„Für Holzbau gibt es fast keine Grenzen“ – Julian Weyer, C.F. Møller Architects

27. Aug 2015, in Fassadendesign, Interviews

Die Wurzeln des dänischen Architekturbüros C. F. Møller Architects reichen zurück bis ins Jahr 1924, als es vom gleichnamigen Architekten in Aarhus gegründet wurde. Über die Jahre entwickelte sich sein Büro zur Keimzelle einer lebendigen Szene, aus der später die Aarhus School Of Architecture hervorging. Heute knapp 100 Jahre nach der Gründung des Architekturbüros beschäftigt C. F. Møller Architects rund 350 Mitarbeiter und unterhält neben dem Head Office in Aarhus Niederlassungen in Kopenhagen, Aalborg, Oslo, Stockholm und London. Julian Weyer ist einer von neun Partnern, die C. F. Møller Architects führen. Im Interview spricht er über die Rennaissance von Holz als Baustoff im städtischen Kontext, warum auch Industriebauten architektonische Akzente setzen dürfen und wie man als Architekturbüro einen Gefängnisneubau plant. 

 

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Julian Weyer, Partner bei C.F. Møller

 

Bei Ihrem Vortrag auf der BAU 2015 in München haben Sie den Entwurf des Holzhochhauses in Stockholm präsentiert. Der Wettbewerbsentwurf war ungewöhnlich, weil er aus drei Teilprojekten an drei Standorten bestand. Wie ist jetzt der aktuelle Stand?

Julian Weyer: Daran wird gearbeitet. Stadt und Bauherren verhandeln immer noch über die Planungsrechte. Ich würde sagen, im Moment ist ein Projekt oder ein Standort am Wahrscheinlichsten. Aber das Projekt ist noch nicht richtig gestartet. Ich denke im Herbst geht es dann richtig los. Das ist das Ziel.

 

 

Wie ist denn die Idee entstanden, ein Hochhaus aus Holz zu entwerfen?

Julian Weyer: Der Wettbewerb war ungewöhnlich. Deshalb war es von Anfang an für uns klar, dass wir das Ganze strategisch angehen müssen. Die Ausgangsfrage war: Wie können wir mit Nachhaltigkeit strategisch arbeiten? Darauf aufbauend haben wir zusammen mit unseren schwedischen Partnern von Dinelljohansson eine Art Werkzeugkasten entwickelt mit unterschiedlichen Lösungsmodellen. Die Idee war in sämtlichen drei Entwürfen dieselben Strategien einzusetzen, allerdings auf etwas unterschiedliche Art. Das bedeutet in diesem Fall, dass zum Beispiel die Holzbaustrategie durchwegs für sämtliche Entwürfe angedacht wurde, sozusagen als nächster Level der Nachhaltigkeit. Ziel war es eine moderne Vision für den sozialen Wohnbau der Zukunft zu schaffen.

 

HSB 2023 – Västerbroplan C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

HSB 2023 – Västerbroplan C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

 

Nun ist Holz ein sehr traditionelles Material, das schon seit Jahrhunderten zum Bauen verwendet wird. Inwiefern zahlt also ein Holzbau auf die Vision für den sozialen Wohnungsbau der Zukunft ein?

Julian Weyer: Wir sind ja hier in Skandinavien mit unseren Energieanforderungen so weit, dass es schwierig ist, weitere Einsparungen zu realisieren. Das Potenzial ist mittlerweile sehr klein und es würde hohe Kosten auslösen, dort noch weiter einzusparen. Deshalb sind wir auf der Suche nach dem nächsten Potenzial, um nachhaltigere Lösungen zu schaffen. Die Idee war, sich auf die verbaute Energie zu konzentrieren. Das sind unsere Hauptüberlegungen. Wir arbeiten jetzt schon auf ein 2020-Energiereglement hin, das bei vielen unserer Projekte bereits zur Anwendung kommt. In unserer Nachhaltigkeitsstrategie geht es einerseits darum, auf die verbaute Energie zu schauen und sich zu fragen: Wie kann man dort anders arbeiten? Gerade im schwedischen Kontext hat Holzbau eine lange Tradition. Man hat die ganzen Rohstoffe, man hat die Industrie. Andererseits geht es darum, den Bewohnern zu helfen, indem ihre Wohnqualität gefördert wird. Das passt gut zusammen.

 

HSB 2023 – Västerbroplan C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

HSB 2023 – Västerbroplan C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

 

Sehen Sie in der Nachhaltigkeit des Baustoffes Holz einen der großen Vorteile gegenüber den in den letzten Jahrzehnten prägenden Baustoffen Beton oder Stahl?

Julian Weyer: Wir haben versucht, nicht irgendwie religiös oder dogmatisch zu arbeiten. Deshalb ist das, was wir vorschlagen, auch eine Hybridkonstruktion. Das heißt, wir setzen das ein, was an der jeweiligen Stelle am meisten Sinn macht. Ein Aussteifen der Wand kann gerne in Beton sein, eine schlanke Stütze auch in Stahl, aber viele der Betonfertigteile, mit denen wir im skandinavischen Raum normalerweise bauen, könnte man genauso gut mit Holzfertigteilen ersetzen. Technologisch ist das fast dasselbe.

 

 

Wenn man an Holz als Baustoff denkt, kommt einem natürlich sofort das Thema Brandschutz in den Sinn. In der Vergangenheit war das ein großer Schwachpunkt, der gegen die Verwendung von Holz gesprochen hat. Wie gehen Sie damit um? Welche Lösungsvorschläge haben Sie für das Projekt in Stockholm erarbeitet?

Julian Weyer: Das muss natürlich ganz konkret angegangen werden. Wir haben auch schon Lösungsansätze gezeigt. Es ist in der Regel so, dass man die Bauvorschriften anpasst, weil in den meisten Ländern Begrenzungen in den Bauvorschriften für Holzbau bestehen. Diese Vorschriften orientieren sich allerdings am historischen Holzbau und nicht an modernen Konstruktionen. Es gibt auch Länder wie zum Beispiel Großbritannien, wo es keine besonderen Restriktionen für Holzbau gibt, sondern einfach nur gemeingültige Brandschutzanforderungen. Und wenn man die einhält, gibt es eigentlich keine Begrenzung dafür, wie hoch oder wie groß ein Holzbau sein kann.

 

 

Das heißt, da ist man relativ frei in der Gestaltung?

Julian Weyer: Da ist man relativ locker, methodisch ist man da sehr freigestellt. Man muss eben die allgemeinen Regeln einhalten. Und wenn man das nachweisen kann, dann gibt es eigentlich keine Begrenzungen für Holzbau. All das wird wahrscheinlich jetzt in den skandinavischen Ländern auch anpasst. In den letzten 20 Jahren sind unheimliche Fortschritte in der Holzbauweise gemacht worden, die Dinge möglich machen, an denen man sich früher gar nicht orientiert hat. Und deshalb versucht man auch zum Beispiel in Schweden jetzt aktiv Regeländerungen durchzusetzen.

 

HSB 2023 – Västerbroplan C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

HSB 2023 – Västerbroplan C.F. Møller, Photo: C.F. Møller Architects

 

Vor diesem Hintergrund sehen Sie speziell in den skandinavischen Ländern, die einen nahen Zugang zur Ressource Holz haben, auch ein großes Potenzial, Holz als Baumaterial im städtischen Raum wiederzubeleben?

Julian Weyer: Absolut. Finnland, Schweden und Norwegen fördern ganz aktiv die Entwicklung im Holzbau, weil man dort wirklich ein großes Wirtschaftspotenzial darin sieht, den Rohstoff lokal zu produzieren und zu verbauen.

 

 

Ich habe kürzlich gelesen, dass in Wien gerade ein weiteres Holzhochhaus entstehen soll.

Julian Weyer: Ja, das ist richtig, da ist gerade ein Artikel publiziert worden. Im Moment taucht beinahe jede Woche irgendwo ein Projekt auf. Mit Holz zu bauen, liegt momentan sehr im Trend. Aber es zeigt aber eben auch, dass die Zeit reif ist für diese Gedanken. Energetisch optimierte Häuser haben wir schon. Dort einzusparen, macht wenig Sinn. Das heißt, die Schritte hin zu mehr Nachhaltigkeit werden einfach irgendwo anders vollzogen.

 

 

Denken Sie, dass es in den kommenden Jahren zu einem Paradigmenwechsel kommen kann, weg von Glas, Stahl und Beton hin zu Holz als prägendem Element in der städtischen Bebauung?

Julian Weyer: Das sehe ich nicht unbedingt so. Ich sehe das eher als einen technologischen Schritt. Wir versuchen in diesem Projekt auch die Holzoberflächen innen sichtbar zu lassen, sie nicht einfach abzudecken, zu verblenden, wie man es bisher aus Brandschutzgründen getan hat. Denn im Prinzip soll die Qualität ja auch die Innenräume mit beleben. Es ist auch so, dass die Projekte in Stockholm, die wir vorgeschlagen haben, Glasfassaden haben. Insofern kann man sagen, sie unterscheiden sich in ihrem Ausdruck nicht grundsätzlich von einem Stahlbau. Wir sehen das jetzt nicht so, dass von selber eine neue Architektur entsteht. Aber es mag schon Ansätze geben. Im Wohnbaubereich ist es natürlich sehr attraktiv, mit Holzoberflächen zu arbeiten. Wir haben das hier in diesem Projekt ein bisschen auf die Spitze getrieben, das hat ja so einen Innenraumausdruck, der eher an ein Sommerhaus erinnert als an ein Hochhaus. Das ist ganz bewusst.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Im zweiten Teil steht die Industriearchitektur von C. F. Møller Architects im Mittelpunkt.

 

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1 Kommentar

  1. 26. Sep 2017, 11:08 am erstellt von Dorothee Wetzler-Stöbe

    Hallo Herr Weyer,

    ich wollte mich noch einmal herzlich bei Ihnen für Ihren spannenden Beitrag bedanken, den Sie am vergangenen Mittwoch hier in Berlin bei der KAURI CAB zu der Podiumsdiskussion geleistet haben. Mir hat es viel Spaß gemacht und ich würde mich sehr freuen, diese Diskussion zu einer anderen Gelegenheit fortsetzen zu können. Mit bestem Gruß! Dorothee Wetzler-Stöbe