„Wir glauben stark an den Nachhaltigkeitsfaktor der Schönheit“

13. Nov 2014, in Interviews, Vortrag

Der jüngste, aufsehenerregende Coup von Cukrowicz Nachbaur ist der Weiter- und teilweise Neubau des vorarlberg museums in Bregenz. Inbesondere die Fassadengestaltung mit den markanten Gussfiguren macht das Gebäude zu einem Unikat. Im Interview erzählt Andreas Cukrowicz, was die Besonderheit dieses Auftrags war und worin die Besonderheit der Fassadensprache beim vorarlberg museum liegt.

© Foto Andreas Cukrowicz

Andreas Cukrowicz vom Bregenzer Architekturbüro Cukrowicz Nachbaur © Foto Andreas Cukrowicz

 

Sie zählen zu den Hauptexponenten der jüngeren Vorarlberger Architektengeneration dank Ihrer Arbeiten am Museum Vorarlberg oder dem Stadtbad Dornbirn. Was bedeutet für Sie und Ihre Architektur der Standort Vorarlberg und warum haben Sie sich gegen Ihren Studienort Wien als Büro-Standort entschieden?

Andreas Cukrowicz: In unserer Region haben wir sehr gute Arbeitsbedingungen. Wir treffen auf offene Menschen, die bereit sind, neue Wege in die Zukunft zu gehen, ohne die Vergangenheit zu leugnen. Wir schließen an eine reiche Tradition des einfachen Bauens an und können durch diese Einfachheit in Verbindung mit einem ökonomischen und ökologischen Bewusstsein zukunftsfähige Strukturen entwickeln, die unserem Denken und Fühlen entsprechen. Aufgrund der Überschaubarkeit der Region können wir hochqualitative, interdisziplinäre Netzwerke leben, die sich gegenseitig persönlich fordern und befruchten.

 

Ihre frühen Wettbewerbserfolge fußten unter anderem auf dem Rezept, Dinge in Frage zu stellen und neue Sichtweisen zu entwerfen, selbst wenn diese in der Ausschreibung nicht zwingend erwünscht waren. Mit welchen Ansprüchen begegnen Cukrowicz Nachbaur einem neuen Projekt heute, knapp 20 Jahre nach der Gründung von Cukrowicz Nachbaur?

Andreas Cukrowicz: Wir analysieren bei jeder Aufgabe Ort, Inhalte und Bedürfnisse. Wir hören zu und versuchen auch das Ungesagte oder Ungeschriebene zu verstehen. Manchmal entstehen dadurch unerwartete Lösungen, auf jeden Fall erfolgt immer der Versuch, neben den Erwartungen zusätzlichen Mehrwert zu generieren.

 

Welche Rolle spielt der Ort, für den Sie ein Gebäude planen?

Andreas Cukrowicz: Jeder Ort ist einzigartig, jeder Ort hat sein Eigenleben und seine individuelle Geschichte. Kein Ort ist gleich wie der andere. Aus ihm heraus entwickeln wir Passstücke durch Form und Material.

 

KAVN 01©FotoAndreasCukrowicz

Kapelle Alpe Vordere Niedere in Andelsbuch im Bregenzerwald © Foto Andreas Cukrowicz

 

Beim Vorarlberg Museum wollten sie ursprünglich den späthistorischen Bau durch einen einheitlichen Neubau ersetzen. Die Proportionen des Altbaus brachten Sie vor Ort dann von dem Plan ab. Wie muss man sich solche kurzfristigen Umdisponierungen vorstellen?

Andreas Cukrowicz: Es war die Vorgabe des Denkmalamtes, die einen Abbruch des historischen Bestandsbaus untersagte. Das Gebäudekonzept für das Museum basiert auf dem Prinzip des Weiterbauens. Aus der Substanz heraus haben wir die Themen für sämtliche Neubauteile entwickelt, beginnend mit der Grundriss-Struktur, über die Fassadensprache bis zu den Materialien – alles ist daraus abgeleitet und in eine neue Sprache übersetzt. Alt und neu wurden nicht auf Kontrast gesetzt, sondern symbiotisch als neues großes Ganzes gesehen.

 

© Foto HP Schiess

vorarlberg museum © HP Schiess

vorarlberg museum © HP Schiess

vorarlberg museum © HP Schiess

vorarlberg museum © HP Schiess

vorarlberg museum © HP Schiess

© Foto HP Schiess

vorarlberg museum © HP Schiess

 

Nachhaltiges Bauen zählt heute zum guten Ton. Gebäude verbrauchen einen enorm großen Teil der eingesetzten Rohstoffe und Energie. Wie setzen Sie das Thema Energieeffizienz in Ihrer Architektur um und wie definieren Sie für sich das Thema Nachhaltigkeit am Bau?

Andreas Cukrowicz: Zu Beginn hinterfragen wir die gestellte Aufgabe und prüfen den Sinn und die Zukunftsfähigkeit eines Gebäudes. Wir verwenden meistens die natürlichen Materialien der Umgebung und der Region, legen hohen Wert auf deren Qualität und Verarbeitung und versuchen, Gebäude zu entwickeln, die eine Identität aus ihrer Persönlichkeit heraus stiften. Kostenbewusst, energiebewusst und ressourcenbewusst. Wir glauben stark an den Nachhaltigkeitsfaktor der Schönheit.

 

Feuerwehrhaus Goetzis © Foto Adolf Bereuter

Feuerwehrhaus Goetzis © Foto Adolf Bereuter

Feuerwehrhaus Goetzis © Foto Adolf Bereuter

Feuerwehrhaus Goetzis © Foto Adolf Bereuter

Volksschule Doren © Foto HP Schiess

Volksschule Doren © Foto HP Schiess

 

Sie sind an einem möglichst breiten Spektrum an Bauaufgaben interessiert. Welches der zahlreichen Cukrowicz Nachbaur Projekte war für Sie bislang am spannendsten und warum?

Andreas Cukrowicz: Wir möchten möglichst viele verschiedene Themen bearbeiten. Jede Aufgabe ist für uns spannend, da sie neu erschlossen werden muss. In einer Art Naivität sind wir offen für neue Entdeckungen, können neue Wege aufzeigen und Entwicklungen möglich machen. Spezialisierungen auf ein bestimmtes Gebiet wären zwar wirtschaftlich interessant, unterbinden aber unsere Neugier, die wir für unsere Kreativität unbedingt benötigen. Eines der spannendsten Projekte und gleichzeitig eine der schwierigsten Aufgaben war für uns die Landesgedächtniskapelle in Rankweil, da hier eine unglaublich emotionale Komponente thematisiert wurde.

 

Im Sommer ist das Buch „Cukrowicz Nachbaur Architekten: 1992-2014“ erschienen, in dem anhand zahlreicher Projekte Ihre Arbeitsweise vorgestellt wird. Wie kam es zu dieser Veröffentlichung?

Andreas Cukrowicz: Vor etwa drei Jahren haben wir uns darüber unterhalten, ob wir anlässlich unserer zwanzigjährigen Partnerschaft ein kleines Fest veranstalten wollen. Stattdessen haben wir beschlossen, uns selbst ein Geschenk zu machen und uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, mit einem Buch über diese Zeit, mit einem Dokument, das diese Zeit beschreibt. Zu den vielen Fragestellungen, was Landschaft und das Bauen darin, was ein Haus, Architektur und Baukultur bedeuten, kam eine neue Frage dazu: Wie soll ein Buch für uns und über uns aussehen? Es sollte nichts Konstruiertes, Konzeptionelles, nichts Angestrengtes oder Verkopftes sein. Es sollte ein Buch frei von Allüren sein, ein einfaches und selbstverständliches Buch, das den Alltag sichtbar macht, etwas für den zweiten Blick.

Im Laufe des Prozesses haben wir immer wieder bemerkt, dass es sehr viel mit unserer persönlichen Haltung zu tun hat, mit Klarheit und Struktur, mit Material und Handwerk. In den letzten 22 Jahren haben wir über 300 Projekte unterschiedlichen Maßstabs entworfen, an 146 Wettbewerben teilgenommen, 44 davon gewonnen. 85 der 300 Projekte wurden realisiert oder befinden sich in der Realisierung. Ein detailliertes Werkverzeichnis im Buch als Dokumentation beleuchtet eine Auswahl von etwa hundert Projekten. Daraus haben wir wiederum acht Projekte ausgewählt, die ein breites Spektrum unterschiedlicher Landschaftssituationen, unterschiedlicher Inhalte, unterschiedlicher Materialität und unterschiedlicher Projektgröße beleuchten. Diese acht Projekte bieten einen Überblick über unsere Haltung, unsere Denkweise, unsere Sprache und unseren Ausdruck. Sie sind aus ihrer Geschichte heraus mit unseren eigenen Texten erklärt, die die Entwicklungen der Projekte erläutern und Überlegungen in den jeweiligen Prozessen beschreiben. Teilweise sind es persönliche Geschichten mit freudvollen, aber auch mit Zweifeln behafteten Situationen.

Die Auswahl der Autoren zeigt, dass es sich nicht um ein klassisches Architekturbuch handelt. Vielmehr haben wir durch unsere Mitautorenschaft, der Einbindung von zwei klassischen Schriftstellern und von drei Künstlern versucht, eine andere Ebene einzuflechten, die den Zugang zu gebauten Beispielen vor allem in der Region Vorarlberg auf mehreren Ebenen zugänglich und verständlich macht.

 

Zur Website von Cukrowicz Nachbaur Architekten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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