Architektur zwischen Ironie und Ehrlichkeit

13. Nov 2015, in Veranstaltung, Vortrag

Nicht ein Geistesblitz, sondern Pragmatik bildet die Initialzündung. Nicht Ehrlichkeit, sondern Stimmung sollen Gebäude vermitteln. Nichts Absolutes soll die Architektur sein, sondern ein ironischer, leidenschaftlicher Grenzgang zwischen Kulturen und Ideen. Der Südtiroler Architekt Walter Angonese eröffnete die November Talks 2015 mit ganz neuen Blickwinkeln auf den alpinen Raum.

 

Ein 8.000-Seelendorf als Heimat für einen kreativen Kopf, der gerne gegen den Strom schwimmt und „Orte aufmischt“ – das klingt ungewöhnlich. Und ist es auch. Walter Angonese, geboren 1961 im Südtiroler Kaltern, lebt nach wie vor sehr gerne im ländlichen Raum. Weil er „die Reibung braucht“, die Streitbarkeit und die Konsequenz, mit der er Ideen umsetzt. An der Schnittstelle von deutscher und mediterraner Kultur zelebriert er den Zwischenraum, verachtet das Absolute, sucht neue Perspektiven. „Ich bin eine Maus, die im Käfig durch die Alpen läuft“, sagt er, immer pendelnd zwischen Italien, Schweiz, Österreich – und auch der gastgebenden TU Graz („Aus dieser Schule kommen die Besten!“). Auf seinen Reisen muss er zwanghaft „jeden Scheiß betrachten“, Neues, Antikes, Anonymes, Banales, Hauptsache Gebautes. Bis zur „Überdosis“. So entstehen Ideen, die jedoch keine Geistesblitze sind, sondern Konstruktionen, die auf Pragmatik fußen.

Bereits zum fünften Mal können Architekturinteressierte die Vortragsreihe in der Aula Alte Technik an der TU Graz erleben

Bereits zum fünften Mal können Architekturinteressierte die November Talks in der Aula Alte Technik an der TU Graz erleben

 

Pragmatik total
Angonese lieferte zum Thema Pragmatik eine provokante Premiere bei den November Talks: ein Projekt, das er gar nicht selbst gestaltet hat. Im Grunde hat das Gebäude für das Weingut Thomas Pichler, von Angonese mit Augenzwinkern „Garagenwinzer“ genannt, niemand gestaltet. Aus den rigiden gesetzlichen Bauvorgaben in Südtirol, mit ihren minutiös definierten Mindestabständen und Maximalhöhen, entstand das Design für den Betonbau mit Wohnung und Weinkeller quasi von allein, indem er die vorgegebenen Grenzen in alle Dimensionen mit Haus ausfüllte. Ausgestattet mit zwei unterschiedlichen Fassaden (um die Wünsche diverser Familienmitglieder des Winzers zu befriedigen), schmiegt sich der Bau in die Umgebung ein. „Aus Norm mach Form“, lautete das ironische Credo.

Walter Angonese eröffnete die November Talks 2015

Walter Angonese eröffnete die November Talks 2015

 

Ironie leistet sich Walter Angonese ohnehin regelmäßig. Sie steuert für ihn die Ambivalenz, allerdings immer „wohldosiert“, so etwa auch bei der Öffentlichen Bibliothek in Kaltern, dessen Gestaltung für ihn ein „Kampf gegen Windmühlen“ war: Fliesen zieren das Dach, eigentlich „Symbol für ein Klo“. Der Entwurf mit der subversiv-politischen Botschaft ging dennoch durch. Eigentlich ist das schon eine erfrischende Form von Ehrlichkeit. Doch Angonese meint, diese sei verzichtbar. „Was ist schon ehrlich in der Architektur? Es geht um Stimmung und um Botschaften, nicht um Ehrlichkeit.“ Was die banale Frage aufwirft: Darf man tatsächlich tricksen, wenn man Entwürfe vorstellt? Zum Beispiel die runden, weichen Formen eines Schulgebäudes der neuen Direktorin als Feng-Shui-tauglichen Energiefluss verkaufen? Ja, sagt Angonese.

Der Südtiroler Architekt präsentierte seine Entwürfe und sprach über seine Zugangsweise zur Architektur

Der Südtiroler Architekt präsentierte seine Entwürfe und sprach über seine Zugangsweise zur Architektur

 

Topologien der Ambivalenz
Ein Parkhaus mitten im malerischen Moena zu bauen, das klingt nach einem brutalen Eingriff in die Natur. Walter Angonese ist es gelungen, mit ikonografischen Elementen wie Schnecken, Spiralen und Loopings eine völlig neue Topologie zu schaffen. Die künstlichen Serpentinen passen sich an die natürliche Umgebung des Bergs an und verschmelzen zu einer Einheit. Zeitgenosse sein heißt für Angonese nicht umsonst, weiterzudenken, Bestehendes weiterzuführen. Wie Luciano Berios Sinfonie „Rendering“, die jene Schuberts in D-Dur weiterführte.

So eine Symbiose aus Altem und Neuem verlangte auch die Neugestaltung der Ausstellungsräume im Museum für Kultur- und Landesgeschichte im Schloss Tirol, Meran. Dem geschichtsträchtigen Naturstein setzte Angonese Roststahl entgegen, der sich durch den gesamten Komplex zieht und einen Spannungsbogen aus „Alt“ und „Neu“ aufzieht. Eine ironische Spitze hat er sich auch bei diesem Projekt nicht verkneifen können: 400 Euro haben die Verdunkelungselemente kosten dürfen. 315 Euro in 5-Cent-Münzen zieren nun jedes einzelne, plus je zwei Plexiglasscheiben. Vorgabe erfüllt. Ein Augenzwinkern verbirgt sich auch in der Gestaltung eines Pavillons für das Weingut Manincor, wieder inmitten eines Landschaftsschutzgebietes. Hier trägt ein Korpus aus Holz ein Dach aus Beton und nicht umgekehrt. Subtil lehnt sich Walter Angonese gegen rigide Vorgaben auf, gegen das Kanonisierte, das Übliche, aber immer im Rahmen des Möglichen.

Gastgeber Roger Riewe, Walter Angonese und Markus Stangl

Gastgeber Roger Riewe, Walter Angonese und Markus Stangl

 

Themen in Szene setzen
Kunst ist für Angonese ohnehin ein wichtiger Bezugspunkt der Architektur, „eine Disziplin, in die ich immer wieder hineinschnuppere“. Kunst privat zu sammeln hat in Italien eine lange Tradition. Sammler Antonio dalle Nogare wünschte sich ein Domizil, das gleichzeitig Wohnhaus und Ausstellungsraum sein soll. Aber: Wohnen inmitten zeitgenössischer Kunst muss immer noch Wohnen sein. Daher zog Angonese einen heimeligen Parkettboden in den massiven Steinbau ein, der wie aus einem Felsen gehauen wirkt. Das „Ohr des Dionysus“ im sizilianischen Syrakus war eine der Inspirationen für ihn. Kühl und schroff wirkt der Bau von außen, der Stein durchbrochen durch Bronzeelemente. Warmes Holz und stimmungsvolle Beleuchtung dagegen warten im Inneren des 2.400 Quadratmeter messenden Domizils. „Architektur ist die Inszenierung von Themen“, sagt Angonese. Eklektisch sucht er sich für jedes Projekt ein neues Thema und zieht es konsequent durch. Hotels und Reihenhäuser interessieren ihn nicht, „schräg“ sind seine Vorhaben im Idealfall. Die Bauaufsicht macht er gleich selber. Reibungen und neue Perspektiven inklusive.

Walter Angonese wurde 1961 in Kaltern in Südtirol geboren und studierte Architektur in Venedig. Er arbeitete beim Landesdenkmalamt in Bozen, gründete 1992 mit Markus Scherer „A5 Architekten“ in Bozen und betreibt seit 2002 sein eigenes Architekturbüro „zwischeneppanundtramin“. Seit 2006 ist er Mitglied des Kollegiums für Landschaftsschutz. Er hält seit 2007 eine Gastprofessur an der Accedemia di architettura in Medrisio.

Mehr Informationen über Walter Angonese: www.angonesewalter.it

Fotos und Video: Marius Sabo

Die nächsten Termine:

16. November: Krešimir Rogina und Vinko Penezić, Zagreb
23. November: Christoph Gantenbein, Basel
30. November: Donatella Fioretti,  Berlin

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