Dan Stubbergaard: Kontext zählt

8. Dez 2017, in Interviews

Dan Stubbergaard (COBE). Courtesy of COBE. Foto © Rasmus Hjortshøj – COAST

 

Dan Stubbergaard ist der Leiter von COBE, einem internationalen Architekturbüro mit Sitz in Kopenhagen.  Wichtig bei COBE ist der enge Zusammenhang von Architektur und Stadt. Dan Stubbergaard fasst sie zusammen unter dem Begriff “Urban living room”. Die Skala seiner Architekturauffassung umfasst Projekte wie Kids‘ City Christianshavn – einem Kindergarten in Stadtformat mit eigenem Rathaus und eigener Fabrik – bis hin zu einer komplett neuen Gebäudeinsel, das monolithische Kronløb Island im Hafen von Kopenhagen.

 

Ein städtischer Wohnraum für alle

Der Umgang mit städtischen Themen ist wichtig bei COBE und “Urban living room” scheint Ihr Lieblingsausdruck zu sein. Für mich klingt das nach einer Art von Lebensstil … Was bedeutet dieser Begriff für Sie?

Dan Stubbergaard: Wenn wir als Architekten Städte, Städtebau und Architektur entwickeln, ist es am wichtigsten, die Bedingungen für das tägliche Leben der Menschen zu bestimmen. Heute wird das Leben immer mehr urbanisiert – es wird eher öffentlich als privat. Und diese neue städtische Kultur legt eine Tagesordnung für unser tägliches Leben fest. Sie stellt neue Anforderungen an den Entwurf und die Gestaltung unserer Städte. Es geht darum, jeden öffentlichen Raum, jedes Gebäude, jede Straße und jede Ecke der Stadt als eine Erweiterung unserer eigenen Häuser zu behandeln. Am Ende liegt der Zweck einer Stadt ja darin, als ein städtischer Wohnraum für alle zu dienen.

Kids‘ City Christianshavn in Copenhagen / Denmark, 2016. Courtesy of COBE and NORD Architects Copenhagen

 

Kids‘ City

Ihre städtischen Interessen zeigen sich auch in Ihren Kindergärten. Kids‘ City Christianshavn hat zum Beispiel fast etwas Märchenhaftes an sich. Sie ist so etwas wie eine Welt für sich – mit einem eigenen Rathaus oder sogar Beach Hotel etc. Sie nennen sie auch eine „große Maschine für Kinder„. Normalerweise bekommen Kindergärten wegen der kleinen Kindergruppen auch nur kleine Grundstücke ab. Hier wurde aber auf einem sehr großen Grundstück für 700-800 Kinder gebaut …

Dan Stubbergaard: Die Zahl der Kinder hat sich in Kopenhagen in den letzten Jahrzehnten erhöht. Und sie wird in Zukunft allmählich weiter zunehmen, so dass wir die Einrichtungen für die Kinder vergrößern müssen. Dabei war es uns sehr wichtig, typische Kinderbetreuungsfabriken zu vermeiden. Und genauso wichtig war es zu bedenken, dass die Kinder tatsächlich fünf Tage pro Woche, mehr als die Hälfte ihrer Wachzeit, in Kindergärten verbringen. So haben wir anstatt die Größe und Gleichförmigkeit zu erhöhen, die Maßstabsreduzierung und die Vielfalt zu unserem entscheidenden Instrument gemacht. Für ein gutes Umfeld , in dem die Kinder spielen und ihre Zeit verbringen können.

Kids‘ City Christianshavn in Copenhagen / Denmark, 2016. Courtesy of COBE and NORD Architects Copenhagen

 

Kontext zählt

Christianshavn ist auch bekannt für seine autonome Gemeinschaft. War das ein Extra-Einfluss für dieses Projekt? Können wir Kids’ City als eine Art Manifest ansehen, wie Kindergärten in der Zukunft gebaut werden könnten und auch für Ihre eigene Einstellung gegenüber Kindern und ihre Position in der Gesellschaft?

Dan Stubbergaard: Kontext zählt – in all unseren Projekten. Und, ja, so waren wir bei der Gestaltung der Kinderstadt auch von der Umgebung Christianshavn inspiriert. Christianshavn hat viel Charakter und Persönlichkeit. So auch die benachbarte, autonome Gemeinschaft Christiania mit ihrer selbstgewachsenen, verspielten und bunten Architektur, die wir auch stark in die verschiedenen Gestaltungselemente von Kids‘ City einbringen wollten.

Kids‘ City Christianshavn in Copenhagen / Denmark, 2016. Courtesy of COBE

 

Eine Stadt für Kinder

Kids‘ City ähnelt einem Spielfeld für Fassaden. Was können Sie uns zu diesem Fassaden-Material-Mix sagen?

Dan Stubbergaard: Wie der Name schon darauf hinweist, handelt es sich hier um eine Stadt für Kinder, und jedes Gebäude in dieser kleinen Stadt repräsentiert verschiedene Stadtfunktionen aus der realen Welt wie Feuerwache, Rathaus, Stadttor, Restaurant, Fabrik, Wohnraum usw. Alle in verschiedenen und speziellen Materialien und Formen, die Bereiche mit unterschiedlichem Charakter, verschiedenen Atmosphären und Vielfältigkeit anbieten. All diese Gebäude und Räume variieren sowohl in Umfang und Inhalt, so dass sowohl kleine, sichere und intime Räume sowie große und anspruchsvolle Bereiche entstehen.

Forfatterhuset Kindergarten in Copenhagen / Denmark, 2014. Courtesy of COBE. Foto © Rasmus Hjortshøj – COAST

Forfatterhuset Kindergarten in Copenhagen / Denmark, 2014. Courtesy of COBE. Foto © Rasmus Hjortshøj – COAST

 

Wie Topfpflanzen auf der Terrasse

Forfatterhuset Kindergarten ist in gewisser Weise das komplette Gegenteil von Kids ‚City Christianshavn. Durch die Verwendung der gleichen Fassadenelemente für alles – selbst für den Zaun – sieht es so aus, als wäre er aus einem Stück gemacht (wegen des Gitterthemas kommt hier übrigens auch die Assoziation mit einem anderen skandinavischen Kindergartenprojekt auf und zwar der Tellus Nursery School von Tham & Videgård. Bei Ihrem Projekt ist es offensichtlich, dass das Material von den nahe gelegenen Backsteingebäuden inspiriert ist … Warum diese vereinheitlichte „Wickel-Methode“?

Dan Stubbergaard: Das wichtigste Design-Element für Forfatterhuset Kindergarten bestand eigentlich darin, dass wir mit diesem Kindergarten ein kleines Dorf für Kinder schaffen wollten – wie schon bei Kids’ City Christianshavn. Und in diesem Fall ist es so, dass sich dieses Dorf wie „Topfpflanzen“ auf einer Terrasse verstreuen, mal mit kleineren und intimeren Gartenzonen, mal mit lebhaften Spielbereichen, Dachterrassen oder ruhigen Nischen.

Forfatterhuset Kindergarten in Copenhagen / Denmark, 2014. Courtesy of COBE. Foto © Rasmus Hjortshøj – COAST

 

Genau dieser Bereich von Kopenhagen ist bekannt als The Red City, was bezogen ist auf die roten Ziegel, die in der gesamten Bebauung vorkommt. Die Fassade des neuen Kindergartens sollte diese historische Umgebung respektieren. Aber statt die traditionellen horizontalen Ziegelsteine ​​der Gegend direkt zu übernehmen, haben wir eine neue Fassade mit schlanken, senkrechten Ziegelsteinen entworfen. Die Fassade setzt sich von einer Einheit der Einrichtung zur nächsten fort, so dass alles in einem einfachen und vereinheitlichenden Band eingewickelt ist.

Ragnarock in Roskilde / Denmark, 2016. Courtesy of COBE. Foto © Rasmus Hjortshøj – COAST

 

Ragnarock – Museum mit Stachelfassade

Im Gegensatz zu Forfatterhuset scheint sich das Museum Ragnarock nicht sehr viel über seinen Kontext zu kümmern. Sein Oberflächenmaterial, das übrigens sehr an Ihr Taastrup Theater erinnert, und seine Farben – sowohl außen als auch innen – haben eine sehr dominante Ausstrahlung …

Dan Stubbergaard: Ich würde nicht gerade sagen, dass Ragnarock sich nicht um seinen Kontext kümmern würde – aber sicher ist, der Kontrast war definitiv ein Schlüsselwort bei der Gestaltung dieses Projekts.

Der Standort ist ein postindustrielles Gebiet mit Beton-Fabrikhallen als Nachbarn, die heute für urbane kreative Experimente genutzt werden. Diese goldfarbene, glänzende Fassade des Museums aus 2.000 Aluminiumbolzen, die wie Stacheln wirken, schafft einen interessanten Kontrast zu den erhaltenen Fabrikhallen – neu und alt, rau und glänzend – genau wie Rockmusik.

Ragnarock in Roskilde / Denmark, 2016. Courtesy of COBE. Foto © Rasmus Hjortshøj – COAST

 

MVRDV – ein Paradigmenwechsel

Ragnarock wurde in Zusammenarbeit mit MVRDV  entwickelt. Das erinnert mich an Ihr Praktikum in Holland. Wie hat Sie diese Erfahrung beeinflusst?

Dan Stubbergaard: Ich hatte während meines Studiums ein Jahr bei MVRDV verbracht und das führte zu einem wirklich deutlichen Paradigmenwechsel in meinem Architekturverständnis. Zum Beispiel mussten wir die Architektur auf eine völlig neue Art und Weise vermitteln. Nicht nur in Bezug auf die Kommunikation und Präsentation von architektonischen Visionen und Projekten oder dass man versuchte, ein viel breiteres Publikum für die Architektur zu interessieren, sondern auch in Bezug auf die Gestaltung von Projekten. Das heißt, in Bezug auf den Prozess sowie auf das Ergebnis.

Ragnarock in Roskilde / Denmark, 2016. Courtesy of COBE. Foto © Rasmus Hjortshøj – COAST

 

Wie sieht es mit Projekten in Deutschland aus?

Dan Stubbergaard: COBE besteht aus zwei getrennten Firmen – eine ist in Berlin unter der Leitung von Vanessa Miriam Carlow. Und die andere, die ich leite, befindet sich in Kopenhagen. Unsere beiden Büros haben sich in der Vergangenheit eine ganze Reihe von Projekten geteilt. Aber nun entwickelt jeder für sich die Projekte. COBE in Kopenhagen bearbeitet derzeit Projekte in Skandinavien und Nordeuropa – aber auch in Deutschland. Zum Beispiel das neue Konferenzzentrum Adidas HalfTime im Adidas HQ Campus in Süddeutschland, das derzeit im Bau ist, und seit  Kurzem entwickeln wir das Hafengebiet in Köln, genannt Deutzer Hafen.

Adidas HalfTime in Herzogenaurach / Germany. Courtesy of COBE

Deutzer Hafen in Köln / Germany. Courtesy of COBE and Beauty and the Bit

 

Neuerfindung dessen was schon da ist

Verspieltheit ist eine typische Eigenschaft Ihrer Architektur, aber nicht unbedingt in einer aufdringlichen Weise – in dieser Hinsicht ist „Krøyers Plads“ wahrscheinlich eines Ihrer rationalsten Entwürfe. Wie wichtig ist Ihnen diese verspielte Qualität?

Dan Stubbergaard: Bei der Entwicklung von Architektur ist die Verspieltheit immer ein großartiger Weg, um Kreativität zu steigern. Allerdings ist es so, dass wir bei COBE die Kreativität nur deshalb forcieren, um ein Problem zu lösen. Und zwar sowohl für die Menschen als auch für den Kontext.

Krøyers Plads in Copenhagen / Denmark, 2016. Courtesy of COBE. Foto © Rasmus Hjortshøj – COAST

Krøyers Plads in Copenhagen / Denmark, 2016. Courtesy of COBE. Foto © Rasmus Hjortshøj – COAST

 

Bei „Krøyers Plads“ zum Beispiel lag der hauptsächliche Entwurfsansatz darin, diese Umgebung des sehr historischen Christianshavn Gebietes in Kopenhagen zu umfangen. Die Kopenhagener Hafenfront ist durch eine Reihe von alten historischen Industriehallen definiert. Aber wie sollte man die industriellen Lagerhäuser des Hafens als zeitgenössische Wohnarchitektur neu erfinden und gleichzeitig einen Zusammenhang zwischen Alt und Neu sicherstellen? Anstatt eine neue Typologie zu erfinden, wurde Krøyers Plads dann zu einer Neuerfindung eines Typs, der schon da war – ein Lagergebäude.

Kronløb Island in Nordhavnen, Copenhagen / Denmark. Courtesy of COBE and Vilhelm Lauritzen Architects

Kronløb Island in Nordhavnen, Copenhagen / Denmark. Courtesy of COBE and Vilhelm Lauritzen Architects

 

Eine neue Insel für Dänemark bauen

Bei Ihrer „Kronløb-Insel“ integriert die Idee des urbanen Raumes auch die Natur. Was ist das Besondere an dieser außergewöhnlichen künstlichen Insel? Material, zusammen mit der Strukturierung von Oberflächen, scheint einer seiner wichtigen Aspekte zu sein …

Dan Stubbergaard: Da die Insel Kronløb eine völlig neue Insel in Dänemark sein wird, ist es wichtig, einige natürliche Elemente in das Projekt mit einzubeziehen – in dieser Hinsicht haben wir uns inspirieren lassen von einem geologischen Phänomen, dem sogenannten Abrieb, der die dänischen Küsten seit Jahrtausenden geprägt hat (Abrasionen gibt es an Meeresküsten und den Ufern von größeren Seen, wodurch z.B. typische Abrasionsformen wie Kliffküsten entstehen; Anm. d. A.). Das Projekt Kronløb Island befindet sich derzeit in seiner Detaillierungsphase und wird voraussichtlich Anfang der 2020er Jahre abgeschlossen sein.

Tingbjerg Library in Tingbjerg, Copenhagen / Denmark. Courtesy of COBE

 

Offene Fassade für ein Kriminalgebiet

Unsere kleine Projektübersicht schließt mit Ihrem laufenden Projekt ‚Tingbjerg Culture House‘. Dieses Gebäude ist wie ein gebautes Paradoxon, es scheint aus nichts anderem als einer Fassade zu bestehen. Was steckt hinter den ungewöhnlichen Proportionen dieses Gebäudes? Und was hinter dieser radikalen fast konfrontativen Fassade, die aber gleichzeitig für totale Offenheit zu stehen scheint?

Dan Stubbergaard: Tingbjerg Library ist eine Erweiterung für eine bestehende Schule. Tingbjerg (eine große Wohnaussiedlung im Bezirk Kopenhagen; Anm. d. A.) steht auf der offiziellen Liste der marginalisierten Kriminalgebiete der dänischen Regierung und wird als Ghetto wahrgenommen. Und das macht es noch wichtiger, dieses neue Bibliotheks – und Kulturhaus bis in die Nachbarschaft zu öffnen.

Die Idee des Projektes war es also, ein Gebäude zu schaffen, das – wie ein Bildschirm – die eigenen Aktivitäten in seine Umgebung ausstrahlt. So haben wir eine offene Fassade mit Blick auf die Straße entworfen, damit wird der Alltag und die Aktivität vom Innern sichtbar – wie bei einem Display.

 

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Özlem Özdemir

 

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