„Ich interessiere mich nicht für Architektur“

30. Jul 2015, in Farbe, Fassadendesign

Farbigkeit bildet auch im zweiten Teil des Interviews mit der französischen Architektin Emmanuelle Moureaux den roten Faden. Im Zentrum der Betrachtung stehen einige kommerzielle Gebäude, die sie für japanische Banken realisiert hat. Klassische Eleganz verbindet sie hier mit der für sie charakteristischen Farbigkeit.

 

Die Sugamo Shinkin Bank gab Ihnen mehrere Aufträge für große Architekturprojekte. Das war Ihre erste Gelegenheit, sich mit Fassaden zu beschäftigen. Was bedeutet Ihnen das Thema Fassade?

Emmanuelle Moureaux: Ich betrachte Fassaden als eine Landschaft, eine Geschichte, etwas was das Konzept des Gebäudes in abstrakter oder poetischer Weise zum Ausdruck bringt. Die Fassade ist wie ein Buchdeckel: Sie muss eine Botschaft vermitteln und die Leute anlocken. Sie muss die Menschen dazu bringen, das Buch zu durchblättern, sprich das Gebäude zu betreten. Zum Beispiel gibt es keinerlei Beschilderungen bei meinen Banken. Nicht ein Schild, sondern die „Fassade als Landschaft“ ist es, die der Bank Identität verleiht. Sie drückt das Konzept des Gebäudes aus. Bei der Zweigstelle Tokiwadai (Tokiwadai Branch) nennt sich das Konzept „Leaf“ (Feel the green), bei Ekoda Branch gibt es das Konzept „Rainbow Shower“ (Merging the exterior and interior), bei Shimura Branch ist es  „Rainbow Mille-Feuille“ (Feel the sky)  und bei Nakaaoki Branch „Rainbow Melody“ (Feel the rhythm of the season). Die Fassade drückt also wie gesagt das Architekturkonzept aus und dieses Konzept wird am Gebäude als Ganzes durchgespielt, sowohl am Äußeren als auch im Inneren. Die Tokiwadai Branch Fassade mit dem Konzept „Leaf“ beispielsweise gibt weiße Silhouetten von Bäumen wieder, abgebildet zwischen den Perforationen der weißen Aluminium Paneele. Die unterschiedlich großen Fenster in 14 Farben stellen bunte Blätter dar und rhythmisieren die Fassade. Dieses Motiv setzt sich dann auch im Innenraum fort, wieder mit Hilfe von weißen Baumgrafiken, die hier mit verschieden farbigen Blattformen verziert sind. Diese auf Glas applizierten Grafiken überschneiden sich visuell mit echten Bäumen dahinter, wodurch der Eindruck eines magischen Waldes entsteht.

 

Sugamo Shinkin Bank / Ekoda branch. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners Inc.

Sugamo Shinkin Bank / Shimura branch. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners Inc.

 

Das Praktische an diesen Konzepten scheint zu sein, dass  man sie auf mehrere Projekte verschiedener Art und auch unterschiedlicher Maßstäbe übertragen kann…

Emmanuelle Moureaux: Das stimmt, Shikiri beispielsweise war ein Konzept, das ich erst ausgehend von dem Thema der Oberfläche erforscht habe. Dieses „Surface-Shikiri“ findet man wieder in Projekten wie Kaleidoscope, Bodies, Arp Hills, Sugamo Shinkin Bank / Nakaaoki Branch und 100 Colors … Allmählich entwickelte sich dann das Ganze sozusagen in dünnere Farben und so entstand das „Line-Shikiri“. Das taucht wiederum auf in den Projekten Sticks, Shibafu Table, Eda, Toge, Sugamo Shinkin Bank / Ekoda Branch. Diese Erforschung von den Formen der Farben durch Oberflächen und Linien war tatsächlich eine Reise zwischen den Maßstäben eines Kunstwerks bis hin zur Architektur. Mit Stick Chair (2007) zum Beispiel habe ich versucht die Grenzen der Pilotis Konstruktion herauszufordern. Dieser Entwurf verwandelte sich dann in die Raumelemente Sticks (2010) und ich habe auch vor, diese Versuche in meine zukünftigen Architekturprojekte zu übertragen. Ein weiteres Beispiel: Das zweidimensionale Baumthema, das ich für Sugamo Shinkin Bank Tokiwadai Branch (2010) entworfen habe, taucht wieder auf in den dreidimensionalen Modulen Eda (2010). Das Konzept „Rainbow Mille-Feuille“ für Sugamo Shinkin Bank Shimura Branch (2011) wurde 2013 umgestaltet in ein Möbelstück, das ich Mille-Feuille nannte (für die deutsche Firma schönbuch, Anm. d. A.). Das Kunstobjekt Toge von 2011 besteht aus Modulen, die sich miteinander verzahnen lassen (toge, dt. Dorn, Anm. d. A.). Diese Idee habe ich 2012 räumlich weiter verfolgt in Bloom Bloom Bloom und ich hoffe, dass ich auch „Toge“ irgendwann in ein Gebäude verwandeln kann…So versuche ich immer neue Formen für Farben zu entwickeln.

 

Sugamo Shinkin Bank / Tokiwadai branch. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners Inc.

Sugamo Shinkin Bank / Tokiwadai branch. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners Inc.

Sugamo Shinkin Bank / Tokiwadai branch. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners Inc.

Sugamo Shinkin Bank / Tokiwadai branch. Photo © Daisuke Shima / Nacasa & Partners Inc.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zurück zur Fassade Tokiwadai Branch der Sugamo Shinkin Bank. Wegen der teils schräg eingeschnittenen großen und tiefen Fensteröffnungen  erinnert sie entfernt an Le Corbusiers berühmte Wallfahrtskapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp. Gab es einen besonderen Grund für diese auffällige Maßnahme?

Emmanuelle Moureaux: Diese Bank befindet sich in einer recht kleinen Straße. Daher wurden die farbigen Paneele schräg angeordnet, um sie für diejenigen, die sich dem Ort nähern, besser sichtbar zu machen. Dass das Gebäude an die Kapelle von Ronchamp erinnern könnte, war mir nicht bewusst. Aber tatsächlich könnten die quer eingesetzten farbigen Paneele eine Ähnlichkeit damit haben. Ihr Zweck und ihre Bedeutung jedoch ist eine andere. Der Entwurf der Kapelle von Le Corbusier basiert auf Licht, Tokawadai Branch hingegen auf Farbe.

 

 

Le Corbusier ist noch heute für viele Architekten ein großes Vorbild. Gibt es bestimmte Architekten oder Künstler, deren Arbeit sie verfolgen oder studieren?

Emmanuelle Moureaux: Ich interessiere mich nicht für Gebäude, die von Architekten gebaut wurden, auch nicht von denen aus der Gegenwart. Sie inspirieren mich einfach nicht. Wenn ich eine Stadt besuche, besichtige ich niemals berühmte zeitgenössische Architektur. Ich bin interessiert an der Stadt an sich, an der normalen Stadtlandschaft. Und an anderen Bereichen wie Kunst und Mode.

 

Toge. Photo © Daisuke Shima/ Nacasa & Partners Inc.

Toge. Photo © Daisuke Shima/ Nacasa & Partners Inc.

 

Mit dem japanischen Modedesigner Issey Miyake hatten Sie ja auch schon zusammen gearbeitet, wie etwa bei dem Projekt „Sticks“. Seine Entwürfe strahlen, ähnlich wie bei Ihnen, eine große Lebensfreude aus. Glauben Sie, dass Fassaden genauso wie Kleidung dabei helfen können, Persönlichkeit und Lebensgefühl auszudrücken?

Emmanuelle Moureaux: Issey Miyake entwirft keine neue „Kleidung“, sondern neue Konzepte. Seine Kreationen sind nicht nur schön, sondern sie sind poetisch, intelligent und sehr architektonisch. Es ist immer ein Vergnügen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Mit Kleidungen, Grafiken, Raumgestaltungen versuchen wir beide dieselbe Atmosphäre zu erzeugen, die Atmosphäre der Freude.

 

Emmanuelle Moureaux, vielen Dank für dieses Interview!

 Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Özlem Özdemir.

 

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