Spielraum mit der Fähigkeit zur Interaktion

5. Dez 2016, in Veranstaltung, Vortrag

Imke Woelk aus Berlin sprach über theoretische und praktische Überlegungen zum zeitgenössischen Raum

Imke Woelk aus Berlin sprach über theoretische und praktische Überlegungen zum zeitgenössischen Raum

Eine weitere Dimension des Nachdenkens über Architektur eröffnete der zweite Talk der Novemberreihe 2016 der Sto-Stiftung an der TU Graz. Imke Woelk brachte aus Berlin theoretische und praktische Überlegungen zum zeitgenössischen Raum mit. Was definiert den architektonischen Raum? Und welche Rolle spielen die Menschen, die ihn benutzen?

„Eigentlich ist es eine Kiste“ – eine zunächst nüchterne Feststellung über ein ikonisches Bauwerk der Moderne: Die Neue Nationalgalerie am Kulturforum Berlin von Ludwig Mies van der Rohe von 1968 hat die Berliner Architektin Imke Woelk auf 700 Seiten Dissertation seziert. Aus der „Kiste“ wird abwechselnd eine Bühne, ein Boxring oder ein antiker Tempelbau. „Durch die geringe Materie ist der Raum offen, die Topografie offen, die Interpretation offen.“ Erst die Kunstwerke definieren den Raum, beziehungsweise die Menschen, die ihn nutzen. Die Identität des Raums, die Unschärfe der Dimensionen: Das ist das Thema, das die Architektin, die an der Technischen Universität Braunschweig studierte, am meisten reizt. Dabei durchbricht sie gerne die Grenze zur Kunst, nähert sich dem Raum zeichnerisch. Etwa im Ausstellungskatalog zur Serie „Katsuras Räume“, in dem sie die Offenheit der japanischen Architektur erforscht. „Die Verbindung zu den Menschen und zur Natur schaffen räumliche Gegebenheiten“, sagt sie.

Die Kunstwerke und die Menschen, die ihn nutzen, definieren die Identität des Raums, meint die Architektin

Die Kunstwerke und die Menschen, die ihn nutzen, definieren die Identität des Raums, meint die Architektin

 

Die dichten theoretischen Überlegungen – „Sie fragen sich jetzt sicher, wovon wir eigentlich leben“ – führen mitten in die Praxis von Entwurfsplanung, strategischer Entwicklung und Machbarkeitsstudien. Im Großraum Barcelona sollen 400.000 Wohnungen entstehen. Für den internationalen Wettbewerb reicht Woelk eine „urbane Textur“ ein, ein kartografisches Puzzle, welches das landwirtschaftlich genutzte Ebro-Delta südlich von Barcelona so geschickt mit Wohnraum füllt, dass alte, gewachsene Strukturen erhalten bleiben: vom Stelzenhaus über dem Reisfeld bis zum Wohnhaus mit Innenhof, das sich an die Plantagen anschmiegt. Woelk macht den ersten Platz.

Offenes und Unbestimmtes
Ausstellungsarchitektur und die Gestaltung von musealen Räumen sind eine weitere Spezialität der Berliner Architektin. Das Offene und Unbestimmte spielt auch hier eine tragende Rolle: Das Dach des neuen Nam June Paik Museums in Seoul legt sich wie ein Segeltuch über die Landschaft und knickt seine Flügel hoch. Der große Raum lässt Forschung und Ausstellung gemeinsam wirken, eine Trennung ist nicht vorgesehen. Den Zufall auf die Spitze treibt ein Ausstellungsraum, den der Besucher überhaupt selber erschafft. In ihrer Konzeption für die Berliner Galerie „suitcase“ entsteht die Architektur der Ausstellung erst, wenn man sie betrachtet. „Dasselbe machte John Cage im musikalischen Raum“, berichtet Woelk von ihrer Inspirationsquelle. Der amerikanische Komponist schuf Schlüsselwerke der Musik des 20. Jahrhunderts und zerlegte die Musik bis zur Unkenntlichkeit – der absoluten Stille.

Die Berlinerin Imke Woelk war die zweite Vortragende bei den November Talks 2016

Die Berlinerin Imke Woelk war die zweite Vortragende bei den November Talks 2016

 

Musik als Ausdruck einer sich neu definierenden Gesellschaft ist die Grundlage für ein Projekt in Sarajewo. Ein Konzerthaus mit umliegenden Restaurants und Läden soll der im Bosnienkrieg zerstörten Stadt neues Leben einhauchen. Ausgangspunkt: eine kahle Landschaft. Woelk zeigt symbolisch einen alten, fast zerstörten Orientteppich. „Da musste man zuerst etwas pflanzen und schauen, was die Menschen mit diesem Raum überhaupt machen.“ In drei Entwicklungsphasen soll das Areal neu entstehen. Den Rhythmus und den Rahmen dafür geben allerdings die Menschen vor, die es benutzen – Raumgestaltung als ständiger Wandel und Prozess.

„Topografie des Terrors“
Das genaue Gegenteil soll das Konzept für ein Dokumentations- und Besucherzentrum auf dem Gelände der ehemaligen Zentrale des nationalsozialistischen Regimes in Berlin bewirken. Von den baulichen Strukturen sind nur noch die Keller übrig. Darüber erstreckt sich eine Hügellandschaft. Der „gestörte Raumcharakter“ dieser „Topografie des Terrors“ sollte erhalten bleiben, die Hügel müssen die Oberhand behalten, auch wenn sich der Besucher als Gast darunter im Zentrum bewegt.

Ausstellungsarchitektur und die Gestaltung von musealen Räumen sind eine Spezialität der Berliner Architektin

Ausstellungsarchitektur und die Gestaltung von musealen Räumen sind eine Spezialität der Berliner Architektin

 

Wohnen im Schrebergarten? Wenn Raum knapp wird, sind neue Perspektiven gefragt. Und originelle Konzepte, die zwar das Wohnen radikal neu denken, sich aber trotzdem an die Spitzfindigkeiten des „Bundeskleingartengesetzes“ halten. 900 solcher Schrebergärten hat Berlin, mit 70.000 Parzellen. Viel nutzbarer Raum in einer immer dichter werdenden Stadt. Warum nicht dort wohnen? Imke Woelk entwickelte ein- bis zweigeschoßige Einheiten, die Wohnraum für eine bis vier Personen bieten. Ein komplettes Haus in Miniaturform, mit direktem Zugang zu Garten, Natur und Nachbarschaft.

Imke Woelk studierte Architektur an der Technischen Universität Braunschweig, der IUAV in Venedig und Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Nach ihrem Diplom an der TU Braunschweig arbeitete sie zwischen 1993 – 1997 bei Massimiliano Fuksas in Rom und William Alsop in London. Zurück in Berlin gründete sie mit Martin Cors das Architekturbüro IMKEWOELK + Partner. Seit 2001 konzentrieren sich dabei ihre Untersuchungen auf den konkreten Raum in seiner Entstehung und Interpretation. 2003 erhielt sie den Rom Preis, Villa Massimo, die bedeutendste Auszeichnung für in Deutschland lebende Künstler. Als Gastprofessorin der Duksung Women’s University in Seoul unterrichtete sie zwischen 2005 – 2009 Ausstellungsdesign und Szenografie. 2010 promovierte sie an der TU Berlin bei Finn Geipel und Andres Lepik über den Gebrauch der Hall der Neuen Nationalgalerie Berlin von Mies van der Rohe.

Mehr Informationen über IMKEWOELK + Partner: iw-up.com

Fotos: Marius Sabo

Der letzte Termin:

28. November: Andrei Șerbescu, Bucharest
5. Dezember: Harald Baumann, Stuttgart

Rückblick der November Talks 2016:

14. November: Luyanda Mpahlwa

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