Architektur der 1970er-Jahre wiederverwertet

11. Aug 2016, in Energieeffizienz, Objektberichte, Sanierung

Blick von der Winnender Straße aus. Der Erweiterungsbau schiebt sich bis nahe an den Gehweg

Blick von der Winnender Straße aus. Der Erweiterungsbau schiebt sich bis nahe an den Gehweg

Der Architektur der 1970er-Jahre begegnet man heute, rund 40 Jahre später, mit einem gewissen Naserümpfen. Stigmatisiert als „Waschbetonburgen“, „Fertigteilverhaue“ oder bestenfalls als „Vertreter des Brutalismus“ finden Gebäude aller Art aus dieser Zeit mühelos einen Platz in der Schublade „Bausünden“. Ungeliebt der natürlichen Alterung überlassen, stellen sie sich aktuell zudem als energetisch problematisch dar. Dabei bieten sie meist eine gute Bausubstanz und damit die Chance auf einen zweiten Nutzungszyklus.

Das Schwesternwohnheim des ehemaligen Kreiskrankenhauses in Waiblingen bot genau diese Möglichkeit und behauptet seine städtebaulich nicht unwichtige Lage nach der Umwidmungssanierung zum Grundbuchamt an einem Kreisverkehr der Winnender Straße. Drei verschieden dimensionierte Volumina mit fünf, sechs und sieben Geschossen bestimmten die ursprüngliche Komposition, die zwar kompakt, aber zugleich mit dem tiefen Relief fassadenbreiter Balkonloggien nach Süden und Westen auftrat. Den Anstoß zur Sanierung gab die baden-württembergische Grundbuchamtsreform, in deren Zuge aus landesweit mehr als 600 eigenständigen Ämtern künftig nur noch 13 zentrale Einrichtungen wie die in Waiblingen hervorgehen.

Wie ein eigenständiger Baukörper schiebt sich die neue Erdgeschosszone unter das Hochhaus

Wie ein eigenständiger Baukörper schiebt sich die neue Erdgeschosszone unter das Hochhaus

 

Für das Planungsbüro Bloss + Keinath Architekten aus Winterbach stellte sich die Aufgabe, innerhalb eines engen Zeitrahmens Arbeitsplätze für rund 130 Beschäftigte sowie einen angemessenen Publikumsbereich zu schaffen. Alles in allem stehen nach einem Jahr Bauzeit fast 3.700 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung. In einem ersten konkreten Schritt wurde der Bestand bis auf den Rohbau zurückgebaut und entkernt. Im Erdgeschosses entstand ein offener, weiter Bereich. Diese Empfangsetage über der Tiefgarage bedeckt die rund dreifache Grundfläche des ursprünglichen Gebäudes und reicht auf zwei Seiten bis nah an den Fußweg. In allen Ansichten gehen das im Erdgeschoss teilweise aufgeständerte Hochhaus und der neue Flachbau eine schlüssige Verbindung ein, indem sich Durchdringung, Neben- und Übereinander im Wechsel zu einem neuen Ganzen formen.

Eine wesentliche Verbesserung liegt im "Rückbau" der Balkonloggien

Eine wesentliche Verbesserung liegt im „Rückbau“ der Balkonloggien

 

Ein zusätzlicher Fluchttreppenturm bereichert das Ensemble. Eine den Entwurf prägende Entscheidung liegt in der Aufgabe der Balkonloggien, die auf allen Ebenen den Büroflächen zugeschlagen wurden und somit hinter der beheizten Fassade liegen. Ohne jeden „Kommentar“ wollten die Architekten diese Maßnahme jedoch nicht vollziehen und spendierten den betroffenen Fassaden auf der Süd- und Westseite aufwärts mäandernde Brüstungsbänder und jeder Etage dementsprechend eine Übereckverglasung.

Das mäandernde Brüstungsband erzeugt im Wechsel eine freie Eckausbildung

Das mäandernde Brüstungsband erzeugt im Wechsel eine freie Eckausbildung

 

Gelb-Grün-Elemente als Farbklecks
Der Verzicht auf die ehemaligen Außenbereiche des Wohngebäudes beschert den Kuben Klarheit und schärfere Konturen, ohne dass sie hermetisch oder statisch wirken. Hell und freundlich steht das weiß glänzende Hochhaus im oder über dem anthrazitfarben verputzten Flachbau, dessen Fassade sich umlaufend als die Abwicklung von Dachrand, Fensterband und Brüstung darstellt. Weis und Anthrazit dominieren die gesamte Anlage. Lediglich in den Fensterbändern beider Hauptbaukörper gibt es in regelmäßigen Abstanden senkrechte Elemente in den Farben aus der Gelb-Grün-Skala.

Der Innenhof im Erweiterungsbau erhellt vor allem die Gruppenbüros und die Publikumsbereiche

Der Innenhof im Erweiterungsbau erhellt vor allem die Gruppenbüros und die Publikumsbereiche

 

Weise, mineralisch gefüllte Acrylglasplatten bilden die hochgedämmte vorgehängte hinterlüftete Fassade aus. Mit diesen großformatigen Platten wurde auch der Treppenturm des Komplexes verkleidet. Insgesamt konnte für das neue Grundbuchamt der Standard für das KfW-Effizienzhaus 70 erreicht werden. Wer sich von außen über die üppige Flächenausdehnung des Flachbaus wundert, wird innen sicher einen offenen Hof erwarten. Stattdessen schließen raumhohe Verglasungen eine extensiv begrünte Außenfläche ein und versorgen so die tiefen Innenräume gut mit Tageslicht. Die Interieurs sind generell sehr einladend und hell, die Farben Weis und Anthrazit dominieren auch hier. Die Baumaßnahme stellt ein weiteres Beispiel für eine effektive Umwidmung bei umfänglicher Sanierung dar. Es wurde eine markante optische und energetische Aufwertung erzielt, die beweist, welches Potenzial in den Gebäuden der 1970er-Jahre steckt.

Hier finden Sie mehr Informationen zum Planungsbüro Bloss & Keinath: www.bloss-keinath.de

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1 Kommentar

  1. 26. Mai 2017, 2:29 pm erstellt von Alex

    Bin ich der einzige, der diesen Stil schon ganz prinzipiell nicht so schlecht findet?
    Wie schwierig ist eigentlich die Sanierung der 70er Bauten so? z.B. verglichen mit einer Altbausanierung?
    Habe in letzter Zeit einiges mit einem Baumeister zu tun http://www.koenig-heinrich.at/sanierung/altbausanierung um eventuell eine Altbaufassade zu sanieren, und es ist UNGLAUBLICH was man da an Hürden zu überwinden hat. Liegt aber sicher teilweise auch an Wien, wo jedes blöde Wohnhaus unter Denkmalschutz steht und man erst 1000 Auflagen erfüllen muss bevor man an eine Altbausanierung überhaupt denken darf..
    Cooler Artikel jedenfalls, danke für die Infos!