An Glas geht die Zeit vorbei

25. Feb 2016, in Fassadendesign, Interviews

Die Architektur von Carme Pinós ist skulptural und poetisch. Seit ihrer Kindheit bewundert sie Antoni Gaudí, ähnlich wie bei seinen Werken überschreiten auch die von ihr entworfenen Konstruktionssysteme die rein funktionale Ebene. Erst Konstruktion, dann Fassade ist eines von Carme Pinós‘ architektonischen Spielregeln. Aber auch das Thema Fassade und Oberfläche liegt ihr am Herzen. Ein subtiler Einsatz von Materialien, Struktur, Farben und – neuerdings seit ihrem Caixa Projekt in Zaragoza – auch Lichteffekten verleihen ihren Gebäuden einen besonders lebendigen Ausdruck.

 

„Caixa Forum“ ist Ihre erste Arbeit für die Caixa (Spar- und Pensionskasse von Barcelona, Anm. d. A.) und vielleicht auch Ihre erste Fassade mit einer glatten Oberfläche. Sie besteht aus perforierten Aluminium Platten mit einem dahinterliegenden Lichtsystem, das die Fassade in der Nacht erstrahlen lässt.

Carme Pinós: Das liegt an dieser Bank „Caixa“, eine Institution, die bekannt ist für ihre sozialen Aktivitäten, Ausstellungen usw. … Ich wollte, dass das Gebäude von weither zu erkennen ist, wie eine Lampe, die verkündet: Hier passiert etwas! Meine Absicht war, der Stadt etwas Fröhliches zu bieten, etwas was die Menschen anlockt. Und so hatte ich von Anfang an etwas im Sinn, dass in der Nacht funkelt und leuchtet. Zudem war es ja ein Entwurf für einen Wettbewerb und die Caixa ist eine katalanische Bank, die Kultur für alle anbietet. Deshalb wollten wir, dass das Projekt dieses Anliegen auch überzeugend zum Ausdruck bringt. Es sollte eine Atmosphäre für kulturelle Veranstaltungen und Festivitäten ausstrahlen.

 

Und die blaue Farbe? Hat sie etwas mit dem Emblem der Caixa zu tun, diesem blauen Stern?

Carme Pinós: Nicht wirklich. Das war Zufall. Für den Wettbewerb hatten wir eine Menge von Farben ausprobiert und dann wählten wir blau.

 

Gab es auch Tests für diese Lichteffekte?

Carme Pinós: Ja, während der Bauarbeiten. Für den Wettbewerb präsentierten wir Renderings, aber nachher haben wir Prototypen im Maßstab 1:1 gemacht. Die Sache mit dem Licht ist eigentlich ganz simpel. Hinter den perforierten Aluminiumplatten mit den Mustern gibt es eine Schicht aus Polycarbonat. Dieses Material nimmt das Licht der Leuchtdioden auf und verteilt es gleichmäßig über die gesamte Oberfläche. So einfach ist das.

Caixa Forum, Zaragoza / Spanien. Courtesy of Simon Garcia | arqfoto.com. Photo © Simon Garcia

Caixa Forum, Zaragoza / Spanien. Courtesy of Simon Garcia | arqfoto.com. Photo © Simon Garcia

Caixa Forum, Zaragoza / Spanien. Courtesy of Simon Garcia | arqfoto.com. Photos © Simon Garcia

 

Dieses strahlende Blau bei Caixa Forum ist bisher eher eine Ausnahme in all Ihren Projekten. Sie bevorzugen weiß, grau, also  Beton und andere natürliche Farben wie die von Stein und Holz. Das sind Ihre typischen Kombinationen.

Carme Pinós: Das ist so, weil ich die Farben von authentischen Materialien verwende. Das Grau kommt vom Beton, die dunkleren Töne vom Stahl beziehungsweise Eisen. Das Weiß ist angelehnt an die traditionelle Volksarchitektur, die gerne Kalk verwendet hat. All diese Farben sind also Materialfarben. Mit denen lässt es sich leichter kombinieren, weil sie eben natürlich sind. Und wenn ich Rot benutze, nehme ich meistens den Ton „Eisenoxid“. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber ich bevorzuge tatsächlich die Farben der Natur. Zurzeit arbeite ich zum Beispiel an einem Haus, bei dem ich dem Beton Eisenoxid beigemischt habe, damit er rötlich wirkt. Und kennen Sie mein Boqueria Projekt? Auch dort haben wir wieder grau, Holz und die Torelemente aus Stahl sind in diesem Eisenoxidton gestrichen. Sie sehen also, so ist es viel einfacher mit den Farben. (lacht) Sie passen immer zusammen, es gibt nie Probleme.

 

Apropos La Boqueria, soweit ich weiß, wurden Sie darum gebeten eine Rückfassade zu entwickeln, aber Sie haben das abgelehnt …

Carme Pinós: Woher wissen Sie das?! (lacht)

 

Vom vielen Recherchieren. (lacht) Aber ich würde gerne den Grund Ihrer Ablehnung erfahren. Und noch etwas anderes: Da ich erst neulich vor Ort war…man kann erkennen, dass Sie mit der Form des vorhandenen Daches gespielt und es „en miniature“ vor den Rückteil des Marktes gesetzt haben. Diese Lösung ist fast wie eine Fassade, ohne eine Fassade zu sein.

Carme Pinós: Genau. Man wollte eine Fassade von mir. Aber ich sagte, La Boqueria ist kein Gebäude, sondern ein Dach, das einen Platz in einen temporären Markt verwandelt. Natürlich wurde sie die berühmte Boqueria, der bedeutendste Markt Barcelonas. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sie niemals ein Gebäude war. Barcelona hat eine große Markttradition. Es gibt auch einige wunderschöne Beispiele aus der Zeit des Modernismo, wie zum Beispiel Mercat del Born. Dieser ähnelt Les Halles in Paris sehr und so hat hier jeder Stadtteil seinen eigenen Markt. Aber La Boqueria war nie etwas anderes als ein Dach. Und deshalb habe ich mich geweigert, eine Rückfassade zu machen. Ansonsten hätte ich sie ja in ein Gebäude verwandelt, was sie niemals war. Die Hauptprobleme eines Marktes sind Regen, Wind und Sonne. Und die sinnvollste Maßnahme dagegen ist nun mal ein Dach. So haben wir jetzt das bereits existierende große Dach und, um den hinteren Bereich des Marktes zu schützen, ein hinzugefügtes kleineres. Auf diese Weise habe ich La Boqueria gleichzeitig in einen menschlicheren Maßstab gebracht, zumindest auf der Rückseite.

La Boqueria an der Plaça de la Gardunya, Barcelona / Spanien. Courtesy of Estudio Carme Pinós. Photo © Josep Losada

La Boqueria an der Plaça de la Gardunya, Barcelona / Spanien. Courtesy of Estudio Carme Pinós. Photo © Josep Losada

 

Dieses Dach ist ja nur ein Teil Ihres Projekts „Gardunya Square“, das direkt hinter der Boqueria liegt …

Carme Pinós: Ja, wir haben jetzt gerade mit der Massana School of Arts angefangen und am Jahresende beginnt dort auch ein Wohnprojekt von uns.

 

 An den Renderings der Massana School of Arts kann man wieder Ihre typische Verwendung von Farben und Materialien beobachten.

Carme Pinós: Ja, hier bekommt die Fassade ihre Farbe durch Elemente aus Keramik …

 

 Keramik? Ich dachte das wäre Holz?

Carme Pinós: Nein, Keramik!

 

Aber ist das nicht eine Brise-Soleil?

Carme Pinós: Eine Brise-Soleil aus Keramik. Ein ehemaliger Professor der Massana School of Arts kümmert sich darum. Die Keramikelemente der gesamten Fassade werden teils per Hand und teils industriell in einer kleinen Fabrik hergestellt.

La Massana School of Arts an der Plaça de la Gardunya, Barcelona / Spanien. Courtesy of Estudio Carme Pinós

La Massana School of Arts an der Plaça de la Gardunya, Barcelona / Spanien. Courtesy of Estudio Carme Pinós

 

Sind diese Fassadenelemente eigentlich beweglich?

Carme Pinós: Nein, das Lamellensystem wird unbeweglich sein. Aber ich kann Ihnen etwas über die Farbe der Keramikelemente verraten. Wie Sie sehen, habe ich versucht, sie aussehen zu lassen als wären sie aus Terrakotta. Also wieder der Fall „colour follows material“. Außerdem habe ich die Farben der umgebenden Fassaden genau studiert, um den geeignetsten Ton zu finden. Aber der endgültige Ton wird sich erst während der Bauarbeiten ergeben, dann werde ich viele Farbproben machen, um zu sehen wie sie bei unterschiedlichem Sonneneinfall wirken. Ich mache eigentlich recht verschiedene Arten von Fassaden, nicht? Diese Fassade zum Beispiel besteht aus Keramik. Ich benutze Holz und auch Aluminium. Ich habe nicht nur eine Art von Fassade und ich arbeite mit vielen Materialien.

 

Und vor allem scheinen Sie Materialien wirklich zu lieben.

Carme Pinós: Oh ja…das einzige womit ich nicht so gerne arbeite ist Glas! Glas ist immer so kühl. Ich mag Materialien, die der Zeit erlauben, ihre Spuren zu hinterlassen. Das ist die typischste Eigenschaft von Zeit. Aber bei Glas funktioniert das nicht. An Glas geht die Zeit vorbei, sie gleitet an ihr entlang, als wäre nichts geschehen …

 

1.Teil

Das Interview entstand am 19.6.2015 im Estudio Carme Pinós, Barcelona.

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Özlem Özdemir

 Zur Homepage von Carme Pinós

Siehe auch Gastbeitrag von Carme Pinós

Kopfgrafik: Caixa Forum, Zaragoza / Spanien. Courtesy of Simon Garcia | arqfoto.com. Photo © Simon Garcia

 

 

 

 

 

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