

 

In Japan gibt es ja schon seit mehreren Jahrhunderten verschiedene Arten von Ästhetikrichtungen. Zu den älteren gehört zum Beispiel Wabi Sabi, die auch im Westen bekannt geworden ist.  Inwieweit sind Sie beeinflusst von der japanischen Ästhetik beziehungsweise ihrem Design?

Emmanuelle Moureaux: Als Beispiel könnte ich mein eigenes Shikiri Konzept erwähnen. Es ist inspiriert von den japanischen Schiebetüren. „Shikiri“ ist ein Kunstwort, wörtlich bedeutet es ungefähr „Raum mit Hilfe von Farben einteilen“. In der traditionellen Architektur wurden ja diese Trennwände mit Papier dazu genutzt, um Räume nach Funktionen oder gemäß den klimatischen Bedingungen voneinander abzugrenzen. Wobei sie die Räume nicht gänzlich voneinander trennen. Du kannst spüren, wer auf der anderen Seite der Wand ist, auch die Natur bleibt immer noch erlebbar. Diese wunderschönen verschiebbaren Zwischenwände begannen in Japan aber  irgendwann zu verschwinden und wurden ersetzt von der Gegenwartsarchitektur. Ich versuche nun diese „Essenz des Alten“  hervorzuheben und sie in etwas Modernes und Praktisches zu verwandeln, was auch noch in unserer heutigen Zeit verwendet werden kann. Das Konzept „Shikiri“ hilft mir also dabei, diese Idee der japanischen Schiebeelemente in einer anderen Weise wieder einzuführen, indem ich die Farbe allein als dreidimensionales Element, das heißt als eine Schicht, verwende. Ich benutze Farben dazu, um Räume zu bilden und nicht um der Oberfläche einen letzten Touch zu verleihen.

 

Sehr oft verwenden Sie Farben in Abstufungen, die für Sie typische „Regenbogenskala“. In Kombination dazu verwenden Sie gerne die Farbe Weiß. Warum diese Vorliebe?

Emmanuelle Moureaux: Die Kombination von mehreren Farben ist für mich wichtig, um räumliche Tiefe, Rhythmus und natürlich auch Emotionen spürbar zu machen. Deswegen verwende ich in allen meinen Projekten eine mehrfarbige Palette. Wenn ich mit einem neuen Entwurf beginne, ist das allererste was ich entscheide tatsächlich die Anzahl der Farben. Und was Weiß anbelangt, das ist einfach die Farbe, die alle anderen Farben schön erscheinen lässt.

 

Sticks. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners

Sticks. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners

Sticks. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners

Sticks. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners

 

 

Interessanterweise wird die japanische Architektur von heute eher von neutralen Farben beherrscht. Die Fassaden sind sehr oft entweder weiß beziehungsweise schwarz oder sie sind von Materialien bestimmt wie Holz, Beton oder sogar Papier. Shigeru Ban, Tadao Ando und SANAA sind typische Beispiele für dieses Phänomen. Man möchte fast meinen, dass Japan jemanden Fremden wie Sie brauchte, der die Farben in die Architektur einführt.

Emmanuelle Moureaux: Ja, obwohl Tokyo sehr farbenfroh ist und obwohl zumindest in der Vergangenheit Farben im Alltag durchaus benutzt wurden, wie zum Beispiel bei den Kimonos oder der Farbe Orange in traditionellen Tempeln, sind Gebäude, Innenraumgestaltungen aber auch Produktdesigns neuerdings von der Farbgestaltung her recht monoton gehalten. Weiß, Grau und Schwarz gelten in Japan als sehr modisch. Was ich persönlich aber hier entdeckt habe, ist, dass gerade Farben eine große Wirkung auf den Menschen haben. Sie schaffen eine einzigartige Atmosphäre, die von allen fünf Sinnen wahrgenommen wird, was wiederum unbegrenzte Emotionen erzeugt. Sie bringen die Menschen zum Lächeln, sogar zum Lachen, man ist überrascht usw. All diesen Reaktionen ist gemeinsam, dass sie ein besonderes Glücksmoment entstehen lassen. Mein Design, so hoffe ich wenigstens, soll den Menschen zu mehr Bewusstsein für Farben verhelfen, sie sollen Farben sehen, Farben berühren, Farben mit ihren Sinnen erleben. Ich wünsche ihnen, dass sie die gleichen Gefühle empfinden, die ich hatte, als ich die Farben von Tokyo zum ersten Mal sah.

 

Zur Galerie mit allen Bildern

 

Nächste Woche folgt der zweite Teil des Interviews.

 

Zur Homepage von Emmanuelle Moureaux

Schreiben Sie einen Kommentar

*Pflichtfeld