„Eine große sinnliche Erfahrung“

5. Aug 2016, in Ausstellung, Interviews, Sonstige

Peter Cachola Schmal Bienale Venedig

Mit einer unkonventionellen Öffnung des Pavillons sorgte der deutsche Beitrag zur Architekturbiennale 2016 in Venedig für großes Aufsehen. Die Ausstellung „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ thematisiert die Integration der Einwanderer und symbolisiert Deutschlands Offenheit in der Flüchtlingsdebatte. Im Interview erzählt Generalkommissar Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, wie es zu dieser Idee kam und berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen als Bewohner der Arrival City Offenbach.

Seit einigen Wochen ist der Deutsche Pavillon auf der 15. Internationalen Architekturausstellung La Biennale di Venezia eröffnet, dessen Generalkommissar sie sind. Wie lautet ihre zwischenzeitliche Bilanz?

 

Peter Cachola Schmal: Wir sind natürlich glücklich über das sehr große Interesse von allen Seiten und das überwältigende Echo in den Medien. Am meisten freut uns dabei, dass unsere Themen aufgegriffen und reflektiert werden – denn darum geht es uns ja. Wir wollen mit der Diskussion zu diesem Thema etwas verändern. Auch in Venedig erhalten wir viel gutes Feedback. Wir haben ein Gästebuch ausgelegt und darin finden sich Zeugnisse von großer Anteilnahme seitens der internationalen Besucher.

 

Ihr Projekt heißt „Making Heimat. Germany, Arrival Country“: Der nach drei Seiten geöffnete Pavillon soll Deutschland als offenes Einwanderungsland darstellen. Aufgrund der massiven Wandöffnungen wurde erstmals ein Eingriff in den Denkmalschutz des historisch mit dem Dritten Reich in Verbindung gebrachten Gebäudes vorgenommen. Wie ist diese Idee entstanden und was fasziniert Sie an der Metaphorik der Öffnung?

 

Peter Cachola Schmal: Der deutsche Pavillon von Ernst Haiger aus dem Jahr 1938 ist ein von außen abweisendes und hermetisch geschlossenes Gebäude, dafür funktioniert es hervorragend zum Ausstellen. Es verschließt sich halt dem wunderbarsten Blick auf die Lagune und zum Lido, den wir nun freigelegt haben. Für alle, die dies erleben dürfen, ist es eine ganz große sinnliche Erfahrung. Wir haben lange nach einer adäquaten Lösung gesucht, unser Anliegen gestalterisch auszudrücken, bis unseren Designern Something Fantastic die Idee kam, das offene Deutschland durch das physische Öffnen des Pavillons umzusetzen, ganz direkt und vollkommen überraschend. Das offene und nicht mehr abschließbare Deutsche Haus zeigt aber auch die Ambivalenz von Offenheit: Auf der einen Seite die größere Durchlässigkeit und auf der anderen der mangelnde Schutz vor externen, vielleicht nachteiligen Einflüssen – beides kann man auf unsere politische Lage übertragen.

 

Das Gebäude ist somit auch nachts offen. Damit kalkulieren Sie das Nicht-Planbare bewusst mit ein. Ist bisher schon etwas geschehen, dass Sie nicht vorhergesehen hatten?

 

Peter Cachola Schmal: Noch ist nichts Dramatisches geschehen, außer dass bei einem heftigen Gewitter die leichten weißen Plastikstühle fortgefegt wurden, und unsere Aufsichten sich in bislang unbekanntem Maße um das Aufräumen kümmern mussten.

 

An den Wänden im Inneren hängen Texte zum Thema Ankunftsland, umrahmt von Fotos und Statistiken. Was vermittelt Ihr Pavillon etwa im Gegensatz zu den sich ebenfalls mit dem Thema Migration befassenden Teilnehmern Österreich oder Finnland?

 

Peter Cachola Schmal: Bei diesen beiden Ländern geht es nur um das Thema Unterbringung von Flüchtlingen, nicht um unser Hauptthema Einwanderung. Denn das ist ein weitaus größeres und in seiner Dimension langfristig wichtigeres Thema. Nicht jeder Flüchtling will später einwandern. Aber jeder ernsthafte Einwanderer sollte als Chance für unsere Gesellschaft angesehen werden. Wir sollten nur lernen, die Einen von den Anderen zu unterscheiden. Unserem Berater Doug Saunders ist vollkommen schleierhaft, warum wir Europäer die humanitären Flüchtlinge bevorzugen, aber die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge verteufeln, denn gerade diese Personenkreise möchten beispielsweise die Kanadier als „economic immigrants“ gewinnen.

Making Heimat. Germany, Arrival Country. Deutscher Pavillon, 15. Internationale Architekturausstellung - La Biennale di Venezia 2016 \\ © Foto: Kirsten Bucher

Making Heimat. Germany, Arrival Country. Deutscher Pavillon, 15. Internationale Architekturausstellung – La Biennale di Venezia 2016 \\ © Foto: Kirsten Bucher

Waren Ihnen persönlich die vergangenen deutschen Biennale-Beiträge zu unpolitisch?

 

Peter Cachola Schmal: Das würde ich nicht sagen. Unsere Zeiten sind wieder sehr politisch, es wird sogar immer turbulenter. Robert F. Kennedy sagte vor 50 Jahren: „There is a Chinese curse which says, ‚May he live in interesting times.‘ Like it or not, we live in interesting times.“ Tja, und wir leben jetzt wieder in interessanten Zeiten.

 

Ihre alte Heimat Offenbach wird ebenfalls als Arrival City vorgestellt. Wie sind diesbezüglich Ihre Erfahrungen, die in „Making Heimat“ eingeflossen sind?

 

Peter Cachola Schmal: Ich bin ein großer Freund der verachteten Aschenputtelstadt Offenbach, die ein miserables Image hat. Gangster, Ghetto, arm und kriminell, schäbig, schmutzig und langweilig. Einiges davon stimmt sogar. Auf der anderen Seite ist es ein sehr lebendiger Ort, der aus seiner gemischten Einwohnerschaft mit über 150 Nationen neue Energien und Ideen bezieht. Es gibt keine rassistischen Auseinandersetzungen, keine Nazi-Szene und eine Stadtverwaltung, die sich ernsthaft um die Integration immer neuer Wellen von Einwanderern kümmert, schon seit den Hugenotten im 18. Jahrhundert. Darauf kann Offenbach stolz sein, und ich hoffe, dass wir dazu beitragen konnten.

 

Wann wird Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft sein?

 

Peter Cachola Schmal: Wenn ein Deutscher in Führungsposition auch jemand sein kann, der keinen bio-deutschen Namen und ein entsprechendes Antlitz mehr trägt, und dies als völlig normal angesehen wird. Wenn nicht nur Fußballer, Moderatoren, Models, Schauspieler und Musiker, sondern auch Minister, Vorstände, Professoren, Klinikchefs oder Intendanten nicht mehr weiß sind und ungewöhnliche Namen tragen. Wie in den USA oder Kanada. Dies kann in ein bis zwei Generationen schon Realität sein und es würde mich sehr glücklich machen.

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Making Heimat. Germany, Arrival Country. Deutscher Pavillon, 15. Internationale Architekturausstellung – La Biennale di Venezia 2016 Foto: © Kirsten Bucher

Der im Deutschen Pavillon realisierte Beitrag „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ wird von Sto als Sponsor unterstützt.


 

 

 

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