Campo Baeza – Die Geschichte der Architektur ist die Geschichte der Fassaden

10. Mrz 2017, in Interviews

Alberto Campo Baeza. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza

Alberto Campo Baeza. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza

 

„Ich war so etwas wie der ‚Künstler‘ der Familie“, sagt der spanische Architekt Campo Baeza in einem InterviewIn seiner Kindheit organisierte er gerne Puppentheater. Auch heute noch gibt er sich zuweilen fast schalkhaft, wenn er sich zusammen mit seinen Werken präsentiert. Seine Architektur ist aber alles andere als verspielt. Die meist scharfkantige Präzision  stammt von seinem Vater, der Chirurg war. Campo Baezas Bauten sind zurückhaltend und doch mächtig, wenn nicht sogar erhaben. Das Raumgefühl in seinen Bauwerken, wie etwa bei der Caja General in Granada, wird als kraftvoll und emotional erlebt. Was Campo Baeza aber am meisten am Herzen liegt ist die Poesie, die er an Stelle von Wörtern, mit Materialien, Räumen und Licht zu erzeugen versucht.

 

Das Poetische und Essentielle

 „Minimalismus? Nein danke“ ist eine Aussage von Ihnen, die viele Leute erstaunen mag, spätestens seit Ihrem Gaspar House in Cádiz von 1992. Besonders verblüffend ist diese Erklärung für diejenigen, die wissen, dass Sie in einer 20m2 Wohnung leben …

 

Campo Baeza: Was ich versuche zu machen ist: Essentielle Architektur. Ich versuche genau die Anzahl von Elementen zu benutzen, die zur Realisierung meiner Ideen notwendig ist. Es gibt da ein kleines Buch, das ich schon oft zitiert habe – The Elements of Style von William Strunk und E.B. White, zwei amerikanischen Linguistik-Professoren. Auf Seite 23 sagen sie: „OMIT NEEDLESS WORDS“. Ich lasse gerne „unnötige Wörter“ weg, wie ein Poet.

 

Schönheit und Radikalität

Dazu passt natürlich, dass Ihr Projekt „De Blas“ (Madrid, 2000) ein Auftrag von einem Literaturprofessor war, der Ihnen sogar ein Gedichtband von Luis Cernuda gegeben hat. Dieses Haus besteht aus einer transparenten und einer massiven Box. Die eine ist aus purem Glas und die andere aus rohem Beton. Was war das Besondere an „De Blas“, auch in Hinblick auf Ihre folgenden Entwürfe?

Casa de Blas. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © HisaoSuzuki

Casa de Blas. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © HisaoSuzuki

 

Campo Baeza: Das „De Blas“ Haus war sehr wichtig für mich. Vielleicht könnten wir auch sagen, dass es hier darum ging, radikaler zu sein. Architektur ist nicht nett, weich und schwach. Architektur ist radikal, hart und stark. So wie es auch die Schönheit ist. Und wir Architekten, suchen genau danach, nach Schönheit. „Relentlessly Seeking Beauty“ –  Unermüdliche Suche nach Schönheit, das ist auch der Titel meiner Rede an der Real Academia de Bellas Artes de San Fernando.

 

Ein „Licht-Stück“

Im Moment haben Sie es ja wieder mit einer großen Glas-Box zu tun. Sie nennen es ein „Licht-Stück“. Diese multifunktionale Sporthalle der Universidad Francisco de Vitoria in Madrid hat eine Stahlkonstruktion kombiniert mit teils opakem und teils durchsichtigem Glas und hellem Beton. Was sind die besonderen Eigenschaften dieser Fassade, sowohl in ästhetischer als auch in technischer oder materialer Hinsicht?

Rendering Innenraum - Sports Pavilion of the Universidad Francisco de Vitoria. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza

Rendering Innenraum – Sports Pavilion of the Universidad Francisco de Vitoria. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza

 

Campo Baeza: Die Herausforderung bei diesem Projekt war es, die Lichtqualitäten und Proportionen hervorzuheben. Natürlich war es aber auch wichtig, dem geforderten Raumprogramm gerecht zu werden. Was wir auch geschafft haben. Und je mehr wir zum Abschluss kommen, desto zufriedener bin ich mit dem Ergebnis. Ich habe ein sehr gutes Gefühl bei diesem Projekt. Wir haben uns bemüht, die neueste Technologie anzuwenden und zwar bei jedem der angewendeten Materialien. Ich benutze ein neues System für meine opake weiße Fassade in GFK (Glasfaserverstärkter Kunststoff). Für den Innenraum benutze ich Ecophon, eine spezielle Akustikplatte, und weiße Keramikelemente in großen Dimensionen von Matimex.

Sports Pavilion of the Universidad Francisco de Vitoria mit Architekt Campo Baeza. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © Javier Callejas

Sports Pavilion of the Universidad Francisco de Vitoria mit Architekt Campo Baeza. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © Javier Callejas

 

 

Glaskonstruktion pur

Auch bei “Offices for Junta de Castilla y Léon” in Zamora (2012) spielt Glas eine große Rolle. Die Büroräume sind umgeben von einer einzigen Glashülle, die zweite Hülle besteht aus einer Steinmauer. Warum die Räume durch dieses Glas ganz und gar öffnen und dann mit einer fast total geschlossenen Steinwand konfrontieren? Und wie steht es mit der Gefahr von Überhitzung – ist diese Außenmauer tatsächlich genug, um gegen Sonneneinstrahlung zu schützen? Oder braucht man doch eine Klimaanlage?

 

Campo Baeza: Im Haus De Blas, mit dem Sockel und der Glas-Box, haben wir die Idee von Stereotomie und Tektonik nach Semper 1. Hier nun, in Zamora, bildet die starke Steinmauer eine Art von innerer Landschaft und schützt das Glashaus. Ganz ähnlich wie bei meinem Projekt Inca Mallorca (Centre BIT). Bei der Doppelfassade der Glas-Box haben wir den Fall einer Trombe-Wand, die eine erste thermische Schutzschicht bildet. Eine Klimaanlage blieb aber trotzdem notwendig.

Zamora Offices. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © Javier Callejas

Zamora Offices. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © Javier Callejas

 

 

Eine begehbare Fassade

Die erste Hülle dieses Bürogebäudes besteht aus zwei Glasscheiben, die einen so großen Abstand zueinander haben, dass man zwischen ihnen laufen kann. So gesehen handelt es sich hier fast eher um eine Glaswand als um eine Glasfassade. Interessant daran ist auch, dass man an ihr keinerlei Rahmenelemente – erst recht nicht von metallener Art – entdecken kann. Wie funktioniert das, auch statisch gesehen? 

 

Campo Baeza: Ich erinnere mich, als ich in New York den Arnold W. Brunner Memorial Prize erhalten hatte, fragte mich James Polshek – der Architekt, der so viele Glass Boxen gemacht hat -, wie ich bloß eine Glas-Box ohne Metallelemente machen konnte. Ich antwortete, dass ich lediglich Silikondichtstoff benutzt habe. Die Detaillösung ist sehr einfach und gut erklärt in meinen veröffentlichten Schnitten im großen Maßstab (als Abstandhalter und zugleich zur Aussteifung wurde quer zwischen den zwei Glasschichten ein weiteres Glaselement angebracht, s. Detailzeichnungen – ‚costilla contrafuerte vidrio laminado extraclaro‘, Anm. d. A.). Das Gebäude hat außerdem nur zwei Geschosse. Mit mehr Geschossen wäre es nicht machbar gewesen.
 

Zamora Offices. Die begehbare Glasfassade mit Architekt Campo Baeza (2. v. l. bzw. 1. v. r.). Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza.

Zamora Offices. Die begehbare Glasfassade mit Architekt Campo Baeza (2. v. l. bzw. 1. v. r.). Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza.

 

Zamora Offices. Schnitt mit Steinmauer und Glasfassade. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza

Zamora Offices. Schnitt mit Steinmauer und Glashülle. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza

 

Mit Luft bauen

Ein kleiner Abstecher: Carme Pinós hat mir einmal in einem Interview erzählt, dass sie ungern Glas verwenden würde, weil es ein Material wäre, an dem die Zeit keine Spuren hinterlässt. Was sagen Sie dazu?

 

Campo Baeza: Ich kann dem nicht zustimmen. Glas, Glasscheiben von großen Abmessungen, ist ein Geschenk für die Gegenwartsarchitektur. Mit diesem erstaunlichen Material lassen sich so viele Ideen verwirklichen. Endloser Raum, Transparenz, Kontinuität, Licht usw. Glas bietet viele Möglichkeiten. Mies van der Rohe wäre ohne Glas nicht möglich gewesen. Als ich Zamora baute habe ich behauptet: „Der alte Traum jedes Architekten ist es, mit Luft zu bauen.“ Und mit Glas können wir das!

 

Typologien statt individuelle Lösungen

Vorhin erwähnten Sie selbst Ihr Projekt „Centre BIT“ in Mallorca (1998) im Zusammenhang mit dem Bürogebäude in Zamora. Es gibt oftmals Wiedererkennungseffekte in Ihrem Werk. Schauen wir uns z.B. “Olnick Spanu” von 2008 in den USA oder auch “Casa Rufo” von 2009 im spanischen Toledo an, kann man schnell den Eindruck bekommen, die ganze Welt hätte gerne ihren eigenen “De Blas”.  Sie scheinen nicht davor zurückzuschrecken, sich selbst zu wiederholen …

 

Modellstudie - Olnick Spanu House. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza

Modellstudie – Olnick Spanu House. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza

 

Campo Baeza: Manchmal sage ich, dass ich versuche, eher Typologien zu bauen als individuelle Lösungen. Ich weiß, dass alle diese Häuser auf derselben Idee basieren, was aber nicht für „Centre BIT“ in Inca auf Mallorca gilt. Wenn ich ein Arzt wäre, würde ich nach einer Diagnose doch auch die bestmögliche Medizin verschreiben. Und manchmal hat man nun mal immer wieder das gleiche Problem zu behandeln.

 

Mauer, Wand und Fassade

Man kann leicht den Eindruck gewinnen, dass in Ihrer Arbeit “Wand” und “Fassade” eine besondere Beziehung zueinander haben. Oft ist der Ausdruck der „Wand“ so stark, dass die „Fassade“ in den Hintergrund tritt. Wie beschreiben Sie Ihre Haltung zu diesen Begriffen?

 

Campo Baeza: Das kommt darauf an. Ich weiß, dass in Projekten wie in Zamora oder Inca, Mallorca (Centre BIT) die Fassade die Wand ist. Aber in vielen anderen mache ich es andersrum. Auf Mallorca versuchte meine Mauer so zu sein wie die Stadtmauern aus Stein. In Zamora nutzte meine Mauer den gleichen Stein wie die gegenüberliegende Kathedrale, um so einen guten Dialog mit ihr herzustellen. Das waren zwei sehr spezifische Standorte …

 

Arbeiten mit Licht

In einer Ihrer Schriften sagen Sie: “Ich werde nie müde, es immer zu wiederholen: Für den Architekten ist das luxuriöseste und wertvollste Material das Licht.“ Es ist nicht zu übersehen, dieses „immaterielle Material“ steht ganz zentral in Ihrer Architektur. Entweder es gibt fast nichts Anderes als diese totalen „Glas-Wände“ oder die Gebäudekörper verwandeln sich in „Licht-Container“. Wie begann Ihre besondere Beziehung zum Licht?

 

Campo Baeza: Das ist eine einfache Frage. Wie Sie sich vorstellen können, ist es nicht so, dass ich am Anfang jedes Projekts an meinem Tisch sitze und darüber nachdenke, wie ich darin mit dem Licht umgehen sollte. Ich benutze nicht in jedem Raum dramatisches Licht. Das kommt darauf an. Nachdem ich die Bestandteile eines Projekts habe, wie Standort, Funktion, Bauvorschriften, Ausblicke, Topographie, Nachbarschaft usw., brauche ich erst einmal eine lange Zeit, wirklich lange. Und Licht? Das Licht weiß besser als ich wann sie in Erscheinung treten muss.

Modellstudie - Guarderia Benetton. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza

Modellstudie – Guarderia Benetton. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza

 

Modelle, Modelle, Modelle

Trotzdem möchte ich nachhaken: Wie kalkulieren Sie Lichteffekte?

Campo Baeza: Ich hätte gerne diese Licht-Tabellen, so wie sie Bernini hatte … wissen Sie, ich habe diese Geschichte von Gian Lorenzo Berninis Licht-Tabellen erfunden und man hat sie mir geglaubt. Aber leider besitze ich so etwas nicht. Bis heute untersuche ich das Licht mit Hilfe von Arbeitsmodellen. Modelle, Modelle und nochmals Modelle. Ich verlange von meinen Studenten viele Modelle und genauso tue ich es auch von mir.

 

Waren Sie jemals enttäuscht oder überrascht, wenn sich das Licht dann in der Realität anders verhielt als erwartet?

 

Campo Baeza: Für gewöhnlich weiß ich wie sich das Licht in meinen Gebäuden verhält. Ich muss gestehen, dass ich so gesehen noch nie eine Überraschung erlebt habe. Im Gegenteil, meine Erwartungen wurden vom Licht immer wieder übertroffen.

Caja Granada Savings Bank. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © Roland Halbe

Caja Granada Savings Bank. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © Roland Halbe

 

Die Liebe zum Stein

Neben Glas und Licht gehört auch Stein zu Ihren typischen Materialien. Für Fassaden bevorzugen Sie besonders Travertin, so wie bei “The House of the Infinite” in Cádiz (2015) oder Alabaster bei den riesigen Innenwänden der Caja General in Granada (2001). Woher kommt dieses Interesse an Stein?

 

Campo Baeza: Ich liebe Stein! Wie könnte auch ein Architekt Stein nicht lieben? Während einer langen Zeit in der Geschichte der Architektur war Stein das Material schlechthin. Ja, ich liebe Stein. Mies van der Rohe liebte Stein. Kein Architekt kann dieses Material auslassen …

House of the Infinite. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © Javier Callejas

House of the Infinite. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © Javier Callejas

 

Der Ausdruck von Unendlichkeit

Bei “The House of the Infinite” ist es die weitläufige Dachterrasse mit ihrer Komposition von Aushöhlungen und ihrem Verzicht auf ein Geländer, die die Idee der Endlosigkeit ausdrücken. Wie kam es zu der Wahl von Travertin? 

 

Campo Baeza: Ich hatte versucht, ein Haus aus Sand zu machen. Das ist der Grund dafür, dass ich mich bei den Fassaden dieses Hauses für die Steinsorte Travertino Oniciato entschieden habe. Um den Strandsand zu imitieren. Sogar der Garten ist mit Sand angelegt und nicht mit Gras.

House of the Infinite. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © Javier Callejas

House of the Infinite. Courtesy of Estudio Arquitectura Campo Baeza. Foto © Javier Callejas

 

Und wie bekamen Sie die Genehmigung, diese landschaftsartige Dachterrasse ohne Geländer auszuführen?

 

Campo Baeza: Wenn Sie sich spätere Aufnahmen von diesem Projekt anschauen, werden Sie entdecken, dass es nun doch Geländer gibt. Solche mit Handläufen. Wenigstens wurde der Edelstahl weiß übermalt, so dass es nicht mehr so sichtbar ist. Amtliche Verlautbarungen sind manchmal sehr ignorant, nicht kultiviert … die verstehen gar nichts.

 

Bernini und Heizer

Den Entwurf für die Dachterrasse erklären Sie mit dem Hinweis auf die alten römischen Fischfabriken der Umgebung, wo man damals Garum, eine Fischsauce der damaligen Zeit, produzierte …

 

Campo Baeza: Natürlich war ich von den Becken dieser alten Anlage beeinflusst. Inspiriert war ich allerdings eher durch den Künstler Michael Heizer, durch diese eine Arbeit „North, East, South, West“ für die Dia Art Foundation. Oder auch von Berninis Skulptur „Anima Damnata“. Bei all diesen Fällen geht es darum wie ein massiver Körper ausgehöhlt wird.

 

Lassen Sie sich eigentlich bei Ihren Fassadenentwürfen von der Architekturgeschichte inspirieren?

 

Campo Baeza: Ich kann nur sagen … Die Geschichte der Architektur ist die Geschichte der Fassaden.

 

Die Welt in einem Sandkorn sehen

Mit Ihren Studierenden und Ihren Projekten haben Sie ein erfülltes Leben. Gibt es eigentlich noch etwas, wovon Sie träumen?

 

Campo Baeza: Meine Bestrebung könnte man zusammenfassen mit einem Gedicht von William Blake, das ich meinen Studenten jedes Jahr vortrage:

“To see a world in a grain of sand,
And a heaven in a wild flower,
Hold infinity in the palm of your hand,
And eternity in an hour.”

 

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Özlem Özdemir

Zur Website von Estudio Arquitectura Campo Baeza

 

 

1Gottfried Semper: Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst, 1863, aus: Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten oder Praktische Ästhetik. Ein Handbuch für Künstler und Kunstfreunde (1860 Band 1, 1863 Band 2

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